Fritzchen
Mama kam nicht. Alle anderen Kinder waren bereits von ihren Eltern abgeholt worden, nur Fritzchen blieb allein in der Ecke der Kita und spielte leise mit seinem Spielauto. Die Erzieherin, Frau Gerlinde Schuster, wirkte unzufrieden und immer wieder auf die Uhr. Fritzchen seufzte schwer, blickte zum dunklen Fensterrahmen und dann zur Tür.
Frau Schuster, ich habe tagsüber einen großen Hund am Zaun gesehen, sagte er leise, er dürfte noch dort sein. Meine Mama steht draußen und hat Angst reinzugehen. Können wir doch mal nachsehen, ihn vertreiben?
Da ist kein Hund, erfinde dir nichts aus. Ich rufe jetzt noch einmal die Mutter an, antwortete Frau Schuster und griff nach ihrem Handy.
Sie wählte wiederholt die Nummer von Fritzchens Mutter, doch niemand ging ran. Besorgt schaute sie erneut auf die Uhr.
Da ist wohl etwas passiert, dachte sie. So etwas hat noch nie vorkommen dürfen. Fritzchens Vater ist nicht mehr da, die Mutter ist sonst sehr zuverlässig und würde bei Verspätung anrufen.
Fritzchen, zieh dich an, wir gehen zu mir nach Hause, sagte sie.
Äh, die Mama?, wurde Fritzchen nervös. Sie kommt, aber wir sind nicht da.
Wir schreiben ihr einen Zettel, überlegte Frau Schuster. Sie liest ihn und kommt zu uns. Ich gebe ihr die Adresse und die Telefonnummer. Es ist schon spät, los, mein Kater ist hungrig.
Sie haben einen Kater? Einen richtigen, lebendigen?, freute sich Fritzchen. Darf ich mit ihm spielen?
Klar, los gehts, sagte sie.
Die Wohnung von Frau Schuster gefiel Fritzchen sofort. Es war warm, heimelig und roch nach frischen Apfelstrudeln. Der riesige, faule, rotbraune Kater ließ sich streicheln und ertrug geduldig die kindlichen Streiche. Nach einem großen Glas Apfelsaft schlief Fritzchen ein.
Frau Schuster trug den kleinen Jungen behutsam auf das Bett und verschwand mit dem Handy in die Küche. Nach langen Telefonaten mit der Polizei und der Rettungsdienstzentrale erfuhr sie, dass eine junge Frau nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt im Krankenhaus lag und bewusstlos war.
Wenn sie wieder zu sich kommt, sagen Sie ihr bitte, dass bei mir alles in Ordnung ist. Er bleibt hier bei mir, damit sie sich keine Sorgen machen muss. Wir besuchen sie später, bat die Polizistin.
Frau Schuster kam zurück ins Zimmer. Fritzchen saß zitternd auf dem Bett, Tränen liefen über seine Wangen.
Wo ist meine Mama?, schluchzte er. Ich will nach Hause, zu Mama. Ich will nicht hier bleiben. Zu Hause weint Mama, das Bett weint, die Spielsachen warten auf mich. Lass uns nach Hause gehen, ich will zu Mama.
Fritzchen, mein Kleines, beruhigte sie, die Mama ist beschäftigt, sie arbeitet gerade. Sei bitte nicht traurig. Hier ist es schön, ich habe dich lieb und der Kater auch.
Aber sie wartet doch auf mich, weinte er weiter, ich kann nicht ohne Mama. Dann blickte er ängstlich zu ihr und fragte zaghaft: Ist Mama in den Himmel geflogen?
Nein, Fritzchen, das ist nicht wahr. Warum fragst du?, erwiderte sie.
Mein Papa ist in den Himmel geflogen, sagte er nach kurzem Nachdenken, und meine Oma auch. Sie schauen jetzt von oben zu mir. Wenn ich brav bin, freuen sie sich. Was, wenn Mama auch irgendwann zu ihnen fliegt?
Frau Schuster nahm ihn zärtlich in den Arm, drückte ihn an sich. Er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.
Mach dir keine Sorgen, deine Mama ist stark. Alles wird gut. Morgen stehen wir früh auf und fahren zu ihr. Wir besuchen sie im Krankenhaus. Sie hat Halsschmerzen und ein bisschen Probleme mit der Hand, aber sie wird wieder gesund.
Muss sie warme Milch mit Honig bekommen?, fragte Fritzchen.
Natürlich, wir bringen ihr Milch. Leg dich jetzt hin und schließ die Augen, ich erzähle dir ein Märchen.
Frau Schuster, warum wohnen Sie allein?, fragte er plötzlich.
Die Frage traf die Erzieherin unvorbereitet. Sie wurde rot und weinte leise.
Ich hatte einen Sohn und einen Mann. Sie fuhren eines Tages zur Hütte, ich blieb zu Hause und wollte ein wenig putzen. Dann passierte ein Unfall. Jetzt lebe ich allein mit dem Kater. Schade, dass ich nicht bei ihnen war.
Sind sie in den Himmel geflogen?, hakte Fritzchen nach.
Ja, in den Himmel, seufzte Frau Schuster.
Bitte weinen Sie nicht, Frau Schuster, sagte Fritzchen mitfühlend, sie schauen von dort oben zu Ihnen. Wenn Sie lachen, freuen sie sich, wenn Sie weinen, weinen sie mit. Das hat mir meine Mama gesagt. Lass uns sie nicht traurig machen, wir weinen gemeinsam nicht.
Frau Schuster wischte ihre Tränen, umarmte und küsste Fritzchen.
Geh jetzt schlafen, morgen müssen wir früh aufstehen. Ich bitte dich, bleib ein Weilchen bei mir, bis deine Mama wieder gesund ist. Dann wird es mit dem Kater noch lustiger. Einverstanden?
Einverstanden, nickte Fritzchen, ich helfe beim Abwasch. Und darf ich Sie Omi nennen? Nicht in der Kita, nur hier.
Natürlich, Omi Fritzchen. Schlaf gut.
Frau Schuster saß noch lange am Fenster und wischte die Tränen ab. Fritzchen schlief leise in ihrem Bett.
Jahre vergingen. Eines Morgens wachte Fritzchen früh auf, sprang aus dem Bett und streckte sich. Aus der Küche wehte der Duft frischgebackener Bienenstich. Er lugte hinein.
Oma, warum bist du so früh auf?, rief er und gab Frau Schuster einen dicken Kuss auf die Wange.
Ich konnte nicht schlafen. Ich dachte, du und deine Mama wacht auf, und ich habe Bienenstich vorbereitet. Das macht euch Freude und mir ein gutes Gefühl. Setz dich, ich gieße dir Milch ein. Und wenn die Zeit reif ist, schlafe ich im Himmel weiter.





