Jetzt darf man leben
Klara stand am Rand des Grabes und blickte zu, wie der Sarg in die Erde gelassen wurde.
Es war kalt. Der Novemberwind zerrte an der Trauerschleife eines Kranzes, kroch unter den Mantel und ließ sie frösteln.
Neben ihr schluchzte Tante Margarethe eine entfernte Verwandte, die Klara nur ein paar Mal im Leben gesehen hatte.
Die Mutter hielt sich tapfer, doch Klaras Hand spürte ihre eisigen Finger, die sie umklammerten.
Der Vater…
Klara schaute auf den Sarg und versuchte zu begreifen, was sie fühlte.
Nichts.
Eine absolute, klirrende Leere. Wie in einem eingefrorenen Haus, in dem die Heizung schon lange abgeschaltet wurde.
Ein guter Mensch war er, sagte jemand hinter ihr. Gott gebe ihm die ewige Ruhe.
Klara hätte fast laut gelacht.
Ein guter Mensch?
Woher wissen sie das?
Sie kannten ihn nur von den Feierlichkeiten, nüchtern, lächelnd, mit der Ziehharmonika. Goldene Hände, Herz der Runde, lustiger Kerl.
Mehr auch nicht.
Sie ahnten nicht, wie er zuhause war.
Klara schloss die Augen, und die Erinnerungen kamen: Sie war etwa sieben, wachte nachts vom Lärm auf. Der Vater wankte in den Flur, traf kaum die Tür, roch nach Alkohol und etwas Säuerlichem. Die Mutter schleppte ihn ins Zimmer, aber er riss sich los, fuchtelte mit den Händen, schrie: Du respektierst mich nicht! Klara kniff die Augen zu und zog die Decke bis zum Gesicht, damit sie nichts sehen und hören musste.
Am nächsten Morgen saß der Vater reumütig in der Küche, trank Gurkenlake und sagte: Verzeih, Klara, es ist wieder passiert. Es kommt nicht mehr vor.
Es kam immer wieder vor.
Immer.
Klara öffnete die Augen. Der Sarg war schon bedeckt, Kränze lagen auf dem Hügel. Die Leute verließen den Friedhof. Die Mutter berührte sie am Unterarm:
Komm, Klara. Das Leichenschmaus wartet
Beim gemeinsamen Essen saß Klara wie eine Fremde. Sie aß, nickte, erwiderte die Beileidsbekundungen. Aber innerlich saß nur ein Gedanke, den sie am liebsten ausbrüllen wollte:
Warum fühle ich nichts? Warum tut es nicht weh?
Am Abend, als alle gegangen waren, blieb sie mit ihrer Mutter in der Küche. Sie tranken Tee, schweigend. Dann sagte ihre Mutter:
Weißt du, mir kam gerade etwas Merkwürdiges in den Sinn.
Klara blickte auf.
Ich dachte, dass wir jetzt keine Angst mehr haben müssen. Dass er nicht irgendwo zusammenbricht, nicht erfriert, nicht verschwindet. Dass wir einfach leben dürfen.
Klara sah in die Augen der Mutter und erkannte den gleichen Schrecken, den sie selbst fühlte: Den Schrecken darüber, dass kein Schmerz da ist, sondern Erleichterung.
Bin ich schlecht? fragte die Mutter leise.
Klara setzte sich zu ihr, umarmte sie.
Nein, Mama. Wir sind nicht schlecht. Wir sind nur müde.
Sie saßen bis zum Morgen zusammen. Erinnerungen kamen. Nicht die, wie er trank, sondern andere: Wie er für Klara ein Puppenhaus gebaut hatte, wie er ihr Fahrradfahren beibrachte, wie er einmal einen riesigen Wassermelone vom Markt brachte und sie alle zu dritt auf dem Boden aßen, weil sie nicht am Tisch Platz fanden.
Er war vielschichtig. Und das gehört auch zur Wahrheit.
Dann ging die Mutter ins Bett, und Klara blieb alleine. Sie nahm ihr Handy, tippte eine Nachricht an ihren Mann: Mir gehts gut. Ich komme morgen.
Und plötzlich merkte sie, dass sie zum ersten Mal seit Tagen normal atmete. Ohne Angst. Ohne das Warten auf einen Anruf mit schlechten Nachrichten. Ohne den permanenten, erschöpfenden Alarmzustand.
Der Vater war tot. Und das Leben wurde ruhig.
Sie wusste, dass der Gedanke zurückkehren würde. Dass sie nachts noch oft mit Schuldgefühlen aufwachen würde. Dass Tante Margarethe und die anderen Verwandten noch lange tuscheln werden: Klara ist kalt, sie hat nicht einmal geweint.
Aber in dieser stillen Wohnung, in der es nicht mehr nach Alkohol roch und keine nächtlichen Streitereien dröhnten, erlaubte Klara sich einen Moment Ehrlichkeit.
Es tut mir leid, Papa sagte sie in die Leere. Ich habe dich geliebt. Ehrlich. Aber ich war so müde davon, dich zu hassen.
Am Morgen fuhr sie weg.
Im Zug blickte sie lange aus dem Fenster auf das graue Novemberland. Dann holte sie ihren Notizblock heraus und schrieb die Antwort auf ihre Gedanken:
Kinder von Alkoholikern weinen nicht auf Beerdigungen. Sie haben schon genug geweint während der Jahre an der Seite dieser Krankheit. Und sie sind nicht gefühllos. Sie haben einfach überlebt.
Klara schlug den Notizblock zu und lächelte zum ersten Mal seit langem.
Der Zug brachte sie in ein neues Leben. Ein Leben, in dem man nicht ständig zurückschaut
Und Klara verstand: Man muss sich nicht schämen, wenn das Leben nach dem Tod eines Menschen leichter wird. Manchmal bedeutet das Ende einer Last den Anfang echter Freiheit.




