Im Laufe meines Lebens standen meine Eltern immer an der Seite meiner Schwester. Doch die jüngsten Taten meiner Großmutter mir gegenüber werden für immer in meiner Erinnerung bleiben.

In unserer Familie gab es zwei Töchter: mich und Lieselotte. Aber es war, wie man in Bayern sagt, so klar wie Kloßbrühe, dass Lieselotte ein Ehrenplatz in den Herzen unserer Eltern hatte und die beiden das auch nie verschleierten. Diese Vorzugsbehandlung begann schon, als Lieselotte das erste Mal nach Brezeln greifen konnte. Sie bekam immer das Beste vom Besten von Schokolade bis zu Schulranzen während ich höchstens die abgenagten Reste abstauben durfte.

Und natürlich Lieselotte sah den Eltern zum Verwechseln ähnlich und war obendrein noch bildschön. Ich hingegen erweckte eher den Eindruck, die Kopie meines Onkels väterlicherseits zu sein, der nicht unbedingt als Schönheitsikone durchging. Selbst unsere Eltern waren so charmant, mich gelegentlich unattraktiv zu nennen. Nach dem Abitur spendierten mir meine Eltern ein Ticket zu Oma Anneliese sie bezogen für Lieselotte nämlich eine schicke, frisch renovierte Wohnung in München. Während die Maler für Lieselotte die Wände neu strichen, wurde ich ins gemütliche, aber etwas altmodische Drei-Zimmer-Apartment von Oma Anneliese geschickt.

In dieser Zeit wurde Oma ernsthaft krank, und ich musste nach der Schule im Dauerlauf nach Hause, um ihr zu helfen. Da kam das große Geständnis von Oma: Sie wollte ihre Wohnung meinen Eltern hinterlassen. Ich flehte mehrfach um Unterstützung, denn ständiges Pflegen geht ziemlich auf die Knochen und die Nerven. Aber die Eltern behaupteten, sie seien zu beschäftigt mit der Gestaltung von Lieselottes Münchner Loft.

Kurz vor ihrem Tod verriet mir Oma aber noch ein kleines Geheimnis: Sie hatte stolze 15.000 Euro zur Seite gelegt, nur für mich! Ich sollte das bloß geheim halten und den Schatz heimlich nehmen. Nach der Beerdigung fingen meine Eltern mit einer energischen Suche an, drehten die Wohnung auf links aber ohne Erfolg.

In der Zwischenzeit hatte ich mir schon ein eigenes Zwei-Zimmer-Apartment gekauft und die Renovierung gestartet typisch deutsche Gründlichkeit! Trotzdem blieb ich noch geduldig in Omas Wohnung wohnen. Zwei Monate später kamen die Eltern auf die geniale Idee, Omas Wohnung zu vermieten immer noch, weil Lieselotte angeblich finanzielle Schwierigkeiten hatte. Klar, ich wollte natürlich auch ein eigenes Zuhause, aber die Eltern meinten nur trocken: Mit 18 bist du erwachsen, jetzt mach mal selber! Also habe ich genau das getan.

Als mein neues Zuhause endlich fertig war, zog ich ein und fand sogar einen Freund, mit dem es ernst wurde. Kaum erfuhren die Eltern, dass ich ein eigenes Apartment hatte, war ich in ihren Augen plötzlich kriminell diebstahlverdächtig, wie sie meinten. Nach einer weiteren Runde nerviger Beschimpfungen bat ich höflich darum, ihre Sachen zu packen und verabschiedete mich endgültig mit einem Hauch von Ironie und einer Prise Selbstachtung.

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Homy
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Die Stieftochter