Ich habe meinen Sohn nie verhätschelt. Er hat sich in der Schule angestrengt, mir geholfen, war höflich und ein Musterbeispiel von einem Jungen. Als er mir erzählte, dass er nach München umziehen und arbeiten wollte, war ich voller Sorge. Ich wollte nicht alleine zurückbleiben.
Und was ist mit Annemarie?, fragte ich ihn nach seiner Freundin. Wir sind nicht mehr zusammen, antwortete er.
Das kam für mich überraschend, denn ich hatte mit einer Hochzeit gerechnet. Die beiden waren ein schönes Paar. Natürlich war ich traurig, dass alles so unglücklich endete, aber ich mischte mich nie in ihre Beziehung ein.
Mein Sohn zog nach München. Wir telefonierten oft; er fand einen guten Job, neue Freunde und bald auch eine neue Liebe. Ich konnte nur abwarten, bis ich diese neue Liebe kennenlernen würde. Allerdings beeilte sich mein Sohn nicht mit einer Vorstellung. Zur Ablenkung holte ich mir ein Kätzchen ins Haus und kümmerte mich liebevoll darum.
Eines Tages kam ich nach Feierabend nach Hause und hörte ein leises Hallo!. Ich blickte auf und sah im Dämmerlicht die Umrisse von Annemarie. In ihren Armen hielt sie ein Baby. Kind, was machst du denn hier? Und wessen Kind ist das? Du kannst über mich denken, was du willst, aber das ist deine Enkelin. Ich hatte Angst, Paul von der Schwangerschaft zu erzählen, weil wir uns nach einem Streit getrennt hatten. Ich bin zurück zu meiner Mutter, habe das Kind bekommen, aber vor einem Monat ist sie gestorben. Sonst habe ich niemanden mehr. Deshalb bin ich jetzt zu dir gekommen. Was hast du denn vor?, fragte ich. Wenn ich ehrlich bin, muss ich mein Kind wohl ins Kinderheim geben. Ich habe kein Zuhause, keinen Ausweg. Ich wollte einfach nur Falls mir was passiert, kannst du vielleicht deine Enkelin besuchen. Jetzt rede keinen Unsinn. Wir schaffen das zusammen. Komm, wir gehen zu mir.
Ich nahm Annemarie und ihre Tochter bei mir auf. Das Mädchen sah meinem Sohn so ähnlich, dass ich keine Zweifel an Annemaries Worten hatte. Sie half mir im Haushalt, ich verdiente das Geld wir kamen gut zurecht. Dann rief Paul an und meinte, er würde bald nach Hause kommen. Ob er alleine kam, verriet er nicht.
Als Paul endlich ankam, fütterte ich gerade das kleine Mädchen. Schau einer an, wen wir da haben!, sagte er. Paul, das ist deine Tochter. Aha Übrigens bin ich nicht alleine gekommen, sagte er, holte eine Babywiege herein. Und wer ist das?, fragte ich. Mein Sohn. Seine Mutter ist bei der Geburt gestorben, ich konnte ihn nicht alleine lassen.
Annemarie trat auf den Flur und sah Paul lange an. Die beiden unterhielten sich den ganzen Abend, ich hielt mich dabei ganz zurück. Und das Wichtigste: Ein Jahr später haben sie geheiratet, und die beiden Kinder wuchsen in einer richtigen Familie auf.
Inzwischen baut mein Sohn ein großes Haus, damit sie aus der engen Wohnung rauskommen. Und ich verrate euch ein Geheimnis: Bald bekomme ich mein drittes Enkelkind. Was für ein Glück!





