“Verliebt in eine gemütliche Frau” oder “Was sollen die Leute schon sagen”
“Du verlässt mich für diese Bauerntrampel?”, fragte meine Frau fassungslos.
“Nenn sie bitte nicht so, Inge. Es ist beschlossen, Helga. Es tut mir leid”, sagte ich, während ich hastig meine Sachen packte.
“Ich hoffe, du kommst bald zur Besinnung. So kann es nicht weitergehen. Deine Kollegen, die Nachbarn die werden dich auslachen. Auf wen hast du es denn abgesehen? Auf eine ungewaschene Landpomeranze. Was sollen die Kinder dazu sagen? Dass ihr intelligenter Vater zu einer Bäuerin durchgebrannt ist?”, Inge zerknüllte nervös ihr Taschentuch.
“Den Kindern? Die sind zum Glück erwachsen. Suse wird bald heiraten, und Jörg ist seinen eigenen Weg gegangen. Wir sind ihnen kein Vorbild mehr. Und was die Nachbarn, Kollegen oder Fremde denken… Mir egal. Ich habe mein eigenes Leben. Ich gucke schließlich auch keinem ins Schlafzimmer.” Ich versuchte, sie sanft zu überzeugen, doch es gelang nicht. Wenn eine Ehe zerbricht, tut es beiden weh.
Inge starrte teilnahmslos aus dem Küchenfenster. Sie tat mir kein bisschen leid. In mir war nur Leere.
…Inge war meine dritte Frau. Als ich sie zum ersten Mal sah, schlug mein Herz wild, und meine Seele öffnete sich für ein unbekanntes Glück. Schön, gepflegt, selbstbewusst. Ich war damals auch kein schlechter Fang die Mädchen mochten mich, ich hatte die Wahl. In meiner Jugend verliebte ich mich schnell und heiratete noch schneller. Doch wenn der Alltag eintrat, flüchtete ich. Nur mit Inge bekam ich Kinder.
Ich dachte, Inge wäre meine letzte Zuflucht, mein Anker. Doch… wie bei einer Melone erkennt man erst später, was drinsteckt. Die Liebe war saftig wie eine frische Frucht, doch mit den Jahren wurde sie zum verschrumpelten Trockenobst. In der Öffentlichkeit spielten wir das perfekte Paar die Nachbarn bewunderten (oder verachteten?) unsere heile Familie. Vor dem Haus tuschelten die alten Damen, während wir stolz vorbeischritten, als wäre es ein roter Teppich.
Doch hinter verschlossener Tür war alles anders.
Erstens: Inge war keine Hausfrau. Der Kühlschrank war leer, die Wäsche stapelte sich, Staub lag in jeder Ecke. Dafür hatte sie perfekte Fingernägel, eine makellose Frisur und frisches Make-up. Sie glaubte, die Welt müsse sich um sie drehen. Meine Frau ließ sich nur lieben, als wäre sie ein unerreichbarer Stern. Ihre Seele blieb verschlossen für mich und die Kinder.
Meine Mutter lebte bei uns. Lange schwieg sie, dann handelte sie klug. Sie brachte den Kindern Ordnung bei: Suse und Jörg lernten kochen, putzen, sich selbst zu versorgen. Inge, die sich für eine Dame von Welt hielt (warum eigentlich?), nannte sie nur mit vollem Namen Susanne und Jörg. Nie war sie zärtlich zu ihnen. Die Kinder hielten sich lieber zur warmherzigen Oma.
Inge verbot mir, mit Nachbarn zu plaudern “nutzloses Geschwätz”. Selbst grüßte sie nur knapp.
…In den ersten Jahren merkte ich nichts davon. Ich liebte einfach, war glücklich mit der Familie. Suse war Musterschülerin, Jörg ein hoffnungsloser Sitzenbleiber. Seltsam gleiche Erziehung, völlig unterschiedliche Wege. Wir versuchten vergeblich, ihn zu besseren Noten zu bringen. Mit zehn hasste er Suse für ihre Strebsamkeit. Manchmal musste ich sie auseinanderreißen.
…Das waren die Neunziger.
Nach der Schule verschwand Jörg in einer zwielichtigen Bande. Drei Jahre lang kein Wort. Wir suchten, trauerten. Meine Mutter sagte mit Blick auf Inge:
“Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.”
Inge schnaubte verächtlich und weinte stumm im Badezimmer.
Doch dann kam er zurück abgemagert, voller Narben, misstrauisch. Er brachte eine Frau mit, genauso abgerissen. Wir nahmen sie ängstlich auf. Jörg lauschte ständig, als erwartete er Gefahr.
…Suse verließ bald das Haus. Sie wollte heiraten, doch es kam nicht dazu. Stattdessen lebte sie mit einem gewalttätigen Mann. Sie kam mit blauen Flecken, klagte aber nie.
“Suse, verlass ihn! Sonst bringt er dich noch um!”, flehte meine Mutter.
“Oma, alles gut. Tom liebt mich. Die Flecken? Ich bin nur gestolpert.” Sie war nicht mehr die Streberin von früher.
…Und dann verliebte ich mich unerwartet, spät. Nach der Schicht wollte ich nicht nach Hause. Streit mit Jörg, Schweigen mit Inge, Muttis Vorwürfe…
In der Werkskantine arbeitete die Köchin Gisela. Fröhlich, herzlich, natürlich. Jahrelang hatte ich sie nicht beachtet. Doch ihr Lachen klang wie ein Bach im Frühling. Alles machte sie mit Humor. Plötzlich fiel mir auf, wie warm sie war.
Gisela war Inges Gegenteil: unordentlicher Dutt, kurze Nägel, nur Lippenstift. Doch sie strahlte Wärme aus. Bei ihr fühlte ich mich leicht. Ihre Wohnung roch nach Kuchen, der Kühlschrank war immer voll. Sie lud Nachbarn ein, kochte für alle. Ich konnte nicht anders ich verliebte mich in diese gemütliche Frau.
Ich umwarb sie: Blumen, Kino, Cafés.
Zuerst zögerte sie:
“Klaus, du gefällst mir. Aber du bist verheiratet. Was sagen deine Kinder? Ich will keine Ehe brechen.”
Ich zauderte, wie viele Männer, die keine Entscheidung treffen können.
Manchmal übernachtete ich bei Gisela. Inge erfuhr es durch “gutmeinende” Bekannte. Sie tobte, beschimpfte die “ungewaschene Bauerndirne”, drohte mit Selbstmord.
Nach einem halben Jahr zog ich zu Gisela. Sie war überglücklich, verlangte aber:
“Klaus, in einem Monat zeigst du mir die Scheidung. Sonst geht es nicht.”
Ich hielt mein Wort. Wir heirateten später. Ich bereue nichts.
Suse und Jörg besuchen uns. Gisela verwöhnt sie mit Essen. Suse hat Tom verlassen. Jörg ist ruhiger geworden, wird bald Vater. Vielleicht hatte er genug vom dunklen Leben. Gisela versöhnte die Geschwister:
“Ihr seid Familie! Haltet zusammen, statt wie haltlose Grashalme umherzuirren.”
Meine Mutter ist verstorben.
Inge… altert, ihr Glanz ist erloschen. Sie grüßt mich nicht mehr. Wir wohnen nur ein Haus entfernt, doch ich gehe nie zurück.
Man mag mich verurteilen doch es ist mein Leben. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen.





