Mark hatte sie vor einer Woche eingeladen, auf dem Campingplatz zu übernachten.

Sabine wacht um halb fünf auf. Ich muss zusammenpacken und verschwinden, bevor hier alles in Aufruhr gerät. So eine Scham hat sie noch nie erlebt. Warum ist das alles passiert? Was für eine Dummheit hatte sie begangen!

Seitdem ihre Tochter in einer Mietwohnung lebt, kocht Sabine nicht mehr zu Hause. Täglich isst sie zu Mittag im kleinen Bistro neben dem Büro. Eines Tages setzt sich Martin zu ihr, während sie ihr Essen genießt. Sie kommen ins Gespräch, und bald entwickelt sich daraus eine Affäre. Martin ist etwas jünger als Sabine, doch sein edles graues Haar macht ihn nicht nur attraktiv, sondern lässt ihn auch älter erscheinen.

Martin macht charmant den Hof, führt sie in Restaurants aus, schenkt ihr Blumen und lädt sie zu Spaziergängen im Mondlicht ein. Nach einiger Zeit verliert Sabine den Kopf wegen ihres neuen Bekannten. Sie freut sich auf jeden seiner Anrufe und besucht vor jedem Date das Kosmetikstudio. Sie ist völlig verzaubert von ihrer neuen Beziehung und träumt davon, wie sich die Dinge entwickeln könnten.

In ihren Gedanken plant sie schon eine Hochzeit und sieht sich auf dem Weg in die Flitterwochen an einem warmen Ort.

Vor gut einer Woche lädt Martin sie zu einem Kurzurlaub ins Allgäu ein. Am Freitagabend wollen sie losfahren und am Sonntag zurückkehren. Sabine fiebert diesem romantischen Wochenende entgegen und stellt sich vor, wie Martin ihr am Ufer eines idyllischen Sees einen Heiratsantrag macht.

Am Freitagnachmittag ruft Martin an: Ich musste ein bisschen trinken, wir fahren mit deinem Wagen. In Ordnung.

Sie treffen sich nach Feierabend, und Sabine merkt sofort, dass Martin betrunken ist. Sie hofft, dass er sich bis zum Campingplatz wieder beruhigt. Eine Stunde später sind sie angekommen und checken in die Hütte ein, die Martin bereits reserviert hat. Er öffnet die Tür, als würde er sie zu einem Neuanfang einladen. Sabine fühlt sich wie eine Königin.

Nach der Ankunft gehen sie in ein Café. Sanfte Musik spielt im Hintergrund. Sie bestellen, und Martin nimmt einen Cognac: Möchtest du auch einen? Komm, wir entspannen uns einfach. Es wird alles gut, antwortet er.

Sabines erster Mann war an Alkoholismus gestorben; sie hat daher keinerlei Toleranz für Alkohol. Martin weiß das. Innerhalb einer Stunde ist Martin betrunken und benimmt sich daneben. Er zieht Sabine auf die Tanzfläche, aber sie weigert sich. Darauf tanzt er alleine, und bald hängt sich ein Mädchen an ihn. Zunächst tanzen sie nur, dann benehmen sie sich völlig indiskret. Schließlich kommt ein Sicherheitsmann und bittet sie, das Café zu verlassen.

Danach kommen Martin und die junge Frau zu ihrem Tisch, leeren die Schnapsflasche im Nu, und Martin sagt zu Sabine: Schatz, warte heute Nacht nicht auf mich. Das Mädchen spottet: Gegen ihn bist du eine alte Frau. Sie verlassen zusammen das Lokal.

Sabine ist vor Scham wie vom Blitz getroffen, und ihr fehlen die Worte. Erst als der Kellner ihr eine Eiswaffel bringt, kommt sie wieder zu sich: Die ist vom Haus!

Tränen laufen ihr übers Gesicht, während sie das Eis isst. Zuerst will sie sofort heimfahren, entscheidet aber, bis zum Morgen zu warten. Zuhause angekommen, wirft sie alles von ihm in die Waschmaschine, damit sie nicht mal mehr sein Geruch an ihn erinnert. Als sie ihre Tasche öffnet, entdeckt sie ihr Hemd, völlig mit Martins Blut beschmiert. Panik überkommt sie; wäre er tot, wäre sie die Hauptverdächtige sie hätte schließlich einen Grund.

Sabine ruft ihre Nachbarin an, die als Sachbearbeiterin bei der Polizei arbeitet. Sabine, bist du verrückt? Es ist sechs Uhr morgens!

Sabine schluchzt ins Telefon und kann kaum erklären, was passiert ist. Ich komme sofort, mach die Tür auf, sagt ihre Nachbarin.

Nachdem sie Sabines wirre Geschichte angehört hat, wählt sie eine Nummer: Guten Morgen! Wer ist heute der Sachverständige? Ich bin in einer halben Stunde bei Sabine. Ich habe Angst, dass man mich verhaftet. Hab weiter Angst, aber gib mir dein Hemd und die Nummer deines Freundes.

Eine Stunde später erhält Sabine einen Anruf: Mach dir keine Sorgen, auf dem Hemd ist Schweineblut und dein Martin ist ein Gauner. Ich erkläre dir alles persönlich.

Sabine versteht nicht, wer der Gauner ist. Als ihre Nachbarin ins Wohnzimmer stürmt, fragt sie sofort: Hast du das Haus deiner Eltern verkauft wo ist das Geld? Auf der Karte? Ist die Karte ans Handy gekoppelt? Die Karte liegt im Schrank, das Handy ist nicht damit verbunden. Und Martin kennt natürlich den Code. Ja, wir haben darüber gesprochen, welches Jahr auf der Karte steht. Du musst die Karte jetzt sofort sperren.

Sabine sieht, dass ihre Karte gerade eben in einem Schnellimbiss genutzt wurde. Sie haben dir das Blut auf dein Hemd geschmiert, damit du dich nicht rührst, bis sie das Geld von deiner Karte abräumen. Jetzt gehen wir zur Polizei und erstatten Anzeige, bevor die merken, dass du die Karte gesperrt hastSabine stürzt zum Computer und sperrt die Karte, während ihr Herz wild klopft. Die Erleichterung ist überwältigend, als sie sieht, dass nur ein kleiner Betrag fehlt. Du bist einer Riesenfalle entkommen, sagt ihre Nachbarin und umarmt sie fest. Sabine bricht in Tränen aus, diesmal nicht aus Scham, sondern aus Erleichterung und einer plötzlichen, beinahe befreienden Klarheit.

Als die Sonne durch das Fenster scheint, sieht Sabine ihr Spiegelbild in der Scheibe. Etwas ist anders: Der Schmerz über Martins Verrat und die Angst um das Geld verwandeln sich langsam in einen entschlossenen Schimmer in ihren Augen. Sie lächelt schwach nicht wegen des Eises, das sie gestern gegessen hat, sondern aus dem Gefühl, das Leben wieder selbst in der Hand zu haben.

Die Nachbarin macht Kaffee und sagt: Du bist stärker, als du denkst. Manche Menschen kommen nur in unser Leben, damit wir erkennen, wie viel wir verdienen. Sabine nickt. Sie weiß, sie kann neu anfangen mit sich selbst.

Als die beiden gemeinsam am Küchentisch sitzen, hebt Sabine die Tasse und sagt: Vielleicht ist heute der erste Tag meines echten Neuanfangs. Und während draußen die Stadt langsam aufwacht, fühlt sich Sabine zum ersten Mal nach langer Zeit wirklich frei.

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Homy
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Mark hatte sie vor einer Woche eingeladen, auf dem Campingplatz zu übernachten.
Im Alter erinnern sich die Kinder plötzlich daran, dass sie eine Mutter haben – doch ich werde niemals vergessen, wie sie mit mir umgegangen sind