Ich habe Cäsar für den Lebensabend übernommen. Aber schon in der ersten Nacht brachte er eine fremde Geschichte in meine Wohnung und sorgte dafür, dass das ganze Treppenhaus wach wurde.
Ich ließ den alten Hund einziehen, damit er in Ruhe und Wärme sein Leben beschließen konnte.
Doch noch in der ersten Nacht merkte ich: Er war nicht gekommen, um still und leise zu gehen. Er war gekommen, um jemanden daran zu erinnern, was wir seit Jahren so weggeschoben hatten, als würde das Verdrängen die Wunde heilen.
Im Tierheim-Ausweis standen zwei Sätze, nach denen mir plötzlich die Finger eiskalt wurden: Pflegeplatz auf Lebenszeit.
Ich stand im Flur, drückte das Papier so fest, als könnte es mich von irgendetwas freisprechen, und spürte eine Melancholie in der Brust, wie diese unausgesprochene Schuld, bevor überhaupt irgendwas passiert ist.
Mein Name ist Matthias. Während ich die Papiere unterschrieb, hämmerte ein einziger Gedanke durch meinen Kopf: Ich werde alles ruhig, würdevoll und ohne großes Tamtam machen, damit er sich nicht fürchten muss.
Cäsar ist ein Boxer, sehr alt, vermutlich um die vierzehn. Graue Schnauze, trübe Augen, seine Hinterläufe zitterten, als müsse er um jeden Schritt bei seinem eigenen Körper erst höflich anfragen.
Man sprach über ihn respektvoll und knapp: Läuft kaum noch, schläft viel. Zwischen den Zeilen stand das, was am meisten wehtut: Es hatte niemand mehr die Kraft, zu warten, bis er aufsteht.
Draußen war Januar, München lag in dieser kalten Stille, die an Höflichkeit grenzt, aber eigentlich nur nach Erschöpfung riecht. Das Treppenhaus war genauso stumm: Schlüssel in der Hand, schnelle Kopfnicken, Aufzug röhrt, fremde Schritte verschwinden zwischen den Etagen.
Ich verwandelte meine Wohnung in eine kleine sanfte Klinik. Orthopädische Matratze im Wohnzimmer, noch eine im Schlafzimmer, rutschfeste Teppiche überall und anstelle der verdammten Schwelle eine Holzrampe.
Alles Überflüssige habe ich weggeschleppt, so, wie man es macht, wenn jemand Zartes kommt. Wie wenn man Angst hat, eine falsche Bewegung könnte wehtun.
Die erste Woche stand Cäsar fast gar nicht auf. Das war kein schmerzverzerrtes Dösen und keine zerstückelten Nickerchen. Das war der tiefe, schwere Schlaf eines alten Hundes, der jahrelang auf der Hut war und jetzt zum ersten Mal loslassen konnte.
Ich beobachtete seinen Atem, redete mir ein: Gut, lass ihn schlafen. Gleichzeitig zog sich in mir alles zusammen weil ich bei jedem Atemzug dachte, es könnte sein letzter sein.
Am dritten Tag dann hing im Flur ein Zettel.
Bitte um Ruhe.
Ohne Unterschrift, ohne Adressat. Aber als hätte jemand ihn direkt auf meiner Haut hinterlassen.
Noch am selben Abend klingelte es bei mir.
Vor der Tür stand Frau Renate aus dem dritten Stock. Klein, Haltung wie aus dem Winkelmesser, die Haare zum Dutt, der Blick nüchtern wie ein Wasserwaage.
Sie sagte ohne Ärger: Ich habe einen Hund gehört.
Ich schluckte die ersten Worte, mein Hals fühlte sich wie Sandpapier an. Leise sagte ich: Er ist alt. Er bewegt sich kaum noch. Ich habe ihn zur Pflege genommen.
Frau Renate trat nicht ein. Sie schaute sich Flur, Teppich, meine Hände an als prüfe sie, ob ich gefährlich oder nur müde bin.
Anstatt zu schimpfen, sagte sie sachlich: Auf dem Harten tun die Gelenke weh.
Dann drehte sie sich um und ging. Kein Türknall, keine Verachtung nur dieser seltsam fürsorgliche Satz, der mich völlig aus dem Konzept brachte.
In der zweiten Woche änderte sich alles.
Cäsar begriff, dass er hier nicht auf Zeit war. Dass niemand kommt, um ihn abzuholen. Dass diese Wohnung keine Wartehalle ist.
Er suchte meinen Blick. Erst nicht aus Zuneigung sondern Kontrolle. Fast als frage er: Verschwindest du jetzt auch?
Wenn ich von der Arbeit heimkam, versuchte er aufzustehen. Langsam, aber mit der typischen Boxersturheit, die fast wie Stolz wirkt. Als ginge es ihm darum, aufzustehen, weil er noch kann nicht, weil er muss.
Dann kam der Moment, der mir den Boden unter den Füßen wegzog.
Neben dem Sofa lag ein Stoff-Igel. Abgenutzt, an der Seite geflickt, wirklich kein hübsches Ding traurig-bekannt wie ein vergessenes Kinderteil aus einer anderen Zeit.
Ich hatte den nicht gekauft. Ich hatte keine Kinder. Es gab keinen Grund, warum so ein geflicktes Plüschtier bei mir lag.
Cäsar entdeckte den Igel, ging vorsichtig hin und nahm ihn so sachte ins Maul, dass ich den Atem anhielt. Er trug ihn nicht wie Spielzeug, sondern wie einen Schatz, stolz durch die ganze Wohnung als kenne er seit Jahren nur diesen einen Ort, an den dieser Igel gehört.
Ab dann war der Hund am Lebensende wie vom Erdboden verschluckt.
Der, der kaum läuft, trippelte plötzlich mit dem Igel zwischen den Zähnen durch den Flur, als hätte er einen Pokal gewonnen. Der schläft zu viel, stand morgens am Bett: belllos, forderungslos, einfach da, bereit.
Abends legte er sich zu mir, den Igel an die Brust. Nicht zum Spielen, sondern wie jemand, der Angst hat, dass sogar diese kleine Freude wieder weggenommen wird.
Ich atmete selbst leiser, als ob jedes Geräusch dieses zerbrechliche Wachwerden stören könnte.
Nach ein paar Tagen hing wieder ein Zettel im Flur.
Haben Sie Respekt vor den Nachbarn.
Wieder ohne Namen. Ich riss ihn ab und ließ ihn viel zu lange in der Hand, spürte nicht Ärger, sondern Schutzreflex. Welcher Lärm, welcher Aufruhr? Hier war nur ein alter Hund, der endlich probierte zu leben.
Am Abend hörte ich wieder Schritte vor der Tür. Frau Renate zögerte, bevor sie klingelte, als überlege sie, ob das überhaupt erlaubt ist.
Als ich öffnete, stand Cäsar mit dem Igel im Maul im Flur. Frau Renate sah ihn an, als sähe sie einen Geist, der nicht erschreckt, sondern im Herzen schneidet.
Sie fragte leise, fast flüsternd: Woher hat er den?
Ich hob die Hände: Keine Ahnung. Wirklich. Der war auf einmal einfach da.
Frau Renate nickte, aber der Blick blieb am Igel hängen. Die gewohnte Nüchternheit bröckelte wie angeknackstes Eis.
Sie hauchte: Manche Dinge kommen zurück, wenn man aufhört, so zu tun, als hätte es sie nie gegeben.
Dann ging sie, und bei mir blieb eine Frage im Hals stecken, so schwer wie ein Schlüsselbund in der Jacke.
Denn der Igel war keine Spielerei. Er war eine Herausforderung.
Die dritte Woche brachte das, wovor ich mich fürchtete.
Ich ließ die Wohnungstür einen Moment offen. Nur diese eine idiotische Sekunde, in der man denkt, alles unter Kontrolle zu haben.
Ich rief: Cäsar! Erst normal, dann zu laut, Herz voraus, Beine hinterher.
Im Flur, genau vor meiner Tür, lag der Igel.
Nicht gefallen. Nicht verloren. Genau hingelegt.
Wie ein Zeichen.
Cäsar aber war nicht mehr da.
Ich sprang die Treppen runter, als könnten die Stufen mich aufhalten.
Das Blut rauschte in den Ohren, Cäsar! baute sich in der Kehle zur Panik, wenn du spürst, du hast diese Sekunde selbst verursacht.
Im zweiten Stock traf ich eine Frau mit Einkaufstüten. Sie brauchte nur einen Blick, verstand sofort: Hier ist nicht einfach der Hund kurz raus.
Sie sagte schnell: Er ist gegangen. Ich hab ihn gesehen. Langsam aber zielstrebig. Als hätte er den Weg gekannt.
Dieses als hätte er den Weg gekannt traf härter als jedes vermisst, denn verirren ist Chaos. Wissen ist Schicksal das nicht fragt.
Ich stürmte in den Hinterhof. Der Geruch nach nasser Erde und Metall, tief hängender Himmel wie ein Deckel.
Cäsar stand da.
Er saß bei einer Bank, starrte in eine Richtung. Kein Hin und Her. Kein Winseln. Er wartete wie jemand, der zu einem Treffen kommt und nicht zweifelt, dass es stattfindet.
Ich ging langsam näher Plötzlich hatte ich mehr Angst, ihn zu stören als ihn nicht zu finden.
Ich sagte fast flüsternd: Cäsar komm schon, bitte.
Er drehte langsam den Kopf. Die Augen trüb, aber im Blick ein wiedererkennen stur und warm. Sein ganzes Auftreten: Das war kein Zufall.
Hinter mir hörte ich kleine, feste Schritte.
Frau Renate.
Sie stellte sich einen Meter neben mich, ohne Gruß, ohne Entschuldigung. Dann sah sie die Bank so an, als hätte diese Holzlatte sie einmal persönlich verraten.
Sie sagte so leise, als rede sie mit sich selbst: Das war ihr Platz.
Ich sah Cäsar weiter an und fragte trocken, weil es leichter fiel: Wessen denn?
Frau Renate schluckte. Einen Moment zitterten ihr die Augenlider wie ein Reflex, den sie jahrelang weggesperrt hatte.
Meiner Enkelin. Katharina.
Der Name fiel in den kühlen Hof wie ein Schlüssel in ein Schloss. Ich erinnerte mich an den Igel im Flur und spürte, wie ich ihn in meiner Faust zerquetschte, als könne auch der gleich verschwinden.
Ich sagte: Am Bauch ist grob ein Buchstabe genäht. Dort steht ein K.
Frau Renate senkte den Blick. Die Augen zuckten, der Körper gab für einen Moment die Kontrolle ab.
Ja. K, antwortete sie leise.
Cäsar setzte sich langsam hin, ganz langsam, mit der gravitätischen Ruhe, mit der alte Körper einen Punkt setzen.
Frau Renate sprach weiter, ohne nach der richtigen Formulierung zu suchen: Katharina hatte immer diesen Igel dabei. Immer. Und im Hof war oft ein Boxer keiner wusste, wem er gehörte. Aber er war jeden Tag bei ihr.
In mir zog sich alles zusammen. Das war zu genau, um Zufall zu sein.
Ich fragte direkt: War das Cäsar?
Frau Renate schwieg lange. Sie betrachtete den Hund wie ein Foto, das man nicht löschen, aber auch nicht behalten kann.
Keine Ahnung. Aber als ich ihn mit dem Igel in deiner Wohnung sah wusste ich, dass etwas zurückkommt.
Ich fuhr herum: Moment. Sie wussten von dem Igel?
Frau Renate presste die Lippen aufeinander. Die sonst so spröde Hülle riss.
Den habe ich selbst hingelegt.
Der Hauch einer Kränkung durchzog ihre Stimme feiner als sie es sich gestattete.
Ich schwieg, nicht weil ich urteilen wollte, sondern weil plötzlich alles seinen Platz bekam.
Sie erklärte, als müsse sie das alles hinausdrücken: Er lag im Keller. In einer Kiste. Ich hab nichts von Katharina weggeschmissen aber auch nicht davon gesprochen. Alles in dunkle Ecken verbannt.
Dann sah sie auf: Ich hörte, du hast einen Hund. Sah, dass er ein Boxer ist. Dachte dumm eigentlich vielleicht ist das einer dieser seltenen Tage, an denen man Dinge zurückgeben kann. Still, als wäre es Zufall.
Sie holte kurz Luft, als wäre ihr plötzlich kalt.
Ich legte den Igel ans Sofa. Als Frage. Und er er nahm ihn, als wäre es seiner.
Cäsar blickte von der Bank zu uns. Und in diesem Blick lag ein Geduld, die schmerzt: Versteht ihr das eigentlich?
Ich sagte: Er ist nicht weggelaufen. Er ist zurückgegangen.
Frau Renate nickte einmal, als ergäbe sie sich einem stillen Pakt.
Sie hauchte: Katharina wohnt schon lang nicht mehr hier. Wir alle wir leben im Haus, als hätten wirs gelernt: machen die Sachen in dunkle Ecken, die Worte unter den Läufer.
Mir fiel keine schöne Formel ein, also sagte ich nur: Ich dachte, Cäsar stirbt bald.
Frau Renate sah mich zum ersten Mal nicht als Nachbarn, sondern als Menschen.
Er war allein. Einsamkeit macht schneller fertig als Altsein, sagte sie.
Wir gingen zurück. Ich vorne, Cäsar dahinter, Stufe für Stufe. Frau Renate öffnete die Haustür so, als solle das Haus nach Jahren zum Helfen und nicht mehr nur zum Abschotten da sein.
Diese Nacht gings Cäsar schlecht. Man sahs, selbst wenn man es sich selbst ausreden wollte.
Sein Atem stotterte wie ein Trabi mit Loch im Auspuff, das Zimmer war kalt und betonte jeden kleinen Schnaufer.
Ich setzte mich auf den Boden, leise, einfach nur da.
Nach einer Weile hob er den Kopf, suchte mit den Augen nach dem Igel. Ich schob ihn ihm hin.
Er stupste das Plüschtier kaum und schob es dann würdevoll zu meinen Händen.
Nicht zum Spielen.
Wie jemand, der sagt: Jetzt bist du dran. Mach, was ich nicht mehr kann.
Am Morgen stand Frau Renate wortlos vor meiner Tür. Sie klingelte nicht. Wartete, als wolle sie mir selbst die Regie für den Tag lassen.
Sie sagte nur: Er?
Ich antwortete genauso knapp: Hier. Aber die Nacht war schwer.
Sie nickte, schaute Cäsar an. Der stand widerwillig auf und nahm wieder den Igel in den Mund. Stur, ruhig, wie eine Versprechen, das gilt.
Frau Renate murmelte fast zu sich selbst: So viele Regeln und manchmal fehlt uns das Einfachste. Wir selbst.
Ich suchte keine geschliffene Antwort.
Ich sagte: Ich dachte, ich hol ihn zum Gehenlassen. Aber jetzt zwingt er mich, lebendig zu bleiben.
Frau Renate holte tief Luft, als probiere sie nach Jahren was Neues.
Sie meinte: Vielleicht ist Frieden nicht immer das Ende. Manchmal der erste Tag, an dem man aufhört fortzulaufen.
Noch am selben Tag hing im Flur wieder ein Zettel. Nicht von mir, nicht von ihr.
Hunde verboten.
Große Druckbuchstaben, hart, ohne Name. Das war das Feigste: So lässt es sich leichter als Regel durchsetzen.
In mir flammt etwas auf. Keine Wut. Schutzinstinkt.
Ich riss den Zettel ab und ging zu Herrn Lehmann der, der immer mit gesenktem Blick durch den Hausflur huschte.
Er öffnete nur einen Spalt als fürchtete er, hier bräche ein Unheil an.
Ich sagte ruhig, aber bestimmt: Entschuldigen Sie. Ich weiß, hier mag niemand Störungen. Aber heute störe ich.
Er wurde blass. Das war nicht ich ich schrieb nicht
Ich weiß. Aber wenn wir schweigen, wird das Regel für alle. Mein Hund ist alt, er möchte einfach nur atmen. Wer sich gestört fühlt soll bitte klingeln. Nicht schreiben.
Herr Lehmann starrte mich an, als hätte jetzt erst bemerkt, dass man in Hausfluren auch sprechen kann.
Dann sagte er sehr leise, als bitte er um Erlaubnis, er selbst zu sein: Darf ich mal zum Tee rein? Einfach fünf Minuten.
Ich nickte: Heute um fünf.
Um fünf kam er mit einer Tüte Doppelkekse. Redete wenig, schaute Cäsar viel an wie jemand, dem da etwas weh getan hat und es jetzt wiederkommt.
Irgendwann sagte er: Ich hatte auch so einen. Als der weg war hab ich nur noch gearbeitet damit ich nichts hören muss.
Ich antwortete nicht, weil ich diese Flucht zu gut kannte.
Cäsar stellte sich auf, tapste auf Herrn Lehmann zu und legte den Kopf an sein Bein. Ohne Flehen. Ohne Mitleid. Als sagte er: Ich habs verstanden.
Am nächsten Tag schrieb ich selbst einen Zettel und hängte ihn ins Treppenhaus, mit Namen.
Ich schrieb: Wenn Sie von Lärm gestört werden bitte klingeln. Ich mach Tee.
Darunter: Matthias, Whg. 2.
So fing etwas Neues an, ganz leise, ganz alltäglich. Die Zettel hörten auf, für andere zu sprechen.
Die Frau aus dem Erdgeschoss kam fragen, ob es ihm besser geht. Der junge Mann aus dem ersten brachte Antirutschmatten vorbei und meinte, die lagen eh nur rum. Die Hausmeisterin murmelte, fast schüchtern: Schön, dass mal jemand nicht so tut als ob.
Frau Renate kämpfte derweil ihre eigene Schlacht in sich selbst.
Eines Tages kam sie mit einem Handy in der Hand zu mir, als halte sie einen tickenden Wecker.
Sie sagte: Ich habe Katharina geschrieben.
Die Stimme zitterte so wenig, dass es fast wie Niederlage klang.
Ich fragte: Was haben Sie geschrieben?
Sie: Nur das Nötigste. Dass es einen Hund gibt. Dass der Igel da ist. Dass sie falls sie mag kommen kann.
Dann schwieg sie, sah auf den Boden: Sie hat nicht geantwortet.
Cäsar hob auf seiner Matratze den Kopf, nahm langsam den Igel und legte ihn an die Tür.
Als wüsste er: Manche Antworten kommen nur, wenn die Tür lange genug offen bleibt.
Zwei Tage später kam Frau Renate mit wasserglänzenden Augen, und zum ersten Mal versteckte sie ihre Gefühle nicht hinter der Disziplin.
Am Sonntag kommt sie, sagte sie.
Und dann kam der Sonntag mit tiefem Himmel und dieser frischen Luft, als würde Regen gerade so den Atem anhalten. Im Hof klangen Schritte lauter als sonst, als hätte das Haus selbst zum Warten Stellung bezogen.
Als Katharina den Hof betrat, erkannte ich sie nicht an ihrem Gesicht, sondern an ihrer Haltung. Sie war längst erwachsen, trug aber noch diese Vorsicht eines Mädchens in sich: Hände wissen nicht wohin, Blick sucht Fluchtpunkt.
Frau Renate trat näher, blieb einen halben Meter entfernt dieses halbe Meter war eine ganze Brücke.
Katharina sagte heiser: Hallo.
Frau Renate: Hallo.
Keine spontanen Umarmungen, keine Szene. Zwei Menschen, die längst verlernt haben, wie das geht und es trotzdem versuchen.
Cäsar war schon draußen. Mit Schmerzen stand er auf, ließ sich aber nicht abhalten.
Er sah Katharina an und sein ganzes Gesicht veränderte sich. Ich weiß nicht, wie man das ohne Pathos ausdrücken kann: Manchmal erkennen Hunde jemanden nicht mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper.
Ganz langsam näherte er sich den Igel fest zwischen den Zähnen hielt vor ihr an wie eine Frage: Bist dus wirklich?
Katharina kniete sich. Streckte nicht sofort die Hände aus. Sie wartete auf seine Erlaubnis, wie jemand, der nicht mehr an sich reißen will.
Sie flüsterte: Hallo, Alter du bists.
Cäsar legte den Igel auf ihre Knie.
Und dann drückte er den Kopf fest gegen ihren Brustkorb. Nicht vorsichtig, sondern unerhört lebendig, als hätte er all die Jahre auf dieses endlich gewartet.
Katharina schloss die Augen. Schweigend kullerte eine Träne.
Frau Renate setzte sich auf die Bank, und ich sah plötzlich: Auch ihr immer so stahlhartes Körper konnte müde werden.
Katharina setzte sich dazu. Sie atmeten einfach gemeinsam, und Cäsar lag dazwischen, wie eine warme Grenze zwischen war und kann noch werden.
Nach einer langen Pause sagte Katharina: Ich wollte nicht verschwinden. Ich hatte einfach nie gelernt, zu bleiben.
Frau Renate antwortete, und diese Antwort wog mehr als jedes Hausflur-Regelwerk: Ich auch nicht.
Katharina lächelte, aber das Lächeln brach früh ab.
Habt ihr alles mit Regeln versucht?
Frau Renate blickte auf Cäsar: Ich dachte, sie halten mich. Dabei haben sie mich einsam gemacht. Er nicht. Er hat gewartet.
Das wurde kein Feiertag. Etwas Besseres geschah eine neue Art von Alltag.
Herr Lehmann kam mit zwei Tassen Kaffee vorbei nur zufällig hier, sagte er. Die Frau von unten brachte eine Decke. Irgendwer fragte, ob man Cäsar streicheln dürfe, und er erlaubte es wie Waffenstillstand: nicht für alle, aber ehrlich.
In der Nacht meldete sich die Realität zurück, wie Zugluft durchs Fenster.
Cäsar wurde schwächer. Atem stolperte, die Hinterbeine versagten. Er sah mich an, als wolle er sich entschuldigen, dass ihm der Körper entgleist.
Ich setzte mich dazu. Die Schultern schmerzten vor Hilflosigkeit, die Finger froren wie am Tag seiner Aufnahme.
Katharina und Frau Renate kamen ohne zu klingeln. Als hätte das Haus endlich gelernt, auf Nähe zu hören statt auf Vorschriften.
Katharina kniete sich an die Matratze, legte den Igel an Cäsars Brust.
Er schnupperte kurz daran. Dann atmete er tief aus, als ließe er damit das Letzte los.
Frau Renate legte ihm die Hand auf den Kopf dieselbe Hand, die sonst für Ordnung stand, blieb jetzt einfach liegen.
Sie flüsterte: Danke.
Für wen Hund, Enkelin, Zeit wusste ich auch nicht.
Ich spürte Wärme auf meinem Handrücken, auf Cäsars Rücken. In dieser Wärme war sein ganzer Stolz und seine Sturheit.
Cäsar atmete noch einmal tief.
Dann ein zweites Mal, leiser.
Und dann, ohne Drama, einfach wie jemand, der eine schwere Last niederlegt, war er weg.
Kein extremer Moment. Vollkommene Stille. Und seltsamerweise: keine Leere.
Wir blieben noch eine Weile sitzen. Irgendwo knallte eine Tür, irgendwo lachte jemand. Das Leben lief weiter aber in diesem Zimmer fühlte sich das Ende zum ersten Mal nicht wie eine Strafe an.
Am nächsten Tag stellten wir einen großen Kräutertopf im Hof neben die Bank. Kein Schild, kein Pathos.
Einfach Rosmarin. Er duftet, auch wenn man ihn nicht berührt. Und er wächst, hartnäckig, wie Erinnerung, die nicht länger versteckt werden will.
Katharina ließ den Igel eine Stunde auf dem Treppenhausfensterbrett stehen. Dann nahm sie ihn und legte ihn mir in die Hände.
Sie sagte: Jetzt bist du dran. Aber steck ihn nicht in die Schublade.
Ich nickte, und in meinem Hals hats gedrückt vor lauter Schlichtheit dieser Bitte.
Ich antwortete: Er bleibt dort, wo Leben ist.
Seither klopft manchmal wirklich jemand. Nicht um zu kontrollieren. Sondern um zu fragen, wie es mir geht. Um Kekse mitzubringen. Um fünf Minuten im Hof zu sitzen, wenn der Tag zu schwer ist.
Und wenn ich manchmal denke, ich hätte Cäsar geholt, damit er bei mir stirbt, dann korrigiere ich mich leise.
Ich habe ihn begleitet.
Und er hat uns begleitet. Er hat uns das Sprechen über Zettel abgewöhnt. Uns auf die Bank im Innenhof zurückgeführt, zu Stimmen, zu den Dingen im Keller, die wir aus ist doch egal nicht weggeworfen, sondern nur versteckt haben, weil wir zu traurig waren.
Und er hat mir die einfachste, schwerste Wahrheit hinterlassen.
Manchmal verlängert Liebe nicht das Leben.
Aber manchmal gibt sie genau genug davon zurück, um andere zu retten.




