Solist
Der alte, dicke Telefonapparat, mit Hörer und einem Kabel, das sich wie eine schlaffe Spirale über Jahrzehnte immer weiter verdrehte, stand auf dem kleinen Tischchen im Flur der Familie Bergmann. Die Nummernscheibe war so abgenutzt, dass die Ziffern von Hand nachgezeichnet werden mussten, und der schrille Klingelton jagte mir seit Kindesbeinen kleine Schauer über den Rücken.
Meine Mutter, Ingrid Gertrud, inzwischen stolze 85 und schon seit Jahren im Zeitalter von Glasfaser und Smartphones angekommen, lehnte Handys grundsätzlich ab zu viel Strahlung, da bekommt man doch bestimmt Krebs! Und als mein Bruder, Markus, ihr letztes Jahr einen schnurlosen Festnetzapparat schenkte, schüttelte sie nur den Kopf.
Ach, Mutter! Das ist doch viel besser so! Da kannst du durch die ganze Wohnung laufen, so oft du willst. Und sieh nur, wie elegant sie sind! Silberfarben, habe ich extra genommen! Vielleicht ruft Margarete von nebenan ja mal wieder an? Dann kannst du dich hinsetzen, quatschen, solange du willst. Bequem!
Doch meine Mutter verzog nur das Gesicht, musterte den Apparat, den Markus auf den Tisch gelegt hatte, und schnitt die Lippen zusammen.
Zu kleine Zahlen, Markus. Da vertippe ich mich ständig. Nimm ihn lieber mit deine Steffi schnackt doch dauernd am Telefon, sie braucht ihn viel nötiger! Und Margarete… die hat sich lange nicht mehr gemeldet. Schon lange nicht mehr!
Markus seufzte und zuckte resigniert mit den Schultern. Es war nicht so einfach mit Mutter: Sie zu etwas zu überreden, ihr Technik schmackhaft zu machen, sie zum Arzt zu bringen ihr Blutdruck schwankte immer mehr… Sie war einfach zu stur.
Mutter, wir haben doch schon einen. Und du bist gemein zu Steffi, sie ist in Wirklichkeit total nett. Wir heiraten bald, wirst du sie dann nicht aufnehmen? Und das mit den kleinen Zahlen stimmt auch nicht, die sind sogar beleuchtet! Hier, guck! Schalt ich gleich ein…
Markus stand schon auf, um alles anzuschließen, aber meine Mutter hielt ihn sanft am Ärmel zurück.
Markus, setz dich lieber an den Tisch! Das Essen ist längst kalt!, rief sie und zauberte ihre berühmte Quiche Lorraine aus dem Backofen warme, buttrige Kruste, deftig gefüllt mit Speck, Lauch und Ei, Markus Leibgericht seit frühester Kindheit. Der duftende Dampf stieg aus der Form, die Kruste hob und senkte sich sanft der Kuchen atmet, sagte Mutter immer. Bald lag das Prachtstück auf einem Porzellanteller.
Mutter legte Wert auf schöne Präsentation, bloß nicht einfach mit dem Brotmesser anschneiden und auf den Teller klatschen! Nein, immer ein passendes Servierbrett und die kleinen Kuchenschaufeln, die zum Porzellan passten.
Jetzt hör aber auf mit dem Getue! Mein Vater, Hans Dietrich, griff sich schon das erstbeste Messer und konnte es kaum abwarten. Leg auf, bevor alles kalt wird! Ich schneide auch selbst!
Aber Mutter verteidigte ihr Kunstwerk. Am Rand ein feiner Zopf aus Teig, die Oberfläche goldbraun mit Eigelb bepinselt, und in der Mitte ein Loch, aus dem der fleischige Sud sickerte. Sicher ein gutes Stück Fleisch vom Metzger.
Zu so einem Kuchen, da war meine Mutter überzeugt, braucht es schon einen Koch im Luxushotel Adlon oder im KaDeWe, aber dort war der Kuchen immer zu salzig. Einmal hatte sie ihn dort probiert und war enttäuscht.
Ihr ganzes Berufsleben verbrachte Ingrid Bergmann nicht irgendwo, sondern im Berliner Staatsballett. Nein, sie tanzte nicht, sang auch nicht, sie ordnete das Büro, kümmerte sich um Tickets, reklamierte hier und da. Alles Vergangenheit, aber allein der Tonfall meines Bruders, das Klingeln des Telefons, der Name Margarete versetzten meine Mutter schlagartig in Erinnerungen.
Damals, im Foyer des Staatsballetts, hatte sie einem wahrhaftigen Star begegnet: Richard Stein, Solotänzer, ein echter Charmeur und Ausnahmetalent. Vielleicht hat mich diese Begegnung geprägt, dieser Hang zum Schönen, zum festlichen Servieren.
Früher hatte sie Stein nur von Weitem gesehen oder auf Porträtfotos in der Lobby. Sein Auto immer auf dem besten Platz, und für ihn brachte man die süßesten Clementinen aus Italien, denn Richard war verrückt nach ihnen. Zuhause wartete auf ihn keine Ehefrau, sondern die treue Dackeldame Emma, kurz Emmi. Und wie es sich für Reiche gehörte, wurde das Haus von Personal verwaltet, während der berühmte Tänzer im Wohnzimmer auf seiner Yogamatte meditierte. Emmi setzte sich ihm gegenüber, legte den Kopf schief und beobachtete ihn aufmerksam. Sie spürte jedes Mal, ob er gut oder schlecht gelaunt war, erwartete ihn schwanzwedelnd, mit einem gemütlichen Dackelgrinsen.
Aber ihn direkt nach der Arbeit zu stören, war riskant, dann flatterte schon mal ein Pantoffel durch die Gegend. Richard tanzte auf Anschlag, gab alles, erschöpfte sich völlig und brauchte immer lange zur Erholung nach einem Auftritt. Der Abend war ritualisiert: Dusche, eine Tasse Kräutertee, dann ein wenig Yoga auf einer herrlich weichen Unterlage, die Emmi einmal angeknabbert und dafür eine Rüge kassiert hatte.
Beim Yoga sang Richard leise Melodien, zu denen Emmi leise jaulte. Es war fast traurig in solchen Momenten, so traurig, dass es einem Dackel das Herz brechen konnte.
Dann ging es zum Essen. Manchmal kamen Gäste, Frauen Tanten nannte Emmi sie innerlich. Sie kicherten und scheuchten den Dackel aus dem Schlafzimmer. Emmi motzte leise und tappte mit den Pfoten über den Parkettboden, setzte sich an die Tür, und irgendwann verzog sie sich zur Decke in der Diele und schlief ein. Die Tanten kicherten weiter…
Das Leben von Richard, Emmi und letztendlich auch von Mutter sollte sich an einem dieser grauen, ungemütlichen Oktobermorgende ändern. Die Feuchtigkeit zog wie Nebel aus dem Grunewald hinter dem Gartenzaun direkt durchs Haus, kroch über die Fliesen, kitzelte Emmi an der Nase, fuhr dem Herrn im Bett über die Füße. Er zog sie ein, lümmelte sich, aber als der Wecker mit schmetterndem Marsch loslegte, stand er murrend auf.
An diesem Tag kam Richard zu spät zur Probe. Aber er durfte. War ja der Solist! Ohne ihn lief nichts. Die Kolleginnen waren hin und weg, wenn der Große kam.
Nur einer blieb davon unbeeindruckt Ballettmeister Otto Krüger.
Krüger schnappte Richard noch im Foyer ab, tadelte ihn vor allen Augen und drohte, ihn beim nächsten Mal zu ersetzen.
Hör mal, Richard, es gibt keine Unersetzlichen. Beine hat hier jeder Erste Solist, Kopf jeder Zweite der Dritte hat Talent und Gespür. Und ich finde jemanden, der nach dir kommt, sagte Krüger ruhig, auch wenn seine Hände leicht zitterten. Mutter, die an der Garderobe stand, bemerkte es. In seiner Hand kringelte sich die Zeitung, und er stapfte tief Luft holend in Richtung des großen Eichentors mit goldener Klinke. Dahinter wollte er sich wohl verstecken und wunderte sich über seinen eigenen Mut Richard so zurechtzuweisen!
Als die Tür zufiel, entwich Richard ein kurzes Kichern oder war es ein Stöhnen? Da fiel Mutter ihre Handtasche aus der Hand das Lippenstiftrollte über den Boden, zwei Kugelschreiber, ein kleines Fläschlein Parfüm. Ihre Notizbüchlein kam zum Vorschein, ein paar Bonbons mit Minzgeschmack, dazu noch allerlei Krimskrams Bonbonpapiere, Kassenzettel, Haargummis usw.
Verzeihung, piepste sie, als hätte sie gerade Richard, den großen Tanztalent, zurechtgewiesen.
Sie hätte am liebsten gesagt, sie hätte nichts gehört und würde alles sofort vergessen. Doch da beugte sich Richard selbst zu ihr, half ihr auf die Knie, sammelte ihre Sachen ein.
Wort um Wort, ein kleines Lächeln hier, eine Handbewegung da und plötzlich plauderten sie. Mutter lachte, und Richard war der perfekte Charmeur. Leicht nach Kölnisch Wasser und einer Spur Tabak riechend, lange, schlanke Finger, markantes Gesicht und diese dunklen, fast pechschwarzen Augen mit dem grünen Schimmer am Zentrumsrand.
Was für umwerfende Augen!, dachte Mutter flüchtig, während Komplimente auf sie einprasselten, sie jedoch errötete, sich erinnerte, dass sie verheiratet war, dass Markus zu Hause wartete.
Richard versprach, am Abend anzurufen. Irgendwann. Eines Tages. Mit einem Lächeln, wie sie es noch nie erlebt hatte. Ihr Mann, Hans, war ein bodenständiger Kerl, Realschulabschluss, dann gleich Arbeit, ein Handwerker durch und durch, keine Komplimente, keine Gesten und wenn, dann genuschelt im Halbdunkel, dann wurde geschnauft und geschlafen. Mutter dachte immer, dass sie normal war und dass ihr Leben normal sei. Aber plötzlich merkte sie: Sie hat schöne Augen, eine Taille, wie sie die Bildhauerinnen im Museum haben, Apfelbäckchen und …
Und all das im Foyer des Staatsballetts! Sie hätte nie gedacht, dass so über sie gesprochen werden könnte. Sie hörte zu, lächelte, kam sich dumm vor.
Richard übergab ihr die Handtasche, nahm das Zettelchen, auf dem sie ihre Nummer notiert hatte, und verschwand.
Erst im Nachhinein schimpfte sie sich selbst, hatte Angst, dass er noch anrufen würde und vielleicht Hans an den Apparat bekäme und dann irgendetwas ausplauderte (mit Künstlern weiß man nie!). Dann würde es richtig Ärger geben.
Hans war nicht wirklich eifersüchtig, aber wer wusste… Für meine Mutter hatte er alles gemacht, das Wohnzimmer renoviert, sich abgerackert, Monate gespart, um ihr einen Diamantring schenken zu können. Und jetzt? Wenn Hans telefoniert und Richard Stein, Solotänzer des Staatsballetts, ist dran was dann?
Nein, meine Mutter war stolz auf ihre Familie. Aber, und das weiß jeder in jedem Kopf einer Frau kann sich dieses kleine Aber einnisten. Vielleicht hätte es besser, romantischer, aufregender sein können. Vielleicht war sie zu schnell mit Hans. Damals dachte sie, niemand würde um ihre Hand anhalten da nahm sie Hans, aber hätte sie vielleicht auf Richard warten sollen?
Und was wäre schon so schlimm gewesen, hätten sie einfach telefoniert? Sie war schließlich keine Nonne! Vielleicht wollte er ja nur berufliches wissen! Ach, eigentlich Unsinn. Was könnte Richard Stein von Ingrid Bergmann beruflich wollen? Wie man ein Pirouette tanzt? Oder wie die Ticketbuchung im ganzen Berlin läuft? Nein… Das waren nur Ausflüchte, aber das Aber blieb.
Quatsch, dachte sie, rührte imaginären Zucker in ihre Kaffeetasse.
Ingrid, alles in Ordnung?, fragte ihre Chefin, Hannelore Winter, und tätschelte ihr die Schulter.
Alles gut, hatte nur einen kurzen Tagtraum…, antwortete meine Mutter und versank in Unterlagen.
Hannelore setzte sich vertraulich neben sie. Und, wie war er? Die einen sagen, er sei fürchterlich vernarbt…
Wer denn?, meine Mutter protestierte sichtlich.
Ach komm, Ingrid. Der Stein! Ach, pass bloß auf dich auf. Es heißt, eine von den Kostümbildnerinnen hat sich an ihn verloren, Lena frisches Mädchen, gleich nach der Ausbildung hier. Und der Stein hat sie rumgekriegt… tja…
Was?, Mutter schaute sie schockiert an.
Na, was wohl? Ach, Ingrid. Du bist ja kein Mädchen mehr. Du hast einen Sohn, Familie. Und Kostümbildnerinnen sind halt empfänglich… Ich geh dann mal. Lass dich nicht beirren, Goldstück.
Hannelore war übrigens mit ihrer Tochter Ludmilla auch schon einmal an Richard geraten. Damals hat sie mit ihr zusammen im Chor getanzt, schnitt aber nicht besonders gut ab. Und trotzdem, Richard flirtete, holte sie abends ab, brachte sie nach Hause und irgendwann, schwanger, wandelte sich Ludmilla. Richard anerkannte das Kind nicht, Hannelore nahm Geld und kaufte ein kleines Häuschen für sie und den Jungen. Sie hatten Glück im Unglück.
Mutter vergaß Richard keinen Moment. Sie war so abgelenkt, dass sie fast an der Kasse im Kantinenrestaurant vorbeilief, die Straßenbahnhaltestelle verpasste, Markus Hausaufgaben nur flüchtig durchsah, die schlechten Noten überging. All das Kleinkram, was zählt, ist der Gedanke an den Solisten, der einen Anruf versprochen hatte.
Aber abends kam kein Anruf. Auch nicht am nächsten. Bei jedem Klingeln sprang sie als Erste zum Telefon, schnappte nach dem Hörer, aber es war nie er.
Und eigentlich, so lag sie im Bett, während im Hintergrund leise das Ticken der Küchenuhr lief, was würde ich ihm sagen, wenn er anriefe? In unserem engen, dunklen Flur, worüber? Vom gelungenen Kuchen, von Markus, der bald ins Sportlager fährt? Nein, so etwas interessiert keinen Richard Stein! Ich muss mich vorbereiten, ein wenig über die Ballettkunst lesen, dann kann ich wenigstens mitreden! Am nächsten Tag lieh sie sich ein dickes Buch aus der Stadtbücherei, erklärte Zuhause, Kulturförderung sei jetzt Pflicht in der Abteilung. Markus bedauerte seine Mutter, Hans lachte nur.
Emmi beobachtete währenddessen aufmerksam ihren Menschen. Er saß im Sessel, starrte nachdenklich auf einen Zettel, schnappte sich das Telefon, tippte eine Nummer unterbrach aber gleich wieder.
Wie hieß sie nochmal? Gisela? Monika? Ach, das hätte ich doch aufschreiben müssen… War es Ingrid? Ach ja, wie in ‘Goethes Faust’.
Er wählte, Emmi legte sich zu seinen Füßen.
Hallo? Ingrid Bergmann am Apparat? Ah, wunderbar! Ich wollte Sie mal wieder sprechen. Störe ich?
Meine Mutter stand fassungslos im Flur und wagte kaum zu atmen.
Nein, überhaupt nicht!, log sie, während auf dem Herd die Frikadellen brutzelten, Hans gleich von der Arbeit kam, Markus aus dem Training bald heimkehrte.
Dann treffen wir uns doch! Ich kenne da einen feinen Gasthof am Stadtrand, da gibt es Wildschweinbraten. Mögen Sie Wild? wieder dieses Lachen.
Mutter bekam es mit der Angst zu tun. Ich… also…
Doch sie gab ihre Adresse preis. Ein bisschen dumm, einsam, längst nicht mehr jung und hungrig nach Aufmerksamkeit zögerte sie nicht lange, fand spontan das perfekte Kleid für einen Hirschbraten am Abend, frisierte sich, hinterließ Hans eine Notiz und fuhr mit Richards Fahrer Richtung Restaurant.
Am Hauseingang lief alles schief: Der Fahrer stellte sich korrekt vor und überreichte gleich die Botschaft, dass Richard sie erwarte… Hans war gerade gekommen, sah Mutter, wie sie sich herausredete Ich bin auf Dienstreise er glaubte ihr.
Ist alles okay, Ingrid?, rief Hans ihr nach.
Ja, ja, alles bestens. Du, das Essen steht auf dem Herd!
Die Tür fiel ins Schloss, ihr Hans und seine zehn Klassen Liebe blieben zurück, aus der Nachbarwohnung bellte der Hund, während Mutter ihre Reise begann.
Das Wild war exzellent, Richard an diesem Abend ein wenig zerstreut, schaute immer wieder auf die Uhr. Die Bedienungen warfen verstohlene Blicke.
Kommen Sie öfter her?, fragte sie.
Schon, ja. Will ehrlich sein, Ingrid: Ich war schon mit anderen Damen hier. Schwäche für Frauen und gutes Essen. Aber Sie Sie sind anders. Er ergriff ihre Hand, betrachtete den zarten Handrücken, sah einen alten Brandfleck und küsste ihn leise nicht mehr dieselbe Hand, mit der sie vor kurzem noch das Hackfleisch geknetet hatte.
Was soll ich sein? Ich bin doch ganz normal…, versuchte sie abzuwiegeln, zog die Hand zurück.
Nicht normal, Ingrid. Sie sind besonders. Wissend, interessiert. Ich weiß, dass Sie Ballett mögen, da frage ich gar nicht erst. Sie waren bei meinen Aufführungen? Lassen Sie, ich schicke Ihnen Karten. Nein, Schluss mit der Arbeit! Wir feiern jetzt!
Er klatschte in die Hände, das Personal schwirrte herbei, Wein wurde eingeschenkt, rubinrot, funkelnd unter dem Kronleuchter…
Mutter kam nach Hause, es war fast schon elf. Markus hörte Musik, Hans schlief längst.
Warum so spät, Mama? Warst du auf einem Date?
Mutter wurde rot. Zum Glück war der Flur so schummrig.
Und so entstand die sagenumwobene Margarete Meier, angeblich eine Jugendfreundin meiner Mutter. Mit ihr traf sie sich, mit ihr telefonierte sie. Nicht oft, aber regelmäßig.
Woher kommt sie? Diese Margarete, deine Kluge?, fragte Hans einmal.
Aus Eberswalde, antwortete Mutter, hatte da irgendwas im Radio gehört, irgendwer aus Eberswalde war bekannter Choreograf… Ich habe mal dort Urlaub gemacht, sie kennengelernt, und…
Hans reichte die Antwort. Eberswalde, da war er mal angeln. Gute Gegend.
Mit Richard traf sich meine Mutter selten, ging mit ihm essen, führte Gespräche über Kunst, las, um mitreden zu können, war stolz, dass sie sich vorbereitet hatte. Ob daraus mehr werden könnte? Unbedeutend. Einfach ein kleiner Flirt sie betrog Hans nicht, es gab nicht einmal einen Kuss. Gute Gesellschaft, warum nicht?
Wenn Margarete Meier anrief, und Mutter da war, wurde eine halbe Stunde telefoniert. Markus stöhnte, wartete auf wichtige Anrufe, Hans wartete auf seine Frau. Meist redeten sie über Anna Pavlova, Gret Palucca, Mary Wigman…
Margarete Meier schwärmte im Hörer, Emmi beobachtete ihren Menschen so entspannt war Richard schon lange nicht mehr, keine Tanten mehr, Yoga ließ er bleiben. Er saß einfach nur da und telefonierte… Endlich wurde es besser!
Eines Tages lud Richard meine Mutter zu sich nach Hause ein.
Ich habe die Restaurants satt. Kommen Sie lieber zu mir. Meine Hündin ist krank, sie braucht Gesellschaft. Und Sie sind neugierig, wie ich wohne, gebe ich zu! Dann zeige ich Ihnen den alten Fotoalbum meiner Großmutter. Kommen Sie?, sagte er leichthin.
Und warum nicht? Es war November, draußen grau, Emmi tat ihr leid, vielleicht tat auch Richard ihr leid…
Sie fuhr mit, stieg die breite Kiesauffahrt hinauf zum Haus hinter schmiedeeisernem Tor Architektur wie aus einem schlechten Märchen, zu viele Säulen, zu viel Stuck an den Fassaden, übertriebene Balkone.
Sie schnupperte. Hinter der Haustür kein vertrauter Geruch. Kein Hauch von Zuhause, von warmem Leben bloß Kälte. In Mutters Wohnung roch es nach Apfelkuchen, Wäsche, Geborgenheit. Hier nichts. Leer, steril.
Wo ist Ihre Küche, Richard? fragte sie. Plötzlich hatte sie diesen unwiderstehlichen Drang, dem Haus mit einem frischen Kuchen etwas Leben einzuhauchen.
Richard lachte: Die Küche? Aber sicher, Ingrid, hier entlang!
Im Haus war alles wie im Museum, alles zu still, zu grau, die Küche roch nur nach abgestandenen Rosen. Emmi schlich sich weg, augenscheinlich von der Szene enttäuscht.
Kaum dass Mutter nach dem Lichtschalter fragte, hörte sie nur Richards Stimme: Mach dich doch schon mal frei, Ingrid. Ich bin gleich da…
Erschrocken fuhren ihr die Hände zum Hals, sie musste raus, sofort, und stürmte aus dem Haus. Vor ihrem inneren Auge schüttelte Hans vorwurfsvoll den Kopf: Peinlich, wie sie sich hatte gehen lassen.
Sie sprang ins Taxi, zurück in die Stadt.
Richard, der noch durch die leeren Flure schlich, suchte sie vergeblich, verstand nicht, warum sie einfach gegangen war. Und dann weinte er.
Emmi heulte leise mit. Mutter hatte sie verlassen, für immer, so schien es!
Sie war anders, echt, nicht wie die anderen. Mit ihr hätte es vielleicht sogar etwas werden können. Aber er hatte alles verdorben zu forsch, zu direkt. Sie war aus einem anderen Holz geschnitzt.
Mutters Heimkehr ging im Haushalt fast unter. Sie schlich sich ins Bad, betrachtete sich lange im Spiegel und musste dann lachen. Erst leise, dann immer lauter.
Was ist denn, Ingrid? Hans klopfte, schlich um die Tür.
Nichts, Hans. Alles gut. Schlafen wir einfach…
Ein paar Tage später rief Margarete Meier wieder an. Mutter wollte erst auflegen, aber sie hatte plötzlich Mitleid. Mitleid mit Richard und mit Emmi, dem kranken Dackel.
Sie tröstete, ermutigte, fand wieder einmal die richtigen Worte. Richard hörte lange zu, saß am Fußende von Emmis Körbchen…
Wer war dran? Schon wieder Margarete?, fragte Hans in der Küche.
Ja, antwortete Mutter. Der Hund ist krank.
Schade. Gibts schon Kuchen?, hob er die Augenbraue, Mutter zog die goldene Quiche aus dem Ofen.
Die Anrufe wurden zur Alltagsroutine. Mal sprach sie, mal bat sie Markus wegzudrücken. Es ermüdete, immer zu trösten, immer zuzuhören. Aber schroff werden, einfach Schimpfen oder gar befehlen, aufzuhören, konnte sie nicht dazu tat Richard ihr zu leid. Da lebte er, einsam in seinem kalten Haus.
Richard ging immer seltener ins Ballett, tanzte nicht mehr gut, irgendwann, im Februar, hörte er ganz auf.
Warum denn, Richard?!, rief Ballettmeister Krüger.
Weil es keine Unersetzlichen gibt, korrigierte er sich. Verzeihung.
Dass meine Mutter im dritten Stock im Büro saß, war ihm längst entfallen, oder wurde von andern Dingen verdrängt.
Das letzte Mal rief er mitten während ihrer Geburtstagsfeier an. Die Gäste saßen fröhlich am Tisch, Hans schenkte ihr Blumen, alles war gut. Da klingelte das Telefon…
Soll ich sagen, du bist nicht da?, flüsterte Hans.
Nein! Letztes Mal, bitte…
Sie ging ran. Richard erzählte, dass Emmi Welpen bekommen hatte er wolle ihr einen schenken.
Warum?, fragte sie.
Damit wenigstens einer von Emmis Kindern dich hat. Ingrid, ich glaube, ich habe mich in dich verliebt… Du bist so echt, so lebendig, wie meine Mutter… Willst du den Kleinen?
Sie nahm das Dackelchen, rötlichbraun und tapsig, und nannte es Gustav. Gustav gewöhnte sich schnell an die Wohnung, wurde Markus bester Freund aber am meisten hing er an Mutter.
Er wartete immer an der Tür, begegnete ihr mit seinem Dackelgrinsen. Er wusste vielleicht auch: Es gibt niemanden wie Ingrid.
Viele Jahre sind vergangen. Wo Richard ist, was er macht, weiß Mutter nicht. Hans hat sie alles erzählt, er lachte nur, zeigte keine Kränkung.
Aber die Angst vor Telefonaten blieb. Nein, Angst ist es nicht sie weiß einfach oft nicht, wie man sich zu verhalten hat. Manchmal klopft die Vergangenheit an, schaut mit den traurigen Stein-Augen in ihre Träume, winselt. Doch dann tauchen Markus auf, seine Verlobte Stefanie und die Welt dreht sich wieder so, wie es sein soll.
Und Richard Stein, der beste Tänzer des Staatsballetts, lebte von seinem Abschied an alleine in dem Haus mit den Säulen. Ab und zu kam Ludmilla mit ihrem Sohn zu Besuch. Dann saßen sie in der großen Halle, tranken Kaffee aus winzigen Tassen, und Richard schaute aus dem Fenster, dachte zurück an ein Leben voller Proben, vieler Erfolge, aber wenig erfüllter Gefühle. Die Liebe, die war stets dort, wo Ingrid war. Leider hat er ihr nie eine Karte zu seiner Vorstellung geschenkt. Schade.
Was ich daraus gelernt habe? Es gibt im Leben entscheidende Begegnungen, die man nicht vergisst. Aber man muss den Mut haben, seinen eigenen Weg zu gehen und zu wissen, wo das Zuhause wirklich ist.



