Na, ist der Trauschein doch stärker als bloßes Zusammenleben? – Die Männer machten sich über Nadja lustig

10.
Juni 2024
Heute wieder so ein Tag, an dem alles an die Oberfläche kommt.
Na, ist ein Trauschein doch stabiler als eine lockere Beziehung? höre ich noch im Ohr, wie die Jungs damals über mich spotteten.
Zehn Jahre Abitur, damals wollte ich schon nicht mit, und jetzt, bei dreißig Jahren Uniabschluss, erst recht nicht.
Das war mein Gedanke, als Annegret heute früh anrief und mich überredete mitzukommen.
Ich käme danach eh in ein Loch, sagte ich, die sollen gehen, die sich jedes Jahr treffen, die merken doch kaum, wie sie sich verändert haben. Ich schreie fast ins Telefon, trotz der frühen Stunde.
Wovor hast du denn Angst, wie siehst du denn aus?, wundert sich Annegret.
Wir haben uns doch vor fünf Jahren gesehen, und da gings dir gut. Sie klingt ehrlich überrascht.
Bist du dicker geworden, oder was?
Nee, es hat nichts damit zu tun Ich mag nicht, bitte, nerv nicht, Annegret, blocke ich ab.
Ich hoffe, sie versteht, und ruft dann wohl die nächste auf ihrer Liste an.
Aber diesmal lässt sie nicht locker.
Maja, unsere Gruppe ist eh schon so klein!, beharrt sie.
Einen Moment zucke ich zusammen.
Was, ist jemand gestorben?, frage ich erschrocken, obwohl ich weiß, so alt sind wir nun wirklich noch nicht.
Nein, aber viele sind ins Ausland gezogen.
Nur Peter ist tot, schon vor fünfundzwanzig Jahren oder länger, hab ich dir doch schon mal erzählt
Wie trocken sie das berichtet.
Aber der Gedanke an Peter bringt mich ins Grübeln.
Er hatte immer diese dunklen Augenringe, die Jungs nannten ihn schwach dabei steckte viel mehr dahinter.
Ein schwaches Herz, so hab ich später erfahren.
Peter träumte davon, eine große Schrägseilbrücke hier in Nürnberg zu entwerfen, aber Es war ihm nicht vergönnt.
Und ich?
Was hab ich eigentlich erreicht?
Ich habe mich damals in Thomas verguckt, Bauleiter bei der Baufirma, wo ich nach dem Diplom anfing.
Wir waren lange zusammen, er stellte mich überall als seine Frau vor.
Ehe ist nicht entscheidend, Liebe zählt!, meinte er oft.
Und irgendwann war ich schwanger genau als er plötzlich nicht mehr aus seiner Schicht zurückkam.
Er hatte schon drei Kinder, seine Frau war krank geworden, und er musste alles zuhause regeln.
Den Job gab er auf, mir sagte er nichts.
Da wusste ich, da kann ich nichts verlangen.
Ich ging selbst weg von der Baustelle, bevor jemand was bemerkte.
Ein paar Kollegen witzelten noch mit diesem Spruch vom Trauschein.
Aber ich war nur froh, dass es vorbei war.
Ich fing in dem kleinen Edeka bei uns im Viertel an, die Nachbarin hatte mir geholfen.
Zwei Tage die Woche durfte ich bleiben, auch als ich schon schwanger war.
Meine Mutter passte auf Jens auf.
Wenn du schon so blöd bist und den guten Job von der Uni wegwirfst…, schimpfte sie.
Du hast mich selbst zu dem gemacht!, habe ich ihr irgendwann entgegengeschrien.
Ich dachte, du wirst wenigstens anständig!
So viele Opfer, damit du ein Diplom hast! Sie schrie, ich schrie.
Zum Schluss fielen wir uns in die Arme und weinten.
Doch es half nichts.
Wohin hätte ich gehen sollen?
Fünf Jahre Uniabschluss ich bin nicht hingegangen damals, Annegret hatte gebettelt.
Bei dem Gedanken daran wurde mir schlecht.
Über was sollte ich denn erzählen?
Sie zeigen Urlaubsfotos, sprechen über erfolgreiche Karrieren ich putze den Boden in drei Häusern.
Im Wohnblock, in der Schule, im Kindergarten.
Worüber sollte ich reden?
Genauer gesagt was sollten sie mit mir reden?
Für Jens war ich zu allem bereit, er war mein einziger Trost.
Auch als meine Mutter, kaum war Jens im Kindergarten, zurück aufs Land zu ihrer Schwester Stefanie ging.
Die Stadt macht mich krank, frische Luft brauche ich!
Einige Jahre später hatte ich auf einmal Glück ein halber Ingenieursposten wurde in Teilzeit frei, und ich bekam ihn.
Jens war gerade eingeschult, ich konnte ihn nachmittags abholen.
Er war richtig stolz darauf und seine Freunde auch ein wenig neidisch.
Ein Mann auf Arbeit fing dann an, mir schöne Augen zu machen, aber ich lehnte ab.
Jens Vater war er nicht, und einen fremden Mann wollte ich ihm zuhause nicht zumuten.
Allmählich wurde ich besser im Job, bald war ich ganz angestellt als Ingenieurin.
Aber ich fühlte mich immer minderwertig immer schüchtern, nie auffallend gekleidet, Haare ungefärbt, mit vierzig kamen die ersten silbernen Strähnen.
Ich glaubte, ich hätte kein Recht glücklich zu sein, nicht nach der Sache mit Thomas.
Wer war ich schon?
Schöne Kleidung, Schminke ich konnte es mir nicht erlauben.
Was, wenn ich wieder jemanden gefalle?
Glück das schien nicht für mich gemacht.
Mit den Jahren wurden immer mehr geschieden, und ich war überzeugt, dass ich nicht besser war als die.
Vielleicht eher schlechter.
Jens ließ sich von all dem nicht unterkriegen, er war fleißig, half seinen beiden Omas draußen im Dorf beim Graben und Ernten, hackte Holz, schleppte Kartoffelsäcke und füllte Gläser mit Marmelade.
Die Omas schwärmten später: So ein Enkel, das ist ein Geschenk des Himmels!
Wozu also sollte ich ins Kaffeehaus zur Jubiläumsfeier des Abschlusses?
All diese vertrauten Gedanken flogen mir heute binnen Sekunden durch den Kopf.
Ich hörte, wie Annegret am Telefon fragte: Hast dus dir gemerkt?
Café gegenüber vom Wohnheim, nächsten Freitag, 15 Uhr.
Komm, wenigstens mit mir reden! Plötzlich, ganz eigenartig, sagte ich einfach: Ja, ich komm
Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, bereute ich es schon.
Aber während ich ins Spiegelbild sah, griff ich doch das Handy erneut, wollte Annegret absagen.
Doch immer war ihr Handy besetzt.
Bis spät am Abend kramte ich dann die blaue Kleid aus dem Schrank das Kleid, das Jens mir zur Hochzeit gekauft hatte.
Jens und seine Frau Sophie hatten mich damals mitgezogen, ins Einkaufszentrum, zig Male hatte Sophie mich zur Anprobe gedrängt.
Schließlich haben sie mich frisiert und gestylt, und das Kleid gefiel sogar mir was selten war.
Das war vor einem Jahr gewesen.
Jens und Sophie sind inzwischen ausgezogen, leben ihr eigenes Glück.
Ich trug mein Haar zusammen, zog das Kleid über, schminkte etwas Lippenstift auf gleich wieder abgewischt, zu auffällig, fand ich.
Wem sollte ich denn gefallen?
Im Café war es laut, voll, hektisch.
Annegret winkte gleich: Maja!
Du siehst ja hinreißend aus.
Ich hab dich so vermisst! Sie hat zugenommen, das steht ihr aber merkwürdigerweise.
Wir setzten uns, redeten viel, lachten.
Dann wurde sie abgelenkt, und ich saß allein, nippte an meinem Apfelsaft und hörte der Musik zu.
Jemand hatte wohl extra alte Lieder ausgesucht wundervoll.
Die Zeit, als wir noch Pläne schmiedeten und in den Tag hineinträumten.
Plötzlich sprach mich eine Stimme an, leise, durch die Musik: Darf ich Sie zum Tanz bitten? Ich schaute hoch und erkannte ihn sofort: Alexander Keller, aus der Parallelgruppe.
Damals hatte ich für ihn geschwärmt, doch er heiratete auf dem dritten Semester ein anderes Mädchen.
Maja, du bist immer noch hübsch.
Ich bin zum ersten Mal hier und habe niemanden erkannt nur dich sofort. Alexander lächelt.
Er reicht mir die Hand, ich sage nicht nein, stehe auf.
Wir tanzten, schweigend und vertraut, mehrere Lieder lang.
Dann fragte er, plötzlich ganz vorsichtig: Maja, darf ich dich heimbringen?
Ich bin schon lange geschieden, aber falls daheim jemand auf dich wartet, bringe ich dich einfach nur nach Hause
Alexander brachte mich nach Hause.
Und am nächsten Tag trafen wir uns wieder.
Und noch einmal.
Und dann immer öfter.
Später half mir Sophie bei der Brautkleidsuche, mein Bauch war schon gerundet ich werde Großmutter!
Es war mir fast peinlich, als Braut dazusitzen.
Ich erlaubte mir dennoch, glücklich zu sein.
Und Sophie flüsterte mir ins Ohr: Frau Weber, Sie sind wunderschön!
Wir freuen uns so für dich.
Glücklich sein ist immer erlaubt egal in welchem Alter!
Wie recht sie hat, dachte ich, als ich neben Alexander am Hochzeitstisch saß.
Ich darf wirklich glücklich sein.
Heute konnte ich mir selbst vergeben.
Ich lasse es zu, zu leben.
Vielleicht schreibe ich das sogar unter den Post auf Facebook Was denkt ihr darüber? Ein Gefällt mir wäre auch nicht schlecht.

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Homy
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Ein Sandwich und ein 15 Jahre altes Geheimnis…