Es war in jenem Herbst, als vorbeifahrende Autofahrer einen Hund am Rand der Landstraße bemerkten, der regungslos an der Ausfahrt zu einem kleinen Dorf stand. Tag für Tag blieb er an derselben Stelle. Zuerst stand er, nach einer Woche saß er, und schließlich lag er nur noch da, geschwächt vom Hunger, während er jedes vorbeifahrende Auto mit den Augen verfolgte.
Die Dorfbewohner begannen anzuhalten, um das Tier zu füttern. Aus der Ferne sah der Mischling wie ein Schäferhund aus, wäre da nicht sein buschiger Schwanz gewesen, der sich verspielt zu einem Ring gekrümmt auf seinem Rücken lag. Zu denen, die ihm Futter brachten, war er freundlich, ließ sie aber nie zu nah heran. Doch er fraß gierig, bis der Napf leer war. Seinen Posten verließ er nur kurz, wenn es nötig war.
Am meisten rührte das Schicksal des Hundes den Jungen Jakob, der im Dorf lebte. Jeden Tag kam er, um dem Leidenden beizustehen einem Rüden, den er Treuer nannte. Er erklärte, dass wohl etwas mit dem Herrchen passiert sein musste und er nicht zurückkehren würde, und versuchte, den Hund zu überreden, mit ihm zu gehen.
Der arme Kerl neigte den Kopf zur Seite und hörte misstrauisch zu, doch er wollte keine Nähe zulassen. Es dauerte eine Weile, aber schließlich freundeten sie sich an und saßen nun zusammen am Straßenrand, während die Autos vorbeirasten.
So verging der Herbst, und mit nahenden Frösten kam der Winter. Auf Jakobs Bitte hin baute sein Vater an der Landstraße eine isolierte Hütte mit einem überdachten Podest, um die Futternäpfe vor Regen und Schnee zu schützen. Der neue Unterschlupf gefiel dem Hund, doch trotzdem kehrte er, sobald er sich aufgewärmt hatte, zur Straße zurück.
Bald fegten Schneestürme über das Land, bedeckten die Straße, das angrenzende Feld und auch das Hundehaus. Einmal war der Schnee so hoch, dass er die Hütte völlig begrub und alles unter einer weißen Decke verschwand. Nach jedem Schneefall kamen Jakob und sein Vater, um den Eingang für den Hund freizuschaufeln. Nun war sein Zuhause eine Höhle mit einem Graben, der zur Straße führte. Und wie immer ging Treuer, sobald er gefressen hatte, zurück zur verlassenen Straße und stand lange da, in die Ferne starrend.
Doch jeder Winter geht einmal zu Ende auch dieser. Das Eis schmolz, der Schnee verschwand, und die Erde trocknete. Vögel zwitscherten, Schmetterlinge flatterten. Die Straße wurde wieder belebt, als die Wochenendausflügler zurückkehrten.
An jenem Tag kam Jakob wie immer zu dem Hund. Sie spielten, rannten sogar ein wenig. Müde setzten sie sich am Rand des Holzpodests nieder und genossen die Wärme der hellen Frühlingssonne.
Plötzlich wurde der Hund unruhig, sprang auf und stürmte einer dunklen Limousine entgegen, die auf die Landstraße einbog.
Der BMW bremste abrupt, sodass die Hinterräder blockierten. Ein stämmiger Mann, Mitte dreißig, fluchte, als er ausstieg, und drohte dem Hund mit der Faust. Doch dieser jaulte auf, sprang hoch und versuchte, den Schimpfenden zu belecken. Als er sein Ziel nicht erreichte, sprang er aufgeregt um ihn herum, stemmte dann die Vorderpfoten gegen die Brust des Fremden.
Der Mann stieß ihn erschrocken zurück, dann plötzlich schrie er: Marianne, guck mal, das ist ja Balu! Ich dachte, der wäre längst verreckt. Der Kerl ist ja zäh!
Onkel, ist das Ihr Hund?, fragte Jakob, der herbeigeeilt war.
Joa, war mal meiner. Hab nen Schäferhund gekauft, aber es war nur ein Mischling mit Ringelschwanz. Wenn ich mit so einem nach Hause gekommen wär, hätten mich die Jungs ausgelacht. Also hab ich ihn letzten Herbst einfach hiergelassen, als ich abgehauen bin. Er ist dem Auto bis hierher nachgelaufen, dann hat er aufgegeben.
Er hat Sie ein halbes Jahr lang hier erwartet, ist nie weggegangen.
Mann, wer hätte das gedacht, murmelte der Mann und kraulte dem Hund den Nacken. Der Hund winselte, sah ihm unentwegt in die Augen, trampelte ungeduldig mit den Pfoten und drängte sich enger an ihn. Aber ich hab mir jetzt nen richtigen Deutschen Schäferhund mit Stammbaum geholt, willst du ihn sehen? Er lief zum Auto, zog einen schlaksigen Welpen heraus und präsentierte ihn stolz. Sieh dir diese Pfoten an bald so groß wie meine Faust! Ein richtiges Biest!
Als Treuer das sah, ließ er den Kopf hängen. Er trat von seinem Herrchen zurück, setzte sich und blickte ihn traurig an, während er seufzte.
Tut mir leid, Alter, aber zwei kann ich nicht halten. Wer hätte gedacht, dass das so kommt?, murmelte der Mann zu seinem ehemaligen Freund. Außerdem kommst du hier ja auch ohne mich klar, du gehst nicht unter.
Er wandte den Blick ab, stopfte den Welpen hastig ins Auto, stieg selbst ein. Der Motor heulte auf, und der Wagen raste davon. Der verlassene Hund rannte hinterher, blieb dann stehen und starrte verzweifelt den schwindenden Rücklichtern nach. Schließlich drehte er sich um und trottete mit gesenktem Kopf zurück zur Hütte.
Jakob folgte ihm, Tränen ungehemmt über die Wangen laufend.
Treuer, mein Guter, wein nicht! Er ist deine Liebe nicht wert. Nicht alle Menschen sind so falsch, du hattest einfach Pech mit deinem Herrchen, sagte er, während er den Hund umarmte und ihm sanft über das Fell strich. Sei nicht traurig, wozu brauchst du diesen Mann? Du hast doch mich! Wir sind doch Freunde, oder? Ich bin jetzt dein Herrchen. Hab keine Angst, ich lasse dich nie im Stich! Komm mit mir nach Hause, ja?
Der Junge stand auf und ging langsam Richtung Haus, winkte dem Hund ermutigend zu. Der Hund zögerte, folgte ihm dann, blieb immer wieder unsicher stehen. In seinen Augen lag eine stumme Frage: Und du? Betrügst du mich nicht auch?
Komm mit, hab keine Angst, bei uns gehts dir gut, antwortete Jakob.
Schließlich fasste der Hund Mut, vertraute seinem Freund und sprang ihm nach. Gemeinsam betraten sie den Hof. Nachdem Jakob Treuer sein neues Zuhause gezeigt und ihn gefüttert hatte, saßen sie lange auf der Veranda.
Der dankbare Hund leckte Jakobs Hände, und der Junge flüsterte: Du bist mein guter Hund, der schönste und klügste von allen! Glaub diesem Verräter nicht, du bist kein Mischling. Er wusste nur nicht, dass es eine ganz besondere Rasse gibt. Die beste der Welt und sie heißt: treuer Freund!





