Ich will nicht

Ich will nicht mehr

Alles bleibt sowieso an mir hängen! Wie soll ich noch mehr schaffen? Saskia ist wütend.

Ihr Mann sagt nichts. Wie immer steckt Thomas lieber den Kopf in den Sand, in der Hoffnung, dass sich die Dinge von selbst regeln. Meistens regeln sie sich aber nicht: Saskia bekommt alles irgendwie hin. Sie arbeitet von zu Hause am Computer als Grafikdesignerin. Anfangs war das Gehalt mager, doch nach einigen Weiterbildungen verdient sie jetzt deutlich mehr, sogar mehr als Thomas. Von ihrem Lohn werden der Autokredit getilgt, Urlaube bezahlt, Haushaltsgeräte und Kleidung gekauft. Dann kam die Elternzeit. Saskia gab weiterhin Vollgas und brachte ihr Kind zur Welt erschöpft, aber sie wollte den guten Job auf keinen Fall verlieren.

Der Kleine kommt jetzt in die Kita. Das verschafft ihr zwar etwas Ruhe, aber neue Ausgaben kommen dazu. Die Kita war nicht irgendeine, sondern eine, die Saskia sorgfältig ausgesucht hat für ihr Kind nur das Beste! Thomas überlässt ihr solche Entscheidungen und viele andere komplett. Er vertraut ihr da völlig.

Sie wohnen in einer eigenen Wohnung in München, die Saskia von ihrer Großmutter geerbt hat. Thomas hat keine eigene Immobilie. Vor der Hochzeit lebte er noch bei seiner Mutter Helga Bauer, zusammen mit seiner Nichte Mia, der Tochter seiner älteren, verstorbenen Schwester. Drei Jahre ist es jetzt her, dass sie gestorben ist. Das hat Helga emotional schwer getroffen; die Gesundheit macht nicht mehr mit, der Blutdruck steigt immer wieder gefährlich hoch.

Als Thomas zu Saskia zieht, ist Mia bereits Studentin, inzwischen ganz selbstständig. Sie lebt ihr eigenes Leben, unternimmt viel, verreist, trifft Männer, genießt das Leben, kaum ist sie zu Hause.

Helga Bauer wendet sich mit ihren Sorgen oft an ihren Sohn und besonders an Saskia von allen anderen kommt eh keine echte Hilfe. Ihrer Enkelin Mia aber erfüllt sie jeden Wunsch sie ist schließlich Waise und die Tochter wurde unehelich geboren. Dass diese Geschichte heikel ist, verschweigt Helga meist; nichts Erfreuliches.

So läuft das Leben dahin, bis Helga mit einem massiven Blutdruckschub ins Krankenhaus kommt. Die Folgen sind schwerwiegend, sie ist bettlägerig. Nach drei Wochen ist sie einigermaßen stabil, aber weiterhin pflegebedürftig. Prognose: ungewiss.

Thomas entzieht sich wie immer, überlässt die Entscheidung wieder Saskia.

Frauen können das sowieso besser, sagt er achselzuckend.

Worin denn? fragt Saskia irritiert.

Naja Pflege Umsorgen Reha, murmelt Thomas und kratzt sich am Kopf.

Ich bin Designerin, kein Pfleger. Ich kann das auch nicht besser als du, seufzt Saskia. Na gut. Ich fahr hin und hör mir an, was die Ärztin dazu sagt.

Mit Helga verbindet Saskia ein durchwachsenes Verhältnis. Anfangs haben sie sich oft gestritten, aber irgendwann einigten sie sich auf Waffenstillstand sie leben ja nicht zusammen. Beide haben ihre Meinungen, sprechen sie aber nicht offen aus. Saskia erträgt Helga aus Respekt. Helga wiederum weiß, sie hat Glück mit Saskia als Schwiegertochter denn Thomas ist als Familienernährer eher schwach. Das Geld kommt von Saskia.

Den Enkel sieht Helga selten. Mal gehts ihr schlecht, mal quälen sie Kopfschmerzen praktischerweise immer dann, wenn Saskia eine Babysitterin bräuchte. Auf Hilfe von der Großmutter kann sie nie zählen.

Jetzt allerdings erwarten plötzlich alle Unterstützung von Saskia. Sie holt Helga aus dem Krankenhaus ab (Du arbeitest doch von zu Hause, kannst du ja mal schnell regeln. Thomas bekommt ja nie frei.) und bringt sie nach Hause. Die Familie zieht für eine Weile zu Helga, um ihr zur Seite zu stehen.

Sie leben sich ein. In drei Wochen ist Saskia so abgemagert, dass sie aussieht wie ein Kleiderständer. Irgendwie schafft sie weiterhin ihre Arbeit und pflegt dazu noch die Schwiegermutter. Kocht Brühen, püriert Gemüse, füttert Helga, wäscht sie, dreht sie um.

Mia, der Liebling, zieht sich still in ihr Zimmer zurück, bloß nicht eingespannt werden. Am nächsten Morgen gehts zur Uni. Danach ausgehen. Das Leben läuft weiter und was kann sie schon für Omas Situation?

Thomas hilft wenig. Saskia appelliert an seine Vernunft: Es ist deine Mutter! Hilf mal! Ich kann das nicht alles alleine!

Ich… kann das nicht… Das sind halt Frauendinge, murmelt Thomas, Ich war doch einkaufen. Was noch?

Die Frauendinge sind ziemlich ernst. Helga geht es nicht besser, sie ist gereizt, nörgelt an Saskia, Thomas, allen herum. Sie ist launisch und sagt oft harte Dinge. Laut Helga hat Saskia nur Glück gehabt: gutes Studium, gutes Gehalt, ein Zuhause, einen bequemen Computerjob mit viel Geld. Und der arme Thomas? Der fand in der Schule keine guten Lehrer, ging nicht auf die Uni, hatte nur Pech. Helga nahm sogar einen Kredit für sein Studium auf, aber Thomas schwänzt, reißt sich nicht zusammen. Das Papier macht er mit Ach und Krach.

Und dann noch die verstorbene Tochter, Mia steht kurz vorm Abi wieder Stress um Bildung. Zum Glück schafft sie das Studium aus eigener Kraft (Stipendium!), was bei Helga den Beweis für die Macht guter und schlechter Lehrer liefert. Damals zahlte die Mutter selbst noch alles.

Saskia hört sich das hundertste Mal an und denkt: Ich kann nicht mehr. Alle sind toll außer mir. Mir ist alles nur zugeflogen…

Ja, großes Glück vor allem mit dem Mann, denkt sie bitter. Was habe ich bloß an ihm gefunden? Wie blind war ich? Das denkt sie immer öfter. Sie schlägt eines Tages Thomas vor, eine Pflegekraft für seine Mutter einzustellen und in die eigene Wohnung zurückzugehen.

Pflegekraft?! Das ist aber teuer… Das kann ich mir nicht leisten Wenn du das willst, bezahl du sie halt. Ich mache das nicht.

Sie hatten seit Jahren einen Deal: Er bezahlt Betriebskosten und Grundnahrungsmittel, sie den Rest. Also müsste Saskia die Pflegekraft bezahlen. Das versteht sich ja von selbst, ärgert sie sich, aber wie das gesagt wurde! Bin ich hier für alle zuständig? Ich will auch mal leben. So bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst. Aber das interessiert keinen…

Irgendwann hält sie es wirklich nicht mehr aus. Eines Tages sagt sie Helga, sie gehe kurz einkaufen, schnappt sich ihren Sohn Ben aus der Kita und fährt zurück in ihre eigene Wohnung.

Endlich…, denkt Saskia, während sie auf dem großen Doppelbett liegt und an die Decke starrt, Ich bin zu Hause! Ich will nichts. Nur liegen. Ich bin so müde…

Sie ruft Ben zum Abendessen. Während sie essen, überlegt Saskia, dass sie in Helgas Wohnung bestimmt schon vermisst wird. Sie hat die alte Dame nicht einfach sich selbst überlassen: gefüttert, umgezogen in etwa anderthalb Stunden kommt Thomas wie immer heim. Ihm lässt Saskia eine Notiz da: Sie kann und will nicht mehr, wünscht Helga gute Besserung und bittet darum, ihr nicht böse zu sein.

Das Handy bleibt aus.

Thomas steht noch am selben Abend vor der Tür. Saskia lässt ihn erst gar nicht hinein sie reden durch die Tür. Es gibt kaum noch etwas zu sagen. Thomas ist nicht um Saskia besorgt, auch nicht um Ben oder ihre Ehe. Es geht ihm nur darum, was aus ihm wird ohne sie.

Saskia sagt ruhig: Ich rate dir, eine professionelle Pflegekraft zu engagieren. Die ist viel besser für deine Mutter. Und übrigens ich gehe zur Scheidung. Ich will nicht weiter das Lasttier für euch alle sein. Tschüss.

Thomas geht mit leeren Händen. Später schaltet Saskia ihr Handy ein, falls die Arbeit anruft.

Helga ruft an. Sie bittet, nicht zu gehen, entschuldigt sich für ihr Verhalten. Doch in ihrer Stimme schwingt Überheblichkeit mit, als erwarte sie, dass Saskia bald wieder zur Stelle ist.

Saskia macht ihr klar, dass sie niemandem verpflichtet ist. Helga hat einen Sohn. Und eine Enkelin. Die beiden sollen sich jetzt kümmern sie haben ihr viel zu verdanken. Da wird Helga wortlos auflegen.

Die Scheidung wird vollzogen.

So ist Saskia auf einmal wieder Single. Und es ändert sich nichts. Alles macht sie wie zuvor alleine nur mit weniger Last auf den Schultern. Und dafür ist sie dankbar. Endlich erkennt sie, wie die anderen sie behandelt haben.

Helga erholt sich. Die engagierte Pflegekraft pflegt sie fachmännisch und macht gezielte Reha. Thomas findet sich einen Nebenjob (Ach, das hätte er also schon früher machen können, denkt Saskia, als sie es zufällig von Mia hört) und kann der Pflegerin ihren Lohn zahlen. Und Überraschung! Mia hilft ihrer Oma auch fleißig; sie kann kochen, pflegen alles klappt bestens.

Tja, alles läuft besser, seit ich sie alle endlich von meinen Schultern geworfen habe, denkt Saskia, während sie am Rechner sitzt und den nächsten Auftrag erledigt. Und mir gehts auch besser. Beim nächsten Mal werde ich klüger seinSie lehnt sich zurück, sieht Ben beim Spielen zu und fühlt das erste Mal seit Langem so etwas wie Leichtigkeit. Es ist still, keine Beschwerden, keine Vorwürfe, kein ständiges Muss und Sollen im Nacken. Die Sonne fällt durch das Fenster, tanzt in Bens Haaren und malt helle Flecken auf den Teppich. In ihrem Kopf klingt es wie eine leise Melodie etwas, das fast vergessen war.

Später am Abend, als Ben schläft, kocht sie sich Tee und öffnet das Fenster weit. Frische, kühle Luft füllt die Wohnung. All die Sorgen, die Jahre des Schlechtredens, die Last der Erwartungen sie stehen draußen, können nicht mehr herein. Sie hört die Stadt, das ferne Lachen, hupende Autos, die Stimmen von Menschen, die draußen ihr Leben leben. Sie gehört jetzt wieder zu sich. Ihr Herz schlägt ruhig.

Ein Gedanke blitzt auf ungewohnt, aber hell: Ihr Leben ist jetzt ihr eigenes. Was sie davon macht, muss niemandem gefallen außer ihr und ihrem Sohn. Sie lacht leise und wundert sich, wie leicht es sich anfühlt, loszulassen. All die Jahre hatte sie Angst vor diesem Sprung und nun fühlt sich ihre neue Freiheit an wie Fliegen.

Am nächsten Morgen wacht Saskia auf und weiß: Kein Zurück. Heute beginnt alles neu. Und zum ersten Mal seit Ewigkeiten freut sie sich darauf, was kommen mag.

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Homy
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