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Die Wahl

Ach, und Sebastian ist tatsächlich schwer verheiratet… seufzte Hannelore, als sie auf einer alten Parkbank im Bürgerpark saß und das Überweisungsschreiben zur Abtreibungsklinik in ihrer Tasche krampfig umklammert hielt.

Ihre Mitbewohnerinnen im Wohnheim hatten sie oft beneidet, wenn sie mit diesem glattrasierten, dunkelhaarigen, blauäugigen Mann Arm in Arm gesehen wurde. Sie sagten, Hannelore hätte einen charmanten Begleiter erwischt. Doch letztlich war da nichts, worum man sie hätte beneiden sollen.

Unwillkürlich schauderte Hannelore, als sie sich an die erste und zugleich letzte Begegnung mit Sebastians Ehefrau erinnerte. Diese hatte am Werkseingang auf sie gewartet, entschlossen, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Na, guten Tag! Du bist doch die Hannelore, oder nicht?, begann sie direkt.

Wer sind Sie? Hannelore zuckte zusammen und fühlte sich unwohl unter dem bohrenden Blick dieser großgewachsenen, schlanken Frau mit den aschblonden, akkurat frisierten Haaren.

Ich bin Ursula, die Ehefrau von Sebastian Hartung.

Was…?

Schon richtig gehört!

Wieder so ein naives Mädchen, meinte die Frau ruhig, wie viele von eurer Sorte es wohl noch geben wird immer auf der Jagd nach dem Glück anderer.

Was erlauben Sie sich eigentlich?

Hör mal, sagte die Blonde und fasste Hannelore vorsichtig am Arm, was glaubst du eigentlich, wer du bist? Ich bin die rechtmäßige Ehefrau. Ich hab dich mit meinem Mann gesehen und du maßt dir jetzt hier noch an, dich als Opfer zu fühlen, statt dich zu schämen und zu verschwinden. Allerdings… ehrliche Menschen würden das so tun, aber anscheinend betrifft dich das nicht.

Sie schaute Hannelore abschätzig an. Solche wie dich hatte er schon viele, dafür reichen meine beiden Hände und Füße zum Zählen kaum aus. Ein Abenteuer, nichts weiter! Für ihn bist du nur eine kleine Affäre kaum aus dem Auge, schon vergessen. Halte dich fern von ihm.

Übrigens, wir haben zwei Töchter, ich kann dir gern ein Familienfoto zeigen. Ursula zog ein Bild aus ihrer Tasche und hielt es Hannelore unter die Nase. Sieh her! Das ist unser großes, reines Glück. Das war im Sommer an der Ostsee… Na? Keine Antwort?

Was wollen Sie eigentlich von mir? Klären Sie das mit Ihrem Mann!

Oh, keine Sorge, das werde ich auch noch tun! Er arbeitet ja erst seit kurzem hier der Verdienst ist gut, und dann liefen Sie uns über den Weg… Ursula schnaubte. Lass ihn ziehen. Glaub den Versprechen nicht, Sebastian wird sich nie scheiden lassen. Verschwende nicht deine junge Zeit. Wie alt bist du, dreißig?

Fünfundzwanzig!, entgegnete Hannelore gekränkt.

Na siehst du, noch genug Zeit für dein eigenes Glück. Lass Sebastian in Ruhe.

Hannelore hörte nicht weiter zu, mit zittrigen Beinen entfernte sie sich langsam. Die Ehefrau ihres Geliebten war plötzlich in ihr Leben eingebrochen und hatte mit einem Schlag alle rosigen Träume zerstört.

Verräter…, murmelte Hannelore, und ein harter Kloß stieg in ihrem Hals auf. Doch sie durfte ihre Gefühle auf der Straße nicht preisgeben; Gerede auf der Arbeit konnte sie nicht gebrauchen.

Abends erschien Sebastian, als sei nichts gewesen, mit Blumen vor ihrer Tür. Sie warf ihn hinaus, trotz seiner Beteuerungen ewiger Liebe und dem Versprechen, sich bald zu trennen seine Ehe sei angeblich schon lange nur Fassade.

Zwei Wochen brauchte Hannelore, um wieder zu sich zu kommen. Sebastian ließ sie nun in Ruhe. Wenn sie sich sahen, tat er, als kenne er sie nicht.

Doch das Schicksal meinte es nicht gut zu ihrer seelischen Not gesellten sich morgendliche Übelkeit und Schwindel hinzu. Erst führte sie es auf Aufregung zurück, dann schlug es wie ein Urteil ein: Sechs Wochen… Ihre Liebe zu Sebastian hatte ein Kind gezeugt.

Hannelore fürchtete, eine ledige Mutter zu werden. Sie hatte große Angst und wähnte sich bereits von allen verurteilt. Einer, den sie kaum gekannt hatte, hatte ihr Vertrauen missbraucht.

Sebastian hatte ihr seine Ehe verschwiegen. Was hätte sie tun sollen gleich bei der ersten Begegnung nach dem Personalausweis fragen? Einen Ehering trug er nicht, aber das tun viele Verheiratete nicht.

Wieso war ihr nicht aufgefallen, dass er sie bat, die Beziehung geheim zu halten?

Er hatte sie hintergangen, doch das half ihr nicht weiter. Auch auf der Arbeit tuschelte man, als Ursula sie öffentlich zur Rede gestellt hatte.

Ich bin schwanger, sprach Hannelore Sebastian während der Mittagspause an, getrieben von Verzweiflung.

Er drückte ihr grob fünf Hundert-Euro-Scheine in die Hand. Hier, so kannst du das regeln. Das war sein Kommentar.

Am nächsten Tag hatte Sebastian gekündigt und verschwand für immer aus ihrem Leben.

Hannelore wusste, dass sie nicht lange zögern durfte. Obwohl ihr der Arzt ins Gewissen redete, hatte sie das Überweisungsschreiben für den Eingriff akzeptiert.

Jetzt saß sie also auf der Parkbank, das Papier in der Hand, als müsste sie es verteidigen.

Haben Sie es eilig? fragte plötzlich ein junger Mann im Anzug mit einem riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen, der sich neben sie plumpsen ließ.

Wie bitte?, blickte Hannelore mit leeren Augen auf.

Ihre Armbanduhr geht vor, lächelte er und zeigte auf die kleinen vergoldeten Zeiger an ihrem Handgelenk.

Meine Uhr geht immer zehn Minuten vor… Ich stelle sie ständig zurück, aber es bringt nichts, bemerkte Hannelore teilnahmslos und wandte sich ab.

Wunderbares Wetter heute, oder? Herrlichster Altweibersommer. Meine Mutter liebt diese Jahreszeit. Sie sagt, an einem so warmen Herbsttag hätte sie im Leben die richtige Entscheidung getroffen und nie bereut.

Er plauderte weiter: Wissen Sie, meine Mutter ist großartig! Stolz hob er den Daumen. Ich bin ihr so dankbar.

Und Ihr Vater? fragte Hannelore unvermittelt.

Über meinen Vater spricht sie nicht. Ich stelle keine Fragen, ich weiß, dass es ihr unangenehm ist…

Ich komme gerade von einem Bewerbungsgespräch. Stellen Sie sich vor, aus zehn Bewerbern haben sie mich genommen obwohl ich keine Erfahrung habe! Ich kann es kaum fassen… Dafür verdanke ich meiner Mutter alles. Sie hat mir Mut gegeben.

Er lächelte. Ich weiß schon, wofür ich meinen ersten Lohn ausgeben werde. Ich schicke meine Mutter ans Meer sie war noch nie dort. Und Sie? Waren Sie schon einmal am Meer?

Nein. Hannelore blickte ihn ganz genau an, ihr Blick blieb seltsam lang an der bordeauxroten Krawatte hängen.

Der sympathische, lebensfrohe Junge strahlte vor Glück.

Das ist ein Geschenk meiner Mutter, sagte er stolz, als er merkte, wohin Hannelore sah.

Wahrscheinlich nerve ich Sie mit meinem Gerede. Aber Sie sehen so traurig aus… Ich dachte, Sie brauchen vielleicht jemanden zum Reden. Rede ich zu viel?

Hannelore schüttelte stumm den Kopf. Er störte sie kein bisschen. Im Gegenteil, er brachte das Karussell der düsteren Gedanken in ihrem Kopf zum Stillstand. Sein Respekt und seine Liebe zu seiner Mutter berührten sie.

Was für eine hingebungsvolle Liebe, dachte sie, lauschte dem Jungen und beobachtete ihn nachdenklich. Seine Mutter kann sich glücklich schätzen… So einen Sohn hätte ich auch gern.

Nun, ich muss los. Meine Mutter wartet bestimmt schon und sorgt sich… Lassen Sie sich Zeit!

Wie bitte?

Das gilt Ihrer Uhr. Er lachte.

Ah, lächelte sie zum ersten Mal.

Einen Moment später war der junge Mann verschwunden. Hannelore holte zögernd das Überweisungsschreiben hervor, das sie kurz zuvor noch so fest gehalten hatte, und zerriss es langsam in kleine Stücke.

Lange saß sie noch wie verzaubert da, atmete die herbstlich-frische Luft des sonnigen Tages.

Etwas war in ihr warm geworden, leicht, fast heiter nach diesem Gespräch, das so zufällig begonnen und doch so viel gut gemacht hatte.

Sie war nicht allein. Diese andere Frau hatte einen großartigen Sohn allein großgezogen. Schade, dass ich nicht nach seinem Namen gefragt habe… Aber das spielt keine Rolle mehr.

Ihre Entscheidung war getroffen.

***

Dreiundzwanzig Jahre später…

Mama, ich komme zu spät! Stas, schon fast ein Mann, stand am Spiegel. Hannelore band ihm sorgfältig die bordeauxrote Krawatte ein Geschenk, extra gekauft für das wichtige Bewerbungsgespräch.

Ach, lass doch gut sein mit der Krawatte…

Sie gibt dir nur ein bisschen Selbstvertrauen. Vertrau mir, alles wird gut. Sie nehmen dich bestimmt… So, jetzt sitzt sie perfekt! Sie trat zurück und bestaunte ihren Sohn.

Ich bin ganz aufgeregt, was, wenn es schiefgeht…?

Das ist genau dein Platz, Stas. Hab keine Angst, antworte offen, lächle ruhig und sei du selbst. Du bist zum Verlieben.

Okay, Mama. Stas küsste sie auf die Wange und eilte hinaus.

Am Fenster verfolgte Hannelore, wie ihr einziger, ihr liebster Mensch schwungvoll Richtung Haltestelle ging.

Plötzlich durchfuhr es sie wie ein Blitz: Diese Szene hatte sie schon einmal erlebt…

Damals, vor über zwanzig Jahren, auf der Parkbank im Bürgerpark… Damals, als sie zum ersten Mal über das Leben ihres ungeborenen Kindes entschied.

Stas, jetzt im Anzug, erinnerte sie an jenen jungen Mann von damals…

So viele Jahre war diese Erinnerung verschüttet, und nun wurde sie wieder lebendig.

Konnte es wirklich sein? Hatte das Schicksal damals für einen Moment ihr die Augen geöffnet ihr sichtbar gemacht, welches Leben sie zu retten bereit war? Damit sie die richtige Wahl traf…

Warum hatte sie nicht nach seinem Namen oder dem Namen seiner Mutter gefragt? Aber, ach, jetzt spielte das keine Rolle mehr.

Es war alles wunderbar geworden.

Nachmittags kam Stas nach Hause, in der Hand einen riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen, passend zur Krawatte. Er verkündete, dass er die Stelle bekommen hatte.

Und er versprach ihr, dass sie zusammen endlich ans Meer fahren würden, denn Hannelore war noch nie dort gewesen.

Die Zeit war gekommen, in der sich der Sohn um seine geliebte Mutter kümmerte. Für sie würde er Berge versetzen, Flüsse umleiten so ein Sohn war Hannelore geschenkt worden.

Was immer auch auf sie zukam in all den Jahren, legte sie den Kopf an seinen duftenden Schopf, und es wurde ihr leichter ums Herz. Sie meisterten alles, hielten durch und verzweifelten nie.

Nie, niemals hat Hannelore bereut, geboren zu haben. Sie hatte die richtige Wahl für sich getroffen.

So sollte es eben sein.

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Homy
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Lieber eine geliebte Ehefrau sein als eine perfekte Tochter