DIE SCHACHTEL MIT VERSCHWUNDENEN VERSPRECHEN
Seit einiger Zeit hatte ich, Verena, das Gefühl, dass in unserer Wohnung, irgendwo mitten in München, noch jemand wohnte außer Bernd und mir. Nein, kein Geist. Geister, so dachte ich, sind zu beschäftigt, um mit Alltagströdeleien ihre Zeit zu vergeuden.
Was hier ablief, war pure Hausmagie. Wie ein kleiner Kobold.
Zuerst verschwanden meine Sportsocken. Natürlich einzeln. Hätte ich sie in der Waschmaschine verloren das kennt jede Hausfrau. Aber ausgerechnet diese weißen mit den roten Streifen, die ich immer zum Fitnessstudio anziehe, lagen sonst immer sofort sichtbar in der Schublade. Fast vorwurfsvoll, als wollten sie sagen: Wann hast du das letzte Mal nach uns gegriffen?
Und dann weg. Erst der eine, und schon am nächsten Tag auch der andere.
Nach einer Woche tauchten sie auf. Am selben Ort. Zusammen gerollt wie kleine Schnecken. Obenauf ein zerknittertes Stück graues Papier, mit krakeligen, gedruckten Buchstaben:
Du hast uns 127 Tage vergessen. Wir haben mitgezählt.
Warst du das?, stellte ich Bernd zur Rede, der gerade entspannt durch seine Nachrichten-App scrollte. Willst du mir damit etwa sagen, dass ich zu dick bin und wieder Sport treiben sollte?
Er schaute nur verdutzt und schüttelte vehement den Kopf.
Also gut…, murmelte ich, auch wenn ich ihm nicht ganz traute. Ein Scherzkeks war Bernd ja schon.
Dann verschwand meine Lieblings-Haarspange vom Spiegel im Flur. Und mein teurer Lippenstift für besondere Anlässe, den ich immer in der Handtasche habe.
Fand beide dann im Küchenschrank, direkt zwischen den Nudel- und Reiskartons. Mit Zettelchen.
An der Spange:
Entscheide dich endlich willst du lange oder kurze Haare? Ich habs satt, dass du mich Monate lang vergisst und dann plötzlich vermisst.
Am Lippenstift:
Wann gab es denn zuletzt diesen besonderen Anlass? Ich drohe zu vertrocknen.
Das ist nicht mehr witzig, zischte ich, Bernd am Ärmel rüttelnd, der auf dem Sofa aufs Mittagessen wartete.
Sag mal, tickst du noch ganz richtig? Warum sollte ich mir so einen Quatsch ausdenken?, konterte er.
Das saß. Bernd war wirklich kein Narr. Und in mir wuchs langsam ein Unbehagen.
Ich bemühte mich, genau zu merken, wohin ich was legte, kontrollierte oft mehrfach und wurde sogar beim Hausarzt vorstellig. Nach ein paar Tests bescheinigte mir der ältere Herr, mein Gedächtnis sei besser als seines.
Aber die Sachen blieben trotzdem wie von Zauberhand verschwunden.
Lieblingskulis. Die gestreifte Bluse. Handcreme.
Und als Höhepunkt: der ganze Schlüsselbund für unser Schrebergartenhäuschen. Die Folge: Bernd stampfte tagelang betrübt durch die Wohnung und seufzte bedeutungsschwanger.
Mir wurden die Nerven dünn. Ich schlief schlecht, zuckte bei jedem kleinen Geräusch zusammen, verlegte ständig Handy, Schlüssel und Geldbeutel.
Doch an diesem einen Samstag kam alles anders.
Ich hatte mir vorgenommen, endlich den Kleiderschrank auszumisten, eine längst überfällige Aufgabe. In einer leeren Schuhschachtel fand ich plötzlich all die verschollenen Sachen. Sorgfältig aufeinandergelegt wie in einem Vintage-Laden.
Die Bluse kuschelte sich an einen kurzen Faltenrock. Ein Zettel darauf:
Kannst du eigentlich noch tanzen?
Stifte penibel nach Farben geordnet:
Immer kaust du auf uns rum, wenn du nervös bist. Wir sind gestresst genug.
Schlüssel, vom Anhänger fest verbunden, als würden sie Händchen halten:
Wir wollten einfach mal was erleben im Schrebergarten war schon lang niemand mehr. Aber im Gegensatz zu manchen sind wir freiwillig zurück.
Mir wurde ganz mulmig.
In diesen Zetteln war etwas Spöttisches, etwas Kluges und ein Hauch von Melancholie als hätte ich sie selbst geschrieben, jedoch in einer anderen Realität, einer, in der Zeit für Gespräche mit Gegenständen bleibt.
Ich wollte die Kiste gerade zuklappen, da sah ich tief im Karton ein weiteres kleines, graues Zettelchen. Ohne Gegenstand dazu. Nur eine Nachricht.
Die Buchstaben zitterten, als wären Tränen darauf getropft:
Du hast dem Mädchen im Spiegel versprochen, Künstlerin zu werden.
Ich bin dieses Mädchen.
Und ich fühle mich hier ziemlich einsam, in der Schachtel mit verlorenen Versprechen und geplatzten Hoffnungen.
Lange saß ich am Boden des Schranks, lehnte an den vollgestopften Regalen und erinnerte mich.
Ich, als Kind im Kindergarten, mit herausgestreckter Zunge, wie ich mit Filzstiften unser Haus, die Sonne, Mama, Papa und meine Schwester zeichnete.
Kunstunterricht dieses Glücksgefühl, wenn das Aquarell über das nasse Papier lief.
Der Geruch von Ölfarbe im Atelier. Die Stille im Museum. Jeder Pinselstrich in meinen Ohren wie Musik. Die begeisterten Erklärungen der Museumsführerin.
Erst dachte ich, das sei meine Zukunft.
Dann ein Hobby, eine Quelle für meine Seele.
Und dann… Nichts.
Nicht, weil ich es nicht geschafft hätte. Ich habe es vor mir hergeschoben, immer wichtigeres gefunden, und irgendwann war dieses warme Gefühl der Vorfreude einfach weg wie meine Socken, meine Stifte, die Schlüssel.
Ich strich mit den Fingern über den letzten Zettel.
Er fühlte sich beinahe lebendig an wärmer als die anderen, und vibrierte leicht. Vielleicht waren es nur meine zitternden Hände.
Ist wirklich jede zusätzliche Stunde im Kaufhof oder ein weiterer Krimi wichtiger als ein Traum?
In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen. Um zwei schlich ich aus dem warmen Bett.
Wohin gehst du?, murmelte Bernd verschlafen.
Schlaf ruhig weiter…, murmelte ich.
Irgendwo zwischen den Kisten im Schrank lagen noch meine alten Wasserfarben, dachte ich, und als ich im Spiegel im Flur vorbeiging, traf ich den Blick des Mädchens von früher. Erschrocken, aber hoffnungsvoll.





