Johann Schmitt wacht auf… Eigentlich fängt der Tag schon ganz gut an. Wenn man 118 Jahre alt wird,…

Johann Müller wachte auf
Eigentlich fing der Tag schon ziemlich gut an. Wenn man 118 Jahre alt wird, ist Aufwachen an sich schon ein Erfolg.
Das Erste am Morgen war der technische Check: Er öffnete das linke Auge funktionierte, dann das rechte leicht getrübt.
Er wusch es aus, tropfte etwas hinein wie neu.
Alles, was sich biegen ließ, wurde gebeugt, das, was sich nicht biegen ließ, wurde geölt.
Er prüfte Vorwärts- und Rückwärtsgang, machte einen Nacken-Scan.
Nachdem er sich versichert hatte, dass alles knackt und sich dreht wie es soll, machte er zwei stampfende Schritte, drei rhythmische Klatscher und begann so den neuen Tag.
Um acht Uhr klingelte das Telefon, wie es der Plan vorsah, vom Rentenamt:
Guten Morgen, Frauke, krächzte der Geburtstagsjubilar ins Hörer.
Ihnen auch einen guten Morgen, Herr Müller, antwortete Frauke traurig, wie fühlen Sie sich heute?
Kann nicht klagen, grinste der alte Mann ins Telefon.
Wirklich schade, Herr Müller, ich hab wegen Ihnen dieses Jahr schon das fünfte Mal Ärger bekommen! Heute ist es dreißig Jahre her, dass Sie von der Zusatzrente zur staatlichen Rente gewechselt sind!
Ach, entschuldigen Sie. Ich habe gehört, diesen Monat gibts eine Erhöhung?
Ja, es gibt eine Erhöhung ihr Tonfall wurde noch trüber, und Sie haben sicher keinen Nebenjob irgendwo, oder?! versuchte sie ihr Glück.
Nein, im Ernst, ich habe mehr als genug Geld.
Schade Ich wünsche Ihnen den Satz vollendete sie nicht und legte auf.
Um neun Uhr frühstückte Johann Müller mit seinem Ururenkel, der zwar nicht bei ihm wohnte, aber immer den Schlüssel benutzte, um einzutreten. Kaum drin, begann der Junge mit Messen mal die Küche, mal das Bad. Dann saß er da, rechnete Materialkosten aus, zeichnete Möbel.
Heute hatte er sein Maßband vergessen.
Nimm das vom Schrank, schlug Johann Müller vor, das ist noch von deinem Opa übrig kicherte er wehmütig und goss Tee auf.
Der junge Mann seufzte nur schwer und machte sich über das legendäre Rührei des Ururgroßvaters her.
Um zehn Uhr ging der Alte raus zum Rauchen vor den Hauseingang.
Ah! Müller, wieder am Qualmen! Weißt du überhaupt, dass das Rauchen
Der Nachbar stockte, als er den ziemlich lebendigen Greis sah, der mit dem Rauchen begann, als die meisten an den Folgen “verstarben”, die Rauchen so verursacht.
Wir fahren heut nach Berlin.
Und was macht ihr da?
Fahren mit der U-Bahn, besuchen das Brandenburger Tor, schauen mal beim Reichstag vorbei, solange er noch steht.
Was gibts da groß zu sehen, Reichstag wie Reichstag.
Hast du ihn denn mal gesehen?
Klar, er war mal zu Besuch in unserem Dorf.
Im Sarg?!
Nein, im Abteil.
Sag mal, wie alt bist du eigentlich?
Achtzehn geworden, murmelte der Alte und kaute am Filter.
Ach was.
Doch, ich bin zum zweiten Mal auf Lebenszeit.
Dann herzlichen Glückwunsch zur Volljährigkeit!
Danke, damit ging Müller zurück in seine Wohnung.
Um elf Uhr rief der Geschäftsführer der Deutschen Telekom an fast mit Tränen in der Stimme bat er darum, doch endlich den Tarif zu wechseln. Der Tarif, auf dem Müller saß, existierte nur noch für ihn und kostete umgerechnet gar nichts im Gegenteil, die Telekom bezahlte ihm inzwischen ein wenig drauf.
Um fünf Uhr tauchte Johann Müller im Einkaufszentrum auf. Am Geburtstag gab es dort Prozente in Höhe des Lebensalters. Müller schnappte sich eine Torte, ein Kilo Bananen und einen Flachbildfernseher.
Vom Restgeld bestellte er ein Taxi und Umzugshelfer.
Um sieben kam ein Anruf von der Gerichtsmedizin, endlich möge er doch bitte seine Versicherungskarte und Pantoffeln abholen.
Um acht erschienen die Gäste, Müller deckte den Tisch, schaltete den neuen Fernseher ein, goss Wein aus.
Die Trinksprüche waren sehr sparsam keiner wusste so recht, was man ihm wünschen sollte, also standen sie einfach reihum auf.
Um zehn Uhr kam die Polizei vorbei, bat höflich um weniger Lärm, da nebenan ältere Herrschaften wohnen. Die Tür öffnete der Jubilar selbst und versetzte die Beamten damit in eine paradoxe Traum-Logik.
Schlafen ging Johann Müller erst kurz vor Mitternacht, als die erschöpfte Festgesellschaft sich auf Krankenhäuser und Heimwege verteilte. Er lächelte ins Leere, zog den goldenen, magischen Ring vom Finger und legte ihn unters Kissen jenes besondere Stück, das ihm all die Jahre das Leben verlängerte. In winziger Gravur stand da, von seiner Frau vor ihrem Abschied in Auftrag gegeben: Leb für uns beide.
Das tat er auch.

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Homy
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Die Nachricht, dass Michael Bauer seine einzige Tochter verheiraten will, hat das ganze Dorf in Aufruhr versetzt.