Dem Hund war beinahe alles egal geworden, er war im Begriff, diesen rauen Alltag zu verlassen…
Schon seit vielen Jahren lebte ich, Annemarie Becker, am äußersten Rand unseres Dörfchens, in einem kleinen Haus mit samtgetäfeltem Dach. Wenn jemand behauptete, ich sei einsam, musste ich innerlich schmunzeln. Einsam? Ach was, wo denkt ihr hin!, entgegnete ich stets mit einem Lächeln. Ich habe eine große Familie!
Die Frauen vom Dorf nickten immer gutmütig, aber kaum war ich fort, tauschten sie Blicke aus und drehten den Finger an der Schläfe. Echt jetzt Familie? Ohne Ehemann, ohne Kinder, nur Tiere? Doch genau diese, meine vierbeinigen und gefiederten Mitbewohner, waren meine Verwandten. Sie waren mir wichtig, egal welche Vorteile die Nachbarn darin sahen, Tiere zu halten: Kühe oder Hühner für die Wirtschaft, einen Hund zur Bewachung, Katzen gegen Mäuse. Bei mir lebten fünf Katzen und vier Hunde alle wohnten selbstverständlich im Haus. Das sorgte für manchen Kopfschüttler bei meinen Nachbarn.
Ihr Unverständnis ließen sie mich nie direkt spüren, denn mit meiner eigenwilligen Art war Diskutieren eh sinnlos. Auf Vorwürfe konterte ich meistens lachend: Ach macht doch, die Straßen kennen sie doch. Zu Hause ist viel gemütlicher für uns alle.
Vor fünf Jahren hörte mein Leben von einem Tag auf den anderen auf ich verlor meinen Mann und meinen Sohn. Beide kamen vom Angeln zurück, als auf der Landstraße ein vollbeladener Lkw die Kontrolle verlor… Als ich mich von diesem Schock wieder halbwegs sammelte, wurde mir klar: In der Wohnung zu bleiben, wo alles an die beiden erinnerte das war unerträglich. Die gleichen Straßen, die vertrauten Geschäfte, jedes Mitleid in den Augen der Nachbarn.
Ein halbes Jahr später verkaufte ich die Wohnung, setzte mich zusammen mit meiner Katze Frieda in den Zug und zog aufs Land. Dort kaufte ich ein kleines Häuschen am Dorfrand. Im Sommer arbeitete ich im Garten, im Winter fand ich eine Stelle in der Kantine beim Gemeindezentrum. Im Lauf der Zeit kamen neue Tiere dazu: Manche bettelten am Bahnhof, andere streunten hinter der Kantine und suchten ein wenig Futter. So wuchs meine Familie aus einst einsamen, verletzten Geschöpfen. Mein Herz heilte ihre alte Wunden, und sie schenkten mir dafür ihre Liebe und Treue.
Selbst wenn die Zeiten knapp waren, versorgte ich alle. Natürlich wusste ich, dass ich nicht endlos weitere Tiere zu mir nehmen konnte und versprach mir immer wieder: Es bleibt dabei, kein weiteres Tier! Doch dann kam der März wie ein kalter Februar: Grieselige Schneeschauer fegten über die Felder, nachts heulte der Wind ums Haus.
Jene Abend, ich hetzte zum letzten Bus ins Dorf, mein Blick nur auf das warme Zuhause gerichtet. Zwei freie Tage standen bevor, nach Schichtabschluss kaufte ich Lebensmittel für mich und meine Tiere ein und trug dazu einen Korb voller Reste aus der Kantine. Die schweren Taschen zogen meine Arme in die Länge, ich konzentrierte mich allein auf das Ziel. Aber wie im Märchen war mein Herz wacher als die Augen: Kurz vor dem Bus hielt ich plötzlich inne und drehte mich um.
Unter einer Bank lag ein Hund. Er sah mich direkt an, doch sein Blick war leer, ausdruckslos. Schneeflocken bedeckten sein Fell; offensichtlich hatte er dort Stunden verbracht. Menschen gingen vorbei, ohne stehenzubleiben niemand hatte ihn bemerkt. Hat ihn wirklich keiner gesehen?, schoss es mir durch den Kopf.
Mir schnürte sich das Herz zusammen. Ich vergaß sofort Bus und Versprechen, rannte hin, ließ die Taschen fallen und streckte die Hand aus. Der Hund blinzelte langsam. Gott sei Dank, lebendig! seufzte ich. Komm, mein Schatz, raff dich auf…
Das Tier bewegte sich nicht, sträubte sich aber auch nicht, als ich es vorsichtig unter der Bank herauszog. Es schien, als wäre ihm alles egal es wollte einfach nur weg von dieser rauen Welt…
Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, wie ich die schweren Einkaufstaschen und den Hund auf einmal zur Bushaltestelle schleppte. Im Wartehäuschen setzte ich mich in den hintersten Winkel und rubbelte und wärmte das magere Fellbündel, hielt abwechselnd seine steifen Pfoten in meinen Händen.
Na, nun komm, Stärke fassen schließlich müssen wir noch heim!, murmelte ich leise. Du wirst unsere fünfte Hundedame, jetzt stimmt die Zahl.
Aus meiner Tasche holte ich ein Frikadellen-Brötchen und hielt es der frierenden Hündin hin. Erst drehte sie sich ab, doch als sie aufgetaut war, schien sie ihren Entschluss zu ändern: Ihre Augen wurden lebendig, die Nase zuckte, das Futter nahm sie an.
Nach einer Stunde stand ich mit Greta so nannte ich sie am Straßenrand. Der Bus war längst weg, aber ich hoffte, ein Auto würde halten. Mit dem Gürtel bastelte ich ihr ein provisorisches Halsband, brauchte das aber kaum, denn Greta lief dicht an meiner Seite. Nach etwa zehn Minuten hielt tatsächlich ein Wagen.
Vielen Dank, dass Sie stoppen! sagte ich. Keine Sorge, ich nehme die Hündin auf den Schoß, sie macht nichts schmutzig. Ach, lassen Sie sie ruhig aufs Sitz, sie ist ja nicht gerade klein, entgegnete der Fahrer freundlich.
Doch Greta zitterte, schmiegte sich an mich, und so kuschelten wir uns gemeinsam in meinen Schoß. So ists wärmer, lächelte ich.
Der Fahrer nickte und stellte die Heizung stärker ein. Wir fuhren schweigend, ich beobachtete die Schneeflocken im Scheinwerferlicht, den neuen Schützling im Arm, während er mich aus den Augenwinkel betrachtete. Er merkte wohl, dass ich Greta gefunden und nach Hause brachte.
Vor dem Haus stieg der Fahrer mit aus, half mir die Taschen zu tragen. Der Schnee am Gartentor war so hoch, dass er mit der Schulter gegen die Klappe drückte, bis sie aus den rostigen Scharnieren brach. Nicht schlimm, meinte ich. Die musste sowieso mal gemacht werden.
Aus dem Haus hörte ich belebtes Bellen und Miauen, und ich hastete zur Tür. Meine bunte Bande wartete schon auf mich. Na, ihr habt auf mich gewartet? Hier ist die Neue!, stellte ich Greta vor, die sich hinter meinen Beinen versteckte.
Die Hunde wedelten mit dem Schwanz, schnüffelten an den Taschen, die der Fahrer trug. Was stehen wir hier noch bei Frost kommen Sie ruhig rein, falls Ihnen meine große Familie nicht schreckt. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten? Danke, aber es ist schon spät, lehnte er ab. Füttern Sie lieber Ihre Tiere, die haben Sie vermisst.
Am nächsten Tag gegen Mittag hörte ich Stimmen im Garten. Mit Jacke überm Arm trat ich hinaus und sah denselben Fahrer vom Vortag. Er befestigte gerade neue Scharniere am Gartentor, sein Werkzeug lag daneben. Guten Tag!, lächelte er. Ich habe das Tor ja ruiniert, drum bin ich zum Reparieren gekommen. Mein Name ist Matthias. Und Ihrer? Annemarie
Meine tierische Familie umringte ihn, schnüffelte und wedelte. Er ging in die Hocke, gab jedem einen Klaps. Annemarie, gehen Sie ruhig ins Haus, frieren Sie nicht. Bin gleich fertig und nehme gern eine Tasse Tee. Im Auto habe ich übrigens einen Kuchen, und ein paar Leckereien für Ihre große Familie…Ein Kuchen! Die Tiere rochen ihn schon, denn Frieda miaute und Greta stupste ihre Nase gegen Matthias’ Hand. Gemeinsam trugen wir die Werkzeugkiste und den Kuchen ins Haus, wo die Wärme uns empfing. Während Matthias den Tee einschenkte und die Leckereien aufteilteScheiben für die Hunde, Krümel für die Katzen, und ein großes Stück für michbreitete sich ein leises Glück aus, wie sanfter Sonnenschein nach langem Regen: Es war, als hätte sich nicht nur das Gartentor, sondern auch eine Tür in meinem Herzen geöffnet.
Ich blickte Greta an, die nun auf dem Teppich lag und halb schlief, zufrieden und voller Vertrauen. Matthias saß auf dem Sofa, lachte über die Tiere, seine Augen strahlten. Er verstand, ohne viele Worte. Plötzlich begann Frieda, sich um seine Beine zu wickeln, und die anderen Tiere drängten sich ebenfalls zu ihm, als hätten sie beschlossen, ihn in unsere Familie aufzunehmen.
Der Nachmittag verging und irgendwann, während wir Geschichten tauschten und gemeinsam mit der Bande lebten, dachte ich: Einsamkeit, das ist nichts für mich. Familie, das ist nicht nur Blutes ist Liebe, Zusammenhalt, und ein offenes Herz für alle, die vor unserer Tür stehen, sei es Mensch oder Tier.
Als Matthias am Abend aufbrach, rief er beim Hinausgehen: Und morgen komme ich wieder, aber nur unter einer Bedingungdass ich diesmal den Kuchen selbst backen darf! Ich lachte, und alle Tiere bellten und miauten, als hätten sie verstanden.
So blieb das Haus am Dorfrand nie wieder still. Und wenn der Wind um das samtgetäfelte Dach heulte, dann wusste ich, drinnen warteten immer offene Arme und ein warmes Herzfür Menschen, Tiere, und Geschichten, die noch geschrieben werden wollten.




