Die Tochter welkte, die Mutter blühte: Ein Dorfherbst voller Kälte, Sorgen und Hoffnung im deutschen…

Die Tochter verging, die Mutter erblühte

Es war damals in Altdorf ein Herbst von besonderer Härte und Kälte. Die Regenwolken hingen schwer über dem Dorf, der Regen klopfte den ganzen Tag an die Fenster der kleinen Arztpraxis, als wollte er sich hineinbitten, um sich zu wärmen. Ich saß am Schreibtisch und sortierte Patientenakten, aber meine Stimmung war düster; eine beklemmende Sorge lag über allem, wie das gleißende Ungeziefer vor einem Gewitter unaufhörlich und nagend.

Da quietschte die Tür schwer und mühsam auf. Auf der Schwelle stand Klara Steinmann.

Ach, Klara… Die Frau war gerade über fünfzig, doch ihr Anblick, der war wie der einer Blume auf dem Grab. Ihr graues Kopftuch saß schief, der Mantel hing lose von ihren schmalen Schultern, als sei er nur ein Kleiderständer. Unter ihren Augen lagen tiefe Schatten, als hätte man sie mit Ruß beschmiert. Und ihre Hände rot und aufgedunsen vom kalten Wasser, zitternd, sie nestelte an einem Mantelknopf.

Frau Schmitt, flüsterte sie heiser, ihre Stimme kaum mehr als ein Lufthauch, gib mir ein paar Tropfen. Das Herz rast, es schlägt mir bis in den Hals. Und meiner Mutter bitte einen Tropfen Baldrian, sie hatte wieder einen Anfall, wir konnten die ganze Nacht nicht schlafen.

Ich schaute sie über meine Brille hinweg an und mir wurde kalt innerlich. Lebenswillen, dachte ich, findet man bei ihr nur noch auf dem Grunde eines trockenen Brunnens.

Setz dich, sagte ich und zog das Blutdruckmessgerät hervor, Was tust du dir da an, Klara? Du siehst ja aus wie der Tod auf Urlaub.

Ich habe keine Zeit, Frau Schmitt, antwortete sie, ohne sich hinzusetzen, sie lehnte sich an den Türrahmen, Mutter ist allein zu Hause. Was, wenn sie Wasser will? Oder ihr Blutdruck schnellt hoch? Ich muss direkt wieder los. Gib mir nur die Medizin.

Ich drückte ihr die Fläschchen in die steifen Finger und sie war schon wieder draußen, der Wind zog kalt hinterher. Am Fenster sah ich, wie sie gebeugt durch den Matsch zu ihrem Haus stapfte, und dachte: Herr Gott, warum hast du ihr so ein schweres Los zugedacht? Keine Mutter hatte sie sondern einen Mühlstein um den Hals.

Luise Steinmann war eine stattliche Frau, lautstark und lebensfroh gewesen. Jahrzehnte hatte sie im Gemeinderat gesessen, liebte es, das Dorf zu leiten. Kaum jedoch war sie in Rente, brach sie zusammen.

Die Beine, sagte sie, tragen mich nicht mehr. Das Herz, schrie sie, bleibt stehen.

Zehn Jahre lag sie. Zehn Jahre drehte Klara sich um sie wie eine Windschnur.

Am nächsten Tag hielt ich es nicht mehr aus. Ich zog meinen Mantel an und ging zu ihnen angeblich zum Nachschauen. Die Stube war blitzblank, die Teppiche knisterten, und es roch nicht nach Krankheit, oh nein. Es roch nach Apfelkuchen und gedünstetem Kohl.

Luise thronte auf ihrem Bett wie eine Königin. Ein Berg von Kissen stützte ihren Rücken. Ihr Gesicht war rosig, glatt, ohne überflüssige Falten, ihre Augen wachsam und scharf.

Ach, Frau Schmitt, brummte sie, Sie kommen doch noch? Von dieser Tollpatschin deutet mit dem Kopf Richtung Küche ist ja keine Hilfe zu erwarten. Ich sage ihr: Klara, es brennt in der Brust! und sie: Mutti, ich muss noch die Kuh melken. Die Kuh ist ihr wichtiger als die eigene Mutter!

Klara schleppte gerade einen schweren Wassereimer, die Beine wackelten, der Rücken war gebeugt. Sie stellte den Eimer ab, kniete und begann zu putzen schweigend, nur ihr Atem pfiff hörbar.

Luise, sagte ich streng, Du solltest deine Tochter schonen. Sie ist ja fast durchsichtig geworden.

Schonung? Luise setzte sich aufrecht auf die Kissen. Und wer schont mich? Ich habe sie großgezogen, Nächte durchwacht, und jetzt? Ich muss das Wasser erbetteln! Das ist mein Kreuz, diese blöde Krankheit. Und sie sie ist die Tochter, das ist ihre Pflicht!

Ich sah Luise an. In ihr steckte genug Gesundheit für drei Männer. Ihre Krankheit hieß unermessliche Selbstliebe. Sie sog Klaras Leben aus wie ein Spinnennetz aus einer Fliege. Und sie glaubte so fest daran, krank zu sein, dass alle anderen ihr Glauben schenkten.

Klara hob nie den Kopf, fuhr schweigend mit dem Putzlappen über die Dielen. Schrub schrub. Schrub schrub. Dieser Klang klingt mir noch heute in den Ohren die Melodie von Trostlosigkeit.

Ein Monat verging. Der Winter war schon vor der Tür, der erste Schnee flog, scharf und beißend.

Abends saß ich, trank Tee mit Zwieback, da polterte es am Fenster, das Glas klirrte. Der Nachbarsjunge, Kilian, stand draußen, Augen groß wie fünf Markstücke.

Frau Schmitt, schnell! Tante Klara ist gefallen! Beim Brunnen! Sie kommt nicht mehr hoch!

Wie ich lief, weiß ich nicht mehr. Die Beine rannten von selbst. Klara lag auf dem frostigen Boden, die Eimer neben ihr, das Wasser verteilte sich, wurde schon zu dünnem Eis. Ihr Gesicht so weiß wie der Schnee, die Lippen blau.

Wir wuchteten sie ins Haus.

Luise brüllte aus dem Schlafzimmer:

Was ist das für ein Lärm? Klara! Wo treibst du dich herum? Die Wärmflasche ist kalt!

Ich beugte mich zu Klara, fühlte den Puls ein dünnes Fädchen, kaum spürbar. Wir riefen den Notarzt, sie wurde ins Kreiskrankenhaus gebracht. Herzinfarkt. Schwerwiegend.

Luise blieb allein zurück.

Ich besuchte sie. Sie blinzelte mir entgegen.

Wo ist Klara? Wer bringt mir das Bettpfännchen? Wer kocht Porridge?

Klara ist im Krankenhaus, sagte ich scharf, meine Geduld war am Ende, Du hast sie an den Rand gebracht, Luise. Sie stirbt.

Lüge! kreischte sie, Das macht sie mit Absicht! Um mich loszuwerden! Die Mutter verlassen, egoistische Tochter!

Mir war so zum Kotzen zumute, meine Lieben. Ich hätte spucken können aber der Eid des Hippokrates hielt mich zurück. Ich gab ihr Wasser, eine Tablette und ging. Wie willst du das überstehen, dachte ich

Doch das Schicksal hat Humor. Am nächsten Tag kam der Bus ins Dorf. Ausstieg daraus: Greta. Luises Enkelin, Klaras Tochter.

Greta mochte man im Dorf nicht. Sie war vor zehn Jahren nach München gezogen, gleich nach der Schule. Kam nie zurück. Die Leute sagten, sie halte sich für etwas Besseres. Klara weinte heimlich in ihr Kissen, schrieb Briefe doch nie gab es Antwort.

Nun war sie da. Lederjacke, kurze, modische Haare, fordernder Blick, fest entschlossen. Ähnliche Mutter oder Oma? Nein, niemals.

Zuerst kam sie zu mir.

Wie geht es Mama? fragte sie, kühl und sachlich.

Schlecht, antwortete ich. Sie liegt auf Intensiv. Die Ärzte sagen, sie ist völlig ausgezehrt. Die Kraft ist aufgebraucht.

Greta presste die Lippen zusammen.

Verstanden. Ich gehe zu Oma.

Was dort geschah, war Gesprächsstoff im ganzen Dorf. Einen Tag später lief ich am Haus vorbei und hörte Schreie. Luise brüllte. Ich dachte schon, Greta bringt sie um. Ich rannte ins Haus.

Ein Bild wie aus dem Buch. Luise auf dem Bett, rot im Gesicht, fuchtelt mit den Händen. Greta steht ruhig davor, wie eine Felswand. In der Hand ein Teller Suppe.

Das esse ich nicht! brüllte Luise. Es ist ungesalzen! Und kalt! Klara hat mir das immer heiß serviert! Wo ist meine Tochter?!

Die Tochter ist im Krankenhaus, weil du sie ruiniert hast, sagte Greta ruhig. Aber ich bin nicht Klara. Ich salze nicht. Du willst nicht essen? Dann lass es. Hunger dich aus, dann wirst dus essen.

Sie stellte den Teller auf die Kommode, drehte sich um und ging.

Wasser! schrie Luise hinterher, Gib Wasser, du Teufel! Ich sterbe!

Greta blieb in der Tür stehen, drehte sich um.

Da steht die Karaffe. Da ist das Glas. Hände hast du, los.

Ich dachte, Luise bekommt einen Schlag. Sie trank zehn Jahre nie selbst aus einem Glas!

Frau Schmitt!, rief sie mir zu, Seien Sie Zeugin! Sie quält mich! Lässt mich verhungern!

Als Greta mich ansah mit ihrem grauen Blick, sah ich darin einen Schmerz, der mich selbst zum Weinen brachte. Das war keine Grausamkeit, liebe Leute. Das war Chirurgie. Sie schnitt ins Leben, um den Eiter herauszuholen.

Zwei Wochen dressierte Greta die Oma. Hart.

Bettpfännchen leeren? Ich nicht. Das Toilettenstuhl steht da. Wenn du sitzen kannst, kannst du auch wechseln.

Bett beziehen? Selbst. Du hast Hände.

Brüllst du schließe ich die Tür und gehe in den Garten.

Das Dorf murrte. Sie bringt die alte Frau um, tuschelten die Bäuerinnen am Brunnen. Aber ich schwieg. Denn ich sah: Luise wurde lebendig!

Zuerst kochte sie vor Wut. Dann fing sie vor Hunger an, selbst den Löffel zu bewegen. Und als Greta ihr das Wasser absichtlich nicht brachte sah ich mit eigenen Augen, wie sie aufstand! Wehklagend, sich an das Bettgestell klammernd, aber sie wankte zum Tisch.

Und nach einem Monat vielleicht etwas länger wurde Klara entlassen.

Greta brachte sie mit dem Taxi zurück. Klara war noch schwach, blass, aber nicht mehr durchsichtig. Sie ging, hielt sich an ihrer Tochter fest, hatte Angst, wieder ins Haus zu kommen. Sie dachte, alles würde wieder beginnen: Wo warst du, faule Tochter, meine Ferse juckt.

Sie gingen ins Haus. Stille.

Das Zimmer der Mutter war leer, das Bett gemacht.

Klara griff sich ans Herz.

Verstorben?

Nein, sagte Greta mit einem halben Lächeln, Sie ist in der Küche.

Sie gingen zur Küche. Da saß Luise Steinmann. Sie saß am Tisch, trug eine Brille und schälte Kartoffeln selbst!

Sie sah Klara, legte das Messer weg.

Eine Pause hing in der Luft, man hörte nur die Uhr an der Wand ticken. Tick-tack. Tick-tack.

Klara lehnte sich an den Türrahmen, Tränen liefen über die Wangen.

Mama du bist aufgestanden

Luise schaute erst sie an, dann die Enkelin ihr Blick war merkwürdig. Nicht böse, sondern irgendwie verloren. Als wäre sie nach Jahren aufgewacht.

Da muss man aufstehen, brummte sie aber ohne Gift, Mit so einer Polizistin in Rock.

Nach kurzem Schweigen sagte sie leise:

Setz dich, Klara. Die Kartoffeln werden kalt.

Ich sehe sie, Jung und Alt, und denke: Wie viele Kräfte vergeuden Menschen für Manipulationen, für das Spiel als Kranker und Bedürftiger. Dabei ist das Leben einmalig, kein Entwurf, den man neu schreibt. Und manchmal muss man statt das Kopfkissen zu richten, es einfach herausziehen um wirklich zu retten.

Der Winter verging. Der dreckige, alte Schnee verschwand und nahm die muffige Vergangenheit mit sich fort.

Mai kam. Wisst ihr, wie in Altdorf der Mai ist? Wenn die Luft nach Flieder duftet, süß genug, um sie mit dem Löffel zu essen. Wenn die Abende bläulich sind, und die Nachtigallen singen so, dass die Seele vor Glück fast vergeht.

Abends ging ich am Haus der Steinmanns vorbei.

Das Gartentor war frisch gestrichen. Im Vorgarten brannten die roten Tulpen Klaras Stolz.

Im Hof stand ein gedeckter Tisch. Ein Samowar glänzte golden in der Abendsonne.

Drei Frauen saßen dort.

Luise im Rollstuhl (weit gehen fiel ihr weiterhin schwer), aber sie hielt selbst die Tasse, tunkte Lebkuchen hinein. Trug ein schickes Kopftuch mit Silberfäden.

Greta saß daneben, lachte, arbeitete auf dem Laptop sie arbeitete nun von Altdorf aus.

Und Klara Klara ging durch den Garten. Nicht mehr gebeugt, sondern langsam, betrachtete die Äste des Apfelbaums, roch den weißen Blüten. Ihr Gesicht war ruhig und freundlich. Die Falten verschwanden nicht, aber die Augen Die Augen waren lebendig.

Klara winkte mir:

Frau Schmitt! Kommen Sie zum Tee! Wir haben Stachelbeermarmelade geöffnet, Ihre Lieblingssorte!

Ich trat ein, das Tor quietschte vertraut und heimelig. Setzte mich zu ihnen. Der Tee war heiß, kräftig und rauchig.

Wissen Sie, Frau Schmitt, sagte Luise plötzlich, blickte auf die untergehende Sonne, Ich dachte immer, Liebe ist, wenn man umsorgt wird, wenn alles gebracht wird. Aber es ist ganz anders Liebe bedeutet, dass einen niemand aufgeben lässt. Man wird zum Leben gezwungen, auch wenn man keine Kraft mehr hat.

Klara legte den Arm um ihre Schultern, schweigend. Und Greta legte ihre Hand auf die der Oma.

Wir saßen einfach, die selige Ruhe, nur der Grillen zirpte hinter dem Ofen, irgendwo muhte eine Kuh das Milchvieh kam heim. Wie schön es doch ist, Herrgott. So friedlich. Man glaubt wirklich: Es wird alles gut.

Heute sehe ich meine Praxis, die staubigen Straßen, die Häuser mit geschnitzten Fensterläden und denke: Es gibt kein besseres Fleckchen Erde als das heimische Dorf, wenn Frieden im Zuhause herrscht. Hier heilt schon die Luft und die Erde gibt Kraft wenn man das Unkraut namens Bosheit aus seinem Herzen zieht.

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Homy
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Die Tochter welkte, die Mutter blühte: Ein Dorfherbst voller Kälte, Sorgen und Hoffnung im deutschen…
Die Geliebte ihres Mannes war vollendet. Auf ihrem Niveau hätte sie sich selbst gewählt, wäre sie als Mann geboren…