Mein Sohn hat vor kurzem geheiratet. Natürlich hat er uns vorher mehrmals seine Freundin vorgestellt, und wir haben sie alle sofort ins Herz geschlossen. Sie war höflich, zurückhaltend, wunderschön und klug ein wahres Glück für unseren Sohn. Wir waren voller Freude und steckten mitten in den Vorbereitungen für den großen Tag.
Am Tag der Hochzeit hatte sich meine Schwiegertochter die Haare so hochgesteckt, dass ihre Ohren deutlich zu sehen waren. Sie sah atemberaubend aus, und ich hätte mir nichts dabei gedacht bis ich plötzlich an ihrem rechten Ohr ein Muttermal entdeckte. Es war exakt wie das, das meine vermisste Tochter hatte. Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ich musste der Sache nachgehen.
Mein Schatz, verzeih die direkte Frage aber warst du vielleicht adoptiert?
Sie lächelte kurz, wirkte irritiert: Nein, warum? Dann stand sie auf und ging tanzen.
Ihre Mutter, die neben mir saß, hatte unser Gespräch mitgehört und nickte mir mit ernster Miene zu das Geheimnis war gelüftet. Ihre Eltern gaben zu, dass sie sie adoptiert hatten, als sie noch ein kleines Kind war.
In Wahrheit hatten sie auf einer Reise ein kleines Mädchen entdeckt einsam und weinend am Rand einer Landstraße irgendwo bei Leipzig. Ohne zu zögern, nahmen sie sie mit nach Hause. Sie hatten seit fünfzehn Jahren versucht, selbst ein Kind zu bekommen, doch es hatte nie geklappt. Um ihren Schmerz zu lindern, nahmen sie das Kind auf, ohne jemals jemandem davon zu erzählen.
In diesem Jahr hatte ich selbst meine Tochter verloren. Wir waren auf dem Weg zum Markt in München, dort, wo immer geschäftiges Treiben herrscht. Nur einen Moment hatte ich nicht aufgepasst und schon war sie in der Menschenmenge verschwunden, ein Sandkorn im Meer. Trotz endloser Suche verschwand meine Hoffnung nach zahlreichen vergeblichen Versuchen.
Und nun hat mein Sohn ausgerechnet sie geheiratet, meine eigene Tochter, mein verlorenes, geliebtes Kind. Kannst du dir das vorstellen? Unter all den Millionen Menschen ausgerechnet sie.
Alles erschien plötzlich tragisch und dramatisch. Die Adoptiveltern hatten Angst, dass aus der Ehe kein Glück erwachsen könne. Sie bedauerten es, dass sie die beiden nicht ins Glück führen könnten. Doch ich beruhigte sie. Nach dem Verlust meiner Tochter suchte ich selbst Trost für meine Seele und wollte die Welt ein kleines Stück verbessern. Ich ging ins Kinderheim in Hamburg und adoptierte dort einen Jungen. Um ehrlich zu sein, hatte eher er mich ausgesucht als ich ihn. So haben wir unser Leben ein Stück weit wiedergefunden.
In nur einer Nacht wurden zwei große Geheimnisse gelüftet von Frauen, die ihre Kinder über alles liebten.
Als die Gäste bei der Feier davon erfuhren, wurde die Geschichte noch lange diskutiert. Am Ende waren sich alle einig: Es war ein echtes Wunder geschehen.
Was meinst du? War es ein Zufall oder das Werk des Schicksals?




