Damals, während eines Aufenthalts im Kurhaus an der Ostsee, meldete ich mich zu einem Tanzabend an. Ich hatte keinerlei romantische Erwartungen ich wollte lediglich dem grauen Alltag entfliehen, ein bisschen Musik erleben, das Tanzbein schwingen wie in jungen Jahren.
Der Saal war voller Menschen, Gespräche mischten sich mit dem Klang eines Saxophons. Ich trug ein leichtes Sommerkleid und fühlte mich ein wenig, als wäre ich wieder sechzehn und stünde gespannt bei der ersten Schuldisco. Und plötzlich spürte ich eine Hand auf meiner Schulter.
Darf ich bitten? fragte eine tiefe Männerstimme. Ich drehte mich mit einem Lächeln um, bereit, mit einem Unbekannten das Parkett zu betreten doch es war kein Fremder. Ich blickte in ein Gesicht, das ich seit vierzig Jahren nicht mehr gesehen hatte, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.
Es war Matthias. Mein erster Freund am Gymnasium. Der, der mir Gedichte in den Rand der Hefte schrieb und mich bis zum Gartentor nach Hause begleitete.
Mir wurden die Knie weich. Matthias? flüsterte ich. Er schenkte mir ein schelmisches Lächeln genau das, das ich noch von den Pausenbänken vor der Schule in Erinnerung hatte. Hallo, Friederike, sagte er, als wäre unser letztes Treffen erst gestern gewesen. Möchtest du tanzen?
Wir gingen hinaus aufs Parkett, und die Kapelle begann einen alten Swing. Wir bewegten uns, als hätten unsere Schritte nie eine Pause gemacht, als wären die Jahrzehnte nur ein Windhauch. Matthias erinnerte sich noch immer, dass ich Führung mochte, sicher und leicht zugleich. Und ich fühlte mich, als hätte ich wieder die ganze Zukunft vor mir.
In der Pause setzten wir uns an einen kleinen Tisch in der Ecke des Saals. Die Luft war schwer vom Duft teurer Parfums und der Wärme tanzender Menschen. Ich hätte nie gedacht, dich noch einmal zu sehen, gestand Matthias. Nach dem Abitur ging alles so rasant Studium, Arbeit, Umzüge und plötzlich sind vier Jahrzehnte vorbei.
Ich erzählte von meiner Ehe, die einige Jahre zuvor geendet war, von meinen Kindern, die längst ihre eigenen Wege gingen. Er sprach leise von seiner verstorbenen Frau, davon, wie schwer es gewesen war, sich in die Einsamkeit zu finden. Während wir redeten, spürte ich, dass wir dieselbe Sprache voll Anspielungen, halber Sätze und gemeinsamer Erinnerungen sprachen als wären wir nie getrennt gewesen.
Als die Musiker wieder anfingen zu spielen, streckte Matthias mir erneut die Hand hin. Noch ein Tanz? Es wurden viele Tänze, viele Gespräche, ein Abend voller Vertrautheit. Uns beiden war bewusst: Dies war nicht das zufällige Zusammentreffen zweier Fremder im Kurhaus. Es war mehr.
Als die letzten Takte verklangen, gingen wir gemeinsam hinaus auf die Terrasse. Über der Ostsee schwebte Nebel, die alten Laternen warfen goldenes Licht auf die nächtliche Promenade. Erinnerst du dich ich habe dir einmal geschworen, dass wir mit sechzig noch tanzen werden? sagte Matthias auf einmal. Ich hielt inne. An diese witzige Wette von damals hatte ich keinen Gedanken mehr verschwendet sie schien mir einst so fern, beinahe wie ein Märchen. Siehst du, lächelte er, ich habe Wort gehalten.
Mir stieg die Rührung bis zum Hals. Mein ganzes Leben lang dachte ich, erste Lieben seien gerade deshalb besonders, weil sie enden dass sie ihren Zauber verlören, wenn sie blieben. Jetzt stand Matthias vor mir, mit silbergrauen Haaren, Lachfalten um die Augen und ich sah noch immer den Jungen von damals in ihm.
Als ich in mein Zimmer zurückging, klopfte mein Herz wie mit achtzehn. Mir war klar: Dies war kein Zufall. Manchmal schenkt das Leben eine zweite Gelegenheit nicht, um die Vergangenheit zu wiederholen, sondern um sie endlich richtig zu leben.
Und so zögerte ich am nächsten Morgen keine Sekunde, als Matthias mich zu einem Spaziergang an der See einlud. Die Sonne tauchte gerade das Wasser in Gold und Rosé. Der Strand war fast leer, nur Möwen kreisten über den Wellen, in der Ferne sammelte ein altes Ehepaar Muscheln.
Wir gingen langsam, barfuß, ließen die kalten Wellen über unsere Füße spülen. Matthias erzählte von seinem Leben wie ihn das Schicksal kreuz und quer durch Deutschland geschickt hatte, von Reisen, die ihn erfüllen sollten, aber nie den einen Lächeln vor all den Jahren ersetzen konnten. Ich hörte zu, und spürte dabei, wie jedes seiner Worte Schicht um Schicht die Distanz von vierzig Jahren zwischen uns abtrug.
Plötzlich blieb er stehen, hob einen kleinen Bernstein vom Sand auf und reichte ihn mir. Weißt du, als Kind dachte ich, Bernstein seien Sonnenstücke, die ins Meer gefallen sind, sagte er leise. Vielleicht bringt dir dieser Glück.
Ich schloss den warmen Stein in der Hand. Matthias stand vor mir Mann von heute und Junge von einst zugleich. Jemand, der immer die Welt einfacher und heller erscheinen ließ.
Wir spazierten stundenlang, es fühlte sich wie Minuten an. Im Rückweg spielte der Wind mit meinen Haaren, und Matthias strich sie immer wieder von meinem Gesicht dieselbe Geste wie damals. In dem Moment wusste ich: Ich wollte dieses Treffen nicht als sentimentale Episode verbuchen ich wollte eine echte, bewusste, furchtlose Chance.
Am Abend saßen wir gemeinsam auf der Terrasse des Kurhauses, die Sonne ging golden über dem Meer unter. Es gab keine großen Worte, nur Stille, in der ich mich geborgen fühlte. Sanft legte Matthias seine Hand auf meine. Glaubst du, das Leben kann wirklich nochmal lachen? flüsterte er. Und zum ersten Mal seit langer Zeit glaubte ich fest daran.





