Dienstag, 10. Mai
Heute bin ich mit schweren Einkaufstaschen vom Supermarkt zurück zum Haus gelaufen, gemeinsam mit unserer Nachbarin Gudrun. Wir plauderten, wie immer. Doch als ich vor unserem Gartentor den teuren Mercedes sah, richtete ich mich stolz auf und sagte scherzhaft:
Schau mal, das ist bestimmt mein zukünftiger Schwiegersohn, und das schon am frühen Morgen.
Gudrun warf ebenfalls einen Blick auf den Wagen, und ich sah gleich das spöttische Glimmen in ihren Augen:
Nennst du ihn tatsächlich schon Schwiegersohn? Na, na, Greta hat doch keinen Antrag von ihm bekommen, oder? Und wer weiß, vielleicht ist der Typ gar kein Guter Stell dir vor, er ist ein Krimineller oder Betrüger.
Ich winkte ab und presste meine Lippen zusammen:
Ach, red keinen Unsinn. Der ist in Ordnung, wirklich, und er meint es ernst mit unserer Gretel. Jetzt muss ich aber los. Habe keine Zeit! Muss schnell den Tee für den Gast aufsetzen und ganz nebenbei bringe ich ja die Pralinen gleich mit.
Mit schweren Taschen und schnellen Schritten eilte ich los. Hinter mir spürte ich Gudruns abschätzenden Blick.
»Ach, deshalb also! Jetzt ist mir klar, warum sie den teuren Schinken, besten Käse und die feinen Pralinen gekauft hat. Sie will sich bei seinem Besuch einschmeicheln. Na klar, sie kanns nicht erwarten, ihre einfältige Greta unter die Haube zu bekommen«
***
Daheim begrüßte mich schon ein fröhliches Lächeln im Flur. Im Wohnzimmer saßen Greta und ER: der Zukünftige, direkt neben ihr auf dem Stuhl, ganz vertieft in ihre blauen Augen. Als ich mit der Tür hereinkam, zuckte er zusammen, trat gleich zurück na klar, die beiden haben wohl geturtelt!
Wie immer war er höflich, brachte Geschenke einen schönen Strauß, Pralinen, sogar ein Parfum für Greta.
Fast hätte ich mich vor ihm verbeugt und konnte später beim Tee kaum den Blick von ihm abwenden.
Mensch, Kind, der sieht ja gut aus! Silber an den Schläfen, aber das steht ihm fast wie ein Adeliger, sag ich dir! schwärmte ich später im Schlafzimmer.
Greta lächelte spöttisch.
Tja, Mama, vielleicht ist er ja wirklich ein Adeliger.
Und, warum war er hier? Jetzt mit Geschenken UND Blumen? ließ ich nicht locker.
Greta wurde ernst:
Er hat mir keinen Antrag gemacht, Mama. Er wollte nur, dass ich mit ihm ins Theater nach München gehe.
Mir wurde sofort schwer ums Herz.
Aha, also überredet er dich nur Die Typen aus der Stadt wir kennen sie doch! Die treibens in München mit den Stadtmädels, haben ihren Spaß und kommen dann aufs Land, um sich neue Beute zu suchen.
Date im Theater! Pff Mensch Kind, ich glaube, du hast dir einen Casanova angelacht! Er ist seit sechs Wochen dauernd hier und kein Wort vom Standesamt!
Mama
Was Mama? Du bist dreißig! Und er ist fast vierzig! Warum schiebt ers so raus? Entweder er heiratet dich jetzt oder er soll dich nicht am langen Arm verhungern lassen!
Mama, das ist unsere Sache!
Jetzt ist Schluss! Du isst jetzt NICHT den teuren Schinken, Greta! Stell ihn zurück du musst auf deine Figur achten! Und außerdem: Wer weiß, wann er morgen wieder kommt. Ohne Proviant kannst du ihm keinen Tee anbieten!
Sie sah mich mit ihren strahlend blauen Augen an.
Mama, warum bist du wieder so böse? Was ist los?
Ich räumte den Käse und die Pralinen weg, schob die teuren Lebensmittel in den Kühlschrank und warf ihr vor:
Ich hab Angst, dass er dich nur hinhält, Kind. Du bist keine zwanzig mehr! Die Leute reden schon. Keiner will eine alte Jungfer heiraten!
Und die letzten Freier kommen auch nicht mehr, nachdem sie ihn hier rumlaufen sehen. Wer weiß, ob dein Flirt aus München das wert ist!
Greta lächelte:
Mach dir keine Sorgen, Mama. Er läuft mir sicher nicht weg!
***
Eine Woche später wischte ich mir beim Kofferpacken für Greta die Tränen aus dem Gesicht. Ich dachte immer, sie sei anständig, aber nein Sie ist schwanger! Auf meine Nachfrage grinste sie verschmitzt:
Tja, weißt du noch, als er mich im Sommer zu den Erdbeerfeldern gefahren hat? Da habe ich ihn wohl ziemlich begeistert Er hat am Waldrand auf mich gewartet, um mich nach Hause zu bringen.
Im Wald? Wirklich? Sag mir sofort, wann das passiert ist! Da muss ich ja in deiner Erziehung was übersehen haben!
Sie lachte:
Unwichtig, Mama! Hauptsache, er heiratet mich!
Zur Hochzeit laden wir alle Verwandten ein! rief ich und machte mir Sorgen. Oh Gott, wie lasse ich dich nur ziehen. Du bist doch mein einziges Kind!
Ich ruf dich oft an, Mama, das verspreche ich
Die Nachbarinnen standen schon vor der Tür, riefen:
Maria, man sagt, deine Tochter heiratet und du hast uns nichts verraten!
Sie zieht weg, nach München!
Ach! Und wir haben gar keine Geschenke vorbereitet!
Ach, lass, sie zieht ja nur zum Verlobten nach München.
Was für eine Freude!
***
Da war sie mein Herz, meine einzige Tochter weg. Ihr Freund nahm sie mit nach München.
Sie meldete sich ab und zu, erzählte, wie schön die Villa ihrer Schwiegermutter in Grünwald sei ihres Fast-Schwiegersohns, um genau zu sein.
Ich wartete und wartete auf Nachrichten von der Hochzeit aber es kam nichts.
Erst nach einem Monat, dann zwei, und schließlich einem halben Jahr Eines Tages kam Gudrun angelaufen, aufgeregt:
Maria! Ich hab Greta in München gesehen mit Kinderwagen!
Mit Kinderwagen?! Wie bitte?!
Ich zog mir hastig den Mantel an, stieg in den nächsten Bus und fuhr nach München an alles andere kann ich mich kaum erinnern, so durcheinander war ich.
Meine Enkelin war schon längst da und Greta hatte mir NICHTS gesagt! Sie hat mir einfach verschwiegen, dass ich Oma bin!
Ich rief sie schon vom Bahnhof an Gott sei Dank hat man in München immer Empfang, hier auf dem Dorf eher selten.
Greta nahm erst nicht ab, legte immer wieder auf ich kochte vor Wut.
Wo BIST du? rief ich ins Handy Ich stehe am Hauptbahnhof! Hol mich ab und sag mir endlich: Warum weiß ich nichts von meinem Enkelkind?
Greta kam allein mit dem Taxi, mied meinen Blick.
Mama, es tut mir leid Ich hatte keine Zeit, alles zu erklären. Ich habe eine Tochter bekommen, sie heißt Frieda sie sieht dir ähnlich
Wir wohnen in Pauls Haus, du weißt doch, Paul?
Und?! fragte ich streng.
Meine Tochter wirkte wie ein ertappter Teenager:
Schämst du dich für mich?
Greta erschrak und schüttelte den Kopf:
Nein, Mama! Niemals! Aber es gibt ein Problem Paul wohnt noch mit seiner Mutter zusammen.
Das Haus und auch das Auto gehören seiner Mutter, und sie bestimmt alles. Sie erlaubt ihm nicht, mich zu heiraten!
***
Ich übertrat die Schwelle der prachtvollen Villa mit dem festen Willen, hier endlich für Ordnung zu sorgen.
Was ist das für eine Mutter, die ihrem Sohn mit schwangeren Verlobten verbietet, zu heiraten?
Ich ignorierte erst Paul und sogar meine Enkelin, die Greta mir gleich in die Arme drücken wollte ich suchte nur die besagte Schwiegermutter. Sie saß oben im Salon, klimperte auf einem glänzenden Flügel herum.
Ich räusperte mich, verlangte Aufmerksamkeit nichts. Also ging ich hin und schloss das Klavier zu.
Die Frau, ganz die vornehme Münchnerin, musterte mich streng.
Was machen Sie hier? fragte sie schroff. Wer sind Sie?
Ich bin Gretas Mutter! sagte ich laut Und schämen Sie sich nicht, Klavier zu spielen, wenn ein Baby schlafen will?
Sie meinen Frieda? Die ist lange ausgeschlafen und ehrlich gesagt, wer hier wem den Schlaf raubt, können wir lange diskutieren.
Das Baby stört Sie? fragte ich erstaunt. Dann gibts doch eine Lösung: Sie suchen sich einfach ein eigenes Apartment!
Wieso soll ICH aus meinem Haus ausziehen?
Weil Sie der jungen Familie im Weg sind!
Ach so? Ich zwinge doch niemanden zu bleiben. Die Haustür steht offen, sie können jederzeit gehen!
Also ist Ihnen die Enkelin egal?
Mit kaltem Blick sagte sie:
Wie heißen Sie? Maria? Sehr erfreut. Erklären Sie mir doch mal: Warum sollte ich Rücksicht auf Ihre Tochter und Ihre Enkeltochter nehmen? Ich habe Greta doch bereits das Wertvollste gegeben meinen Sohn! Mein Chauffeur, mein Helfer, meine rechte Hand. Ist Ihnen das etwa zu wenig? Sie wollen mich vertreiben, was?
Wenn ich will, rufe ich die Polizei und lasse Sie als Unruhestifterin rauswerfen und wenn Sie mich weiter ärgern, können Sie alle zu viert zurück ins Allgäu.
Die lautstarke Szene führte dazu, dass Paul ins Zimmer stürmte und mich bittend ansah:
Sie sind sicher erschöpft von der Reise, Mama, Greta hat in der Küche Tee für dich gemacht!
***
Tee beruhigt, vielleicht bringt er uns auch näher. Ich blickte die elegante Dame wütend an, während sie ganz gelassen Tee schlürfte und mich verschmitzt ansah.
»Ich überlebe dich sowieso«, dachte ich voller Ablehnung.
Paul merkte längst, dass ich in Angriffslaune war, und warf Greta hilfesuchende Blicke zu, während er sie unter dem Tisch anstupste:
»Regel das mit deiner Mutter, bitte!«
Greta wusste schon, dass ich so stur wie ein Panzer bin.
Mama! sagte sie im Arbeitszimmer leise, während die Alte oben weiter Klavier spielte. Wir müssen reden!
Worüber? meine ich trocken. Du hast doch mit Reden nichts erreicht! Und diese Schwiegermutter dreht dir und Paul alles nach ihrem Willen!
Mama, sie ist gar nicht meine Schwiegermutter Sie ist Pauls Frau!
Mir fuhr der Schreck in alle Glieder.
Wie bitte?
Greta blickte traurig zu Boden.
Siehst du doch, wie wohlhabend Paul ist Das verdankt er der Ehe mit ihr. Seit zwanzig Jahren sind die beiden verheiratet, damals war sie fast fünfzig. Sie wollte nie eigene Kinder, sie ist überzeugte Kinderfreie
Ich blickte mich benommen in der riesigen, goldverzierten Bibliothek um. So viele Bücher, edle Möbel was das alles kostet!
Hier gehört alles ihr, sagte Greta leise. Am Anfang habe ich das nicht verstanden.
Und als ich anfing, gegen sie zu kämpfen, dachte ich, sie wäre wirklich Pauls Mutter. Erst da hat Paul mir die Wahrheit gesagt.
So ein Kerl! fauchte ich. Warum brauchst du sowas überhaupt?
Was wohl, Mama! Paul will eine Familie, Kinder Aber sie hat ihm das immer verweigert. Irgendwann ließ sie ihn gehen für eine Geliebte. Mich! Aber zwischen ihnen herrscht seit Jahren nur noch Nachbarschaft. Sie leben nur noch in einer Wohngemeinschaft.
Genug jetzt, ich stand auf. Pack deine Sachen, nimm Frieda und wir gehen zurück ins Allgäu!
Aber Greta hob die Nase:
Ach, Mama! Ich bleibe hier. Es passt mir! Ich wohne mit Paul und eines Tages, wenn er Witwer wird, heiratet er mich.
Bis dahin wird sie dir das Leben zur Hölle machen!
Egal, Mama. Es ist mein Leben und meine Entscheidung.
Dann bleib hier, auf Gnadenbrot, als Putzlappen für diese Hausdrachen! Ich fahr jetzt!
***
Die Tage danach zogen sich wie Kaugummi, leer, grau und trostlos. Ich fühlte mich wie überflüssig, einzig beschäftigt mit Nachbars Klatsch.
Bei Gudrun spielte ich manchmal mit ihrem Enkel, seufzte leise und dachte an Greta und meine kleine Enkelin Frieda.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Ich verschloss das Haus und fuhr einfach nach München.
Versteckte mich vor dem Tor der Villa, beobachtete eine Weile das Treiben im Garten.
Da sah ich Frieda, wie sie lachend mit zwei kleinen weißen Pudeln über den Rasen flitzte und rief: »Oma, Oma!« aber damit meinte sie SIE, Pauls Frau.
»Das geht zu weit!«, dachte ich eifersüchtig. »Sie ist doch gar nicht ihre Oma ICH bin Oma!«
Ich trat vors Tor und klopfte energisch.
***
Keiner warf mich raus, nicht einmal die Hausherrin. Sie sagte nur:
Das Haus ist groß, es gibt genug Platz für alle.
Wir zwei Frauen stritten nicht mehr, nur hin und wieder stichelten wir ein wenig beim Unkrautjäten oder beim Versteckspiel mit Frieda:
Na, bist du doch gekommen? Du wolltest sicherstellen, dass ich deine Tochter nicht drangsaliere hier. Ganz recht, Greta ist schwach, die braucht meinen Schutz. Wenn ich will, schmeiße ich sie raus oder eben nicht. Übrigens, sie ähnelt dir gar nicht. Du bist härter als sie, wenigstens ein bisschen.
Gleich bekommst du eine mit dem Staubtuch, auch wenn du die Dame des Hauses bist. Und warum bin ich schwach? murmelte ich zurück.
Weil DU hierherkommst und nicht deine Tochter zu dir. Hättest du deinen Willen durchgedrückt, wärst du stärker.
Ich bin härter als du! Und du weißt, warum ich gekommen bin? Weil du langsam müde aussiehst. Irgendwann liegst du danieder, und ich pflege dich. Aus Familienliebe, verstehst du aber Hauptsache, Greta muss dir nie die Nachttöpfe wechseln.
Hahaha, da musste ich jetzt aber lachen! Mir gehts blendend, ich hab die besten Ärzte, tolle Ernährung und keine Kinder bekommen, nie Stress gehabt. Warum glaubst du, Maria, dass ICH zuerst das Zeitliche segne?





