Ich dulde die Launen meiner Schwiegermutter nicht mehr in meiner eigenen Küche und zeige ihr den Ausgang.
Hast du die Rote Bete wieder nicht angebraten?, klingt Waltraud Müller nicht als Frage, sondern wie ein Urteil des obersten Richters, das im Gerichtssaal unverrückbar ist. Ich habe dir doch hundertmal gesagt, Gretchen: Ohne Anbraten ist die Suppe nur rotes Wasser. Ohne das wird unser Sebastian nie etwas mögen.
Gretchen steht mit dem Messer in der Hand, starrt die gleichmäßig geschnittenen Rote-Bete-Streifen an, die auf dem Schneidebrett liegen. In ihr steigt ein heißer Ärger auf, den sie die letzten drei Tage erfolgreich unterdrückt hat, seit ihre Schwiegermutter hier zu Besuch ist, um dem jungen Paar im Haushalt zu helfen.
Waltraud, ich spreche ruhig, ohne mich umzudrehen, damit ich dein bedrückendes, allwissendes Gesicht nicht sehe, versucht Gretchen, Sebastian isst meine Suppe seit fünf Jahren und hat nie geklagt. Ich mag keine fettige Bratpfanne, wir achten auf gesunde Ernährung.
Gesund, schnauzt Waltraud, dröhnt mit den Topfdeckeln, als würde sie ein Orchester dirigieren. Ihr schlagt euch mit Mode ab und verkommt dabei. Sieh doch, wie blass unser Sebastian wirkt das sieht man nur, wenn er nicht genug Kraft hat. Er arbeitet, du gibst ihm nur gekochte Rote Bete. Gib mir die Pfanne.
Die korpulent wirkende Schwiegermutter, gekleidet in einen bunten Bademantel, den sie aus ihrer Heimat mitgebracht hat (die Seide in euren ist unbequem), drängt sich wie eine Gewitterwolke an Gretchen heran. Sie schiebt Gretchen mit der Hüfte vom Herd weg, greift nach einer Butterflasche und schüttet großzügig einen halben Becher voll in die Pfanne.
Waltraud! Was tun Sie denn?, versucht Gretchen die Initiative zu ergreifen, doch Waltraud wirft die Rote Bete in das heiße Fett, und das einst nach Dill duftende Küche erfüllt sich plötzlich mit schwerem, verbranntem Geruch.
Ich erziehe dich, weil ich noch lebe, predigt Waltraud, während sie mit dem Pfannenwender wirbelt. Zwiebel muss größer, Speck dazu. Wo ist euer Speck? Ihr habt doch nur Joghurt im Kühlschrank. Pfui, das ist ja lächerlich.
Gretchen zieht sich an die Fensterbank, ballt die Hände, sodass die Knöchel weiß werden. Das ist ihre Küche, ihr Revier. Sie hat die Wohnung noch vor ihrer Heirat gekauft, die Baufinanzierung abbezahlt, auf Urlaub und neue Kleider verzichtet. Sie wählte das elfenbeinfarbene Küchenmöbelset, die Vorhänge, die Gewürzgläser alles selbst. Und jetzt regiert eine Frau, die meint, Mayonnaise sei das beste Gewürz zu allem und Sauberkeit riecht nach Chlor, das die Augen brennt.
Am Abend, wenn Sebastian von der Arbeit zurückkommt, herrscht in der Küche gespannte Stille, nur das Klirren von Löffel auf Teller ist zu hören. Waltraud sitzt dem Sohn gegenüber, lächelt und beobachtet, wie er isst.
Na, mein Schatz, schmeckt’s?, schaut sie ihm in die Augen. Endlich mal richtige Kost, sonst wirst du von Gretchens Diäten dünn.
Sebastian spürt die angespannte Atmosphäre, blickt von seiner Frau zur Mutter. Die Suppe ist fettig, zu salzig und ganz anders als er sie mag, aber er fürchtet, seine Mutter zu beleidigen, mehr als seine Frau zu verärgern.
Lecker, Mama, danke, murmelt er und schaufelt die fettige Brühe mit einem dicken Stück Brot herunter.
Gretchen steht schweigend auf, stellt ihre unberührte Schüssel in das Spülbecken und verlässt die Küche. Sie muss durchatmen. Sie weiß, das ist ein höflicher Besuch; die Schwiegermutter lebt in Hamburg, ist für eine Woche gekommen, um den Sohn zu sehen und eine Untersuchung in der Klinik zu machen. Sie muss ertragen nur für Sebastian.
Doch am nächsten Morgen zeigt sich, dass Geduld ein begrenzter Vorrat ist.
Gretchen wacht von einem rhythmischen Schratzen auf, das aus der Küche dringt. Sie blickt auf die Uhr: sieben Uhr morgens. Sebastian schläft noch, schnarcht leise. Im Hausmantel geht sie in die Küche.
Was ihr dort begegnet, lässt ihr Herz einen Schlag aussetzen. Waltraud steht am Waschbecken und schrubbt mit einem Metallschwamm die teure Antihaft-Pfanne, die Gretchen gerade erst gekauft hat.
Guten Morgen, sagt Waltraud, ohne das Schrubben zu unterbrechen. Ich habe die Pfanne noch einmal sauber gemacht, gestern war noch Fett dran. Jetzt wird sie glänzen wie ein Kater Augen.
Waltraud!, schreit Gretchen, rennt zum Waschbecken und reißt die Pfanne aus den Händen der Schwiegermutter.
Die Antihaftbeschichtung ist ruiniert, tiefe Kratzer zieren das schwarze Metall, das nun bloßes Aluminium ist. Die Pfanne, die zehntausend Euro gekostet hat, ist ein nutzloser Schrott.
Was haben Sie getan?, flüstert Gretchen, das ist Teflon! Man darf das nicht mit Metall bearbeiten! Ich habe extra Silikonspatel gekauft!
Ach, lassen Sie doch, winkt Waltraud ab, wischt sich die Hände an ein weißes Geschirrtuch, das grau getrübt ist. Die Pfanne sollte doch Gusseisen sein, dann kann man sie mit Sand reiben. Und danke, dass ich früh aufgestanden bin, um Ordnung zu schaffen.
Gretchen überblickt die Küche und erkennt das Ausmaß der Verwüstung. Waltrauds Ordnung bedeutet völliges Umräumen. Die Gewürzgläser, die Gretchen alphabetisch und nach Häufigkeit sortiert hatte, liegen jetzt in einer Ecke zusammengeworfen. Stattdessen stehen Packungen mit Reis, mit Gummibändern zusammengebunden. Die teure Kaffeemaschine ist in die hinterste Ecke geschoben, und in der Mitte des Arbeitsplattenbereichs thront ein altes, von Waltraud mitgebrachten emailliertes Suppenkännchen.
Warum haben Sie meine Sachen umgestellt?, fragt Gretchen zitternd.
So war es unbequem, erklärt Waltraud, Salz muss in Reichweite sein, nicht im Schrank. Und die Kaffeemühle? Sie nimmt nur Platz weg. Ich habe Kompott aus getrockneten Früchten gekocht, das ist gesund. Trinkt das.
Ich habe nicht um Ordnung gebeten, sagt Gretchen entschlossen, das ist meine Küche. Hier will ich kochen, hier will ich leben. Bitte bringen Sie alles zurück, wie es war.
Waltraud verzieht das Gesicht, ihr Blick wird zu einer überempfindlichen Mischung aus Unrecht und Selbstgerechtigkeit.
Ich helfe dir doch von Herzen, wie einer eigenen Tochter, gebe dir den Rücken, und du sagst bring es zurück. Das ist Hochmut, Gretchen, großer Sünde. Man soll die Schwiegermutter achten, nicht ihr Anweisungen geben. Ich war damals die Hausfrau, als du noch barfuß unter dem Tisch liefst.
Ich respektiere Sie, Waltraud, aber das ist mein Zuhause, erwidert Gretchen.
Es ist unser Haus, mein Sohn!, ruft Waltraud. Und Sebastian ist ? Er ist hier auch ein Teil davon.
In diesem Moment betritt Sebastian die Küche, die Augen noch halb verschlafen.
Was geht hier vor, Mädels?, gähnt er, bemerkt den Duft von Kompott. Wie in meiner Kindheit.
Waltraud verwandelt sofort ihre Wut in Milde und wendet sich an den Sohn: Guten Morgen, mein Junge. Ich habe gekocht, aber Gretchen ist unzufrieden. Sie sagt, ich habe die Pfanne zerkratzt, weil ich jahrhundertealten Schmutz entfernt habe. Sie schimpft auf mich.
Sebastian blickt verwirrt zu seiner Frau. Gretchen steht mit der beschädigten Pfanne, bleich, die Lippen fest zusammengepresst.
Gretchen, alles gut, versucht Sebastian zu beschwichtigen. Mutter wollte nur helfen. Wir kaufen einfach eine neue Pfanne, kein Problem. Streitet euch nicht.
Es geht nicht um die Pfanne, Sebastian, flüstert Gretchen, es geht um Grenzen.
Sebastian trinkt das Kompott, versucht die angespannte Situation zu glätten, doch seine Flucht vor dem Konflikt lässt Gretchen erkennen, dass sie keine Unterstützung erwarten kann. Sie wirft die beschädigte Pfanne in den Müll, während Waltraud laut ruft: Da kann man ja noch braten!
Der Tag vergeht wie im Nebel. Gretchen sitzt im Büro, doch ihre Gedanken sind zu Hause. Welche neue Tat wird die Schwiegermutter erfinden? Sie wolle die Wollpullover im kochenden Wasser waschen? Sie wirft die exklusive Teesammlung raus und ersetzt sie durch Kräuter aus dem Garten?
Am Abend kehrt sie nach Hause zurück, das Herz schwer. Beim Öffnen der Tür riecht es nicht nach Essen, sondern nach etwas Scharfem, Chemischem.
In der Küche sprüht Waltraud mit einem Kopftuch umwickelt eine trübe Flüssigkeit aus einer Sprühflasche über Gretches Topfpflanzen.
Was ist das?, fragt Gretchen und wirft ihre Tasche auf den Stuhl.
Flugsäure, erklärt Waltraud entschlossen. Auf deinem Ficus sind Flecken, das ist Blattläuse. Ich habe Betriebsseife mit Petrol gemischt, ein altes Hausmittel. Jetzt vergiften wir alles.
Der Ficus hat keine Blattläuse! Das ist eine Variegata mit weißen Stellen!, protestiert Gretchen, öffnet die Fenster, weil das Atmen unmöglich wird. Woher haben Sie das Petrol?
Aus Sebastians Keller, in einer Flasche. Keine Sorge, ich rette deine Pflanzen. Du kümmerst dich nie um sie, sie verdursten.
Gretchen schaut auf ihren geliebten Ficus Benjamin, den sie seit fünf Jahren pflegt. Die Blätter beginnen zu welken. Das ist die letzte Träne. Doch sie atmet tief ein und hält durch. Morgen ist Samstag, Sebastians Geburtstag, Gäste kommen ein Freundespaar und ein Kollege. Kein Streit vor dem Fest. Sie nimmt die Pflanzen in das Bad und wäscht sie unter der Dusche, während Tränen fließen.
Der Samstag beginnt mit einer Schlacht um das Menü.
Ich habe eine Torte bei der Konditorei bestellt, sagt Gretchen, holt die Zutaten für Salate heraus. Hauptgericht: Ente mit Äpfeln und Orangensauce. Vorspeise: Canapés mit Fisch, RucolaShrimpsSalat und eine Käseplatte.
Waltraud, die am Tisch sitzt und Tee aus einer kleinen Tasse trinkt eine weitere Marotte, die Gretchen ärgert, stellt die Tasse laut auf den Tisch.
Bist du verrückt, Kind? Menschen sollen doch normale Kost essen! Rucola ist doch Unkraut! Wo sind OlliWalle, Hering unterm Mantel? ruft Waltraud. Ich habe am Morgen Würstchen, Erbsen, Mayonnaise gekauft. Ich schneide jetzt den Kartoffelsalat, brate Hähnchen, nichts mit deiner süßen Ente. Das ist doch ekelhaft!
Wir haben keinen Silvester, Waltraud. Und meine Gäste mögen leichte, gesunde Kost, widerspricht Gretchen entschieden, stellt sich zwischen Schwiegermutter und Herd. Du wirst nichts schneiden. Das Menü steht. Ich koche selbst.
Du verbietest mir, meinem Sohn zu essen?, fragt Waltraud, die Augen verengen sich. Du siehst sie wie eine Königin. Ich bin die Mutter! Ich weiß besser, was Sebastian mag!
Sebastian mag, was ich koche. Bitte, Waltraud, geh ins Wohnzimmer und schau fern. Ich schaffe das allein, sagt Gretchen.
Waltraud schürzt die Lippen, wirft einen vernichtenden Blick und verlässt den Raum, murmelnd: Wir werden sehen, wie er eure Kräuter essen wird.
Gretchen atmet aus und beginnt zu kochen. Sie beruhigt sich mit dem Gedanken, dass noch nur zwei Tage zu ertragen sind. Die Ente mariniert, Gemüse wird geschnitten, Käse auf einem schönen Holzbrett angerichtet. Bis sechs Uhr ist alles fertig, der Tisch gedeckt, Kerzen stehen. Gretchen zieht sich um, schminkt sich, dauert etwa vierzig Minuten.
Als sie, in einem eleganten Kleid, zurückkommt, um die Ente im Ofen zu prüfen, bleibt sie erstarrt.
Auf dem perfekt gedeckten Tisch liegt ein riesiger, hässlicher Behälter. Darin schwimmt ein Berg OlliWalle, grob zerkleinert, in Mayonnaise. Daneben liegen fette, überbratene Hähnchenstücke, die das Fett auf die Tischdecke tropfen lassen. Besitzt die Ente, die vor ihr im Ofen steht, eine Schale, aus der Waltraud Essig über die Ente gießt.
Was machen Sie?, flüstert Gretchen.
Rette das Fest, erklärt Waltraud stolz. Deine Ente war zu fade, ich habe süße Sauce aus Essig und Pfeffer hinzugefügt. Und ich habe den Salat angerührt, während du dich um das Geschirr gekümmert hast. Der Tisch war sonst leer, das wäre eine Schande.
Der säuerliche Geruch von Essig schlägt Gretchen fast um. Die Orangensauce gerinnt zu braunen Flocken, die Ente ist ruiniert. Der Behälter mit dem Salat wirkt auf der eleganten Tischdekoration wie ein schmutziger Stiefel im Hochzeitskleid.
Sebastian tritt ein, in einem schicken Hemd.
Oh, Mama, hast du OlliWalle gemacht?, jubelt er, ohne die Lage seiner Frau zu bemerken. Super! Ich dachte, wir würden sonst verhungern. Gretchen kocht immer so feine Gerichte, man kann nie genug bekommen.
Diese Worte bringen Gretchen zum Zerreißen. Fünf Jahre hat sie versucht, die perfekte Ehefrau zu sein, schwierige Gerichte zu kochen, ein gemütliches Zuhause zu schaffen. Und ihr Mann will nun einen großen Topf MayonnaiseSalat und fette Hähnchenstücke. Er hat das, was seine Mutter mit ihm getan hat, geradezu bestätigt.
Gretchen geht zum Tisch, nimmt den 3KilogrammBehälter mit OlliWalle. Sebastian lächelt verwirrt.
Gretchen, was machst du?, fragt er.
Gretchen wirft den Behälter in den Müll, ein dumpfes Plumpsen. Der Salat verschwindet in der Tüte.
Was tust du, Hexe?!, schreit Waltraud, stößt die restliche Pfanne und das kaputte Hähnchen herbei. Du wirfst das Essen weg!
Gretchen legt den leeren Behälter auf den Boden, wirft die Pfanne hinein, schiebt die Ente aus dem Ofen in die Form. Sebastian schreit: Gretchen, das geht nicht! Gäste kommen in zehn Minuten! Was essen wir?
Gretchen steht jetzt ruhig, die Hände nicht mehr zittern.
Ihr esst, was ihr wollt, aber nicht hier, sagt sie mit fester Stimme. Waltraud, packen Sie Ihre Sachen.
Waltraud stutzt. Was? Sebastian, hörst du das? Sie wirft mich raus! Meine Mutter!
Sebastian, das ist nicht dein Haus, das ist meine Wohnung, erklärt Gretchen, gekauft mit meinem Geld, die Unterlagen liegen im Safe. Sebastian ist hier gemeldet, hat aber kein Eigentumsrecht. Ich lasse nicht zu, dass mein Zuhause zum Spielplatz einer verrückten Schwiegermutter wird. Ihr habt meine Pfanne zerkratzt, meine Pflanzen vergiftet, meine Gäste ruiniert. Raus hier.
Sebastian zögert, schaut zu seiner Mutter, dann zu Gretchen. Okay, ich entscheide mich. Er greift nach WaltraSebastian greift nach Waltraud, wirft ihr den Koffer zu und erklärt feierlich, dass er nun mit Gretchen in die eigene Wohnung zurückkehrt, wo er die Tür hinter ihr zuschlägt und das letzte Wort in Frieden spricht.





