Eine Fliege summte leise und durchdringend am Fenster. Wowa öffnete die Augen. Ein Sonnenstrahl glit…

Eine Fliege summte leise und durchdringend am Fenster. Moritz öffnete langsam die Augen. Ein freundlicher Sonnenstrahl glitt über sein Kissen und kitzelte seine Stupsnase. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und er streckte sich wohlig, fast genießerisch. Unter der Bettdecke war es so schön warm und gemütlich, dass er gar nicht aufstehen wollte.

Mama, rief er zögerlich. Dann lauter: Maaama!

Seine Mutter kam in das Zimmer, die Hände in der karierten Küchenschürze abgewischt.

Wach geworden? Warum schreist du denn so? Sie trat an sein Bett, beugte sich zu ihm hinunter und drückte ihm einen Kuss auf die Nase.

Guten Morgen, mein Sohn! Aufstehen, mein kleiner Spitzbube!

Moritz schlang die Arme um ihren Hals. Sie roch nach Milch, frischem Brot und etwas Köstlichem, Wohligem, das nur Mütter haben. Früher, als sie noch in München wohnten, war es sein Vater, der ihn für den Kindergarten weckte. Gemeinsam machten sie Morgensport, putzten spielerisch Zähne, planschten mit Wasser und lachten laut, während die Mutter schimpfte und sie antreiben wollte. Doch dann hatte sich alles verändert.

Eines Tages hatte der Vater ihn nicht wie üblich aus dem Kindergarten abgeholt. Moritz saß bis spät nachts beim Hausmeister, bis seine Mutter mit verweintem Gesicht kam. Sie erklärte ihm unter Tränen, dass sein Papa nicht mehr da sei. Dass Moritz nun der Mann im Haus sein müsse. Was genau passiert war, erfuhr Moritz erst später: Der Vater hatte bei einem Unfall mit einem fremden Auto sein Leben verloren. Auf dieses Auto kamen zwielichtige Männer und beschlagnahmten noch ihre Stadtwohnung. Bald darauf zogen sie zu Oma Gertrud aufs Land.

Das Dorf am Rande der Fränkischen Schweiz erstreckte sich entlang eines kleinen Flusses und mündete in einen dichten Mischwald. Direkt am Waldrand lebte Oma Gertrud, und nun wohnten sie alle drei zusammen in ihrem Fachwerkhaus. Der Opa war bereits verstorben, als Moritz ganz klein gewesen war. Also war er jetzt das Oberhaupt der Familie.

Oma und Mama arbeiteten beide morgens auf dem Bauernhof. Jetzt wusste Moritz: Das war so ein großes Gehöft, auf dem Schweine, Kühe und sogar Pferde lebten. Mama zeigte ihm alle Tiere, wenn sie ihn mit auf den Hof nahm. Moritz gefiel es dort nicht sonderlich – der Geruch war doch sehr gewöhnungsbedürftig! Nase zuhaltend ging er durchs Stalltor, und Mama sowie Oma lachten jedes Mal über seine Grimassen.

Er schlüpfte in seine kalten Hausschuhe und eilte im Schlafanzug nach draußen. Es war ein frischer Sonntagmorgen im August. Hähne krähten über den ganzen Hof, irgendwo weit entfernt bellten die Hunde, rau und schrill. Oma kam mosernd aus dem Schuppen:

Wieder einer versucht, sich zu den Hühnern durchzugraben! Gibts hier neuerdings den Wolpertinger?

Bald ist Herbst, dachte Moritz ganz erwachsen und ein wenig beklommen. Hoffentlich fängt die Schule bald an! Sein Herz klopfte dabei vor Vorfreude. Alles für die Schule war schon vorbereitet. Sein neuer Ranzen war einfach klasse! Lesen hatte er in den Sommerferien gelernt, nur beim Schreiben haperte es noch gewaltig.

Zum Frühstück gab es Grießbrei und dicke Quarkpfannkuchen.

Moritz, wir haben vor, heute in den Wald zum Pilzesuchen zu gehen, Oma und ich. Kommst du mit, oder bist du noch zu klein?, Mama grinste und zwinkerte in Omas Richtung.

Natürlich komm ich mit!, protestierte Moritz mit vollem Mund und Milchbart.

Gegen Mittag machten sie sich auf den Weg. Der Wald empfing sie mit angenehm kühler Luft. Die letzten Augusttage waren grün, aber bereits schwer von der kommenden Herbstzeit. Überall entdeckte Moritz Pilze, doch Mama warnte, dass nicht alle essbar wären und zeigte ihm, wie man die Guten von den Giftigen unterschied. Sie irrten eine ganze Weile umher. Oma war längst außer Sichtweite, und ihre Antwort auf Mamas Hallo! blieb aus.

Als die Sonne schon tief stand, sagte Mama, es sei Zeit zurückzugehen. Der große Korb und die Tragetasche waren gut gefüllt. Moritz kleiner Eimer zog schwer an seinem Arm, aber er wehrte sich tapfer dagegen zu jammern. Er war doch jetzt der Mann! Doch dann entpuppte sich der Rückweg als Herausforderung. Mama wirkte nervös. Offenbar hatten sie sich verlaufen.

Moritz, bleib dicht bei mir! Orientierungslos liefen sie erst in die eine Richtung, stießen auf ein sumpfiges Gebiet, dann auf dichten, undurchdringlichen Windwurf. Wieder zurück, der Wald schien sie zu umkreisen. Sie riefen nach Oma, aber der Wind rauschte so laut in den Espenblättern, dass sie kein Echo bekamen. Schließlich setzte sich Mama resigniert ins Gras, ratlos.

Fünf Minuten verstrichen. Plötzlich knackte es laut im Unterholz hinter ihnen. Das Gebüsch teilte sich, und vor ihnen stand… eine echte Hexe! Mama sprang auf.

Moritz stockte der Atem. Die alte Frau war krumm wie ein Spazierstock, warf ein riesiges Bündel dürres Geäst ab und kam näher.

Na, habts euch verirrt? Keine Angst, kleine Buben esse ich schon lange nicht mehr!, knurrte sie, blinzelte listig und entblößte ihren zahnlosen Mund. Dabei zuckte ihre Warzennase wie ein Käfer.

Ihr seid bestimmt die von der Gertrud?, fragte sie, ohne auf Antwort zu warten. Sie wuchtete das Brennholz wieder auf den Rücken und stapfte voraus.

Was steht ihr doof rum, kommt mit!

Mama und Moritz gehorchten, packten Pilze und folgten ihr wortlos. Die Alte bahnte sich zielsicher den Weg durch hohe Gräser, und plötzlich lag eine breite Lichtung vor ihnen. In der Ferne erkannte Moritz ihr kleines Dorf. Oma Gertrud tauchte am anderen Waldrand auf. Die Hexe kicherte krächzend, winkte ab und verschwand gebückt mit ihrer Last Richtung Dorf.

Danke…, stammelte Mama. Die Alte winkte nur noch einmal unwirsch und verschwand.

Oma kam auf sie zu.

Mama, wo warst du denn? Wir haben uns verlaufen, gut, dass uns diese Frau geführt hat!, rief Mama aus.

Ach, wie kann man sich denn in diesem kleinen Wäldchen verlaufen!, schimpfte Oma. Du warst doch als Kind ständig hier!

Oma, war das eine echte Hexe? fragte Moritz, immer noch bleich.

Ach Quatsch, Moritz, das war nur die alte Trude. Die ist manchmal wirklich wie eine Hexe.

Am Abend, beim Abendessen, fragte Moritz plötzlich:

Oma, warum heißt die eigentlich Trude?

Weiß nicht so genau. Die hieß schon als junges Mädchen so. Erzählt wird, sie sei früher rund und wohlhabend gewesen. Die Eltern hatten genug, immer gutes Essen auf dem Tisch. Sie saß draußen mit dicken Butterbroten, manchmal bestreut mit Zucker. Kein Kind durfte davon probieren, Freunde hatte sie deshalb wenige. Die Jungs verspotteten sie:

Pass auf, gleich platzt dein Bauch, der Nabel springt auf!

Ich kannte sie dann als Erwachsene; mir war sie schon über dreißig, ich war zehn. Sie hatte einen Freund, der Paul vom Hof. Sie war kräftig, aber nicht hässlich. Markant war nur ihre lange krumme Nase. Sie heirateten, bekamen einen Sohn.

Im Frühling war viel Wasser in der Wiesent. Männer wollten bauen, Holz wurde den Fluss hinabgeflößt. Die Kinder sprangen von Stamm zu Stamm. Die großen kletterten wieder hoch, doch der kleine Trude-Junge fiel und wurde unter den Baumstämmen erfasst. Drei Tage suchten sie, fanden ihn weit flussabwärts. Die Trude wurde verrückt vor Schmerz. Paul begann zu trinken. Im Winter fanden sie ihn erfroren am Waldrand, verlaufen auf dem Nachhauseweg. Nach dem Tod der Familie lebte Trude einsam draußen, hielt eine Ziege, sammelte Kräuter und heilte damit, wenn jemand aus dem Dorf zu ihr kam.

Oma schwieg lange. Mama räumte ab.

Das Schicksal ist selten gnädig, murmelte Mama. Und auch Moritz wurde seltsam traurig.

Der September war golden und klar. Die Morgen waren schon kühl; manchmal gab es leichten Frost, aber mittags schien die Sonne wie im Sommer. Die Luft war glasklar, der Wald färbte sich in warme Rot- und Goldtöne. Sie hatten die Kartoffeln geerntet. Moritz ging nun schon in die Schule, zweite Woche. Wahrscheinlich würde er nie den ersten Schultag und seine Lehrerin vergessen Frau Schmidt, streng und herzlich, nahm ihn an die Hand und führte ihn in seine Klasse, weil er als Kleinster vorne stand.

Noten gab es für Erstklässler noch nicht, doch Frau Schmidt lobte ihn oft und sagte, er müsse fleißig am Schönschreiben üben. Moritz hatte inzwischen zwei Freunde gefunden Sebastian und Lukas aus der gleichen Straße; die beiden waren schon in der zweiten Klasse. Gemeinsam gingen sie nach Unterrichtsschluss heim, manchmal zeigten sie ihm den kürzeren Weg quer über Brachland und Trudes verwilderten Garten. Hin und wieder holte ihn Oma oder Mama ab.

An diesem Tag hatte Moritz Glück. Die Lehrerin zeichnete zwei große rote Sterne in sein Heft, und abends durfte er sich sein erstes Buch aus der Schulbibliothek ausleihen: Das Zauberwort. Fröhlich trat er den Heimweg an. Sebastian und Lukas hatten noch Unterricht, also schlug er allein den Trampelpfad über das zugemüllte Brachland ein. Man musste aufpassen, wo man hintrat.

Plötzlich hörte Moritz ein seltsames Knurren. Er hob den Kopf und erstarrte. Vor ihm stand ein ganzes Rudel Hunde. Die Fellknäuel umzingelten ihn. Der größte kam näher, legte die Schnauze auf den Boden, bleckte die Zähne. Moritz wich zurück, wollte davonrennen zu spät. Die Meute hatte ihn bereits eingekreist. Der Leithund sprang, als Moritz erschrocken schrie. Er riss den Ranzen vor sich, doch das Tier packte ihn, schleuderte ihn zu Boden, zerfetzte das Schulheft im Dreck. Moritz fiel, zog die Arme vors Gesicht, aber ein Gebiss bohrte sich schmerzhaft in seine Schulter. Er verlor das Bewusstsein.

Moritz bekam nicht mehr mit, wie Trude auf krummen Beinen mit einer Schaufel aus dem Garten stürmte, sie ohne Mühe über den Zaun schwang und mit wildem Gebrüll auf die Tiere einschlug. Die Hunde wichen erst zurück, griffen dann wieder an, angelockt vom Blut. Trude schlug um sich, brüllte, doch der Leithund sprang ihr auf den Rücken, verbiss sich in ihren Nacken. Trude fiel, brach zusammen und bedeckte Moritz schützend mit ihrer langen, bis zum Boden reichenden Röcke…

In dieser Mittagsstunde war das Dorf wie ausgestorben. Die Jugendlichen in der Schule, die Erwachsenen auf den Feldern. Der Tierarzt und sein Helfer kamen gerade mit dem Wagen von einer Besprechung zurück; sie hatten Futter und neue Impfstoffe für die Kühe organisiert. Auf dem Rückweg fiel ihnen das Getümmel am Rand des Gemüsegartens ins Auge.

Markus, fahr mal da rüber zu Trudes Garten, da stimmt was nicht!

Markus lenkte den Wagen nahe ans Gestrüpp. Das Bild war entsetzlich: Blut überall, zerfetzte Hefte, dazwischen die reglose Gestalt der alten Frau, ein Hund auf ihrem Rücken, zerrte an ihrem Nacken.

Die Männer sprangen heraus, rissen alles greifbare an sich, um die Hunde zu verjagen. Die Tiere bissen um sich, wollten zupacken. Mit der blutverschmierten Schaufel schlug Markus auf das Rudel ein. Die Hunde jaulte, bluteten, aber es war eine ganze Bande. Vom Dorf rannten Leute mit Mistgabeln, Rufen, Schüssen in die Luft zur Hilfe herbei. Der Leithund drehte ab, heulte, verschwand im Wald ihm folgten alle anderen.

Trude stöhnte. Erst jetzt entdeckten die Männer unter ihrem Körper einen blassen, blutigen Jungen.

Markus, ruf den Notarzt, die Alte lebt noch… glaube ich.

Als sie Trude beiseite legten, fanden sie Moritz bewusstlos, aber am Leben…

Ein klarer Sonnenstrahl tanzte auf Moritz Kissen und seiner Stupsnase. Die weißen Krankenhauswände wirkten streng und fremd.

Wo bin ich?, murmelte er. Langsam kehrten die Erinnerungen zurück. Er bewegte sich vorsichtig.

Seine Mutter, die auf einem Stuhl neben ihm saß, strahlte über das ganze Gesicht.

Moritz, mein Junge, du bist wieder bei uns!, schluchzte sie.

Moritz bandagierter Arm und die Schulter schmerzten. Er erinnerte sich.

Mama, haben sie mir die Hand abgebissen? Werde ich nie mehr schreiben können?

Nein, mein Schatz. Nur verletzt. Die Ärzte haben dich operiert. Bis zur Konfirmation ist alles wieder gut!, lächelte die Mutter mit Tränen in den Augen. Danken wir Trude. Sie hat dich mit ihrem Körper beschützt. Schlaf dich aus, mein Herz…

Trudes Beerdigung wurde von allen Dorfbewohnern begleitet. Die Hunde hatten ihr beide Arme und ein Bein verletzt. Ihr altes Herz hielt der Operation nicht stand.

Am Tag danach erschossen die Dorfbauern klammheimlich alle wilden Hunde; vierzig Kadaver warfen sie in eine große Grube außerhalb des Dorfes. In der Nähe des Waldes entdeckten sie Hundebauten mit ein paar Welpen. Die wurden in die Höfe verteilt.

Moritz fehlte in der Schule nur ein Vierteljahr. Seine Hand arbeitete noch langsam, aber er übte täglich. Frau Schmidt lobte ihn. Die Jungs nannten ihn einen Helden.

Mit seiner Mutter besuchte er Trudes Grab und legte einen riesigen Strauß wilder Blumen nieder.

Auf dem Schild am Holzkreuz stand ihr richtiger Name Gertrud Poppl, geboren 1934, gestorben vor ihrem neunzigsten Geburtstag. Moritz Mutter weinte.

Was für ein Schicksal! Danke, Trude für den Weg aus dem Wald und vor allem für mein Kind. Ruhe in Frieden!

Als beim Weihnachtsspiel in der Schule eine Hexe auf die Bühne sprang, brach Moritz in Tränen aus und verließ den Festsaal. Seine Hand schmerzte und in seinem Herzen lebte Trude für immer weiter.

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Homy
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