Nach einem Jahr zurück: Wie mein vermisster Kater Archibald nach langer Odyssee im verschneiten Berl…

Kam nach einem Jahr zurück

Als ich den Müll rausbringen wollte und auf den Treppenabsatz trat, saß er noch immer direkt vor der Wohnungstür. Mein Moritz. Rot getigert, stolz, mit schneeweißer Weste auf der Brust und diesem trägen, fast spöttischen Blick. Als hätte nicht er vor ein paar Stunden die Küchentür aufgerissen und dabei den Topfdeckel umgeschmissen. Ich nickte ihm zu nicht einmal sein Ohr zuckte.

Auf dem Rückweg war die Fußmatte leer.

Damals geriet ich nicht gleich in Panik. Vielleicht war er eine Etage tiefer gegangen, hatte sich vor eine andere Tür gelegt, wie schon so oft früher. Ich rief ihn. Lief die Etagen ab. Schaute auf den Treppenabsätzen. Ging hinaus in den Hof. Nichts.

Moritz war nie weit weg. Er hatte seine festen Wege: das Treppenhaus, die Bank am Hauseingang, der Busch mit Katzenminze dann wieder nach Hause. Autos, Tauben, andere Katzen das alles ließ ihn kalt. Er war ein Beobachter. Und plötzlich war er verschwunden.

Bis zum Abend durchsuchte ich den ganzen Hof. Rief, pfiff, schüttelte die Futtertüte und kam mir dabei furchtbar albern vor. Aber keiner meldete sich. Nur die älteren Nachbarn wechselten verständnisvolle Blicke:

Immer noch nicht zurückgekommen?

Ist schon einen Tag weg

Naja, Katzen die machen manchmal ihr eigenes Ding

Nein. Für mich war er nicht einfach irgendeine Katze. Er gehörte zur Familie. In sieben Jahren war er nie weggeblieben.

Am dritten Tag fing ich an, Aushänge zu machen. Überall ein Foto: Moritz auf der Fensterbank, Moritz zusammengerollt, Moritz schaut mit unverkennbarem Blick in die Kamera. Es kamen Anrufe, die Leute waren neugierig. Ein Mann erzählte, er habe einen ähnlichen Kater auf dem Markt am anderen Ende von Köln gesehen. Ich fuhr hin. Eine Stunde verging. Es war ein Hund rot, aber eben kein Moritz.

Nach einer Woche hörte ich, dass immer wieder fremde Jugendliche im Hausflur herumlagen. Einer hatte sogar gefragt, wem der zutrauliche Kater am fünften Stock gehört. Er sagte: Ganz zahm, bestimmt teuer

Denkst du, sie haben ihn mitgenommen?

Sieht ganz danach aus, sagte ich. Zum ersten Mal konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten.

Ein Monat verging. Dann noch einer. Ich versuchte, mich abzulenken, kümmerte mich um den Alltag, und ging zur Arbeit. Hörte, wie auf dem Flur Absätze klackten und Türen zufielen. Jedes Mal dachte ich, vielleicht er Doch nein.

Den Futternapf räumte ich irgendwann weg. Die Decke aber ließ ich liegen, wusch sie, trocknete sie, legte sie jedes Mal wieder an ihren Platz. Man weiß ja nie.

Irgendwann brachte mir eine Freundin ein Kätzchen. Grau, keck, ständig am Maunzen.

Du kannst doch nicht ewig so alleine sein, als würdest du trauern, meinte sie.

Ich behielt den Kleinen. Nannte ihn Plüsch. Er war wild, verschmust, lustig. Aber eben kein Moritz. Immer wenn ich ihn streichelte, war da diese Leere im Herzen. Nicht, weil der Kleine nicht lieb war, sondern weil das Herz sich noch an Moritz erinnerte.

Es verging fast ein Jahr. Winter. Schnee bis zu den Knien, überall Eis. Ich kam von der Arbeit, die Tasche schwer, schimpfte über die rutschigen Stufen und ärgerte mich, dass ich wieder keinen Tee gekauft hatte. Da hörte ich auf einmal ein leises Kratzen. Kaum hörbar, fast wie ein Windhauch.

Ich blieb stehen, trat näher an die Tür. Schloss auf.

Da war er.

Auf der Fußmatte saß Moritz. Abgemagert, dreckig, die Ohren angefroren, zittrige Pfoten. Aber in den Augen ganz der alte Blick. Als wolle er sagen: Und? Wo warst du die ganze Zeit?

Ich konnte es kaum glauben. Ich kniete mich hin, streckte die Hand aus.

Moritz?..

Kein Miauen. Er stand langsam auf, kam zu mir und drückte seine Stirn in meine Handfläche.

Ich fing an zu weinen. Einfach so, im Hausflur, mit Tasche, Brot und Wintermantel. Die Tränen liefen von selbst. Und er schmiegte sich immer wieder an mich, so, als könne auch er kaum glauben, wieder zu Hause zu sein.

Ich holte ihn rein. Warmes Wasser. Badewanne. Futter. Er fraß, als hätte er seit Wochen nichts mehr bekommen. Legte sich dann direkt in den Sessel und schlief sofort ein. Zusammengerollt wie immer.

Später gingen wir zum Tierarzt. Die Schwanzspitze war erfroren und musste amputiert werden. Zwei Zähne waren abgebrochen. Der Körper ausgelaugt. Narben, blaue Flecken. Aber er lebte. Er lebte!

Den hat ganz sicher jemand behalten, sagte der Tierarzt. Sehr zutraulich, aber schwer gezeichnet. Wahrscheinlich gestohlen. Vielleicht wurde er später ausgesetzt oder ist entkommen. Aber den Heimweg den hat er gefunden.

Ganz allein zurückgekommen

Das passiert selten, aber es kommt vor. Die Tiere haben einen unglaublichen Geruchssinn, ein Gedächtnis, das wir unterschätzen.

Seitdem schläft er nur noch in meinem Bett. Die alte Decke rührt er nicht mehr an. Nach draußen zieht es ihn auch nicht mehr. Plüsch hat er anfangs noch gemieden, inzwischen teilen sie sich einen Napf und waschen sich gegenseitig wie Brüder.

Manchmal frage ich mich: Was wäre, wenn ich an diesem Tag die Tür nicht geöffnet hätte? Oder wenn ich erst später nach Hause gekommen wäre?

Aber er hat gewartet. Ganz allein. Nach fast einem Jahr. Schwach, abgemagert, aber lebendig.

Seitdem kontrolliere ich jedes Mal, wenn ich die Wohnung auch nur für eine Minute verlasse: Ist die Tür auch wirklich zu?

Immer.

Hast du auch so eine Geschichte erlebt? Schreibs in die Kommentare deine Geschichte zählt.

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Homy
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