„Bist du verrückt geworden im Alter, Lydka? Deine Enkel gehen schon zur Schule – was soll denn diese…

Bist du verrückt geworden, Irmgard? In deinem Alter noch eine Hochzeit? Deine Enkel gehen schon aufs Gymnasium! Das hat mir meine Schwester Helga an den Kopf geworfen, als ich ihr erzählt habe, dass ich heiraten werde.

Aber ehrlich: Warum sollte ich noch länger zögern? In einer Woche lassen Gustav und ich uns beim Standesamt eintragen, da muss man die Schwester eben informieren. Natürlich kommt Helga nicht extra nach München angereist, wir wohnen ja schließlich hunderte Kilometer auseinander. Und ein rauschendes Fest mit Polonaise und Küsschen!-Rufen ist mit sechzig auch keine Pflicht mehr. Wir wollten es ruhig angehen lassen nur wir zwei und ein frisch gebackener Trauschein.

Eigentlich hätten wir das Ganze auch einfach lassen können, aber Gustav besteht drauf. Ein echter Kavalier durch und durch: Hält mir die Tür zur S-Bahn auf, reicht mir den Arm beim Aussteigen und hilft mir in den Mantel, als wäre ich eine Gräfin von Welt. Ohne Stempel im Personalausweis gibt er keine Ruhe! Was glaubst du denn, Irmgard? Ich bin doch kein Schuljunge mehr, ich brauche klare Verhältnisse. Für mich bleibt Gustav trotzdem ein Junge wenn auch mit silbernem Akzent auf dem Kopf. Im Büro ist er der allseits geschätzte Herr Dr. Reinhardt, überall mit Nachnamen und vollem Titel. Aber sobald er mich sieht, wirft er sein ganzes Alter ab und dreht mit mir mitten in der Fußgängerzone Pirouetten. Klar ist das schön, aber immer muss ich schimpfen: Mensch Gustav, die Leute glotzen schon! Und er nur: Welche Leute? Ich seh hier nur dich! Und ehrlich, mit ihm fühlt sich die Welt tatsächlich manchmal so an: nur er und ich, sonst niemand.

Aber dann war da noch meine Schwester Helga, der ich alles erzählen muss. Klar, ich hatte Angst, sie würde mich genau wie alle anderen verurteilen aber ihre Unterstützung war mir wichtiger als alle Münzen auf dem Oktoberfest. Also hab ich Mut zusammengenommen und angerufen.

Irmgard… zog sie das a in die Länge, ihr Ton eindeutig schockiert Du willst HEIRATEN? Ein Jahr ist es her, dass wir Hans beerdigt haben, und du springst schon wieder unter die Haube?

Ich habs ja geahnt, aber dass sie ausgerechnet meinen verstorbenen Mann als Argument bringt, damit hab ich dann doch nicht gerechnet.

Helga, hör mal, hab ich sie unterbrochen Wer legt eigentlich fest, wie lange ich trauern soll? Gib mir doch mal ne Zahl: Ab wann darf ich wieder glücklich sein, ohne gesteinigt zu werden?

Helga hat kurz gestockt.

Also… fürs gute Benehmen mindestens fünf Jahre solltest du noch abwarten, Irmgard.

Und dann sag ich also zu Gustav: Sorry, Gustavli, komm in fünf Jahren nochmal vorbei, bis dahin trag ich meinen Trauerschleier? Klingt nach einem Plan!

Sie war kurz still.

Was bringt das denn? Meinst du, nach fünf Jahren wird keiner je wieder tratschen? hab ich nachgelegt Es gibt immer welche, deren Hobby das Schnattern ist. Aber ehrlich gesagt, die interessieren mich so viel wie der Blitzer auf der Autobahn. Was wirklich zählt: Deine Meinung, Helga! Wenn du jetzt auf den Tisch haust, dann ist die Hochzeit abgeblasen.

Ach herrje, jetzt häng ich hier auch noch als Bösewichtin drin. Dann heirate halt! Aber verstehen kann ich dich nicht. Du warst immer schon ein bisschen schräg, aber dass du im Alter komplett durchdrehst naja. Irgendwie schade. Warte doch wenigstens noch ein Jahr, bitte!

Ich ließ nicht locker.

Und was passiert, wenn Gustav und ich gar kein weiteres Jahr mehr haben? Was dann, Helga?

Jetzt hörte ich sie schniefen.

Ach geh, mach doch was du willst. Klar, jeder will irgendwann nochmal glücklich werden, aber du hattest doch ein schönes Leben all die Jahre

Da musste ich auflachen.

Du glaubst echt, ich war mein Leben lang glücklich? Tja, ich habs früher selber gedacht. Erst jetzt kapier ich, was mir alles entgangen ist: Ich war mehr Lastesel als Zufriedenheitsgarantie. Kaum zu glauben, dass man tatsächlich leben kann, ohne immer am Rotieren zu sein.

Hans war ein guter Kerl, keine Frage. Wir haben zwei Töchter großgezogen, und jetzt hab ich fünf Enkel. Er hat mir immer eingetrichtert, das Wichtigste im Leben wär die Familie. Und ich? Hab nie widersprochen. Erst haben wir uns krumm gearbeitet für die Mädels, dann für deren Familien, dann für die Enkel. Rückblickend: pure Hetze, keine Pause, nicht mal für eine Breze. Als unsere Große geheiratet hat, hatten wir schon längst einen Schrebergarten da meint Hans plötzlich, wir müssten noch einen Hektar Land dazunehmen, damit die Enkel gutes Fleisch bekommen. Also: Land gepachtet, Vieh gekauft, jeden Morgen früh raus, nie früher als Mitternacht ins Bett. In den Sommerferien gemächlich durchs Einkaufszentrum mit der Girlieclique? Pustekuchen! Im Kino? Vielleicht als Gärtner im nächsten Leben. Selbst ins Theater hab ich es nie geschafft. Meine Freundinnen waren glatt neidisch auf mein ländliches Leben, bis sie gesehen haben, wie ich aussehe: Die eine kam mal vorbei, starrt mich groß an und sagt:

Irmgard! Ich hab dich gar nicht erkannt. Dachte, du machst hier Wellness, aber in Wahrheit bist du ja halb verdurstet!

Ich hab nur gelacht. Wie solls auch anders sein? Die Kinder brauchen doch Hilfe! Aber sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Die Kinder sind erwachsen und können für sich selbst sorgen. Ich sollte endlich mal an mich denken.

Damals wusste ich nicht, wie das geht, für sich leben. Heute kann ichs! Ausschlafen, shoppen gehen, Kino, Schwimmen, Langlauf und niemand bricht deshalb zusammen! Den Kindern fehlts an nichts, die Enkel sind immer noch satt und zufrieden. Aber am Schönsten: Ich hab gelernt, die Welt umzudrehen und anders zu sehen. Früher hab ich mich tierisch geärgert über das viele Herbstlaub im Garten, heute genieße ich es, wenn ich durch den Englischen Garten schlendere und die Blätter mit den Schuhen nach oben wirbel. Kindlich? Ja, und wie! Regen? Kein Problem mehr, denn ich muss ja keine Ziegen mehr in den Stall scheuchen, sondern kann im Kaffeehaus hocken und dem Prasseln zuschauen. Sogar die Wolken sind mir plötzlich aufgefallen und Schneematsch macht mir richtig Spaß. Und das alles dank Gustav!

Nach Hans Tod war ich völlig neben der Spur. Herzinfarkt, von jetzt auf gleich war er weg. Die Mädels haben dann das ganze Geraffel verkauft, das Gartenhäuschen gleich dazu, und mich zurück nach München verfrachtet. Erst war ich völlig orientierungslos: Morgens um fünf auf, wandere durch die Wohnung und weiß gar nicht, wohin mit mir.

Dann kam Gustav. Nachbarsmann, Sohn eines Spezls meines Schwiegersohns. Er hat beim Umzug geholfen und meinte dann später, er hätte mich eigentlich gar nicht weiter beachtet zu traurig, zu fertig, die Irmgard. Dann hat er gedacht: Da steckt Leben drin, das muss nur mal wieder an die Oberfläche! Und so hat er mich buchstäblich an die Hand genommen und zum Spaziergang in den Hofgarten geschleppt. Setzen wir uns auf die Bank Gustav kauft Eis, dann gehen wir zum Teich und füttern Enten. Ich hatte auf dem Land immer Enten, aber Zeit zum Zugucken? Null. Und siehe da: Die Biester sind unfassbar witzig beim Fangen von Brot!

Kaum zu glauben, einfach mal nur Enten zu beobachten, hab ich ihm gestanden. Früher war das immer Hetze, Futter zusammenrühren, Tränken sauber machen heute steh ich da und grinse.

Gustav hat meine Hand gedrückt und gemeint: Warte nur, Irmgard. Ich hab dir noch ein paar Überraschungen parat. Du wirst dich selber nicht wiedererkennen!

Er sollte Recht behalten. Ich hab mit ihm die Welt neu entdecken dürfen. Und irgendwann war er so sehr in meinen Gedanken, dass ich ihn nicht mehr missen konnte. Wann das anfing? Keine Ahnung aber eines Tages war klar: Das ist jetzt meine Realität, das ist mein Leben!

Die Töchter waren natürlich wenig begeistert sie fühlten sich, als würde ich Hans Andenken verraten. Das hat wehgetan, keine Frage. Gustavs Kinder allerdings? Die fanden es super, dass Papa wieder lachen kann. Das letzte Stück war das Gespräch mit Helga vor dem hatte ich mich gedrückt.

Wann ist es denn nun soweit? fragte sie nach unserem langen Telefonat.

Diesen Freitag.

Na dann, viel Glück noch im dritten Frühling, meinte sie trocken zum Abschied.

Am Freitag haben Gustav und ich unsere besten Sonntagsklamotten angezogen, einen Schwung Lebensmittel fürs Wochenende gekauft, und sind mit dem Taxi zum Standesamt gefahren. Kaum ausgestiegen stockte mir das Herz: Da standen meine Töchter, Schwiegersöhne und Enkel, Gustavs Kinder samt Familien und allen voran Helga, mit einem Strauß weißer Rosen und den Tränchen in den Augen.

Helga! Du bist aus Flensburg extra gekommen? Ich konnte es kaum glauben.

Irgendwer muss ja schauen, an wen du da gerätst, lachte sie.

Wie sich herausstellte, hatten die Verwandten längst im Geheimen alles organisiert und ein Café reserviert.

Vor ein paar Tagen haben Gustav und ich unseren ersten Hochzeitstag gefeiert. Er gehört jetzt quasi zur Familie, und manchmal kneife ich mich noch, ob das alles wirklich passiert. Glücklich? Aber sowas von! Hoffentlich merkt das Schicksal nicht, wie unverschämt gut es uns geht.

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Homy
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„Bist du verrückt geworden im Alter, Lydka? Deine Enkel gehen schon zur Schule – was soll denn diese…
Was ist denn hier los? Wohin willst du? Und wer kocht jetzt das Essen? — Warum rennst du denn so weg? Irgendjemand muss doch das Essen machen! — fragte der Mann besorgt, als er sah, was Antonina nach dem Streit mit seiner Mutter tat. Antonina blickte aus dem Fenster. Trübe Wolken, obwohl es schon Frühlingsanfang war. In ihrer kleinen Stadt im Norden Deutschlands gab es fast nie sonnige Tage. Vielleicht wirkten deshalb die Menschen hier oft mürrisch und kühl. Auch Antonina bemerkte immer öfter, dass sie überhaupt nicht mehr lächelte, und die ständige Sorgenfalte auf ihrer Stirn ließ sie mindestens zehn Jahre älter erscheinen. — Mama! Ich gehe spazieren, — rief ihre Tochter Lena. — Ja, ja, — nickte Antonina. — Was soll das „ja, ja“? Gib mir Geld. — Seit wann kosten Spaziergänge Geld? — seufzte Antonina. — Mama! Warum diese Fragen? Los, jetzt! Was, so wenig? — Das reicht für ein Eis. — Du bist so geizig, — meckerte Lena, aber ihre Mutter hörte das nicht mehr, denn Lena war schon zur Tür raus. Unglaublich… — schüttelte Antonina den Kopf und erinnerte sich daran, wie süß Lena war, bevor die Pubertät einsetzte. — Toni, ich habe Hunger! Dauert das noch lange?! — rief der Mann, Markus, unzufrieden. — Bediene dich selbst, — meinte sie gleichgültig und stellte ihm den Teller auf den Tisch. — Kannst du ihn mir bringen? Antonina hätte den Topf beinahe fallen lassen. Was denkt der sich eigentlich… — Gegessen wird in der Küche, Markus. Willst du — iss, willst du nicht — lass es, — sagte sie und setzte sich allein an den Tisch. Nach etwa fünfzehn Minuten kam Markus in die Küche. — Kalt… Igitt… — Ich hab’s länger stehen lassen. — Ich hab dich doch gebeten! Keine Spur von Zuneigung! Du weißt doch, dass ich Fußball schaue! — schlang Markus hastig das Hähnchen hinunter. — Schmeckt nicht. Antonina verdrehte nur die Augen. Mit dem Fußball war Markus wie ein ganz anderer Mensch. Wetten, Fanartikel, teure Tickets… In der Jugend war an Sport gar nicht zu denken. Ohne sich an den Tisch zu setzen, schnappte Markus sich eine Bierdose, „Frische-Knusper“-Chips und verschwand wieder vor dem Fernseher. Toni blieb allein in der Küche, um das schmutzige Geschirr zu spülen. Alles umsonst. Niemand weiß es zu schätzen. Nach ihrer anstrengenden Schicht als Stationsschwester war sie total erschöpft. Ständig kamen die Leute mit ihren Problemen in die Klinik. Stress im Job und zu Hause keine Ecke Wärme, sondern die zweite Schicht. Servieren–Abräumen–Spülen–Putzen. — Gibt’s noch welches? — Markus griff sich eine neue Büchse aus dem Kühlschrank. — Warum ist nichts mehr da? — Du hast ja alles leergetrunken! Soll ich das auch noch besorgen?! Sei mal ehrlich, Markus! — platze es aus Antonina. — So feinfühlig… — meinte er sarkastisch und knallte wütend die Tür hinter sich zu, um sich „für das nächste Spiel“ im Kiosk zu bevorraten. Antonina beschloss, schlafen zu gehen, denn am nächsten Tag wartete wieder viel Arbeit. Aber sie konnte nicht einschlafen. Sie sorgte sich um ihre Tochter, wo sie wohl war, mit wem? Es war bereits dunkel draußen, doch von Lena keine Spur. Sie traute sich nicht anzurufen, weil Lena dann immer ausflippte. — Blamier mich nicht vor meinen Freunden! Hör auf anzurufen! — brüllte Lena ins Telefon. Nach solchen Anrufen hatte Toni es aufgegeben und redete sich ein, dass ihre Tochter kürzlich achtzehn geworden war. Arbeiten wollte sie nicht, fürs Studium fühlte sie sich auch nicht bereit. Nach dem Abi entschied Lena, erst mal eine Pause zu machen, um „sich selbst zu finden“. Nach einem kurzen Nickerchen hörte Antonina den Jubelschrei ihres Mannes — als hätte jemand ein Tor geschossen. Dann kam der Nachbar zum Fachsimpeln vorbei und brachte noch seine Freundin mit – gemeinsam „fieberten“ sie bis tief in die Nacht. Später kam Lena, klapperte mit den Tellern und ging ins Bett. Kaum war endlich alles ruhig und Toni schlief, heulte die Katze los, weil sie Futter wollte. — Gibt es in diesem Haus eigentlich jemanden außer mir, der die Katze füttert?! — genervt und mit Migräne schlich Antonina aus dem Zimmer. Sie wollte, dass man sie hört. Doch die Tochter saß mit Kopfhörern da und drehte nur mit dem Finger am Kopf, und Markus war vor dem Fernseher eingeschlafen, Bierdose noch in der Hand. „Ich hab die Nase voll… Mir reicht‘s einfach!“ — dachte Toni. Am nächsten Tag wurde sie vom Anruf der Schwiegermutter geweckt. — Antonina, mein Schatz, weißt du noch, dass es an der Zeit ist, Gemüse zu pflanzen? Und aufs Land sollten wir auch mal fahren… Ordnung im Garten machen. — Ich weiß, — seufzte Toni. — Dann fahren wir morgen. Ihren einzigen freien Tag verbrachte Antonina im Schrebergarten, kommandiert von der Schwiegermutter. — So kehrst du falsch! Du musst den Besen anders halten! — rief diese vom Bänkchen aus. — Ich bin fast fünfzig, Vera, ich schaff das schon allein, — wagte Toni zu antworten. — Und Markus… — Wo ist denn Ihr Markus? Warum ist er nicht mitgekommen? Warum musste ich Sie und mich stundenlang mit dem Linienbus herbringen? Und immer nur Ihr Markus, Ihr Markus… — Er ist halt müde. — Und ich? Glaube Sie, ich wäre nie müde? Dann ging es erst richtig los… Antonina bereute es, nicht geschwiegen zu haben. Vera war redselig und bestand immer auf Recht und Ordnung – ihre Ordnung. Ihr Leben lang hatte sie nur Markus gelobt, während Toni für sie stets „die duldbare Magd“ war. Zurück fuhren sie in verschiedenen Ecken des Busses. Am nächsten Tag beschwerte sich Vera beim Sohn über die Schwiegertochter – und Markus war außer sich. — Wie konntest du meiner Mutter so antworten?! — schimpfte Markus. — Wenn sie nicht wäre… — Was? — Antonina verschränkte die Arme. Sie wusste, sie konnte diesen ausbeuterischen Umgang nicht länger ertragen. — Dann hättest du nur in der Praxis gearbeitet! — meinte er und spielte sein Trumpf-Ass, um ihr einzubläuen, dass er und seine Mutter ihr zum Job in der Klinik verholfen hatten. Dort gab es mehr Geld, aber die Nerven zahlte sie obendrauf. Schon öfter hatte Toni bedauert, nicht in der ruhigen Arztpraxis geblieben zu sein. — Wo willst du hin? Markus war schockiert, als er sah, was Toni nun tat. Was Toni dann machte, hätte Markus sich nie vorstellen können!