Der Mittagsschlaf brachte keine ersehnte Erleichterung, sondern hinterließ nur bleierne Unruhe und e…

Ein Mittagsschlaf hatte mir nicht die erhoffte Erleichterung gebracht. Stattdessen blieb nur ein zäher Anflug von Unruhe und ein trockener Mund zurück. Ich wachte auf, weil ich ein merkwürdiges, fast greifbares Gefühl der Leere in den Beinen verspürte, als hätte jemand das Heizkissen unterm Bett herausgezogen. Normalerweise schlief Gustav, mein Golden Retriever, genau dort und sein ruhiger, schwerer Atem war beruhigender als jedes Schlafmittel.

Nun aber war das Bett leer und das Laken kühlte unangenehm auf der Haut. Ich setzte mich auf und ließ die Füße auf den Boden gleiten, schauderte beim Luftzug, der wie ein unsichtbarer Fluss durch die ganze Wohnung wehte. Überall herrschte tiefes, dumpfes Schweigen, von dem es mir in den Ohren klingelte. Kein Getrappel auf dem Parkett, kein Schnaufen, kein Schütteln nasser Ohren nichts.

Gustav? rief ich, und meine eigene Stimme klang mir fremd und spröde.

Niemand kam, und der Raum erschien plötzlich bedrohlich groß, abweisend, ganz als sei ihm jede Gemütlichkeit entzogen worden. Ich ging den langen Flur entlang, fuhr mit der Hand die Tapete entlang, um mich zu orientieren. Mein Herz pochte unregelmäßig und der Puls hämmerte in den Schläfen.

In der Küche saß Annette, meine Schwiegertochter, beinübergeschlagen, als wäre sie dem Cover eines Modejournals entsprungen: makellose Haut, perfekte Frisur und ein Blick, in dem schon immer jeder Funke Wärme fehlte. Sie hielt ein Glas mit grüner, dickflüssiger Masse irgendein Trend-Smoothie und glitt mit dem Daumen durch den Newsfeed ihres Handys, lächelte, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen.

Annette, wo ist der Hund? fragte ich und stützte mich leicht am Türrahmen ab, um das Zittern in den Knien zu verbergen.

Sie hob träge den Blick, in ihren Augen blitzte sattes, eisiges Wohlbehagen. Sie nahm einen kleinen Schluck, hinterließ einen grünen Streifen auf der Oberlippe und leckte ihn langsam ab.

Ach, Frau Heimann, Sie sind schon wach? Ihr Ton war pappig höflich. Gustav… Also, wissen Sie, das ist so eine Sache. Er hat so gejault, ist hin und her gerannt, hat gekratzt, als gäbs kein Morgen mehr. Ich dachte schon, vielleicht hat er Magenschmerzen?

Theatralisch schlug sie die Hände zusammen, frisch lackierte, blutrot glänzende Nägel funkelten.

Ich hab die Tür aufgemacht, wollte ihm gerade die Leine anlegen, da ist er schon losgestürmt! Hat mich beinahe umgeworfen. Ich hab noch gerufen: Gustav, bleib!, aber der hat sich keinen Deut geschert. Weg war er. Ich schätze, Frühling liegt in der Luft, die Natur ruft, wissen Sie Er kommt sicher nicht zurück, Frau Heimann. Es gibt ja diesen Spruch: Wenn ein alter Hund geht, geht er sterben um den Menschen Kummer zu ersparen.

In meinem Innern drehte sich etwas wie ein rostiger Schlüssel, riss mir fast den Bauch auf.

Welcher Frühling, Annette? Es ist November. Ich sprach leise, weil mir die Finger vor Kälte erstarrten. Und Gustav ist seit fünf Jahren kastriert. Er hat Angst vorm Aufzug, bleibt draußen keinen Schritt von meinem Bein weg.

Annette zuckte mit den Schultern in dieser Gleichgültigkeit lag so viel Verachtung, dass mir schlecht wurde. Meine Gefühle waren ihr vollkommen gleichgültig.

Naja, dann war ihm dieses Betonloch vermutlich zu öde geworden. Vielleicht hat er einfach Freiheit gebraucht, Waldluft … Ist schließlich nur ein Tier.

Mein Blick fiel auf die Autoschlüssel, achtlos auf den Tisch geworfen. Daran hing ein flauschiger Anhänger ein weißer Hase, der mir jetzt wie ein böses Omen erschien. Die Schlüssel lagen nicht in der Schale im Flur, wo sie sonst hingehörten, sondern hier. Annette hatte nicht nur die Wohnungstür geöffnet.

Sie hatte ein Familienmitglied während meines Schlafes aus dem Haus gefahren, meine Schwäche ausgenutzt.

Ohne ein Wort drehte ich mich um und ging in den Flur. Im Innern brodelte eine kalte, schwere Entschlossenheit. Ich wusste, dass ich Gustav zu Fuß nicht finden würde, wenn sie ihn weit weggebracht hatte, aber das Triumphieren in ihrem Gesicht ertrug ich nicht. Sie machte tabula rasa vor ihrer Abreise; alles, was stören könnte, kam weg.

Die folgenden vier Stunden wurden zum beklemmenden, stickigen Alptraum. Ich lief den ganzen Stadtteil ab, rief so lange nach Gustav, bis meine Kehle brannte, lugte unter jedes parkende Auto. Ich rief Nachbarn an die Finger zitterten so heftig, dass mir das Handy zweimal auf den Gehweg fiel. Im Gruppenchat der Hausgemeinschaft postete ich ein Foto von Gustav, lachend mit herausgestreckter Zunge: Hund entlaufen. Freundlich, zutraulich, kommt auf jeden zu …

Niemand hatte ihn gesehen. Niemand.

Zuhause trank ich Herz-Tropfen, doch deren harziger Geschmack verstärkte nur die Übelkeit. Die Wohnung, die mein Sohn Markus gekauft hatte, war zum Kampfplatz geworden und ich lag geschlagen am Boden, ganz ohne einen Schuss abgegeben zu haben. Annette lief an mir vorbei wie an einem alten Möbelstück, das keiner mehr braucht.

Im Flur stand ein offener Koffer riesig, pink, klaffend wie das Maul eines hungrigen Monsters. Annette schichtete darin methodisch Bikinis, Pareos, Cremes in teuren Tiegeln.

Reg dich doch nicht so auf, Mama, warf sie mir im Vorbeigehen zu, die Arme voller Seidenkleider. Wozu der Stress wegen so einem alten Hund? Überall Haare von ihm, spezieller Geruch, Sabber auf dem Parkett Igitt. Kauf dir doch was Kleines, einen Fisch zum Beispiel. Der macht keinen Lärm und man muss bei Regen nicht raus. Markus bezahlt mir das beste All-inclusive-Hotel, ich brauch gute Laune, nicht deinen Trauermarsch.

Weiß Markus überhaupt Bescheid? fragte ich, ohne aufzublicken.

Dass der Hund weg ist? Nein, wozu ihn nerven, er ist auf Dienstreise. Wenn er zurückkommt, erzählen wirs halt. Oder besser: du erklärst dich, Alter, Unachtsamkeit, Tür nicht richtig zu Kommt vor.

Annette hatte einen Plan, in dem ich die Schuldige war. Und Markus, mein freundlicher, sanfter Markus, würde ihr glauben, weil sie so schön weinen kann und ich werde nur schweigen, aus Angst, wie eine irre alte Frau zu wirken.

Ich saß in der dunklen Stube, den zerbissenen Quietschball in den Händen. Der einzige Faden, der mich noch an eine heile Welt band, in der Gustav lebte.

Draußen senkten sich früh die Novemberdämmerung. Violette, kalte Schatten krochen durch alle Ecken, verschluckten die Möbel. Der Wind schaukelte einen Fliederzweig, der mit widerlichem Quietschen ans Fenster kratzte.

Plötzlich änderte sich das Geräusch.

Es war nicht mehr der Zweig. Nicht das Fenster. Es war ein leises, zögerndes Kratzen an der Haustür. Und ein schwaches, kaum hörbares Winseln.

Ich fuhr so abrupt hoch, dass mir schwarz vor Augen wurde. Ich weiß nicht mehr, wie ich zur Tür kam, wie meine Finger am Schloss ruckelten. Mit einem Ruck riss ich die schwere Metalltür auf.

Auf der schmutzigen Fußmatte lag ein grauer, zitternder Fellknäuel.

Er roch nach nasser Erde, Abgasen, Straßenstaub und blanker Angst.

Gustav!, brachte ich hervor und fiel vor ihm auf die Knie direkt auf die kalten Fliesen des Hausflurs.

Er hob mühsam den Kopf. Seine goldene Mähne war verfilzt, mit Kletten übersät, er zitterte am ganzen Leib. Die rechte vordere Pfote hielt er in der Luft, seltsam verdreht.

In den Zähnen aber hielt er fest etwas eine kleine, rote, feste Mappe.

Lebst du Mein Lieber Du bist zurück murmelte ich, strich über seinen schmutzigen Kopf, ohne jedes Ekelgefühl, von dem Annette gesprochen hatte. Ich fühlte nur seinen Herzschlag unter meiner Hand. Gibs mir, komm Was hast du da?

Gustav öffnete die Kiefer, keuchend. Die rote Mappe plumpste in meine Hand. Automatisch wischte ich sie am Ärmel ab. Im Schein des Hauslichts glänzte ein goldener Bundesadler. Es war ein Reisepass.

Mit tauben Fingern schlug ich ihn auf. Auf dem Foto blickte mir Annette entgegen perfekte Frisur, ein überhebisches, siegesgewohntes Gesicht. Dazwischen als Lesezeichen: eine Bordkarte. Business Class. Abflug morgen um sechs Uhr.

Vor meinem inneren Auge schob sich Bild an Bild, das Grauen wurde greifbar. Sie hatte ihn weit hinausgebracht in den Wald oder auf ein Feld. Sie musste ihn aus dem Auto gezerrt, hinausgedrängt haben. Vermutlich fiel ihre Handtasche auf den matschigen Boden, der Pass fiel raus, sie bemerkte es nicht im Stress, im Ärger. Und Gustav? Er lief nicht einfach nur der Karre hinterher. Er roch das, was nach ihr, nach Zuhause, nach Familie duftete und schleppte es zurück.

Zehn, zwanzig Kilometer muss er gepackt haben, auf drei Beinen, um ihr das zu bringen, was ihr so gleichgültig war, als sie ihn verriet.

Was ist denn da für ein Krach? Ein genervter Ruf. Frau Heimann, schon wieder Zugluft bei Ihnen? Es zieht!

Annette erschien im Flur, eine Stoffmaske zurecht zupfend. Im Seidenmorgenmantel wirkte sie wie ein Fremdkörper in der Szene. Beim Anblick des verdreckten Hundes erstarrte sie. Die Stoffmaske schien plötzlich ihr wahres Gesicht zu sein starr, blass, leblos vor Leere.

Du? hauchte sie, die Stimme brach ab, wurde schrill. Aber ich ich hab dich doch bis hinter Falkensee gebracht! Direkt in den Forst! Das geht doch gar nicht!

Gustav, als er ihre Stimme hörte, tat etwas, was er in seinem ganzen Leben einem Menschen gegenüber nie getan hatte: Er knurrte tief, drohend. Sein Fell stellte sich, er drückte sich eng an mich um Schutz suchend oder Schutz bietend.

Langsam stemmte ich mich an der Wand hoch, mein Rücken schmerzte, die Knie brannten. Doch in mir breitete sich eisige, vollkommen ruhige Entschlossenheit aus. Die Angst war fort, nur Abscheu blieb, so als hätte ich in Dreck getreten.

Also, abgehauen? fragte ich leise, hielt den Reisepass zwischen zwei Fingern, wie eine tote Maus. Trieb der Natur, ja? Hinten bei Falkensee sagst du?

Annette starrte mich an, weit aufgerissene Augen, Mund wie zu einem O geformt. Sie erkannte ihren Pass.

Geben Sie ihn her! kreischte sie, sprang auf mich zu. Das ist meiner! Woher haben Sie den? Her damit!

Ich wich zurück, versteckte den Pass hinterm Rücken. Gustav bellte, kurz, heiser, warnend. Annette prallte zurück, wie gegen eine unsichtbare Wand.

Mein Flug geht um sechs! Markus hat dafür ein Vermögen hingeblättert! Jetzt gib endlich, du du

Nur zu, meinte ich ruhig. Alte Hexe? Verrückte? So nennst du mich doch im Gespräch mit deinen Freundinnen, wenn du denkst, ich hör dich nicht?

Mir egal! Gib endlich den Pass zurück! Das ist Diebstahl!

Dem Hund tut die Pfote weh, sagte ich mild, wie zu einem bösen Kind. Unser Junge hinkt. Siehst du? Blutet sogar. Brauchen dringend einen Tierarzt, Röntgen, vielleicht MRT Das kostet, Annette. Viel. Sehr viel.

Ich gebe dir Geld! Sie griff mit zitternden Händen in die Taschen des Morgenmantels, vergaß wohl, dass sie leer waren. Wie viel? Zehntausend? Zwanzig? Nimms, nur gib den Pass her!

Nein, Annettchen, ich schüttelte den Kopf. Es geht nicht ums Geld. Es ist eine Sache des Prinzips. Du hast ein Lebewesen, ein Familienmitglied, zum Sterben ausgesetzt. Ausgesetzt bei Kälte und Hunger.

Es ist doch bloß ein Hund!, schrie sie, das Gesicht unter der Maske fleckig. Ein Stück Fell! Und ich, ich hab Stress! Ich bin fertig!

Du hast keine Nerven, gab ich zurück, du hast da, wo andere ein Herz haben, einen Taschenrechner.

Ich schlug den Pass auf. Die Seiten waren feucht, klebrig von Speichel.

Ach schau: kaputt, der Pass. Der Hund hat ihn im Maul getragen. Zwanzig Kilometer, Annette. Sabber, Dreck, Zahnabdrücke Bei der Bundespolizei wirst du mit dem Design wohl wenig Eindruck machen.

Der trocknet! Ich föhne ihn! Ich bügle ihn! Gib her!

Und wenn er trocken ist , ich trat ans Küchenfenster.

Wir wohnen im Erdgeschoss. Draußen wuchert wilder Hartriegel und Brombeere, ein Dickicht aus Dornen. Die Hausmeisterin Frau Kluge hat es seit Jahren aufgegeben, da aufzuräumen. Inzwischen war es draußen pechschwarz, die Zweige schwankten im Wind.

Du hast meinen Freund ausgesetzt. Ich setz deinen Urlaub aus.

Nein! Nicht!, rief sie, stürzte quer durch die Küche, fegte den Stuhl um.

Ich holte aus. Ruhig, ohne Hast. Großräumig.

Brings, Annette!

In einem Bogen flog die rote Mappe hinaus in die Nacht. Es raschelte, knackte irgendwo in der dichtesten Ecke der Dornen landete das Dokument.

Such, sagte ich kalt. Vielleicht findest du ihn bis morgen früh. Wenn du dich anstrengst.

Ein Schrei, gellend wie das Kreischen einer Möwe. Annette rannte zum Fenster, beugte sich hinaus, fast stürzte sie ab, suchte in der Dunkelheit. Aber da waren nur Dornen, Wind und Kälte.

Ihr Blick traf mich, voller gläserner, reiner Hass. Dann stürmte sie hinaus, nur im Bademantel, auf Hausschuhen. Es knallte die Haustür.

Ich schloss das Fenster, machte den Riegel zu. Kalt wars. Für Gustav war ein Durchzug jetzt Gift, er war gänzlich durchgefroren.

Gustav lag auf dem Teppich, atmete schwer, leckte an seiner Pfote. Ich setzte mich daneben, holte die Hausapotheke. Die Hände zitterten nicht mehr. Ich fühlte mich seltsam leicht, als wäre eine Tonne Steine von meinen Schultern gefallen.

Na, sehen wir uns das mal an, mein Held, flüsterte ich und schaltete die Leselampe ein.

Vorsichtig prüfte ich die Ballen. Kein Bruch, etwas Blut, die Pfote geschwollen. Im Filz zwischen den Zehen steckte, wie vermutet, eine riesige Klettenfrucht, tief in die Haut gebohrt. Bei jedem Schritt ein Stich, eine Qual.

Gleich wirds besser, Kleiner, halt durch, sagte ich und griff zum Pinzette.

Gustav zuckte, aber er ließ machen. Er vertraute mir völlig. Ein geübter Zug und die blutige Klette war draußen. Ich versorgte die Wunde großzügig mit Desinfektionsmittel, wickelte einen Verband. Gustav atmete tief, entspannte sich und legte seinen schweren Kopf auf meinen Schoß.

Er war daheim.

Draußen klang durch die dichten Fenster lautes, schrilles Wüten.

Wo ist er?! Verfluchte Dornen! Aua! Ich hasse euch!

Annette kroch dort, in tiefer Nacht, riss sich feine Seide und Hände an Dornen auf, verfluchte mich,, den Hund, die Brombeeren, die Türkei und die ganze Welt. Es war wie ein gerechtes Echo Auftakt zu ihrem neuen, einsamen Leben.

Im Schloss drehte sich leise ein Schlüssel.

Ich zuckte nicht. Es war nicht Annette, sie war ja ohne Schlüssel hinausgeeilt.

Markus kam heim. Mein Sohn. Müde, unrasiert, mit einer Reisetasche über der Schulter. Er war einen Tag früher gekommen Überraschung.

Er blieb im Türrahmen stehen, als er Gustav, den Verband, die verstreuten Pflaster und mich daneben sah.

Mama? Seine Stirn legte sich in Falten. Was ist los? Warum kriecht Annette unter unserem Fenster im Gebüsch, mit einer Taschenlampe, und flucht wie ein Bauarbeiter? Ich hab sie gerufen, sie hat nicht reagiert.

Ich lächelte. Hell und ruhig, wie jemand, der einen Sturm überstanden hat.

Sie trainiert, mein Sohn. Dschungelcamp live. Survival-Kurs in Spandau.

Markus zog die Schuhe aus, kam ins Zimmer. Schaute auf Gustav, der matt, aber willkommen mit dem Schwanz auf dem Boden schlug, als er seinen Herrn erkannte. Schaute mich an. Schaute auf die offene Hausapotheke, auf die blutige Klette auf dem Tuch.

Sie hat ihn weggebracht, oder? fragte er leise.

Nicht verloren oder entwischt. Er verstand sofort. Er hat es immer gesehen: ihre Blicke, ihre Kälte, ihre Gemeinheiten und doch gehofft, es würde schon alles gut. Aber heute hatte er die bittere Wahrheit erlebt.

Bis hinter Falkensee, bestätigte ich ruhig. Während ich schlief. Sagte, er sei aus Liebe zum Hochzeitmachen geflohen. Aber Gustav fand zurück.

Markus trat ans Fenster, schaute hinab in die Dunkelheit, wo Annettes Taschenlampenstrahl wild umherirrte.

Pass?, fragte er, ohne sich umzudrehen. Sie schreit da was von Pass.

Den hat Gustav gefunden. Dort draußen, wo sie ihn ließ. Nach Hause gebracht im Maul. Aber er ist etwas ramponiert. Und dann flog er zum Fenster raus. Durchzug, du weißt schon.

Markus schwieg, ich sah die Kiefermuskeln spielen. Er liebte Annette oder das, was sie vorgab zu sein , aber Gustav war seit zehn Jahren unser Hund. Markus hatte ihn als Welpen gebracht. Gustav war ein Stück seiner Seele, ein Erinnerungsstreifen an Kindheit, Vater, gemeinsame Ausflüge. Die Grenze war überschritten, es gab keinen Weg zurück.

Alles klar, sagte er, hängte sein Jackett an den Stuhl, langsam, aber entschieden. Dann fliegt sie nicht in die Türkei.

Nein, stimmte ich zu, und schüttete Gustav das Futter ein. Das Geräusch der Pellets auf dem Teller klang wie Heimkommen. Der Pass ist futsch. Ungültig.

Markus setzte sich zu Gustav auf den Teppich, vergrub das Gesicht im nun wieder waldduftenden Fell. Gustav leckte ihm dankbar übers Ohr.

Ist schon gut. Ich flieg dann eben. Mit dir, Mama. Und Gustav. Wir suchen ein Hotel, das Haustiere mag, davon gibts viele. Nach dieser Odyssee braucht er Reha. Und du auch.

Von draußen klang ein gellender, triumphierender, dann schmerzverzerrter Schrei, dass die Fensterscheiben zitterten.

Gefunden! Endlich! Was ist das?! Was hast du damit gemacht?!

Annette hatte den Pass gefunden. Und offenbar gesehen, was ich vor dem Hinauswerfen auch bemerkte hatte: Gustavs Eckzahn hatte den Pass mittig durchstochen. Ein Loch, sorgsam, tief, irreparabel. Das Visum war ein Spitzendeckchen geworden.

Markus ging in die Küche, drückte den Wasserkocher.

Magst du Tee, Mama? Mit Minze? Oder stark?

Sehr gerne, mein Junge. Sehr gerne.

Die Wohnung war warm, klang nach Teekessel und zufriedenem Hundemampfen. Wir waren Zuhause. Wir waren Familie.

Und Annette? Sie war dort, wo sie hingehörte: draußen in der Finsternis, allein mit ihrem Zorn, ihren zerrissenen Händen und einem Pass, der nie mehr irgendwohin führen würde.

Eine Woche später sind wir tatsächlich geflogen. In ein kleines Haus an der Ostsee, bei Leuten, die Golden Retriever lieben.

Gustav hinkte noch ein paar Tage, aber der Sand und das Meerwasser bewirkten Wunder. Und Annette? Die zog zu ihrer Mutter. Man sagte, sie kurierte lange Nerven und Brombeerkratzer aus nur die Narben, die gehen nie ganz weg.

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Homy
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Der Mittagsschlaf brachte keine ersehnte Erleichterung, sondern hinterließ nur bleierne Unruhe und e…
Mit 65 erkannte ich, dass das Schlimmste nicht das Alleinsein ist, sondern meine Kinder um einen Anruf zu bitten, obwohl ich weiß, dass ich ihnen zur Last falle.