ER KAUFTE DAS “TAUBE” MÄDCHEN, DAS ALLE ABLEHNTEN… ABER SIE HÖRTE JEDES WORT Man sagte, Laura sei s…

6. Februar 1923

Sie nannten mich stumm, taub, wertlos als hätte das Etikett irgendwann tatsächlich gestimmt, einfach weil es so oft gesagt wurde. Hier im Dorf, zwischen den engen Gassen von Bad Windsheim, ist ein Gerücht so gut wie ein Urteil: Wer nicht hört, der versteht nichts. Für die meisten war ich, Hannelore, nie ein Mensch, sondern eine Last, die man von Haus zu Hof schieben musste.

Tante Margarete sorgte dafür, dass alle dies nicht vergaßen.

Heute Morgen biss mir der Frost ins Gesicht, als wir uns durch die gepflasterten Straßen zur Markthalle bewegten. Schneeluft lag über der Stadt, Bauern und Händler brüllten ihre Preise, als würde die Kälte zum Handeln zwingen.

Mitten ins Stimmengewirr stellte Margarete mich auf den Marktplatz, packte mich beim Arm und rief:

Wer braucht ein braves Mädchen für Küche oder Hof? Sie ist genügsam, beschwert sich nie, und still ist sie auch!

Die Blicke der Menschen bohrten sich in mich hinein. Ich hielt den Kopf gesenkt, fingerte am Flicken meines alten Schals und stand einfach wie immer regungslos da. Ich kannte das Ritual: das Schauen, das Tuscheln, mein Dasein als Aushängeschild des Mitleids.

Sie hört nichts! Seit Kindheit an! Aber waschen, kochen, putzen das kann sie. Und glaubt mir, sie mischt sich nie in ein Gespräch ein!

Die Leute lachten, trocken und hart. Ich hielt mich an meinem Schweigen fest, als sei es mein Anker, aber jede Bemerkung traf mich in voller Schärfe.

Denn in Wahrheit hörte ich alles.

Ich war nie taub.

Als ich klein war, nach dem Tod meiner Eltern, nahm Margarete mich zum Arzt. Der Geruch nach Desinfektionsmittel, die Worte des Arztes (Die Ohren sind vollkommen gesund, die Krankheit hat nicht geschadet) und Margaretes Druck auf meinen Arm sind mir noch heute präsent. Als wir das Wartezimmer verließen, raunte sie mir ins Ohr:

Wenn du weiter sprichst, wird dich niemand haben wollen. Für uns beide ist es besser so…

Also schwieg ich, erst aus Angst, dann aus Gewohnheit und irgendwann einfach nur, weil es mich schützte.

Bis Johann auftauchte.

Johann war ein stiller Landwirt vom Rand des Dorfes. Die meisten hielten Abstand, andere respektierten ihn. Seit die Tuberkulose seine Familie genommen hatte, lebte er allein, mied Klatsch und Streit.

Er füllte gerade Jutesäcke mit Korn, als er Margaretes Aufruf vernahm. Er wandte sich um, sah sie spöttisch gestikulierend, mich daneben, schüchtern und verloren. Etwas veränderte sich in seinem Blick keine Milde, sondern Ärger.

Wie viel?, fragte Johann abrupt.

Margarete verzog den Mund.

Fünfzig Reichsmark, sagte sie.

Zwanzig., erwiderte Johann ruhig.

Fünfunddreißig. Ich habe sie großgezogen, als die Eltern starben.

Johann zählte fünfundzwanzig Mark ab und hielt sie ihr hin.

Das. Oder gar nichts.

Margarete schnappte nach dem Geld, kaum zögernd. Ist dein Schaden, sie hört ja doch nichts.

Ohne ein weiteres Wort bedeutete Johann mir, ihm zu folgen.

Ich wagte es, zum ersten Mal seit Jahren aufzublicken.

Und erstarrte. Kein Spott, kein Mitleid lag in seinen Augen. In seinem Blick spürte ich Achtung ja, fast Anerkennung. Ein Ich sehe dich.

Ich stieg auf seinen Karren. Er legte mir wortlos eine Decke um die Schultern. Während die Räder über das Kopfsteinpflaster rumpelten und langsam das Dorf zurückblieb, sah ich, wie Margarete ohne ein Wort das Geld zählte.

Schnee begann zu fallen. Johann fuhr schweigend, sein Mantel roch nach Heu und Holz, und ich hörte alles ganz genau das Knirschen der Stiefel, das dumpfe Schnaufen seiner Pferde, das Knistern seiner ruhigen Atemzüge. Bei seiner kleinen Hofstelle brannte bereits ein Feuer, der Suppentopf dampfte.

Er zeigte still auf einen Stuhl.

Hier bist du in Sicherheit, sagte er, ohne zu ahnen, wie sehr ich jedes Wort schon immer verstand.

Mir brannte das Herz.

Abends beim Essen redete Johann leise weiter.

Hab keine Angst. Ich zwinge dich zu nichts. Wenn du morgen fortwillst, bring ich dich hin.

Ich sah auf den Holztisch.

Und antwortete zum ersten Mal seit Ewigkeiten.

Danke.

Das Wort durchbrach die Stille wie ein Donnerschlag.

Johann blickte auf.

Wie bitte…?

Ich schluckte und zitterte am ganzen Leib.

Ich bin nicht taub, flüsterte ich, nie gewesen.

Eine Stille, schwer wie Stein, legte sich zwischen uns.

Er schrie nicht, wurde nicht böse, sondern betrachtete mich lange.

Seit wann hörst du?, fragte er schließlich.

Schon immer.

Ich erzählte ihm alles, von der Angst, den Demütigungen, dem endlosen Schweigen.

Statt Ablehnung schürte Johann wortlos das Feuer in der Stube.

Dann fangen wir gemeinsam neu an. Hier wird niemand dich zum Schweigen bringen.

Von nun an arbeiteten wir. Er behandelte mich nie als Magd, sondern als Partnerin. Brachte mir Lesen, Rechnen und Handeln auf dem Nürnberger Markt bei.

Und bald tuschelte das Dorf.

Dann kehrte Margarete zurück.

Sie gehört mir! Ihr habt mich getäuscht, sie ist gar nicht taub!, schrie sie.

Johann stand ruhig da.

Das weiß ich längst. Und die anderen jetzt auch.

Der Dorfschulze trat hinter ihn. Der Arzt. Zwei Händlerinnen, die mich reden und hören gehört hatten.

Ich trat hervor.

Ich spreche jetzt für mich selbst, sagte ich.

Margarete erbleichte.

Das Dorfgericht war schnell. Margaretes Schikanen und Drohungen wurden bezeugt. Sie verlor jede Vormundschaft. Und ihr Ansehen gleich mit.

Monate später blühte Johanns Hof. Ich ging aufrecht. Die Leute auf dem Markt hörten mir zu. Wenn ich sprach, wurde es still.

An einem Sommerabend, als die Dämmerung den Hof vergoldete, sah Johann mich an.

Ich habe dich nie gekauft, sagte er. Ich habe dich gewählt.

Ich lächelte.

Und ich bin frei, hier zu bleiben.

Jahre später sagt man im Ort:

Weißt du noch, das taube Mädchen? Sie hat am meisten von uns allen gehört.

Und diese Geschichte tut endlich nicht mehr weh.

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Homy
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