Drei Jahre Ehe und jede Nacht schlief ihr Ehemann bei seiner Mutter. Eines Nachts folgte sie ihm und entdeckte eine Wahrheit, die ihr den Atem raubte.
Lena und Matthias waren seit drei Jahren verheiratet. Von außen wirkten sie wie ein vorbildliches Paar. Matthias war aufmerksam, fleißig und warmherzig. Doch Lena quälte eine merkwürdige Angewohnheit ihres Mannes zutiefst.
Nacht für Nacht, immer so gegen Mitternacht oder kurz danach, stand Matthias vorsichtig auf. Er löste sich sanft aus Lenas Umarmung und verließ das Schlafzimmer. Leise ging er hinüber in das Zimmer seiner Mutter, Frau Herzlieb, die bei ihnen wohnte. Erst beim Morgengrauen kehrte er zurück.
Im ersten Ehejahr bemühte sich Lena zu verstehen.
Meine Mutter hat Schlafstörungen, erklärte Matthias ihr. Sie braucht Gesellschaft.
Doch im zweiten Jahr wurde Lena immer misstrauischer.
War Matthias einfach zu sehr an seine Mutter gebunden? War er ein typischer Muttersöhnchen?
Im dritten Jahr hatten Eifersucht und Zweifel Lena fast aufgefressen. Sie hatte das Gefühl, Matthias würde seine Mutter mehr lieben als sie. Wie eine unsichtbare dritte Person stand die Mutter mitten in ihrer Ehe.
Warum schläfst du eigentlich jede Nacht dort? stellte Lena ihn eines Abends zur Rede. Ich bin doch deine Frau! Du solltest an meiner Seite liegen. Was macht ihr stundenlang dort reden, bis die Sonne aufgeht?
Bitte, Lena, hab Verständnis, entgegnete Matthias erschöpft, dunkle Schatten unter den Augen. Meine Mutter ist krank. Sie braucht mich.
Krank? Am Morgen sieht sie doch ganz munter aus. Sie frühstückt, sieht fern Das klingt für mich nach einer Ausrede, weil du gar nicht mit mir zusammen sein möchtest!
Matthias schwieg nur, senkte den Blick und verließ das Zimmer still.
Von Misstrauen und Wut getrieben, traf Lena eine Entscheidung: Sie würde ihm folgen. Sie wollte wissen, was wirklich nachts geschah.
Es war Mitternacht.
Wie immer stand Matthias leise auf. Lena stellte sich schlafend, ihre Augen jedoch offen im Dunkeln.
Er verließ das Zimmer.
Fünf Minuten wartete Lena, dann folgte sie ihm auf leisen Sohlen, um kein Geräusch zu machen.
Vor der Tür zu Frau Herzliebs Zimmer blieb sie stehen. Sie war angelehnt.
Lena lugte hinein.
Sie war bereit zu schreien. Bereit, ihren Mann und die Schwiegermutter zur Rede zu stellen.
Doch was sie sah, ließ ihr das Herz stocken.
Im dämmrigen Schein einer kleinen Lampe lag Frau Herzlieb die tagsüber ruhig und freundlich wirkte am Bett gefesselt mit Tüchern. Schweißgebadet, mit wilder Miene und Schaum um den Mund, rang sie mit den Fesseln.
Lasst mich! Weg! Ihr dürft meinen Sohn nicht töten! brüllte sie mit brüchiger, rauer Stimme.
Matthias hielt sie sanft aber fest, um Verletzungen zu verhindern. Arme und Schultern übersät von Bissspuren, Kratzern und blauen Flecken.
Ganz ruhig, Mama, ich bin da. Ich bin es, Matthias, flüsterte er, strich ihr über den Rücken.
Nein! Du bist nicht Matthias! Matthias ist tot! Sie haben ihn umgebracht! schrie sie verzweifelt und biss in seine Schulter.
Matthias schloss die Augen vor Schmerz, aber er ließ nicht los. Kein böses Wort kam über seine Lippen.
Lena sah, wie Tränen über das Gesicht ihres Mannes liefen, während er die Qualen seiner Mutter trug.
Kurz darauf übergab sich Frau Herzlieb. Der saure Geruch zog bis zur Tür. Doch Matthias wich nicht zurück, sondern nahm ein Tuch und reinigte zuerst das Gesicht der Mutter, dann seine eigene Kleidung. Danach wechselte er ihr behutsam die Windel.
Lenas Beine gaben nach. Sie hielt sich zitternd am Türrahmen.
Etwa eine Stunde später beruhigte sich Frau Herzlieb. Für einen Moment war sie klar.
M-Matthias? murmelte sie schwach.
Ja, Mama. Ich bin hier.
Mit schwacher Hand fasste sie sein Gesicht, bemerkte die neuen Wunden.
Mein Sohn Habe ich dir wieder wehgetan? Verzeih mir das wollte ich nicht weinte sie voller Scham. Geh zu Lena zurück. Die Arme, sie leidet wegen mir.
Matthias schüttelte sanft den Kopf, zog ihr die Decke über die Füße.
Nein, Mama. Ich bleibe. Ich will nicht, dass Lena dich so sieht oder vor Angst und Ekel eingeschüchtert wird. Ich bin dein Sohn. Es ist meine Aufgabe. Sie soll ruhig schlafen.
Ach, mein Junge du bist schon ganz erschöpft
Ich schaffe das, Mama. Ich liebe euch beide. Ich beschütze euch. Lena am Tag und dich in der Nacht.
Da brach Lena in Tränen aus.
Sie stieß die Tür auf und trat hinein.
Lena? Matthias fuhr zusammen, versuchte die Flecken auf seinem Hemd zu verbergen. Was machst du hier? Bitte geh, hier riecht es schlimm
Lena sagte nichts. Stattdessen kniete sie sich hin, umarmte ihren Mann und begann hemmungslos zu weinen.
Verzeih schluchzte sie. Es tut mir leid, Matthias Ich habe dir Unrecht getan Und du hast all das ganz allein getragen
Sie wandte sich an Frau Herzlieb, die sie nun mit verlegener Miene ansah.
Mutter sagte Lena sanft und ergriff ihre Hand. Warum habt ihr mir nie davon erzählt? Sie leiden an Demenz, stimmts? Besonders schlimm am Abend? (damals nannte man das das Abenddämmerungs-Syndrom).
Wir wollten dich nicht belasten, Kind, antwortete die alte Dame. Du arbeitest ohnehin so viel. Ich hieße nicht zur Last werden.
Sind Sie nicht, entgegnete Lena entschlossen.
Sie stand auf, holte heißes Wasser und ein Handtuch. Sorgfältig säuberte sie die Arme ihres Mannes und das Gesicht der Schwiegermutter.
Matthias, sagte sie dabei. Drei Jahre hast du das allein getragen. Ab heute sind wir zu zweit. Ich bin deine Frau. In guten wie in schlechten Zeiten und das heißt auch, gemeinsam für deine Mutter da sein.
Aber Lena
Kein Aber. Wir wechseln uns ab oder holen eine Pflegekraft. Aber du bist nie wieder allein damit.
Matthias zog sie an sich. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten spürte er Erleichterung. Die Last, die er so lang getragen hatte, wurde leichter.
Von da an war Frau Herzliebs Krankheit kein Geheimnis mehr. Sie packten es gemeinsam an. Und Lena begriff: Liebe zeigt sich nicht nur in glücklichen Momenten, sondern vor allem in der Stärke, gemeinsam auch die dunkleren Wege zu gehen.
Es gab keine Eifersucht mehr.
Nur noch tiefen Respekt und eine Liebe zu einem Mann, der fähig war, sein eigenes Leid zu ertragen, nur um die Menschen zu bewahren, die er am meisten liebte.





