Willst du damit sagen, dass dir mein Mann unsympathisch ist? zischte die Schwiegermutter durch die Zähne.
Gerda stand am Fenster und betrachtete die tanzenden Tropfen, die wie gläserne Fäden über das Bild der nächtlichen Straßen von Frankfurt liefen. Hinter ihr hing Stille im Raum, schwer wie ein nasser Mantel.
Ihr Ehemann, Josef, schritt gemächlich auf dem kunstvoll gemusterten Teppich auf und ab. Seine Stirn lag in Falten, als hätte der Regen auch sie durchzogen.
Schon wieder Samstag, schon wieder diese Farce, murmelte Gerdas Inneres, doch laut verließ kein Wort ihre Lippen.
Die Türklingel läutete und schnitt durch die Stille wie der Gong zu Beginn eines Schultheaterstücks. Sie sahen einander an, verstummten. Josef atmete tief durch und ging.
Vor der Haustür wartete Marianne, seine Mutter. Ihr Gesicht, von Fältchen durchzogen, war dennoch von einstigem Charme durchstrahlt; die braunen Augen die gleichen wie die von Josef glänzten vor fiebrigem Enthusiasmus.
Hinter ihr thronte, mächtig wie ein Schatten, die Gestalt ihres neuen Mannes: Bernhard.
Er trug einen offensichtlich teuren, aber irgendwie unpassend sitzenden Strickpullover. Seine dichten weißen Haare hatten einen sagenhaft exakten Mittelscheitel.
Na, wir sind da!, rief Marianne hell, trat in den Flur und schüttelte den Regen von ihrem Mantel. Bernhardchen, lass mich dir helfen.
Ach was, Marianne, Liebling, ich schaff das schon, säuselte seine Stimme, samtig und übertrieben sanft.
Er lüpfte sorgfältig die Schuhe, schlüpfte in mitgebrachte Filzpantoffeln und überreichte Gerda eine Schachtel feiner Pralinen.
Gerda, Josef, guten Abend. Ein kleines Mitbringsel von uns.
Danke, erwiderte Gerda höflich, fast mechanisch, und hielt die Schachtel an sich. Kommt, macht es euch bequem.
Die Gesellschaft verlagerte sich ins Wohnzimmer. Marianne nahm sofort Platz auf dem Sofa, als bestiege sie einen Thron, und strich über den Samt mit halb geschlossenen Augen.
Bernhard setzte sich dicht zu ihr, die große Hand schwer auf ihrem Knie abgelegt. Diese Geste kam Gerda jedes Mal gekünstelt vor.
Wie geht es euch, meine Lieben?, begann Marianne und musterte sie mit prüfendem Blick, darin eine Mischung aus mütterlicher Fürsorge und unerträglicher Erwartung. Wir waren gestern im neuen Restaurant Zum Schwan. Gemütlich, das ist etwas für euch. Ach ja, ich vergaß, ihr kommt ja nur noch selten raus…
Viel Arbeit, Mutter, Josef zuckte mit den Schultern. Das neue Projekt, du weißt ja kaum freie Minuten.
Ja, ja, sagst du…, seufzte Marianne. Doch ihre Stirn sprach eine andere Sprache.
Marianne hatte nach ihrer Pensionierung und Bernhards Ankunft ihr Leben in eine nie endende Feierstunde verwandelt.
Aber am Wochenende könntet ihr doch rauskommen! Wir dachten, nächsten Samstag, vielleicht fahren wir alle gemeinsam zu Bernhards Wochenendhaus im Taunus? Neue Sauna, Grill. Er macht einen Grillteller zum Niederknien!
Bernhard nickte würdevoll, seine Augen verengten sich zu zwei glänzenden Ritzen in den fleischigen Wangen.
Ja, ich habe da ein neues Rezept ein geheimes Gewürz, sehr spannend, sagte er und sah Josef und Gerda an, als wolle er ihre Vorfreude wie Orthopäde einrenken.
Eine Bremse trat in den Raum; peinliche Pause. Gerda blickte auf ihre Hände im Schoß. Josef räusperte sich.
Mutter, wir wir haben vermutlich schon einen Termin am Samstag. Mia muss zum Kinderarzt, begann er leise.
Marianne zog die Lippen, beleidigt wie ein aufgeschobener Teenager.
Josef, hör auf mit Kinderarzt. Ich weiß, dass Mia schon letzte Woche die Routineuntersuchung hatte. Ihr wollt bloß nicht mit uns, mit Bernhard Zeit verbringen.
Ach Marianne, sei nicht so streng mit den Kindern, flötete Bernhard und streichelte ihren Unterarm. Sie sind erwachsen, sie haben ihr Leben. Wir können uns doch alleine erfreuen.
Doch in seiner Stimme lauerte ein Vorwurf. So als wolle er sagen: Wir Alten, wir sind euch nur lästig.
Darum geht es nicht, Bernhard, Josef bemühte sich um Entspannung. Am Wochenende brauchen wir mal Ruhe.
Ausruhen?, Marianne sprang halb auf. Wofür? Für ein weiteres Wochenende zu viert in dieser Wohnung? Wir sind Familie! Bernhard gehört jetzt dazu. Ich will, dass ihr euch versteht. Er ist faszinierend! Geschäftsmann, voller Erfahrungen. Er kann euch so viel geben!
Gerda hielt es nicht mehr aus. Sie hob den Kopf, ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt:
Frau Vogt, wir schätzen Ihr Engagement, uns zusammenzubringen. Aber Freundschaft lässt sich nicht erzwingen. Sie entsteht oder eben nicht.
Mariannes Augen loderten.
Heißt das jetzt, mein Mann, meine Wahl, ist dir unangenehm? Du willst ihn gar nicht erst näher kennenlernen?
Es geht nicht um ihn!, Gerda spürte, wie ihre Stimme ins Zittrige rutschte. Nur seit drei Monaten platzen jedes Wochenende unsere Pläne, weil wir mit euch zusammensitzen *müssen*. Wir *müssen* mit ihm sprechen. Wir *müssen* ihn akzeptieren. Das ist Druck. Da bleibt uns nur Fluchtinstinkt.
Bernhard saß wie gemeißelt, doch seine Finger trommelten leise Nervosität auf Mariannes Knie. Es gefiel ihm offenbar nicht, wie sich das Gespräch entwickelte.
Darf ich was sagen?, hob Bernhard an, und seine Samtstimme schnitt plötzlich wie Stahl. Ich verstehe, es ist schwierig, wenn ein Fremder in die Familie tritt. Ich will nicht den Platz deines Vaters, Josef. Um Himmels willen. Aber deine Mutter ist glücklich mit mir. Ist das nicht genug? Willst du nicht, dass deine Mutter glücklich ist? Sie bereitet sich vor, freut sich tagelang. Und ihr tut ihr bloß weh, wenn ihr ablehnt…
Ruhig redete er weiter, aber jedes Wort traf. Josef sank in sich zusammen.
Das altvertraute Schuldgefühl, das Marianne schon immer bei ihm triggerte, kroch wieder hervor.
Niemand will Mutter wehtun, murmelte er. Es sollte halt irgendwie natürlich laufen…
Natürlich?, widersprach Marianne spitz. Was ist daran natürlich, meinen Mann zu übergehen? So zu tun, als gäbe es ihn nicht? In einem halben Jahr sind wir verheiratet!
Wir ignorieren ihn nicht, Mutter. Wir sprechen ja mit ihm. Aber deine besten Freunde kann man nicht auf Ansage werden. Das braucht Zeit!
Zeit? Marianne lachte scharf. Wie lange denn? Ein Jahr? Fünf? Bis ich tot bin?
Stille senkte sich wie Nebel. Gerda sah, wie Josef unter der Last dieser Manipulation innerlich schrumpfte.
Sie wusste, gleich würde ihr Mann einknicken und der Fahrt zur Hütte zustimmen, dem nächsten ungenießbaren Abend, bloß um keine Szene zu riskieren.
Aber da trat ihre Tochter Mia in die Tür. Sechs Jahre, gerade aufgewacht, Haare wirr, den abgegriffenen Plüschhasen im Arm.
Oma!, rief sie glücklich und lief zu Marianne.
Die Spannung wich. Marianne strahlte, schmiegte Mia an sich.
Meine kleine Maus! Bist du wach? Oma hat dich vermisst!
Mia schmiegte das Gesicht an Omas Schulter und warf einen misstrauischen Blick zu Bernhard. Der lächelte sofort, breit und künstlich.
Hallo Mia, sagte er mit kumpelhaftem Tonfall, der nicht überzeugte. Ich hab dir was mitgebracht.
Er griff in die Tasche und zog eine kleine Milka-Schokolade mit goldenem Papier hervor. Mia nahm sie zögernd und suchte Gerdas Blick.
Danke, hauchte sie.
Nichts zu danken, Prinzessin!, Bernhard streckte die Hand nach ihrem Kopf aus, doch Mia wich instinktiv zurück und drückte sich fester an Marianne.
Seine Hand blieb in der Luft hängen. Das Lächeln erstarrte, wurde zur Maske. Für einen Moment blitzte Kälte in seinen Augen auf, doch er fing sich sofort.
Schüchtern, die Kleine, sagte er, um peinliche Stille zu vertreiben.
Gerda bemerkte diesen Blick. Ihr Magen zog sich zusammen. Das war keine simple Unsicherheit mehr. Hier steckte etwas Scheinheiliges, das Bernhards eingeübte Sanftheit kaum kaschieren konnte.
Mit schmerzhafter Klarheit begriff sie: Das Problem war nicht nur Mariannes Aufdringlichkeit.
Das Problem war dieser Mann. Etwas Fremdes strömte von ihm aus wie Nebel, der durch Schlüssellöcher kriecht und nicht dazugehört.
Die Schwiegermutter schnatterte längst schon wieder mit Mia. Josef nutzte die Gelegenheit und ging still zur Küche, den Wasserkocher anstellen.
Bernhard lehnte sich zurück, die Miene wieder undurchdringlich. Gerda blieb reglos sitzen, starrte hinaus. Schließlich stand das Paar auf die Stimmung kühl , zum Abschied.
Wir machen uns dann auf, sagte Marianne. Überlegt euch das mit der Hütte.
Ja, ja, Mutter, antwortete Josef, emotionslos, geleitete sie zur Tür.
Als sich die Tür hinter ihnen schloss, sackte Josef an den Türrahmen und schloss die Augen.
Oh Gott, das strengt einfach nur an…
Ich weiß. Aber so geht es nicht weiter. Wir müssen etwas ändern
Mutter wirds nie verstehen, Gerda. Für sie heißt Nein: probiers nochmal, nur mit mehr Nachdruck. Und Bernhard schürt das noch, immer, immer.
Genau deshalb müssen wir konsequent sein, sagte Gerda fest. Nicht um sie zu verletzen, sondern damit wir überhaupt zu Atem kommen. Und Mia auch. Hast du gesehen, wie sie auf ihn reagiert?
Josef nickte. Kinder spüren Eitelkeit sofort.
Gut, seufzte er. Beim nächsten Mal rede ich Klartext. Ganz ohne dich. Ein Männergespräch eben.
Gerda nickte und trat ans Fenster. Unten stand Mariannes Mercedes. Bernhard öffnete galant die Beifahrertür, übertrieben höflich selbst aus der Ferne.
Als Marianne saß, schloss er die Tür hinter ihr. Ehe er ums Fahrzeug ging, blickte er hoch direkt zu ihrem Fenster. Ein starrer Blick, als würde er sie durch das Glas erreichen.
Dann setzte er sich ans Steuer. Der Wagen rollte los und verschwand, als hätte ihn der Regen verschluckt. Gerda trat vom Fenster zurück.
Schwere Gespräche lagen vor ihnen, Streit, vielleicht Entscheidungen für immer. Aber es war der einzige Weg.
Wahre Freundschaft wächst nicht unter Druck. Und sie schuldeten Marianne keine Kompromisse um den Preis ihres eigenen Friedens.





