Also, drei Samstage hintereinander ist Lena angeblich zur Arbeit gegangen. Was ich dann gesehen habe, hat alles auf den Kopf gestellt.
Wieder Überstunden? Markus versucht, ruhig zu klingen, doch seine Stimme zittert verräterisch.
Lena erstarrt mit ihrer Tasche in der Hand. Sie dreht sich langsam um, als hätte sie Zeit zu gewinnen.
Ja, das Projekt brennt. Der Chef dreht durch, alle rennen wie verrückt.
An einem Samstag? Schon den dritten in Folge?
Markus, hör auf wie ein Kleinkind zu klingen. Arbeit ist Arbeit.
Sie küsst ihn flüchtig auf die Wange so formell, wie man eine Nachbarin im Aufzug grüßt. Sie riecht nicht nach ihrem Parfüm. Irgendwie süßlich, wie Babypuder. Markus runzelt die Stirn.
Lena, können wir nicht mal reden?
Später. Alles später, okay?
Die Tür fällt ins Schloss. Markus steht mitten im Flur, die Fäuste geballt. Der dritte Samstag. Der dritte verdammte Samstag, an dem seine Frau morgens geht und abends völlig fertig, wortkarg und fremd zurückkommt.
Er hält es nicht mehr aus. Schnappt sich die Autoschlüssel.
Lena verlässt das Haus, schaut sich um. Markus duckt sich im Auto gut, dass er hinter einem Lieferwagen geparkt hat. Sie steigt in ein Taxi. Er startet den Motor.
Es geht quer durch die Stadt. Nicht ins Büro das war sofort klar. Irgendwo in ein tristes Wohnviertel am Stadtrand. Sein Herz rast wie verrückt. Gleich weiß er Bescheid. Gleich ergibt alles einen Sinn.
Lena steigt aus vor einem heruntergekommenen Altbau. Markus parkt etwas entfernt, folgt ihr. Sie verschwindet im Treppenhaus. Er wartet, zählt die Stockwerke an den Fenstern ab. Dritter Stock, links.
Eine halbe Stunde passiert nichts. Dann taucht Lena wieder auf aber nicht allein.
Mit einem Kinderwagen.
Markus stolpert fast. Ein Baby? Sie haben keine Kinder, sie planen es erst, oder besser: sie hatten es geplant, bevor diese Samstage begannen…
Das Kind schreit. Lena wiegt den Wagen hin und her, murmelt beruhigend. Sie wirkt überfordert, unsicher. Plötzlich stürmt ein Mädchen aus dem Haus Markus erkennt Lenas kleine Schwester, Mia. Die gleiche unverantwortliche Mia, die mit 25 schon zweimal verheiratet und wieder geschieden ist.
Lena, danke! Ich bin schnell zurück, versprochen, maximal zwei Stunden!
Mia, du hast eine Stunde gesagt!
Ach Lena, bitte! Ich muss unbedingt!
Mia rennt davon, lässt ihre Schwester mit dem brüllenden Säugling allein. Lena schiebt den Wagen hilflos hin und her.
Markus zieht sich um die Ecke zurück, lehnt sich gegen die Wand. Also kein Liebhaber. Ein Neffe. Aber warum die Geheimnistuerei? Warum die Lügen?
Er fährt heim, muss vor Lena da sein. Muss nachdenken.
Zuhause läuft er wie ein Tiger im Käfig hin und her. Er könnte sie einfach fragen. Lena, wo warst du? Aber sie würde lügen das weiß er. So wie er selbst lügt.
Weil auch er ein Geheimnis hat.
Julia. Die Sekretärin aus der Nachbarabteilung. Nichts Ernstes nur Gespräche nach der Arbeit, Kaffee, manchmal Kino. Sie hört ihm zu, wenn er über Programmieren redet, lacht über seine Witze, sieht ihn bewundernd an. So wie Lena es früher tat. Bevor ihr Leben zu Kauf bitte Brot, Zahl die Rechnungen, Wieso liegen deine Socken überall? verkam.
Mit Julia ist es leicht. Sie erinnert ihn an die Lena von vor sieben Jahren fröhlich, unbeschwert, bereit, stundenlang seinen Geschichten über Codes und Algorithmen zuzuhören.
Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Markus zuckt zusammen, greift nach der Fernbedienung, schaltet den Fernseher ein.
Hallo. Lena lugt ins Wohnzimmer. Du warst den ganzen Tag zuhause?
Ja. Keine Lust, rauszugehen.
Sie verschwindet in der Küche. Markus hört Wasser laufen, Geschirr klappern. Er folgt ihr.
Lena steht am Spülbecken, schrubbt eine Tasse. Ihre Schultern hängen, dunkle Schatten unter den Augen. Auf ihrer Jeans ein Fleck sieht aus wie Babynahrung.
Lena.
Hm?
Du siehst müde aus.
Sie dreht sich um, wirkt überrascht.
Ja. Bin ich auch.
Sollen wir essen gehen? In dem Italiener, wo wir unser Jubiläum gefeiert haben?
Markus, ich bin echt platt. Können wir nicht einfach Pizza bestellen?
Er nickt. Beobachtet, wie sie ihr Handy zückt, die Nummer des Lieferdienstes sucht. Ihre Hände zittern.
Lena, was ist los?
Wie meinst du das?
Du bist anders. Seit Wochen.
Sie erstarrt. Das Handy rutscht ihr aus der Hand, klappert auf den Tisch.
Es ist nur die Arbeit, Markus. Viel Stress.
An Samstagen?
Ja! An Samstagen! Hör auf damit!
Sie bricht zusammen. Markus sieht, wie ihr die Tränen kommen. Er tritt näher, umarmt sie. Sie ist erst steif, dann sinkt sie in ihn hinein, vergräbt ihr Gesicht an seiner Schulter.
Tut mir leid. Ich bin einfach nur fertig.
Sie riecht nach Babypuder und etwas Saurem vermutlich hat der Kleine gespuckt. Markus streicht ihr über den Rücken, spürt ihr wild klopfendes Herz.
Lena, wenn etwas nicht stimmt, sags mir. Ich bin doch nicht irgendwer.
Sie löst sich aus der Umarmung, wischt sich die Augen.
Alles okay. Wirklich. Nur eine anstrengende Phase. Wird schon wieder.
Die Pizza kommt nach vierzig Minuten. Sie essen schweigend, ohne Blickkontakt. Dann verschwindet Lena unter der Dusche, und Markus bleibt in der Küche zurück, starrt auf sein kaltes Salamistück.
Er könnte es sagen. Lena, ich habe dich mit dem Kinderwagen gesehen. Ist das Mias Sohn? Aber dann müsste er zugeben, dass er sie verfolgt hat. Und dann würde sie fragen: Und du? Wo verbringst du deine Freitage?
Und was soll er antworten? Dass er in einem Café mit einer anderen Frau sitzt? Dass er ihr Dinge erzählt, die er seiner Frau längst nicht mehr sagt? Dass er manchmal denkt: Was, wenn…?
Sein Handy vibriert. Eine SMS von Julia: Sehen wir uns Montag? Ich wollte dir den Film zeigen.
Markus löscht die Nachricht. Nein. Sie werden sich nicht sehen. Schluss damit.
Lena kommt aus dem Badezimmer, ihr Haar noch nass, das Gesicht gerötet von der Hitze. Sie setzt sich neben ihn.
Markus, lass uns morgen einfach zuhause bleiben. Nur wir beide.
Und die Arbeit?
Ach, scheiß auf die Arbeit.
Er lächelt. Wann hat sie das zuletzt so gesagt?
Okay. Nur wir beide.
Sie nimmt seine Hand. Ihre Finger sind kalt, trotz der heißen Dusche.
Wir haben uns irgendwie verloren, oder?
Wie meinst du das?
Uns. Wir haben uns verloren.
Markus drückt ihre Hand.
Dann finden wir uns wieder.
Am nächsten Morgen schlafen sie lange. Lena macht Pfannkuchen das erste Mal seit einem Jahr. Markus kocht Kaffee, schneidet Obst. Sie frühstücken auf dem Balkon, obwohl es kühl ist.
Weißt du noch, wie wir in Prag gefrühstückt haben?, sagt Lena. Auf dieser winzigen Terrasse?
Wo du die




