Ein unerwarteter Anruf – „Herr Paul Johannes?“ Die Stimme am Telefon ist kalt und förmlich. – Ja, …

Ein unerwarteter Anruf

Herr Dietrich? Die Stimme am anderen Ende der Leitung war so frostig und amtlich wie der Nordwind.

Ja, ich bin Dietrich. Mit wem spreche ich bitte? 

Hier spricht die Leiterin des Kinderheims Sonnenstrahl. In einer Woche wird Ihre Tochter drei Jahre alt, und wir müssen sie leider in eine andere Einrichtung verlegen. Haben Sie wirklich nicht vor, sie abzuholen? 

Ich stotterte entgeistert: Moment mal… welche Tochter? Was für ein Kind? Ich habe doch einen Sohn, der Jonas heißt!

Marie Dietrich. Das ist doch Ihre Tochter, oder etwa nicht? 

Nein, bestimmt nicht! Ich heiße Dietrich, Friedrich Dietrich. 

Oh Verzeihung…, seufzte die Stimme ermattet, da muss wohl etwas durcheinander geraten sein.

Tuut, tuut, tuut. Das monotone Besetztzeichen hämmerte auf mein Ohr wie der Kirchturmgong sonntags früh.

So ein Schlamassel!, schimpfte ich. Eine Tochter! Kinderheim! Haben die dort Tomaten auf den Augen? Was für ein Chaos in den Akten!

Doch der Anruf ließ mich nicht los und bohrte sich wie ein Splitter in mein Gewissen. Ich konnte nicht anders, als an die Kinder zu denken, die ohne Zuhause, ohne eine warme Mutter, einen fürsorglichen Vater, geschweige denn liebevolle Omas und Opas groß werden. Unser Jonas hatte einen halben Stammbaum an Anhang, inklusive neugieriger Onkels und Tanten aus beiden Familiensträngen…

Meine Frau Martina bemerkte sofort, dass mir was quer im Magen lag. Nach zehn Jahren Ehe Grundschule Liebe auf den ersten Blick, Abitur, dann das ganze Programm verpasst sie dabei wirklich nichts.

Am Abend, beim Abendbrot, stellte sie direkt die Gretchenfrage: Sag mal, Friedrich, was ist eigentlich los mit dir?

Ich nuschelte genervt: Wen meinst du jetzt?

Na, wie heißt das Mädchen? 

Ich zuckte zusammen (woher zum Kuckuck weiß sie von dem Mädchen? Hat das Amt etwa auch bei ihr angerufen?). Marie, platze ich heraus. Mariechen. 

Martina zog sofort die Augenbrauen hoch. Aha, Mariechen? Ich bin hier die Martina und da draußen gibts ein Mariechen, wie?

Nein, so war das nicht gemeint, Schatz. Marie Dietrich.

Willst du mir jetzt ihre Personalausweisnummer diktieren? brüllte meine Ehefrau in perfektem Opernsopran.

Hat sie doch gar keinen, wozu auch?

Ach so, eine Geflüchtete vielleicht? kreischte sie, jetzt wieder etwas leiser.

Wer?

Dein Mariechen, was sonst?! Will die sich etwa bei uns anmelden? Raus mit der Sprache, Friedrich!

Ich war mittlerweile endgültig verwirrt und ließ mein Abendessen links liegen.

Und dann heulte Martina nicht laut, eher mürrische Tränen, die wie Hagelkörner auf ihr Schürzenband trommelten.

Ich fahr morgen zu meiner Mutter. Und Jonas, den überlass ich dir ganz bestimmt nicht! schluchzte sie.

Martina, was hast du bloß? versuchte ich zu erklären. Was ist los mit dir?

Ach, und ich soll hier die Hausdienerin spielen, während du mit Mariechen angebändelt hast, ja? haute sie drauf.

Da wurde mir langsam bewusst, wie absurd das alles war. Ich setzte mich zu ihr aufs Küchensofa und erzählte die Geschichte vom Anruf. Von Anfang bis Ende, tonlos, ehrlich.

Danach weinte sie aus Mitleid mit dem Mädchen Frauen und ihr Vorrat an Tränen, ehrlich, manchmal glaube ich, sie haben heimlich eins dieser Regenfässer im Keller stehen. Und ich kann mit Frauen-Tränen besonders Martinas einfach nicht umgehen, ich bekomme regelrecht Gänsehaut vor Angst.

Das Essen wurde kalt und der Appetit war mir sowieso vergangen.

Mitten in der Nacht wachte ich auf und sah: Martina durchwühlte tatsächlich mein Handy! In zehn Jahren Ehe war das eine Premiere. Sie suchte vermutlich Liebesbeweise, hatte mir also nicht geglaubt. Das tat weh.

Plötzlich tippte sie mir leise auf den Arm: Friedrich… das war doch diese Nummer, die angerufen hat? Die Festnetznummer hier?

Ja, antwortete ich automatisch, im Halbschlaf.

Na dann, schlaf weiter!, sagte sie und verließ das Schlafzimmer mit meinem Handy.

Leicht gesagt schlaf weiter! Schlafen würde ich so schnell nicht mehr. Ich hörte, wie sie den PC startete, schlich zehn Minuten später ins Wohnzimmer und sah sie mit hochgezogenen Schultern am Computer. Auf dem Bildschirm stand fett: Kinderheim Sonnenstrahl unser Ort, unsere Stadt.

Friedrich, schau mal, die Nummer stimmt überein! Das ist wirklich das Heim, wo angerufen wurde!, stellte sie fest.

Sag ich doch! Kontrollierst du mich jetzt?

Ich recherchiere, ich kontrolliere nicht, erwiderte Martina schnippisch.

Weshalb dann?

Sie würdigte mich keines Blickes. Dieses Heim ist übrigens gleich um die Ecke… Wollen wir da vielleicht mal vorbeischauen?

Die Frage wälzte ich noch eine Stunde durch den Kopf. Woher hatten die nur meine Nummer? Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr wuchs der Verdacht, dahinter könne ein besonders schlechter Scherz stecken.

Schließlich schlief ich doch ein. Da rüttelte mich Martina schon wieder.

Friedrich… Nichts war jemals zwischen dir und naja jemand anderes? Vielleicht einmal zufällig, mit der Sandkastenliebe, weißt du noch? Vielleicht ist sie damals schwanger geworden und hat dir nichts gesagt?

Martina, wie soll das gehen? Seit der ersten Klasse war meine Welt deine Bankreihe und seitdem hab ich da nie wieder gewechselt. Vor drei Jahren saß ich selbst mit Jonas krank daheim und hab dich vertreten, als du wieder arbeiten musstest. Da gabs keine Nebenwarengeschäfte, ehrlich.

Sie schnaubte.

Und trotzdem bleibt die Frage: Wer hat bloß deine Nummer hinterlassen?

Der Gedanke ließ auch mich nicht los. Ich ging im Kopf alle möglichen, potentiellen Urheberinnen durch. Aber entweder waren die schon längst verheiratet, auf Weltreise, oder längst untergetaucht. Niemals hätte eine von denen meinen Namen samt Rufnummer so missbräuchlich weitergegeben!

Am nächsten Tag schulterten wir unseren Mut und fuhren zum Kinderheim.

Wir waren nicht die ersten vor uns saß ein dürrer, blasser, etwas zerzauster Herr auf dem Besucherstuhl und knetete nervös ein paar Papiere. Er hatte den spröden Charme eines Finanzbeamten nach drei Tassen Doppelkorn.

Ich glaube, Sie sind nach mir dran, murmelte er mit erstaunlich tiefer Stimme.

Kurz darauf wurde er hereingerufen, und wir warteten. Fünfzehn Minuten drangen gedämpfte Stimmen aus dem Büro, dann schoss unser Vorgänger, ziemlich zerzaust und ohne Papiere, wieder hinaus.

Wir wurden hineingebeten.

Am Fenster stand eine brünette Dame Ende Vierzig, kaute nervös auf ihrer Brille herum. Guten Tag. Wie kann ich Ihnen helfen?

Äh, wegen gestern, versuchte ich es, in gewohnt trockener Manier.

Könnten Sie es etwas klarer formulieren? Mir fehlt wirklich die Zeit für Kreuzworträtsel.

Ich schilderte die Sache mit dem Anruf. Die Stimme erkannte ich sofort.

Ach das…, sagte sie und lächelte müde. Entschuldigen Sie, da ist mir ein Fehler unterlaufen. Ich wollte jemand ganz anderen erreichen.

Wie das Sie haben doch eindeutig meine Nummer gewählt. Wie kommt die denn zu Ihnen?

Ich hab mich schlicht und einfach verwählt. Die Nummer des anderen beginnt mit 241, ich habe 251 gewählt. Dass Sie auch noch Friedrich Dietrich heißen, ist schlicht ein bizarres Zufall-Doppel. So spielt das Leben… Der Herr, den ich erreichen wollte, war übrigens gerade vor Ihnen da.

Wen meinen Sie? Das war aber klar wie Kloßbrühe.

Friedrich Dietrichsen, Vater der kleinen Marie. Zweimal hat er sich in drei Jahren hier blicken lassen, und das auch nur auf Druck vom Amt. Sie haben mit der ganzen Sache wirklich nichts zu tun.

Sie blätterte in ihren Unterlagen, auf dem Namensschild stand: Gisela Baumgart Heimleitung.

Martina fragte leise: Frau Baumgart, wird die Kleine abgeholt?

Die Leiterin schüttelte traurig den Kopf und setzte sich wieder. Leider nein. Die Mutter ist tot, und Herr Dietrichsen hat insgesamt sieben Kinder bei vier Frauen. Marie ist ihm herzlich egal. Sie bleibt hier.

Nach dieser Erfahrung war uns beiden mulmig zumute. Vor dem Heim spielten die älteren Kinder auf dem Hof. Die Atmosphäre war merkwürdig ruhig keine schreienden oder lachenden Kinder, nur gedämpftes Gemurmel und ernste Gesichter. Bei Jonas war der Hof ständig voller Gebrüll, Tohuwabohu und Fangen-Spielen. Diese Kinder hier sie wirkten wie kleine Erwachsene, ernster als sie sollten. Kein Wunder, ihr Leben war von Anfang an ein Überlebenskampf gewesen: Kälte, Hunger, keine Spielsachen, keine Umarmungen selten ein Lächeln, meist nur Gleichgültigkeit oder sogar Schroffheit der Erwachsenen.

Martina und ich standen schweigend da, jede(r) mit einem dicken Kloß im Hals. Da platzte es plötzlich aus einer Kindergurgel: Mama!! Alle Kinder drehten sich um, und ein kleines Mädchen mit rosa Bommelmütze rannte direkt auf uns zu direkt in Martinas Beine.

Mama, Mama! Ich bin hier!

Dann brach sie in solche Verzweiflungstränen aus, dass sogar mir das Wasser in die Augen stieg. Die Erzieherin hechtete mit einer Notfall-Schokolade herbei, wickelte Marie halbwegs ab und führte sie fort. Wir verließen das Gelände so schnell wir nur konnten.

Im Auto schwieg es beängstigend. Martina schüttelte sich richtig, und auch mir zitterten leicht die Hände wie vorhin bei meinem Namensvetter. Ich musste erstmal rechts ranfahren.

Martina zeigte auf eine bunte Reklametafel: Spielzeugladen Der kleine Bär.

Ohne ein Wort auszutauschen, stiegen wir gleichzeitig aus und gingen Hand in Hand hinein.

Kauften eine Puppe. Und ein rosa Kleid.

Unsere Marie wird das schönste Kleid im ganzen Kinderheim tragen.

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Homy
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