Der Schmerz verlässt uns, wenn die Liebe geht und plötzlich wird der Vertraute zum Fremden.
Mein Freund Jens hat sich in eine andere Frau verfangen. Ich war völlig aus der Bahn geworfen, habe so sehr gelitten. Wir waren dreißig Jahre lang ein Herz und eine Seele, dachte ich zumindest. Unsere geistige und körperliche Nähe war wie bei siamesischen Zwillingen. Und dann schnitt einer der Zwillinge sich plötzlich mit einem scharfen Messer ab, riss dabei ein Stück vom anderen ab und ging, wohin er wollte. Der zweite Zwilling blieb blutend und schwach so fühlte ich mich.
Ich bettelte, stellte Fragen, führte Befragungen durch, sammelte Beweise. Und endlich hatte ich sie: Ich drückte Jens gegen die Wand. Er gestand erleichtert, weil die ermüdenden Lügen und die ständige Vorsicht endlich ein Ende hatten. Jetzt lag die Entscheidung bei mir Scheiden wir uns oder leben wir weiter so? Ich grub weiter, bis ich das Letzte ausgraben musste.
Jens wollte nicht wirklich gehen. Wir hatten ein Haus in einer ruhigen Vorstadtsiedlung bei Hamburg, ein renoviertes Eigentum, Enkelkinder, Kinder Bei fünfundfünfzig von vorne anzufangen schien fast lächerlich. Doch wenn ich darauf bestand, blieb mir nichts anderes übrig, als zu gehen.
Ich hielt mir den Kopf an die Hände, weil ich die Wahrheit ans Licht gebracht hatte. Alles wurde nur noch schlimmer. Jetzt musste ich mich entscheiden: Trennen oder die Demütigung ertragen? Weiter lügen war nicht mehr drin. Da heißt es jetzt: Er ist zu seiner Liebsten gefahren, auf das Abendessen kannst du nicht hoffen!
Ich wollte nicht scheiden. Ich liebte Jens immer noch, war ihm treu bis zuletzt. Ein weiser Freund gab mir einen Rat, der für starke Menschen gilt: Ignorier das Drama, pfleg freundschaftliche Beziehungen, regelt die Alltagsdinge wie früher gemeinsam, lebt euer eigenes Leben Arbeit, Freunde, Ausflüge an die Ostsee, Tanzabende wie früher. Und lebt wie gute Nachbarn.
Früher hatten wir eine Großraummiete in Berlin, Nachbarn lebten in Nebenzimmern, manchmal gab es warme, freundschaftliche Beziehungen. Aber man fragt die Nachbarn nicht, wohin sie gehen oder wen sie treffen. So sollte man auch leben, um weniger Demütigungen zu erleben, wenn man nicht auseinandergehen kann.
Ich folgte dem Rat. Es blieb nichts mehr übrig, als normal mit Jens zu reden, nichts zu hinterfragen, das Schlafzimmer im Arbeitszimmer so zu arrangieren, wie er es wollte. Wir frühstückten zusammen, klärten die Finanzen, gingen ab und zu ins Theater und zu Freunden. Es war ein ruhiges, gutes Miteinander.
Doch ich lag nachts wach und dachte: Was, wenn Jens doch geht? Was, wenn plötzlich ein Kind geboren wird? Ich konnte das nicht beeinflussen und ließ es weiter sein, stellte keine Fragen, blieb freundlich.
So verging ein halbes Jahr, eine Qual für mich. Trotzdem konnte ich nicht daran denken, mich von Jens zu trennen. Ich gab mein Bestes, um Freundschaft und Verwandtschaft vorzutäuschen, in der Hoffnung, dass der Trick funktioniert obwohl ich keine Garantie hatte.
Jens blieb öfter abends zu Hause, ging kaum mehr aus, spazierte sogar scherzhaft in Unterwäsche durch die Wohnung, küsste mich beim Abschied. Eines Abends wollte er mich umarmen, wie früher. Ich zog mich zurück. Das ist, als würde ein Nachbar versuchen, dich zu umarmen, obwohl ihr euch gut versteht er ist doch kein Liebhaber, er ist nur ein bekannter Mensch. Irgendwie war ich völlig verwirrt.
Ich roch fremde Parfüms, sah ein Stück ungepflegtes Kinn, ein Ohr, und löste mich sanft, völlig, in jeder Hinsicht, von der Liebe. Vor mir stand ein bekannter, nicht mehr junger Mann ein alter Verwandter, dem keine neuen Gefühle mehr gehörten, nur noch die Erinnerung an vergangene Zuneigung und an den Schmerz, den ich einst nach einer Operation gespürt hatte.
Ein Teilung geschah. Jens blieb, sein Interesse kehrte zurück. Der Trick hat funktioniert! Doch jetzt rief er keine Gefühle mehr hervor. Er ist mein Nachbar, ein Verwandter, ein alter Freund. So ein Mensch ist völlig in Ordnung, man kann mit ihm leben, reden, aber nicht mehr mehr.
So leben wir beide Nachbarn und alte, gute Bekannte. Manchmal macht Jens romantische Gesten, breitet die Arme aus, aber das nervt mich. Ich weiche aus, schüttele den Kopf, wechsle das Thema. Es ist keine Rache, sondern einfach der Verlust der Nähe, ein neuer, freundschaftlicher Umgang.
Von außen sieht alles perfekt aus. Alle beneiden das glückliche Paar. Gefühle zu unterdrücken ist schwer, Liebe und Eifersucht in einen Sack zu stopfen, fest zuzubinden Doch etwas Lebendiges erstickt im Sack. Was übrig bleibt, sind Beziehungen, manchmal sehr gut, wie eine Erinnerung daran, was der andere für uns bedeutet hat und wie eng wir einst waren.





