Nach einer schlaflosen Nachtschicht schleppte sich Tanja erschöpft durch das matschige Tauwetter – ü…

Nach einer Nachtschicht war Annika so erledigt, dass sie kaum noch ihre Beine nachzog. Der Frost hatte einer nassgrauen Tauwetterperiode Platz gemacht, und es schneite jeden Tag, als wollte das Wetter die Straßen in ein Schwimmbad verwandeln. Annika schlitterte regelmäßig, weil unter dem matschigen Schnee glitschiges Eis lauerte.

Schlafen war in der Nacht wieder mal nicht drin gewesen. Erst kam ein Junge mit Blinddarmentzündung, dann eine Oma mit Oberschenkelhalsbruch es war, als würde ganz München nachts anrufen, nur um im Krankenhaus vorbeizuschauen. Annika träumte nur noch davon, endlich in ihr Bett zu fallen und komatös wegzunicken. Sie schaute so angestrengt auf ihre klammen Schuhe, um nicht auszurutschen, dass sie gar nicht bemerkte, wie sich plötzlich ein Mann von der Hauswand löste und direkt vor sie trat. Annika blieb stehen und hob den Kopf.

Vor ihr stand ein Typ um die Vierzig, Typ U-Bahn-Symphoniker oder Abenteuerurlauber in Dauerschleife. Sein Gesicht übersät mit Schrammen, die Klamotten waren klatschnass und wirkten, als hätten sie mindestens drei Vorbesitzer gehabt. Annika versuchte, an ihm vorbeizugehen laufen konnte sie beim besten Willen nicht mehr.

Verzeihen Sie können Sie mir helfen?, fragte der Mann plötzlich.

Bei Annika, die als Krankenschwester arbeitete, zogen solche Bitten stärker als bayerischer Espresso. Sie bremste ab wie ein ICE an der Endstation.

Also… Der Mann griff sich an den Kopf, schloss kurz die Augen. Man hat mich aus dem Zug geworfen. Zum Glück lag genug Schnee. Habs halbwegs unverbeult überlebt alles nur blaue Flecken.

Na, vielleicht nächstes Mal weniger trinken? Unfreundlicher Versuch, ihn loszuwerden.

Ich habe keinen Tropfen getrunken! Nur Tee! Irgendwas war wohl drin ich bin sofort eingeschlafen. Die haben mich ausgeraubt, sogar die Klamotten mitgenommen. Immerhin haben sie mir ein paar Lappen angezogen und mich nicht nackt rausgeschmissen. Gleich bei Ihrer S-Bahn-Station.

Da haben Sie aber Glück. Sie sollten zur Polizei und ins Krankenhaus. Tut Ihnen der Kopf weh? Übelkeit? Klingt nach Gehirnerschütterung. Annika umrundete den Mann, der wie ein Verkehrshindernis im Weg stand.

War schon bei der Polizei. Der nächste Zug fährt erst in ein paar Stunden. Im Revier wollte ich nicht warten. Die Kollegen finden die Diebe eh nie. Im Abteil saß ein älterer Herr, Bart wie Professor, Brille auf der Nase. Die Polizei meint, war bestimmt alles Fake, und Handlanger hatte er auch. Immerhin bin ich noch glimpflich davongekommen. Ich müsste mich jetzt nur mal aufwärmen und neue Sachen anziehen. Kleider bringe ich selbstverständlich zurück.

Jetzt wollen Sie wohl noch die Schlüssel zu meiner Wohnung samt EC-Karte, oder? Annika schnaubte.

Ach, Sie auch noch. Alle schrecken zurück. Warum glaubt mir keiner? Der Mann blickte so leidend Richtung Himmel, dass Annika fast Mitleid bekam. Sie musterte ihn kritisch. Schlecht angezogen, aber spricht wie ein Lehrer. Kein echter Penner.

Na gut. Rein mit Ihnen, sonst holen Sie sich am Ende noch eine Lungenentzündung. Ich finde schon was zum Anziehen.

Danke, Sie sind ein Schatz! Die Leute rennen sonst alle nur davon und hören nicht mal zu. Damit folgte er Annika in ihr Mietshaus.

Drinnen fiel Annika erst mal auf den Hocker im Flur. Ihre Beine waren Pudding, die Augen brannten.

Da ist das Bad. Sie deutete mit dem Kopf auf die Tür. Ich such inzwischen Kleidung raus. Wie heißen Sie überhaupt?

Matthias. Er verschwand ins Bad. Kurz darauf plätscherte es beruhigend.

Annika seufzte. So viel zum Thema Schlaf. Ihr Bruder lebte schon lange in Berlin, ein paar seiner Sachen waren noch da. Annika sammelte was Passendes zusammen und deponierte es vor der Badewannentür.

Sie stellte Suppe in die Mikrowelle und grübelte: Falls Mama gleich reinkommt wie erklärt man das? Männer duschen hier nicht jeden Tag einfach so. Lieber Himmel, lass Mama sich noch im Rewe oder bei Frau Schneider verzetteln, betete sie. Aber Gott hatte wohl Wichtigeres zu tun der Schlüssel drehte sich im Schloss.

Annika, bist du da? Mamas Stimme hallte durch die Wohnung. Annika lugte aus der Küche. Ach, ich dachte du bist schon im Bad… Wer badet denn dann so lange?, hakte Mama misstrauisch nach.

Mama, bitte leise. Ein Mann hat den Zug verpasst. Gleich ist er wieder weg. Ich hab ihm nur Klamotten hingelegt.

Was? Jemanden reingeholt, den du gar nicht kennst? Vielleicht ist er ein Dieb! Willst du nicht die Polizei anrufen? Mama geriet in Fahrt.

Quatsch. Der war schon bei der Polizei. Tagsüber fahren keine Züge, Bauarbeiten und so. Er duscht nur und verschwindet wieder. Annika wurde leiser.

Hinter der Badtür war es still. Die Tür öffnete sich, schlug wieder zu. Zieht sich um, vermutete Annika.

Mama saß jetzt strategisch günstig Richtung Wohnungstür. Kurz darauf tauchte Matthias, nun in Annika Bruders Pullover, leicht verlegen in der Küche auf. Annika hatte das Gefühl, er hatte alles gehört.

Na, dich hat also ein gerissener Taschendieb erwischt? Du bist doch ein gestandener Kerl! Mama musterte ihn misstrauisch.

Entschuldigen Sie meine Störung. Ich war unterwegs zu meiner Tochter, Hochzeit in Nürnberg. Jemand hat mir im Zug etwas ins Getränk gemischt, dann haben sie mich beraubt und rausgeworfen alles weg, sogar das Smartphone. Zum Glück lag viel Schnee. Matthias hob abwehrend die Hände.

Verstehe. Aber wie bist du ausgerechnet hier gelandet? Wir wohnen ja nicht gerade am Hauptbahnhof!

Mama! Lass ihn erstmal was essen. Annika wurde energisch. Setzen Sie sich, Matthias, essen Sie was Warmes.

Annika hat früher immer Katzen und Hunde von der Straße mitgebracht, jetzt halt Männer aus ICEs, grinste Mama, rutschte aber ein Stück zur Seite.

Essen Sie ruhig. Aber Vorsicht, wenn meine Mutter Sie ins Herz schließt, kommen Sie hier nie wieder raus lebendig. Annika ließ ihren Sarkasmus raus.

Kein Wunder, dass du dauernd in der Arbeit hockst. Im Krankenhaus nur Kinder und Omas, privat keine Spur von einem Mann. Bald hast du die 30 voll langsam wirds Zeit! Wie soll ich jemals in Frieden abtreten, wenn du noch unverheiratet bist?!

Jetzt reichts! Annika rollte die Augen, Matthias denkt gleich, wir zwangsverheiraten ihn. Nicht ernst nehmen!

Mach du nur, was du willst, Mama verschwand.

Strenge Mama, meinte Matthias, hat euch allein aufgezogen?

Ja. Sie hat einfach Angst, dass ich irgendwann mit Kind alleine dastehe. Ich bin Krankenschwester, keine Ärztin. Aber wie wollen Sie ohne Ausweis und Geld nach Nürnberg?

Die Polizei kümmert sich. Dürfte ich kurz Ihr Telefon leihen? Muss meiner Tochter absagen.

Annika nickte, brachte das Handy. Ihre Mutter räumte derweil verdächtig hektisch sämtliche Wertgegenstände in eine Keksdose.

Mama, was tust du da?!

Pssst, vielleicht ist er wirklich ein Dieb. Ich stelle das lieber zu Tante Hilde!

Annika beschloss, nicht zu diskutieren, wusste, dagegen kommt sie sowieso nie an.

Matthias rief seine Tochter an Annika sah an seinem Gesicht, die Freude hielt sich in Grenzen. Wahrscheinlich war die Hochzeit auch ohne ihn schön genug. Ein zweiter Anruf folgte, Matthias fragte nach der Adresse.

Mein Kollege schickt einen Fahrer. Hätte ich mir alles sparen können meine Ex wollte wohl nicht, dass ich dem neuen Mann ihrer Tochter begegne. War die Idee der Tochter, dass ich kommen soll. War wohl ein Fehler. Danke nochmal. Ich bringe die Kleidung natürlich zurück.

Und wer sind Sie überhaupt, wenn Sie einen Fahrer haben?, fragte Annika misstrauisch und ein bisschen beeindruckt.

Ach, habe mit einem Freund zusammen eine kleine Reparaturfirma, laufe aber nicht rum als Herr Generaldirektor. Mein Kumpel meinte: Fahr Zug, mit Auto kennst dich auf der Strecke eh nicht aus und falls du was trinkst… Na ja. Lieber das nächste Mal fliegen. Ich mache Ihnen bestimmt keine Unannehmlichkeiten mehr.

So saß Matthias in Bruders Anziehsachen da, und Annika gab ihrer Mutter innerlich Recht vielleicht sollte sie sich ihr Leben wirklich mal neu sortieren. Sie war fast Dreißig und wohnte immer noch zuhause, das Liebesleben lag zwischen dem Medizinschrank und den Asthmasprays. Gabs mal einen Mann im Leben, wie den verheißungsvollen Leonhard kam sie zu früh nach Hause, lag der prompt mit der besten Freundin im Bett. Schön blöd.

Sie sind wirklich nett, Annika. Bei Ihnen kommts bestimmt noch gut. Glauben Sie mir, sagte Matthias plötzlich.

Und Sie? Warum sind Sie allein? Sie scheinen doch alles auf die Reihe zu kriegen, sogar einen Betrieb haben Sie.

Tja, Ex-Frau. Nicht die richtige gefunden. Männer von heute sind ja auch keine Engel… Und jetzt nehme ich Ihnen auch noch den Schlaf! Matthias seufzte.

Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile, bis draußen die Dämmerung einsetzte und das Handy summte.

Das ist für mich. Mein Fahrer ist da. Matthias reichte Annika das Handy zurück. Ich hab meine Nummer als Matthias vom Zug eingespeichert, damit Sie nicht lange rätseln. Erwarte keine Anrufe, aber falls Sie mal Hilfe brauchen melden Sie sich. Vielen Dank für alles. Ich bringe die Sachen selbstverständlich wieder, und entschuldigen Sie meine Störung auch bei Ihrer Mutter. Sie hielt mich wohl wirklich für einen Einbrecher. Matthias schaute mit Hundeblick, Annika hätte beinahe geweint.

Fremder Mensch, und trotzdem hätte Annika ihn am liebsten nicht gehen lassen. Aber wer war sie schon, und wer er? Sie lächelte matt. Möglichst keine weiteren Zugabenteuer mehr, okay?

Keine Sorge. Ab jetzt nur noch eigenem Auto oder Flugzeug. Nie wieder Bahn!

Annika schaute ihm nach, wie er in der frühen Dämmerung vor dem Haus stehenblieb, ihr winkte und einstieg.

Und? Hast ihn gehen lassen? fragte Mama, als sie reinkam.

Vorhin hast du noch geschimpft, dass ich ihn überhaupt reingelassen hab und jetzt sowas!

Der war sympathisch. Das sieht man doch.

Und warum dann schnell die Schmuckschachtel geleert?

Ach, ich alte Gans, seufzte Mama.

Drei Wochen vergingen, es war Silvester naht, der Schnee wurde schon fast matschig. Annika dachte mittlerweile, sie hätte Matthias nur geträumt. Selbst die Nachtdienste vor Neujahr waren ruhig, das Krankenhaus glich fast einer Geisterbahn. Im Bereitschaftszimmer stand ein Mini-Weihnachtsbaum, kaum Patienten waren noch da. Annika freute sich auf ein paar ruhige Stunden.

Na, Annika, wieder Nachtdienst zusammen?, grinste Oberarzt Dr. Berger. Dem war bestimmt kein Zufall, der stand quasi immer dann Dienstplan, wenn Annika da war. Er war bekannt als Charmeur für jüngere Schwestern so tat sie, als hätte sie keine Ahnung.

Schon was los? rief, wie der aufgedrehte Föhn, Kollegin Sabine aus der Aufnahme in den Raum.

Hat schon jemand was gebracht?, Dr. Berger griff zur Maske, schob sich Handschuhe in die Tasche.

Da ist ein Weihnachtsmann! Der will mit Geschenken allen eine Freude machen. Soll ich ihn reinlassen? Sabine wirbelte wie ein Überraschungsei.

Na, dann los. Annika, schauen wir uns den Gute-Laune-Opi an!, lachte Berger, hakte sich bei Annika ein und schlenderte zum Eingang.

Schon im Flur hörten sie eine sonore Männerstimme in der Aufnahme. Der Weihnachtsmann, rote Jacke, Mütze, irre dicke Kunstbart, und ein riesiger Sack über der Schulter, wollte unbedingt auf die Station rein.

Bin in aller Eile aus Norddeutschland gekommen und jetzt wollen Sie mich nicht durchlassen?, schallte es. Annika fand, die Stimme kam ihr seltsam bekannt vor.

Ich dacht, der Nikolaus wohnt in Nürnberg?, grinste Dr. Berger, Aber gut, machen Sie nicht zu viel Wind die Patienten wollen ihre Ruhe!

Weihnachtsmann stapfte von Zimmer zu Zimmer, verteilte Mandarinen und Dominosteine, alles was der Sack hergab. Die alten Damen strahlten wie Christbaumkugeln. Sogar Schwester Katja aus der Kardiologie bestand darauf, den rotbemantelten Herrn in ihr Reich zu lotsen. Weihnachtsmann warf Annika einen fragenden Blick zu.

Die Schneefee bleibt aber bei uns! Such dir deine eigene!, schnappte Berger Annika am Arm. Nach einer Viertelstunde wars dann geschafft: Weihnachtsmann, sichtlich erledigt, öffnete Mantel, zerrte Bart und Mütze ab, und siehe da: Matthias!

Annika brach in schallendes Lachen aus.

Hab gedacht, ich überrasche Sie mal und sorge für ein bisschen Stimmung! Klappts?, fragte Matthias hoffnungsvoll.

Klappt wunderbar. Die Omas werden bis Ostern nicht mehr einschlafen!, gluckste Annika.

Dann muss ich wohl jetzt allein Dienst schieben. Gehen Sie ruhig mit dem Weihnachtsmann feiern, Annika. Für Notfälle hab ich ja noch Sabine!, winkte Dr. Berger. Annika musste sich nicht zweimal bitten lassen.

Einen Monat später schrieb sie ihre Kündigung und zog zu Matthias. Mama war selig: Jetzt ist meine Annika endlich versorgt, jetzt kann ich in Ruhe abtreten ach, Quatsch! Bald gibts doch sowieso Enkel. Und wer hilft dann? Natürlich die Oma! Und sie beschloss, noch ein Weilchen zu bleiben.

Warum eigentlich nennt man alles Schlechte gleich Schicksal und das Gute nur Zufallsglück? Am Ende hängen die beiden doch immer zusammen und das ist auch gut so!

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Homy
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Nach einer schlaflosen Nachtschicht schleppte sich Tanja erschöpft durch das matschige Tauwetter – ü…
Damit Oma ein langes und glückliches Leben hat