Wir sind am Hauptbahnhof, du hast eine halbe Stunde Zeit, um uns ein Business-Taxi zu bestellen, für mich und die Kinder! erklärte die Verwandte.
Bist du meine Schwester oder eine Fremde? Schämen solltest du dich, vor allem vor den Kindern! Ist es wirklich so schwer, deinen lieben Nichten etwas zum Anziehen zu kaufen? Wieso muss ich dich überhaupt darum bitten? Du solltest es von dir aus machen auch finanziell helfen! Du konntest ja nie eigene Kinder bekommen und wirst es wohl auch nicht! Ich bin schließlich alleinerziehende Mutter! Svenja schleuderte ihrer Schwester Klara jedes Wort wie einen Pfeil entgegen, jedes davon gezielt, um Klara möglichst zu verletzen und ihre Grenzen zu überschreiten.
Klara war nie das Lieblingskind in der Familie. Die Mutter hatte sie unehelich bekommen und als sie heiratete, war die ältere Tochter plötzlich das fünfte Rad am Wagen. Der Stiefvater warf ihr ständig vor, nur auf Kosten der Familie zu leben, und die Mutter war verbittert, weil sie so schnell den erstbesten Mann nehmen musste, nur um nicht allein Mutter zu bleiben. Erst als Svenja geboren wurde, entspannte sich die Situation etwas, denn nun hatte Klara eine neue Aufgabe: Sie sollte zur Kindermädchen für ihre kleine Schwester werden.
Fast ihre gesamte Zeit verbrachte Klara mit Svenja sie füttern, beschäftigen, fördern, ganz egal, ob sie eigene Pläne, Hausaufgaben oder Hobbys hatte. Wenn sie nicht rechtzeitig das Kind umzog oder fütterte, durfte sie abends nicht raus oder eine Geburtstagsfeier verpassen. Mit den Jahren gewöhnte sich auch Svenja an diese Haltung und sah in Klara bald nur noch eine Art Dienstmagd.
Nach dem Abitur war für Klara klar: Sie wollte ihr Leben ändern. Sie wählte bewusst eine Universität ganz im Süden Deutschlands, packte ihre Sachen und zog los voller Entschlossenheit, nie wieder zurückzukehren. Zehn Jahre lang kümmerte sie sich kaum um die Familie. Von sich aus meldeten die Eltern sich nur, wenn sie Geld brauchten, was nie zurückgezahlt wurde.
Zu Besuch zog es Klara nicht, aber sie wusste, dass Svenja mit siebzehn Mutter wurde, mit achtzehn heiratete und dann direkt das zweite Kind bekam, um zu verhindern, dass ihr Mann zur Bundeswehr eingezogen wurde. Durch Zufall wurden es Zwillinge, doch als der junge Vater den Ernst des Lebens spürte, rannte er davon und forderte die Scheidung.
Nun riefen die Eltern immer häufiger an. Klara, die inzwischen erfolgreich einen Bürojob hatte, wurde regelrecht belagert schließlich verdiente sie solide, hatte sogar eine Eigentumswohnung auf Kredit in München kaufen können. Das genügte, die Eltern baten fast wöchentlich um Euro-Beträge, stets für die Kinder der Svenja.
Klara, Paulines Jacke ist kaputt. Schick sofort zweihundert Euro! Ohne neue geht sie nicht in den Kindergarten!
Klara, die Zwillinge brauchen Geschenke zum Geburtstag. Svenja hat was Passendes gesehen du überweist uns dreihundert Euro.
Klara! Svenja hat ihren Job verloren. Die wissen wohl nicht, welch Schwierigkeiten eine Mehrfachmutter hat! Du wirst ab jetzt die Kita-Gebühren übernehmen und Paulines Schulvorbereitung bezahlen!
Die Bitten der Eltern klangen immer wie ein Befehl. Nie fragten sie, ob Klara selbst genug hatte, um sie zu unterstützen. Über Klaras eigenes Leben fragte die Mutter kaum je, sie nahm einfach an, dass es ihr gutging, weil sie den Kontakt zur Familie reduziert hatte. Stolz auf die Tochter? Fehlanzeige sie hätte ja ruhig noch mehr arbeiten und mehr helfen können.
Klara hatte das tiefe Schuldgefühl nie losbekommen, das ihr seit Kindertagen eingetrichtert wurde. Der Mutter abzuschlagen, wurde unmöglich. Nach jedem Anruf zählte sie bedrückt ihre Finanzen durch, überlegte, worauf sie diesen Monat wieder verzichten musste.
Ihr eigenes Privatleben war deutlich ruhiger als das von Svenja, doch auch sie hatte mit Enttäuschungen zu kämpfen. Nach dem ersten festen Job lernte sie einen Kollegen kennen, sie planten die Hochzeit. Vor dem Termin stellte sich heraus, dass Klara keine Kinder bekommen konnte für den Verlobten ein Trennungsgrund. Dieses Kapitel verarbeitete sie allein, der Mutter erzählte sie es erst viel später. Seitdem war ihre Kinderlosigkeit ein Dauerthema bei den Verwandten.
Eine Spätblüherin, unsere Klara Naja, wenigsten hat Svenja für Enkelkinder gesorgt meinte die Mutter oft. Einige Zeit wurde sie in Ruhe gelassen, doch eines Morgens, an einem seltenen freien Wochenende in Klaras Wohnung, klingelte das Telefon.
Klara, wo bist du eigentlich? Muss ich etwa mit den Kindern Bus fahren? Bestell uns jetzt ein Taxi nicht so eins aus dem Billigsegment! Von den stinkenden Taxis wird den Kleinen schlecht!
Hallo erstmal. Und warum genau sollte ich dir ein Taxi besorgen? fragte Klara verwirrt.
Hat dir Mama denn nichts erzählt? Ich habe beschlossen, zu dir zu ziehen. In unserem Kaff gibt es doch nichts mehr zu holen! Ich bleib bei dir. Ich bin am Bahnhof, du hast eine halbe Stunde, bis das Taxi kommt. Svenja legte auf. Klara setzte sich, weil sie das als schlechte Nachricht traf. Den Versuch, zweitausend Kilometer Abstand zur Familie zu gewinnen, hatte sie damit verloren.
Am Abend verteilte Svenja sofort Anweisungen:
Morgen besorgst du mir was im Büro, schließlich bist du Chefin. Und pass auf gute Bezahlung, aber bloß kein Stress! Es müssen junge Männer im Team sein und ich will jederzeit gehen dürfen! Für die Zwillinge eine Etagenbett, wir können ja nicht alle auf demselben Sofa schlafen. Heute schlaf ich mit den Jungs in deinem Bett, und Pauline schläft mit dir auf dem Sofa. Und bald wird’s kalt, da musst du warme Sachen für die Kinder kaufen! Nicht schlechter als ihre Freunde, ich will mich nicht schämen! Sollen sie mich am Ende noch Alleinerziehende mit Anhang nennen!
Klara hörte zu und fragte sich, warum sie diese egoistische Person eigentlich nicht längst hinausgeworfen hatte. Warum akzeptierte sie immer noch dieses Verhalten? Wie hatte sie es so weit kommen lassen, dass ihre eigenen Grenzen ignoriert wurden? Ein plötzlicher Moment der Wut stieg in ihr auf gegen die Eltern, gegen die jahrelange Ungerechtigkeit. Entschlossen stand sie auf, unterbrach Svenja und sagte fest:
Heute übernachtet ihr hier, aber morgen bringe ich dich zum Bahnhof und du fährst zurück zu den Eltern. Ich finanziere dich und deine Kinder nicht länger mit! Du hast sie bekommen, du ziehst sie auf! Ich bin fertig damit und du bist nicht mein Kind! Sieh es als Ausgleich dafür, dass ich euch jahrelang geholfen habe. Solltest du morgen früh noch hier sein, rufe ich die Polizei und die Tatsache mit den Kindern ist mir dann egal! Apropos: Heute schlaft ihr alle auf dem Gästesofa, und es interessiert mich nicht, wie ihr da drauf passt ich brauche meinen Schlafkomfort!
Klara sprach so bestimmt, dass Svenja völlig sprachlos war. Den ganzen Abend motzte und beschwerte sie sich, rief die Mutter an, jammerte. Klara blieb jedoch erstmals völlig unbeeindruckt. Am Morgen brachte sie die Schwester nicht mal mehr zum Bahnhof, schob sie mitsamt Kindern zur Tür hinaus, gab ihr noch ein paar Euro für die Fahrt.
Damit ist Schluss! Vergiss den Weg zu mir. Das reicht! Ich habe mein eigenes Leben, und das dreht sich nicht um dich! sagte Klara, als sie die Tür schloss. Sie weinte eine Weile, dachte nach, aber schließlich sah sie: Es war richtig so. Länger hätten solche wunderbaren Verwandten sie zerstört.
Frei von jenen Verpflichtungen, die ihr das Leben schwer machten, atmete Klara endlich auf. Sie lernte einen liebevollen Mann kennen und heiratete ihn zwei Jahre später. Gemeinsam adoptierten sie zwei Kinder und führten ein glückliches Leben denn manchmal muss man eigene Grenzen setzen, um das eigene Glück zu finden.





