„Mama, ich hab dich so lieb!“ – sagte ich damals beim Frühstück mit 14 Jahren. „Ja?“, lächelte Mam…

Ich hab dich so lieb, Mama, murmelte ich verschlafen beim Frühstück, damals, mit vierzehn Jahren, während draußen der Regen Träume zeichnete auf die Fensterscheiben.

Ach ja?, lächelte Mama zurück, dann schälst du doch beim nächsten Mal einfach Kartoffeln, bevor ich von der Arbeit komme und ich werdes fühlen, auch ohne ein Wort.

Ich liebe unseren Kater!, drückte ich mein Gesicht in sein warmes, samtiges Fell.

Dann wechsel ihm doch mal das Katzenstreu, oder?, fragte Papa. Er leidet ja, wenn er in das Nasse treten muss

Ich lauschte meinen Eltern und wunderte mich: Redete ich etwa nicht von Liebe? Was hatten Kartoffeln und Katzenstreu damit zu tun?

Damals war ich noch ein kleines Mädchen von sieben Jahren, plötzlich fand ich mich für mehrere Wochen im Krankenhaus wieder, außerhalb von Hamburg, mitten im goldenen September. Die Regeln dort waren streng und die Eltern durften nur zu festen Zeiten vorbeischauen, ihre Kinder durften sie dann nur von unten sehen, wenn wir am Fenster standen im Pyjama, während die Kastanien fielen.

Mama kam zweimal am Tag. Morgens und abends lag auf meinem Nachttisch ein Paket, gefüllt mit frischem Quark, noch warmem Apfelkompott, einem Häufchen Buchweizengrieß, einer winzigen Dampffrikadelle. Gerade genug für einen kleinen Bissen, weil sie in ein paar Stunden schon das nächste bringen würde. Und an der Seite, gut eingewickelt in Zeitungspapier damit nichts zerknittert drei, vier große Blätter, darauf bemalte Schnitte für Papierkleider, mit diesen weißen Laschen, zum Umklappen, vielleicht kennt ihr die noch.

Ich liebte es, diese Kleidchen anzumalen und sie auszuschneiden und Mama, wie fand sie nur die Zeit! zeichnete sie für mich jeden Abend: unzählige Röcke und Mäntel, Blusen und Nachthemden, jedes mit eigener Fantasie: Schleifen, Pompoms, Punkte, Karos

Ich hatte sie nie darum gebeten. Es war nichts Medizinisches, kein Vitaminwasser, keine kräftige Brühe. Sie wusste einfach, wie sehr ich mich danach sehnte.

Und das war ihr stilles Ich hab dich lieb. Erst viel später konnte ich es begreifen und schätzen aber nie vergessen.

Viel zu oft übersehen wir die kleinen Dinge.

Klar, schöne Worte, Geständnisse, Gedichte sie sind wichtig. Wir Frauen lieben mit den Ohren, wir wollen unser Ich liebe dich hören. Doch wenn wir es nicht auch im Alltag fühlen, werden diese Worte leer, verlieren ihren Glanz. Natürlich kann man Ich liebe dich auch mit einem Diamantring sagen, mit goldenen Manschettenknöpfen oder einem riesigen Rosenstrauß, einer Fahrt im Heißluftballon auch das ist wunderbar

Aber Liebe lässt sich noch einfacher ausdrücken. Jeder Tag bietet uns eine Gelegenheit wenn es uns nur wichtig ist.

Unsere Freunde hatten einen Dackel, Dora, eine wundervolle, liebenswerte Hündin, bis zum Tag, als ihre Hinterbeine plötzlich gelähmt waren. Und doch, schon seit drei Jahren lebt Dora so der Besitzer hat ihr einen kleinen Rollwagen gebaut, damit sie selbstständig nach draußen düsen kann.

Man hätte sie in den Armen tragen können, oder im Kinderwagen schieben. Aber Dora wollte laufen und deshalb gaben die beiden ihr diese Chance. Weil Liebe unendlich erfinderisch macht.

Wenn wahre Liebe uns lenkt, finden wir an jeder Ecke Wege, sie zu zeigen still, von Herzen, ganz ohne Nachdenken.

Schleichen wir leise ins Zimmer, um den Schlafenden nicht zu stören, rücken das Kissen zurecht, entknittern die Decke über kleinen Füßchen, nehmen sachte, kopfschüttelnd, das Handy aus schlaffen Händen, damit kein Anruf den Abendfrieden stört.

Wir werden zu Sterneköchen, kochen den kräftigsten Kaffee am Morgen, legen aus Gouda und Tomate eine kleine Bahn auf den Kinderteller, die im Galopp zum Sonnenstrahl fährt.

Stundenlang hören wir plappernden Freunden zu, erfinden neue Geschenke, zaubern Überraschungen, wir spinnen das Glück.

Und wir geben ohne Nachdenken den letzten Schein fürs Rezept in der Apotheke aus.

Und wir schlitzen mit leichter Hand die Lieblingsperlenkette auf, um das Funkeln an das Kleidchen des kleinen Schneeflöckchens zu nähen.

Denn das Leben lang und blitzschnell zugleich

Und die kleinen Dinge bleiben uns, oh, so lange im Herzen. Ein liebendes Herz spürt den Moment, wenn unser Ich liebe dich am dringendsten gebraucht wird.

Solange ich denken kann, Mama und Oma stellten sich immer in den Flur, wenn Papa oder Opa nach Hause kamen ein Mann soll spüren, dass man auf ihn wartet. Ich halte es genauso.

Ich sitz vor dem Bildschirm, meine Gedanken ein wirres Knäuel, kämpfe mich beim Stricken meiner Geschichte von Masche zu Masche. Dann höre ich das Schlüsselklacken: Gleich steh ich auf nur noch diese Reihe, damit keine Schlaufe fällt.

Über die Schulter sehe ich die Tür Nur noch zwei Minuten, dann gibts Abendbrot, lache ich in die Dunkelheit.

Und plötzlich, lautlos damit ich meine Strick-Worte nicht verliere erscheint eine Tasse kräftigen schwarzen Tees und ein Teller mit zwei belegten Broten und entblätterten Pralinen neben meiner Tastatur.

Ich sehe, was sich auf den Broten türmt Schinken, Salami, Käse, Tomate, ein paar Oliven was gerade im Kühlschrank war. Und sehe die offenen Pralinen (damit ich mich nicht ablenke mit dem Papier). Im stillen Zimmer höre ich darin viele wichtige Worte.

Und weiß genau, jetzt gerade gibt es keinen besseren Weg für: Ich hab dich lieb.

Wie bedeutsam es ist, Ich liebe dich auch wortlos auszusprechen.

Mit einer Reise, einem Teller Pellkartoffeln, gebügeltem Hemd, Ballons in der Luft, einer lang ersehnten Puppe oder einer rechtzeitig gefüllten Katzenschale, einem innigen Kuss, einer sorgsam übergezogenen Decke, einem aufgespannten Regenschirm, Quarkplinsen mit Hasenohren, Likes und Herzen, einem Blick, einem Lächeln.

Nicht entscheidend ist, ob wir über ernste politische Themen oder das verpasste Tor beim letzten Spiel reden entscheidend ist, *wie* wir zuhören.

Ob Veuve Clicquot im Kristallglas oder Herbstkaffee aus dem Pappbecher entscheidend ist, mit welcher Freude wir trinken.

Ob wir durch das nächtliche Berlin schlendern oder nur am Feldrand mit Sonnenblumen stehen entscheidend ist, wer neben uns geht.

Wir müssen uns einfach merken: Diese leuchtenden, zarten, so ersehnten Worte Ich hab dich lieb verlieren ohne ein Tun viel zu schnell an Farbe und Wert.

Das dürfen wir niemals zulassen.

Liebe misst sich nicht nur an Worten Denn am Ende wenn all die Pralinen aufgegessen, die Papierkleider längst verblasst und der Kater zufrieden schnurrend schläft erinnern wir uns an die Wärme in unseren Händen, an den stillen Blick über den Rand einer Teetasse, an eine Decke, die uns in frostigen Stunden bedeckte. Dann wissen wir, Liebe braucht keine großen Worte, keine Bühne, keinen Glanz. Sie wohnt im heimlichen Alltag, im gekochten Kaffee, im schiefen Butterbrot, im Blick, der sagt: Ich sehe dich, so wie du bist.

Und vielleicht, wenn draußen wieder der Regen Träume auf die Scheiben malt, sitzt irgendwo ein Kind am Fenster, hält ein bemaltes Kleiderpapier ans Licht und spürt, ohne Worte, dass es geliebt wird. Für immer.

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Homy
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„Mama, ich hab dich so lieb!“ – sagte ich damals beim Frühstück mit 14 Jahren. „Ja?“, lächelte Mam…
Dich hasse ich nicht!Dich hasse ich nicht!