Dich hasse ich nicht!Dich hasse ich nicht!

Und doch war alles beim Alten geblieben…

Lotte zupfte nervös am Saum ihres Ärmels, während sie aus dem Fenster des Taxis starrte. Draußen huschten die Straßen ihrer Kindheit vorbei, jene Wege, auf denen sie einst mit Markus gelacht und Zukunftspläne geschmiedet hatte. Sieben Jahre… Ganze sieben Jahre hatte sie nicht mehr in ihrer Heimatstadt Dresden geweilt. In diesem wirbelnden Traum schienen die Gebäude zu atmen und sich leicht zu verschieben, als ob die Erinnerung sie formte.

Wir sind da, ertönte die Stimme des Fahrers und unterbrach sanft ihre Gedanken.

Das Taxi kam sanft vor dem Eingang des alten fünfstöckigen Wohnhauses zum Stehen. Lotte prüfte automatisch, ob ihr Telefon noch da war, zog Geld hervor, bezahlte und stieg aus. Die Tür fiel zu, und für einen Moment verharrte sie, um die Luft ihrer Heimatstadt einzuatmen. Sie war tatsächlich anders nicht wie in der großen Stadt Berlin, in der sie nun lebte. Hier weckten jeder Duft und jeder Klang etwas Tiefes in ihr. Es roch nach frisch gemähtem Gras aus dem nahen Park, ein wenig nach frisch gebackenem Brot aus der kleinen Bäckerei an der Ecke, und noch nach etwas Unfassbarem, das man nur Heimat nennen konnte. Dieses Gemisch ließ ihr Herz schmerzhaft und zugleich süß zusammenziehen, als ob sie sich gleichzeitig freute und fürchtete, was vor ihr lag.

Sie war nur für ein paar Tage gekommen. Offiziell, um ihre Mutter zu besuchen und ihr bei alten Dokumenten zu helfen, die schon lange Aufmerksamkeit verlangten. Auch wollte sie durch vertraute Orte schlendern, als ob sie prüfen wollte, ob sie noch so waren wie in ihren Erinnerungen. Doch tief in ihrer Seele lauerte ein anderer Grund vielleicht der wichtigste. Sie sehnte sich verzweifelt danach, Markus zu sehen! Und wer weiß, vielleicht würde ihr Leben sich ändern?

Lotte wusste, dass er in der Nähe wohnte. Nicht, dass sie sein Leben verfolgt hätte nein, sie hatte nie direkt nach ihm gefragt. Aber Freunde erwähnten manchmal seinen Namen, wenn sie sich trafen oder in sozialen Netzwerken chatteten. So erfuhr sie Bruchstücke: Er hatte den Job gewechselt und hatte nun eine gute Position, hatte eine Wohnung gekauft, seine Mutter zu sich geholt… Jedes Mal, wenn sie etwas hörte, stellte sie sich vor, wie er jetzt aussah, was er tat, woran er dachte. Doch sie verdrängte diese Gedanken sofort, aus Angst, ihnen zu viel Raum in ihrem Herzen zu geben…

In diesem Traum flossen die Gedanken wie ein endloser Fluss, der keine Ufer kannte.

Am nächsten Tag beschloss Lotte, durch das Zentrum der Stadt zu spazieren. Sie hatte keine besonderen Pläne sie wollte einfach die städtische Luft atmen, die vertrauten Orte bei Tageslicht betrachten und den Rhythmus der Straßen spüren, der einst Teil ihres Lebens gewesen war. Sie ging langsam, schaute in Schaufenster, lächelte flüchtig, als sie etwas längst Vergessenes erkannte: der Kiosk mit Zeitungen, wo sie Comics gekauft hatte, die Bank, auf der sie mit Freundinnen nach der Schule gesessen hatte, das Café, in dem sie zum ersten Mal Cappuccino probiert und ihn fast auf ihre neue Bluse verschüttet hätte.

Und plötzlich sah sie ihn.

Markus ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er bemerkte sie nicht blickte nach vorne, den Kopf leicht geneigt, als ob er über etwas nachdachte. Lotte erstarrte. Alles in ihr drehte sich so heftig, dass sie für einen Moment vergaß zu atmen. Er hatte sich überhaupt nicht verändert immer noch so groß, mit demselben leichten, etwas entspannten Gang, den sie aus ihrer Jugend kannte. Dieselbe Silhouette, dieselben Bewegungen, sogar dieselbe Frisur.

Ohne zu zögern, rannte sie über die Straße. Die Ampel blinkte gelb, irgendwo ertönte ein scharfes Hupen, aber sie hörte es kaum. Ihre Beine trugen sie vorwärts, ihr Herz pochte so laut, dass es schien, als sei es in der ganzen Straße zu hören.

In dem Traum schienen die Autos wie schwebende Schatten zu sein, die nicht wirklich da waren.

Markus! rief sie, als sie ihn vor dem Laden einholte.

Ihre Stimme zitterte sie hatte nicht gedacht, dass sie sich so aufregen würde. Er drehte sich um und… nichts. Keine Freude im Blick, keine Wut. Nichts.

Lotte? sagte er ruhig, fast gleichgültig.

Dieser Ton so ebenmäßig, ohne Emotionen traf sie härter als erwartet. Alles, was sich sieben Jahre lang in ihr angesammelt hatte, brach plötzlich heraus. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, ihre Stimme zitterte, und sie konnte nicht mehr aufhören.

Markus, ich… ich bin so schuldig, brachte das Mädchen mühsam hervor. Ich weiß, dass ich nicht das Recht habe, dir auch nur nahe zu kommen, aber ich… sie schluchzte, versuchte, sich zu sammeln, aber die Tränen rollten über ihre Wangen, und sie versuchte nicht einmal, sie wegzuwischen. Ich liebe dich. Ich liebe dich immer noch. Verzeih mir. Bitte, verzeih mir!

Sie sprach schnell, abgehackt, als ob sie Angst hatte, dass sie, wenn sie aufhörte, nicht mehr weitermachen könnte. In ihrem Kopf wirbelte so viel Rechtfertigungen, Erklärungen, Bitten , aber jetzt kamen nur die wichtigsten Worte heraus. Diejenigen, die sie so viele Jahre in sich bewahrt hatte.

Sie umarmte ihn, drückte sich fest an seine Brust, als ob diese Bewegung das Verlorene von vor sieben Jahren zurückbringen könnte. In diesem Moment existierte für sie weder die laute Straße noch die Passanten noch die Zeit nur die Wärme seines Körpers und die verzweifelte Hoffnung, dass er die Umarmung erwidern würde.

In dem Traum schien ihre Umarmung die Grenzen der Realität zu sprengen, und die Welt um sie herum löste sich in sanften Farben auf.

Markus wich nicht sofort zurück. Für einen Bruchteil einer Sekunde schien es ihr, als ob er gezuckt hätte seine Schultern sanken leicht, seine Hände hoben sich kaum merklich, als ob er sie selbst erwidern wollte. Diese flüchtige Bewegung entzündete einen Funken Hoffnung in ihr: Vielleicht konnte man noch alles reparieren, vielleicht hatte er diese Erinnerungen auch im Herzen bewahrt… Vielleicht hatten sie noch eine Zukunft!

Aber der Moment verflüchtigte sich. Markus umfasste fest ihre Schultern und schob sie sanft, aber unerbittlich von sich weg. Sein Gesicht blieb ruhig, fast ausdruckslos, und sein Blick fest, fast kalt. In diesen Augen war nicht mehr der Junge, mit dem sie einst bis zu Tränen gelacht und von der Zukunft geträumt hatte. Vor ihr stand ein erwachsener Mann, dessen Gefühle längst hinter einer starken Mauer verborgen waren.

Verschwinde von hier, flüsterte er ihr ins Ohr.

Er sagte es leise und so emotionslos, als ob sie für ihn überhaupt nichts bedeutete. Als wäre sie eine Fremde, die seiner Aufmerksamkeit nicht würdig war.

Ich hasse dich, fügte er eine Sekunde später hinzu, und erst jetzt blitzte unverhohlene Verachtung in seinem Blick auf.

Er drehte sich um und ging weg, ohne sich umzusehen. Lotte stand da, wie betäubt. Die Welt um sie herum lebte weiter ihr Leben: Menschen eilten ihren Geschäften nach, Autos hupten an der Kreuzung, irgendwo in der Ferne lachten Kinder… Jemand aus der Menge warf ihr einen schiefen Blick zu, vielleicht verwundert, warum das Mädchen mitten auf der Straße mit erstarrtem Blick und blassem Gesicht stand. Aber sie bemerkte nichts.

Nur das Geräusch seiner Schritte, das allmählich in der Ferne verebbte, und ihr eigenes Atmen abgehackt, stoßweise, hilflos. Jede Sekunde dehnte sich zu einer Ewigkeit, und in ihrem Kopf kreiste immer wieder derselbe Gedanke: Das ist das Ende. Für immer.

Das Mädchen schlurfte langsam nach Hause. Ihre Beine schienen ihr nicht zu gehorchen, jeder Schritt fiel schwer, aber sie ging, mit leerem Blick vor sich hin. In ihrem Kopf war es leer keine Gedanken, keine Gefühle, nur das hallende Echo seiner Worte, das in ihr pochte.

Als Lotte in die Wohnung ihrer Mutter trat, versuchte sie nicht einmal, etwas zu erklären. Sie ging einfach schweigend in ihr Zimmer, ließ sich auf einen Stuhl fallen und starrte aus dem Fenster. Die Mutter, die ihr verweintes Gesicht und den erloschenen Blick sah, stellte keine Fragen. Sie seufzte nur leise, als ob sie diesen Moment schon lange erwartet hatte, und ging, den Wasserkocher aufzusetzen. Das vertraute Geräusch des kochenden Wassers, der Duft des aufgebrühten Tees all das schien so alltäglich, so im Kontrast zu dem, was in Lotte vorging. Aber genau diese Einfachheit und Gewohnheit brachten sie ein wenig zurück zur Wirklichkeit.

In dem Traum vermischte sich die Realität mit vergessenen Düften und Klängen, die wie Geister um sie tanzten.

Er hat mir nicht verziehen, flüsterte Lotte, während sie die Tasse mit heißem Tee in den Händen hielt. Der warme Dampf kitzelte leicht ihr Gesicht, aber sie bemerkte es kaum. Ihre Finger umklammerten die Tasse fester, als ob sie versuchten, etwas Unfassbares festzuhalten, und ihr Blick blieb auf der bernsteinfarbenen Oberfläche des Getränks haften, in der die trüben Reflexe der Tischlampe gespiegelt wurden.

Die Mutter setzte sich neben sie, streichelte ihr leise, ohne viele Worte, die Schulter. Die Bewegung war sanft, gewohnt so, wie es in der Kindheit gewesen war, wenn Lotte mit einem aufgeschürften Knie oder nach einem Streit mit einer Freundin nach Hause kam. Diese einfache Geste ließ sie plötzlich klein und verletzlich fühlen, als ob alle erwachsenen Entscheidungen und Handlungen der letzten Jahre spurlos verschwunden wären.

Du wusstest doch, dass es so kommen würde, sagte die Mutter leise, ohne Vorwurf, eher mit stiller Traurigkeit.

Wusste ich, nickte Lotte, und hob endlich den Blick von der Tasse. Ihre Stimme klang ruhig, aber darin lag eine Müdigkeit, als ob sie diese Worte schon lange in Gedanken gedreht und sich darauf vorbereitet hätte. Aber ich hatte gehofft. Dumm, oder?

Nicht dumm, widersprach die Mutter sanft. Einfach… du hast diesen Weg selbst gewählt. Du hast Markus sehr wehgetan, er konnte sich lange nicht von eurem Bruch erholen… Er hat sich verwandelt wie Kai aus dem alten Märchen. Niemand konnte sein Herz mehr berühren.

Lotte seufzte tief, stellte die Tasse ab und lehnte sich auf die Stuhllehne zurück. Vor ihren Augen tauchten unwillkürlich Bilder aus der Zeit vor sieben Jahren auf.

Damals schien alles so einfach, so verständlich. Sie war zweiundzwanzig ein Alter, in dem die Zukunft in leuchtenden Farben gemalt wird und alle Hindernisse überwindbar scheinen. An ihrer Seite war Markus freundlich, zuverlässig, der Mensch, auf den man sich in jeder Situation verlassen konnte. Er glänzte nicht mit Beredsamkeit, konnte nicht schön über Gefühle sprechen, aber seine Taten sprachen lauter als Worte: Er kam immer zur Hilfe, konnte zuhören, unterstützte auch in Kleinigkeiten.

Aber es gab ein Problem oder eher etwas, das Lotte damals als Problem ansah. Markus arbeitete auf einer Baustelle, studierte nebenbei, träumte davon, sein eigenes Geschäft zu eröffnen. Seine Pläne waren ernst, durchdacht, aber sie brauchten Zeit und das Mädchen wollte nicht warten.

Sie träumte nicht von Reichtum, nein. Sie wollte keine Luxus, sondern Stabilität, Sicherheit für den morgigen Tag. Sie wollte wissen, dass sie in einem Jahr, zwei, fünf Jahren Arbeit, Wohnung, die Möglichkeit haben würde, ihr Leben nach ihren Regeln zu gestalten. Und neben Markus sah alles zu ungewiss aus: endlose Nebenjobs, Abendstudium, Zukunftsträume, die bisher nur Träume geblieben waren.

Und als ihr Onkel aus Berlin ihr eine Stelle in seiner Firma anbot, nahm sie an. Ohne zu zögern, fast ohne Schwanken. Es war eine Chance real, greifbar, die man nicht verpassen durfte.

Es gab noch eine andere Wahrheit die, von der Lotte versuchte, nicht zu denken. In genau dieser Zeit, als sie nach Berlin zog und arbeitete, tauchte Heinrich in ihrem Leben auf. Er war ein wohlhabender Geschäftsmann, doppelt so alt wie sie, mit selbstbewussten Manieren und der Gewohnheit, sein Ziel zu erreichen. Ihre Bekanntschaft war zufällig auf einer Firmenfeier, zu der Lotte in einem neuen Kleid kam und sich etwas fehl am Platz fühlte unter den soliden Kollegen. Heinrich bemerkte sie sofort: Er setzte sich zu ihr, begann ein Gespräch, fragte nach der Arbeit, den Plänen, dem Leben.

Er sparte nicht mit Aufmerksamkeiten. Zuerst waren es Blumen keine Rosensträuße, sondern ordentliche Sträuße, die ins Büro gebracht wurden mit einem Zettel: Der Schönsten. Dann Einladungen in Restaurants, in die Lotte früher nur von außen schauen konnte, die Inneneinrichtung bewundernd. Er nahm sie zu Ausstellungen, ins Theater, schenkte Dinge, von denen sie früher nicht zu träumen gewagt hatte: seidene Schals, elegante Schmuckstücke, Schuhe mit dünnen Absätzen. Jedes Geschenk wurde von Worten begleitet, wie sehr sie ein besseres Leben verdiene, wie sie sich nicht einschränken solle, wie wichtig es sei, anzunehmen, was das Schicksal biete.

Lotte widerstand anfangs sie schämte sich, lehnte ab, versuchte zu erklären, dass sie solche Geschenke nicht brauchte. Aber Heinrich bestand sanft darauf, überzeugte sie, dass es nur ein Zeichen der Aufmerksamkeit sei, dass er aufrichtig von ihrem Verstand und ihrer Schönheit beeindruckt sei. Nach und nach begann sie, seine Werbung anzunehmen. Die glänzende neue Realität zog sie an: Abende in gemütlichen Restaurants, Fahrten mit dem Taxi der Business-Klasse, die Möglichkeit, in jeden Laden zu gehen und zu kaufen, was ihr gefiel, ohne auf den Preis zu achten. All das schien wie ein Zaubertraum, aus dem sie nicht erwachen wollte.

Und irgendwo zwischen diesen funkelnden Momenten begann sie, sich mit Heinrich zu treffen. Nicht, weil sie Leidenschaft für ihn empfand, sondern weil seine Welt sie mit ihrer Leichtigkeit und Sicherheit lockte. Mit ihm musste sie sich nicht um den morgigen Tag sorgen, raten, ob das Geld für die Miete oder einen neuen Anzug für ein wichtiges Treffen reichte. Er übernahm einfach alles, schuf um sie herum eine Atmosphäre der Sorglosigkeit.

Und ihr gefiel dieses Leben sehr. So sehr, dass Lotte den unglücklich in sie verliebten Jungen völlig vergaß. Noch mehr jetzt begann sie, ihn zu verachten, und erklärte, dass Markus im Leben nichts erreichen könne.

Eines Tages kehrte Lotte in ihre Heimatstadt Dresden zurück. Nicht, um Markus zu sehen, nicht, um sich zu erklären oder auch nur einfach Hallo zu sagen. Sie wollte etwas anderes ihm ihr neues Leben zeigen, demonstrieren, was sie wirklich verdiente. Irgendwo tief drinnen glomm der Gedanke: Lass ihn sehen, dass sie sich nicht geirrt hatte, dass ihre Wahl richtig war, dass sie aus der Ungewissheit ausgebrochen war, die ihre Beziehung umgab.

Sie plante ihren Besuch sorgfältig. Sie wählte ein Café in der Hauptstraße genau das, in das Markus manchmal nach der Arbeit zum Kaffee ging. Sie zog ein teures Kleid an, das Heinrich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte elegant, mit einem dünnen Gürtel, der ihre Taille betonte. An ihrer Hand blitzte ein Ring mit einem großen Stein noch ein Geschenk von ihm. In der Hand hielt sie eine Tasche aus der neuesten Kollektion, die sie am Vortag gekauft hatte, kaum gesehen in der Auslage.

Als Markus das Café betrat, bemerkte Lotte ihn sofort. Sie saß am Fenster, lachte übertrieben laut über etwas, das ihr Begleiter sagte, und drehte sich so, dass Markus sie genau sehen konnte. Ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen las sie Verwirrung, Schmerz, Unverständnis all das, was sie in sich selbst monatelang zu ignorieren versucht hatte. Aber statt sich zu schämen oder den Blick abzuwenden, hielt sie seinem Blick stand, ohne zu zucken.

In diesem Moment schien es ihr, als wäre es ein Sieg. Sie hatte sich und ihm bewiesen, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Dass ihr Leben nun keine endlosen Gespräche über die Zukunft war, sondern reale Möglichkeiten, Luxus und Sicherheit. Sie überzeugte sich, dass sie Zufriedenheit fühlte, dass sie endlich bekam, was sie verdiente.

Aber als Markus das Café verließ und sie am Tisch sitzen blieb, verebbte ihr Lachen allmählich. Sie schaute auf den Ring, die Tasche, ihren Begleiter, der weiter etwas erzählte, und spürte plötzlich eine seltsame Leere. All das teure Dinge, schöne Gesten, Aufmerksamkeit schien plötzlich fern und unecht. Und obwohl sie weiter lächelte und das Gespräch aufrechterhielt, flüsterte etwas in ihr leise: Hat es sich gelohnt?

In dem Traum schienen die Erinnerungen wie alte Filme, die sich in einem verstaubten Projektor drehten, mit flackerndem Licht und verzerrten Bildern.

Der Sieg erwies sich als bitter das verstand Lotte nicht sofort, aber allmählich, Tag für Tag, wurde die Erkenntnis klarer. Anfangs bewahrte Heinrich noch seine frühere Gestalt eines großzügigen, aufmerksamen Mannes: Er lud in Restaurants ein, schenkte Blumen, machte Komplimente. Aber mit der Zeit begann sein Interesse zu erlöschen, wie eine Kerze, der das Wachs ausgegangen war.

Zuerst zeigte es sich in Kleinigkeiten. Statt warmer Worte zurückhaltende Bemerkungen. Statt unerwarteter Geschenke kurze Nachrichten: Fahr in diesen Laden, such dir etwas aus. Und dann begannen scharfe Ausfälle. Er fing plötzlich an, an ihrem Aussehen herumzunörgeln: Solltest du nicht etwas mehr auf dich achten?, an ihrer Sprechweise: Warum lachst du so laut? Das ist vulgär, an Freunden, mit denen sie sich selten traf: Schon wieder diese kleinstädtischen Bekannten? Meinst du nicht, es ist Zeit, sich einen interessanteren Kreis zuzulegen?

Seine Anwesenheit in ihrem Leben wurde immer seltener. Er verschwand für mehrere Tage, manchmal Wochen, und ließ sie allein in der geräumigen Wohnung, die er selbst gemietet hatte. Lotte verbrachte die Abende in Einsamkeit, hörte, wie die Uhr tickte, oder wühlte ziellos in den Sachen im Schrank. Wenn sie versuchte, mit ihm zu sprechen und zu erklären, dass ihr ihre Gespräche fehlten, winkte er nur ab, ohne sie anzusehen:

Du hast bekommen, was du wolltest. Was brauchst du noch?

Lotte versuchte, sein Verhalten zu rechtfertigen. Er hat ein kompliziertes Geschäft, dachte sie, vermutlich viel Stress. Oder: Er ist einfach müde, er braucht Zeit. Sie überzeugte sich, dass es vorübergehende Schwierigkeiten seien, dass bald alles wieder in Ordnung käme, dass sie einfach zu anspruchsvoll sei. Aber tief drinnen verstand sie: Es lag nicht an der Müdigkeit oder der Arbeit. Sie war für ihn zu einem weiteren schönen Spielzeug geworden bunt, neu, Aufmerksamkeit erregend. Und als die Neuheit verschwunden war, erlosch das Interesse.

Sie ertrug es. Ertrug seine scharfen Worte, sein kaltes Schweigen, seine langen Abwesenheiten. Sie ertrug es, weil sie Angst hatte, sich einer einzigen, aber sehr wichtigen Sache zu stellen: Sie hatte sich geirrt. Wenn sie zugab, dass das glänzende Leben sich als leere Hülle erwiesen hatte, musste sie auch zugeben, dass sie den einzigen Menschen verraten hatte, der sie wirklich geliebt hatte. Dass Markus, mit seiner bescheidenen Arbeit und Träumen von seinem Geschäft, derjenige war, der sie einfach dafür schätzte, was sie war, und nicht für den äußeren Glanz und die Übereinstimmung mit irgendjemandes Vorstellungen von einer idealen Gefährtin.

Mit der Zeit hörten sogar die äußeren Attribute des Luxus auf, Freude zu bereiten. Teure Kleider, die sie früher begeistert in Geschäften betrachtet hatte, hingen nun leblos im Schrank. Schmuckstücke, die einst Ehrfurcht hervorgerufen hatten, lagen in der Schatulle, als ob sie fremd wären. Restaurants, die sie am Anfang so geliebt hatte mit ihrem gedämpften Licht, raffinierten Gerichten und der Feststimmung , riefen bei ihrem Anblick nur noch Irritation hervor. Der Duft teurer Parfüms, der ihr früher als Symbol des neuen Lebens erschienen war, löste nun leichte Übelkeit aus.

Sie ertappte sich immer öfter dabei, aus dem Fenster zu schauen, die Passanten zu beobachten und zu denken: Was, wenn… Aber sie brach diese Gedanken sofort ab, aus Angst, ihnen freien Lauf zu lassen. Denn darauf folgte eine Frage, auf die sie keine Antwort hatte: Was kommt als Nächstes?

In diesen einsamen Abenden, wenn draußen langsam die Dämmerung hereinbrach und in der Wohnung eine fast klingende Stille herrschte, dachte Lotte immer öfter darüber nach, dass ihre Träume von Stabilität irgendwie leer waren. Sie stellte sich ein Leben vor, in dem es Sicherheit für den morgigen Tag gab, in dem man sich keine Sorgen um Geld machen musste, in dem alles geplant und geordnet war. Aber jetzt, sitzend in der geräumigen, gut eingerichteten Wohnung, verstand sie plötzlich klar: Ohne einen Menschen, mit dem man diese Stabilität teilen möchte, hatte all das keinen Sinn.

Ihre Gedanken kehrten unwillkürlich zu Markus zurück. Sie erinnerte sich an seine Hände stark, etwas rau von der Arbeit, aber so warm, wenn er ihre Hände in seine nahm. Sie erinnerte sich an sein Lächeln nicht hell, zur Schau gestellt, sondern still, aufrichtig, das erschien, wenn er wirklich glücklich war. Sie erinnerte sich, wie er über die Zukunft sprach: ohne Pathos und laute Versprechen, teilte er einfach Pläne, glaubte, dass bei ihnen alles klappen würde. Und dieser Glaube war so echt, so greifbar, dass Lotte damals fühlte mit ihm konnte sie sich vor nichts fürchten…

In dem Traum tanzten diese Erinnerungen wie Schmetterlinge aus Nebel um sie herum, schwer zu fangen und doch immer präsent.

Am dritten Tag ihres Aufenthalts zu Hause beschloss Lotte, durch den Park zu spazieren, in dem sie einst zusammen gewandelt waren. Da war die Bank unter der ausladenden Platane sie hatten oft hier gesessen, über alles Mögliche geplaudert, über Kleinigkeiten gelacht. Lotte erinnerte sich, wie Markus, auf die fallenden Blätter blickend, plötzlich sagte: Weißt du, ich möchte, dass wir ein eigenes Haus haben. Mit großen Fenstern, damit morgens die Sonne direkt in den Raum scheint. Und dass dort immer viel Licht und Glück ist. Damals hatte sie nur gelächelt und gedacht, dass das nur Träume seien. Und jetzt klangen diese Worte anders wie etwas Verpasstes, Verlorenes.

Sie blieb stehen, atmete die kühle Luft ein, versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Und in diesem Moment hörte sie eine vertraute Stimme:

Lotte?

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Thomas ihr gemeinsamer Freund mit Markus. Er sah überrascht aus, lächelte aber sofort, als ob er sich über das Treffen freute.

Ich habe nicht erwartet, dich hier zu sehen, sagte er und hob leicht die Augenbrauen. Wie geht es dir?

Lotte zögerte einen Moment, suchte nach Worten. Sie wollte leicht und ungezwungen antworten, aber ihre Stimme zitterte leicht, obwohl sie es zu verbergen versuchte.

Ganz gut, versuchte sie zu lächeln, und das Lächeln kam nicht so gezwungen heraus, wie sie befürchtet hatte. Ich bin gekommen, um meine Mutter zu besuchen.

Thomas nickte, musterte sie aufmerksam, aber bohrte nicht weiter nach. Stattdessen zeigte er auf eine Bank in der Nähe:

Wollen wir uns setzen? Ich bin gerade spazieren gegangen und habe überlegt, wohin ich als Nächstes gehe.

Lotte stimmte zu, und sie gingen langsam zur Bank. Unterwegs erzählte Thomas, wie es bei ihm lief, was Neues in der Stadt in letzter Zeit passiert war. Seine Stimme klang ruhig, freundschaftlich, und das entspannte Lotte etwas. Sie hörte zu, warf manchmal kurze Bemerkungen ein, und dachte selbst daran, wie seltsam sich alles entwickelte: Sie war in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, wo jede Ecke an die Vergangenheit erinnerte, und schon traf sie jemanden, der Teil dieses Lebens gewesen war.

In dem Traum schienen die Bäume zu flüstern und alte Geschichten zu erzählen, die nur sie hören konnte.

Thomas nickte, schwieg einen Moment, als ob er Worte suchte, und fragte dann ruhig, ohne Druck:

Hast du Markus gesehen?

Lotte senkte unwillkürlich die Augen, ihr Blick glitt über die gefallenen Blätter unter ihren Füßen. Sie antwortete nicht sofort in ihrem Kopf blitzten Erinnerungen an das gestrige Treffen auf, an seinen kalten Blick, an die kurzen, verletzenden Worte. Schließlich sagte sie leise:

Ja. Gestern.

Und wie? fragte Thomas, sie aufmerksam ansehend.

Er… er will nichts mit mir zu tun haben, seufzte Lotte, und jedes Wort fiel ihr schwer. Ihre Stimme klang ruhig, aber darin lag eine Niedergeschlagenheit, als ob sie versuchte, einen Sturm von Emotionen in sich zu halten. Er hasst mich.

Thomas seufzte, setzte sich auf die Bank neben sie, stützte die Ellbogen auf die Knie und blickte in die Ferne, dorthin, wo die Allee des Parks in einem goldenen herbstlichen Dunst verschwand. Ein paar Sekunden schwieg er, als ob er abwog, was er sagen sollte, und dann sprach er leise:

Weißt du, er konnte lange nicht wieder zu sich finden. Du bist einfach verschwunden, Lotte. Kein Anruf, kein Brief. Für ihn war das wie ein Schlag in den Rücken.

Lotte krallte die Finger, spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Sie wusste das, verstand es, aber die Bestätigung von einer anderen Person zu hören, war schwerer, als sie erwartet hatte.

Ich weiß, flüsterte sie, ohne den Blick zu heben. Ich bin schuld.

Thomas wandte den Kopf leicht zu ihr, aber er drängte nicht, begann keine Belehrungen. Stattdessen fuhr er fort, immer noch ruhig:

Er hat versucht, dich zu vergessen. Er hat sich mit jemandem getroffen, aber es hat nichts funktioniert. Er sagt, er kann niemanden so lieben wie dich. Es ging ihm sehr schlecht, verstehst du? Und nach deinem demonstrativen Auftauchen… Ich dachte, er würde sich völlig zurückziehen!

Lotte nickte schweigend. Sie stellte sich vor, wie Markus versucht hatte, weiterzuleben, wie er sich gezwungen hatte, nicht an sie zu denken, wie er wahrscheinlich bei einem ähnlichen Klang oder einer zufälligen Erinnerung jedes Mal zusammenzuckte. Und dieser Gedanke machte es noch schmerzhafter nicht weil er gelitten hatte, sondern weil genau sie der Grund für diesen Schmerz war.

Ich wusste nicht, dass es so kommen würde, sagte sie leise, eher zu sich selbst als zu Thomas. Ich dachte, ich treffe die richtige Wahl. Ich wollte Stabilität.

Thomas widersprach nicht, versuchte nicht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er saß einfach da, gab ihr Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Im Park rauschte der Wind, Blätter wirbelten in einem langsamen Tanz, und irgendwo in der Ferne lachten Kinder, die am Brunnen spielten. Das Leben ging seinen Gang.

Lotte ballte die Fäuste so fest, dass ihre Nägel leicht in die Haut ihrer Handflächen drangen. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, aber sie stiegen trotzdem in ihre Augen, verschleierten den Blick. In ihr zog sich alles vor der bitteren Erkenntnis zusammen: Sie konnte nichts reparieren, konnte die Zeit nicht zurückdrehen, konnte nicht auslöschen, was sie angerichtet hatte.

Ich bitte ihn nicht um Verzeihung, sagte sie mit zitternder Stimme, mühsam nach Worten suchend. Ich wollte nur, dass er weiß es tut mir leid! Jeden Tag bereue ich, was ich getan habe. Diese Gedanken lassen mir keine Ruhe! Ich erinnere mich ständig daran, wie alles war… und wie ich alles zerstört habe.

Thomas sah sie aufmerksam an, ohne Verurteilung. Er beeilte sich nicht mit einer Antwort man sah, dass er jedes Wort abwog.

Vielleicht braucht er das gar nicht zu wissen, sagte er schließlich leise, aber fest. Lass ihn in Ruhe, komm nicht mehr her, du machst es nur schlimmer. Er hat lange gebraucht, um sich nach deinem Weggang zu erholen. Und wahrscheinlich hat er gelernt, irgendwie damit umzugehen. Aber dein Auftauchen… es hat alles wieder aufgewühlt! Gestern hat er mich angerufen und… er war furchtbar betrunken. Ich habe ihn so lange nicht mehr so gesehen, verstehst du? Zerstöre ihm nicht das Leben, Lotte.

Das Mädchen biss sich fest auf die Lippe, aber schwieg. Sie verstand, dass Thomas recht hatte! Ihr plötzliches Zurückkommen, der Versuch, Markus zu treffen all das hatte nur alte Wunden wieder aufgerissen, die er versucht hatte, all die Jahre zu heilen. Sie wollte ihre Schuld sühnen, aber vielleicht hatte sie ihm damit nur neuen Schmerz zugefügt…

In dem Traum schien der Park sich in eine endlose Ebene zu verwandeln, wo die Wege sich in sich selbst zurückbogen.

Am Abend saß Lotte am Fenster in der Wohnung ihrer Mutter. Hinter dem Glas entzündeten sich langsam die Lichter der Stadt gelbe, orangefarbene, weiße sie verschmolzen zu einem seltsamen Mosaik, funkelten und schimmerten, schufen eine Illusion von Festlichkeit. Aber sie hatte keinen Sinn für die Schönheit der Abendstraßen. In ihrem Kopf drehten sich Gedanken einer nach dem anderen, wie Bilder aus einem alten Film, den sie nicht anhalten konnte.

Sie stellte sich vor, wie alles hätte sein können, wenn sie damals geblieben wäre. Wie sie zusammen die erste Wohnung gemietet hätten, wie Markus sein Geschäft aufgebaut hätte, wie sie die Zukunft geplant hätten, über kleine Missgeschicke gelacht, sich über kleine Siege gefreut hätten. Sie dachte daran, wie viele glückliche Momente sie verpasst hatte, wie viele warme Worte sie nicht gesagt, wie viele Berührungen sie nicht geteilt hatte. Aber die Vergangenheit konnte man nicht ändern das verstand sie deutlich, wie nie zuvor.

Am nächsten Tag fuhr Lotte ab. Sie packte ihre Sachen langsam, ohne Hast, als ob sie den Moment des Abschieds hinauszögern wollte. Die Mutter stand in der Tür des Zimmers, beobachtete sie schweigend, und in ihren Augen lag eine stille Traurigkeit kein Vorwurf, sondern einfach Trauer darüber, dass die Tochter wieder ging.

Pass auf dich auf, sagte die Mutter, als Lotte schon im Flur stand und den Koffer in der Hand hielt.

Lotte nickte, küsste sie auf die Wange, verweilte einen Moment, atmete den heimischen Duft ein, und trat dann auf die Straße.

Am Bahnhof kaufte sie ein Ticket nach Berlin sie wollte nachdenken. Ein paar Tage im Zug, in Gesellschaft fremder Menschen… Vielleicht würde ihr das helfen zu verstehen, wie es weitergehen sollte.

Der Zug setzte sich sanft in Bewegung, schaukelte leicht auf den Schienen. Lotte wandte den Blick nicht vom Fenster ab. Hinter dem Glas glitten langsam die vertrauten Umrisse der Stadt vorbei: fünfstöckige Häuser mit Balkonen, die mit Blumen bepflanzt waren, ein Spielplatz, auf dem sie einst mit Freundinnen gespielt hatte, eine kleine Bäckerei mit einem bunten Schild. Menschen eilten ihren Geschäften nach jemand mit einer Tüte Lebensmittel, jemand mit einem aufgespannten Regenschirm trotz des klaren Wetters, jemand eilte zur Bushaltestelle. All das war so gewöhnlich, so vertraut, aber jetzt schien es unendlich fern.

Irgendwo dort, zwischen diesen Straßen und Häusern, war ein Mensch geblieben, den sie mehr als alles auf der Welt geliebt hatte. Ein Mensch, dessen Augen leuchteten, wenn er über die Zukunft sprach, dessen Hände schwere Arbeit verrichten und zart ihre Hand halten konnten. Ein Mensch, dem sie keine Zeit gefunden hatte, ihren Weggang zu erklären, dem sie keine Chance zum Abschied gegeben hatte. Und jetzt war er für sie verloren für immer das verstand sie deutlich, egal wie sehr sie sich einredete, dass noch nicht alles vorbei war…

In dem Traum schienen die vorbeiziehenden Landschaften wie bewegte Gemälde, die sich in einem endlosen Strom verbanden.

Ein halbes Jahr verging. Lotte lebte weiter in Berlin, ging zur Arbeit, traf sich am Wochenende mit Freunden zum Kaffee, antwortete auf Fragen nach ihrem Befinden und ihren Plänen. Äußerlich sah alles so aus wie früher: derselbe Zeitplan, dieselben Orte, dieselben Gespräche. Aber in ihr hatte sich etwas unwiderruflich verändert. Sie rannte nicht mehr vor der Vergangenheit davon, versuchte nicht, sie hinter neuen Bekanntschaften, teuren Einkäufen oder einem vollen Terminkalender zu verstecken. Jetzt blickte sie ihr direkt ins Gesicht, ohne Angst: Sie akzeptierte ihren Fehler, erkannte den Schmerz, den sie verursacht hatte, und ihre aufrichtige Reue.

Sie lernte, mit dem Gedanken aufzuwachen, dass das Leben weitergeht. Sie lernte, sich zu sagen: Ich habe getan, was ich getan habe. Es war falsch, aber jetzt kann man nichts mehr ändern. Und in dieser Akzeptanz lag eine seltsame, stille Erleichterung keine Freude, nein, aber zumindest die Möglichkeit, ruhiger zu atmen, nach vorne zu blicken ohne Panik.

Eines Abends, als Lotte das Abendessen zubereitete, piepte ihr Telefon leise und meldete eine neue Nachricht. Sie wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, nahm das Smartphone und sah eine unbekannte Nummer. Nur ein Satz auf dem Bildschirm: Ich hasse dich nicht. Aber ich kann dich auch nicht verzeihen.

Lotte erstarrte. Ihre Finger umklammerten automatisch das Telefon, und ihr Herz schien für eine Sekunde stillzustehen, um dann schneller zu schlagen. Sie ließ sich langsam auf den Boden sinken, presste das Smartphone an ihre Brust, als ob sie durch es das Schlagen eines anderen Herzens spüren wollte jenes, das dem Menschen gehörte, der diese Worte geschrieben hatte.

Sie wusste nicht, was das bedeutete. Sie verstand nicht, wie sie diese Zeilen deuten sollte ob als Schritt auf sie zu oder als endgültiges Leb wohl. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit schien es ihr, als ob zwischen ihnen noch ein Faden geblieben war. Dünn, zerbrechlich, bereit, bei der kleinsten unvorsichtigen Bewegung zu reißen, aber dennoch eine Verbindung. Jemand dort, in einer anderen Stadt, dachte an sie. Jemand hatte sich entschieden zu schreiben, trotz Schmerz und Groll. Jemand hatte die Tür nicht ganz geschlossen.

Lotte lächelte durch die Tränen. Das Lächeln kam schüchtern, unsicher, aber echt. Vielleicht war es nicht das Ende. Vielleicht konnten sie eines Tages ruhig reden ohne Vorwürfe, ohne Versuche, sich oder den anderen zu rechtfertigen. Vielleicht fanden sie Worte, die ihnen beiden halfen, weiterzugehen zusammen oder getrennt, aber schon mit einem klaren Verständnis.

Und vorerst… vorerst reichte es ihr zu wissen, dass er noch an sie dachte. Dass irgendwo dort, hunderte Kilometer entfernt, ein Mensch lebte, der sich an sie nicht nur als Fehler der Vergangenheit erinnerte, sondern als Teil seiner Geschichte.

Und das vorerst war genug…Und doch war alles beim Alten geblieben…

Lotte zupfte nervös am Saum ihres Ärmels, während sie aus dem Fenster des Taxis starrte. Draußen huschten die Straßen ihrer Kindheit vorbei, jene Wege, auf denen sie einst mit Markus gelacht und Zukunftspläne geschmiedet hatte. Sieben Jahre… Ganze sieben Jahre hatte sie nicht mehr in ihrer Heimatstadt Dresden geweilt. In diesem wirbelnden Traum schienen die Gebäude zu atmen und sich leicht zu verschieben, als ob die Erinnerung sie formte.

Wir sind da, ertönte die Stimme des Fahrers und unterbrach sanft ihre Gedanken.

Das Taxi kam sanft vor dem Eingang des alten fünfstöckigen Wohnhauses zum Stehen. Lotte prüfte automatisch, ob ihr Telefon noch da war, zog Geld hervor, bezahlte und stieg aus. Die Tür fiel zu, und für einen Moment verharrte sie, um die Luft ihrer Heimatstadt einzuatmen. Sie war tatsächlich anders nicht wie in der großen Stadt Berlin, in der sie nun lebte. Hier weckten jeder Duft und jeder Klang etwas Tiefes in ihr. Es roch nach frisch gemähtem Gras aus dem nahen Park, ein wenig nach frisch gebackenem Brot aus der kleinen Bäckerei an der Ecke, und noch nach etwas Unfassbarem, das man nur Heimat nennen konnte. Dieses Gemisch ließ ihr Herz schmerzhaft und zugleich süß zusammenziehen, als ob sie sich gleichzeitig freute und fürchtete, was vor ihr lag.

Sie war nur für ein paar Tage gekommen. Offiziell, um ihre Mutter zu besuchen und ihr bei alten Dokumenten zu helfen, die schon lange Aufmerksamkeit verlangten. Auch wollte sie durch vertraute Orte schlendern, als ob sie prüfen wollte, ob sie noch so waren wie in ihren Erinnerungen. Doch tief in ihrer Seele lauerte ein anderer Grund vielleicht der wichtigste. Sie sehnte sich verzweifelt danach, Markus zu sehen! Und wer weiß, vielleicht würde ihr Leben sich ändern?

Lotte wusste, dass er in der Nähe wohnte. Nicht, dass sie sein Leben verfolgt hätte nein, sie hatte nie direkt nach ihm gefragt. Aber Freunde erwähnten manchmal seinen Namen, wenn sie sich trafen oder in sozialen Netzwerken chatteten. So erfuhr sie Bruchstücke: Er hatte den Job gewechselt und hatte nun eine gute Position, hatte eine Wohnung gekauft, seine Mutter zu sich geholt… Jedes Mal, wenn sie etwas hörte, stellte sie sich vor, wie er jetzt aussah, was er tat, woran er dachte. Doch sie verdrängte diese Gedanken sofort, aus Angst, ihnen zu viel Raum in ihrem Herzen zu geben…

In diesem Traum flossen die Gedanken wie ein endloser Fluss, der keine Ufer kannte.

Am nächsten Tag beschloss Lotte, durch das Zentrum der Stadt zu spazieren. Sie hatte keine besonderen Pläne sie wollte einfach die städtische Luft atmen, die vertrauten Orte bei Tageslicht betrachten und den Rhythmus der Straßen spüren, der einst Teil ihres Lebens gewesen war. Sie ging langsam, schaute in Schaufenster, lächelte flüchtig, als sie etwas längst Vergessenes erkannte: der Kiosk mit Zeitungen, wo sie Comics gekauft hatte, die Bank, auf der sie mit Freundinnen nach der Schule gesessen hatte, das Café, in dem sie zum ersten Mal Cappuccino probiert und ihn fast auf ihre neue Bluse verschüttet hätte.

Und plötzlich sah sie ihn.

Markus ging auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er bemerkte sie nicht blickte nach vorne, den Kopf leicht geneigt, als ob er über etwas nachdachte. Lotte erstarrte. Alles in ihr drehte sich so heftig, dass sie für einen Moment vergaß zu atmen. Er hatte sich überhaupt nicht verändert immer noch so groß, mit demselben leichten, etwas entspannten Gang, den sie aus ihrer Jugend kannte. Dieselbe Silhouette, dieselben Bewegungen, sogar dieselbe Frisur.

Ohne zu zögern, rannte sie über die Straße. Die Ampel blinkte gelb, irgendwo ertönte ein scharfes Hupen, aber sie hörte es kaum. Ihre Beine trugen sie vorwärts, ihr Herz pochte so laut, dass es schien, als sei es in der ganzen Straße zu hören.

In dem Traum schienen die Autos wie schwebende Schatten zu sein, die nicht wirklich da waren.

Markus! rief sie, als sie ihn vor dem Laden einholte.

Ihre Stimme zitterte sie hatte nicht gedacht, dass sie sich so aufregen würde. Er drehte sich um und… nichts. Keine Freude im Blick, keine Wut. Nichts.

Lotte? sagte er ruhig, fast gleichgültig.

Dieser Ton so ebenmäßig, ohne Emotionen traf sie härter als erwartet. Alles, was sich sieben Jahre lang in ihr angesammelt hatte, brach plötzlich heraus. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, ihre Stimme zitterte, und sie konnte nicht mehr aufhören.

Markus, ich… ich bin so schuldig, brachte das Mädchen mühsam hervor. Ich weiß, dass ich nicht das Recht habe, dir auch nur nahe zu kommen, aber ich… sie schluchzte, versuchte, sich zu sammeln, aber die Tränen rollten über ihre Wangen, und sie versuchte nicht einmal, sie wegzuwischen. Ich liebe dich. Ich liebe dich immer noch. Verzeih mir. Bitte, verzeih mir!

Sie sprach schnell, abgehackt, als ob sie Angst hatte, dass sie, wenn sie aufhörte, nicht mehr weitermachen könnte. In ihrem Kopf wirbelte so viel Rechtfertigungen, Erklärungen, Bitten , aber jetzt kamen nur die wichtigsten Worte heraus. Diejenigen, die sie so viele Jahre in sich bewahrt hatte.

Sie umarmte ihn, drückte sich fest an seine Brust, als ob diese Bewegung das Verlorene von vor sieben Jahren zurückbringen könnte. In diesem Moment existierte für sie weder die laute Straße noch die Passanten noch die Zeit nur die Wärme seines Körpers und die verzweifelte Hoffnung, dass er die Umarmung erwidern würde.

In dem Traum schien ihre Umarmung die Grenzen der Realität zu sprengen, und die Welt um sie herum löste sich in sanften Farben auf.

Markus wich nicht sofort zurück. Für einen Bruchteil einer Sekunde schien es ihr, als ob er gezuckt hätte seine Schultern sanken leicht, seine Hände hoben sich kaum merklich, als ob er sie selbst erwidern wollte. Diese flüchtige Bewegung entzündete einen Funken Hoffnung in ihr: Vielleicht konnte man noch alles reparieren, vielleicht hatte er diese Erinnerungen auch im Herzen bewahrt… Vielleicht hatten sie noch eine Zukunft!

Aber der Moment verflüchtigte sich. Markus umfasste fest ihre Schultern und schob sie sanft, aber unerbittlich von sich weg. Sein Gesicht blieb ruhig, fast ausdruckslos, und sein Blick fest, fast kalt. In diesen Augen war nicht mehr der Junge, mit dem sie einst bis zu Tränen gelacht und von der Zukunft geträumt hatte. Vor ihr stand ein erwachsener Mann, dessen Gefühle längst hinter einer starken Mauer verborgen waren.

Verschwinde von hier, flüsterte er ihr ins Ohr.

Er sagte es leise und so emotionslos, als ob sie für ihn überhaupt nichts bedeutete. Als wäre sie eine Fremde, die seiner Aufmerksamkeit nicht würdig war.

Ich hasse dich, fügte er eine Sekunde später hinzu, und erst jetzt blitzte unverhohlene Verachtung in seinem Blick auf.

Er drehte sich um und ging weg, ohne sich umzusehen. Lotte stand da, wie betäubt. Die Welt um sie herum lebte weiter ihr Leben: Menschen eilten ihren Geschäften nach, Autos hupten an der Kreuzung, irgendwo in der Ferne lachten Kinder… Jemand aus der Menge warf ihr einen schiefen Blick zu, vielleicht verwundert, warum das Mädchen mitten auf der Straße mit erstarrtem Blick und blassem Gesicht stand. Aber sie bemerkte nichts.

Nur das Geräusch seiner Schritte, das allmählich in der Ferne verebbte, und ihr eigenes Atmen abgehackt, stoßweise, hilflos. Jede Sekunde dehnte sich zu einer Ewigkeit, und in ihrem Kopf kreiste immer wieder derselbe Gedanke: Das ist das Ende. Für immer.

Das Mädchen schlurfte langsam nach Hause. Ihre Beine schienen ihr nicht zu gehorchen, jeder Schritt fiel schwer, aber sie ging, mit leerem Blick vor sich hin. In ihrem Kopf war es leer keine Gedanken, keine Gefühle, nur das hallende Echo seiner Worte, das in ihr pochte.

Als Lotte in die Wohnung ihrer Mutter trat, versuchte sie nicht einmal, etwas zu erklären. Sie ging einfach schweigend in ihr Zimmer, ließ sich auf einen Stuhl fallen und starrte aus dem Fenster. Die Mutter, die ihr verweintes Gesicht und den erloschenen Blick sah, stellte keine Fragen. Sie seufzte nur leise, als ob sie diesen Moment schon lange erwartet hatte, und ging, den Wasserkocher aufzusetzen. Das vertraute Geräusch des kochenden Wassers, der Duft des aufgebrühten Tees all das schien so alltäglich, so im Kontrast zu dem, was in Lotte vorging. Aber genau diese Einfachheit und Gewohnheit brachten sie ein wenig zurück zur Wirklichkeit.

In dem Traum vermischte sich die Realität mit vergessenen Düften und Klängen, die wie Geister um sie tanzten.

Er hat mir nicht verziehen, flüsterte Lotte, während sie die Tasse mit heißem Tee in den Händen hielt. Der warme Dampf kitzelte leicht ihr Gesicht, aber sie bemerkte es kaum. Ihre Finger umklammerten die Tasse fester, als ob sie versuchten, etwas Unfassbares festzuhalten, und ihr Blick blieb auf der bernsteinfarbenen Oberfläche des Getränks haften, in der die trüben Reflexe der Tischlampe gespiegelt wurden.

Die Mutter setzte sich neben sie, streichelte ihr leise, ohne viele Worte, die Schulter. Die Bewegung war sanft, gewohnt so, wie es in der Kindheit gewesen war, wenn Lotte mit einem aufgeschürften Knie oder nach einem Streit mit einer Freundin nach Hause kam. Diese einfache Geste ließ sie plötzlich klein und verletzlich fühlen, als ob alle erwachsenen Entscheidungen und Handlungen der letzten Jahre spurlos verschwunden wären.

Du wusstest doch, dass es so kommen würde, sagte die Mutter leise, ohne Vorwurf, eher mit stiller Traurigkeit.

Wusste ich, nickte Lotte, und hob endlich den Blick von der Tasse. Ihre Stimme klang ruhig, aber darin lag eine Müdigkeit, als ob sie diese Worte schon lange in Gedanken gedreht und sich darauf vorbereitet hätte. Aber ich hatte gehofft. Dumm, oder?

Nicht dumm, widersprach die Mutter sanft. Einfach… du hast diesen Weg selbst gewählt. Du hast Markus sehr wehgetan, er konnte sich lange nicht von eurem Bruch erholen… Er hat sich verwandelt wie Kai aus dem alten Märchen. Niemand konnte sein Herz mehr berühren.

Lotte seufzte tief, stellte die Tasse ab und lehnte sich auf die Stuhllehne zurück. Vor ihren Augen tauchten unwillkürlich Bilder aus der Zeit vor sieben Jahren auf.

Damals schien alles so einfach, so verständlich. Sie war zweiundzwanzig ein Alter, in dem die Zukunft in leuchtenden Farben gemalt wird und alle Hindernisse überwindbar scheinen. An ihrer Seite war Markus freundlich, zuverlässig, der Mensch, auf den man sich in jeder Situation verlassen konnte. Er glänzte nicht mit Beredsamkeit, konnte nicht schön über Gefühle sprechen, aber seine Taten sprachen lauter als Worte: Er kam immer zur Hilfe, konnte zuhören, unterstützte auch in Kleinigkeiten.

Aber es gab ein Problem oder eher etwas, das Lotte damals als Problem ansah. Markus arbeitete auf einer Baustelle, studierte nebenbei, träumte davon, sein eigenes Geschäft zu eröffnen. Seine Pläne waren ernst, durchdacht, aber sie brauchten Zeit und das Mädchen wollte nicht warten.

Sie träumte nicht von Reichtum, nein. Sie wollte keine Luxus, sondern Stabilität, Sicherheit für den morgigen Tag. Sie wollte wissen, dass sie in einem Jahr, zwei, fünf Jahren Arbeit, Wohnung, die Möglichkeit haben würde, ihr Leben nach ihren Regeln zu gestalten. Und neben Markus sah alles zu ungewiss aus: endlose Nebenjobs, Abendstudium, Zukunftsträume, die bisher nur Träume geblieben waren.

Und als ihr Onkel aus Berlin ihr eine Stelle in seiner Firma anbot, nahm sie an. Ohne zu zögern, fast ohne Schwanken. Es war eine Chance real, greifbar, die man nicht verpassen durfte.

Es gab noch eine andere Wahrheit die, von der Lotte versuchte, nicht zu denken. In genau dieser Zeit, als sie nach Berlin zog und arbeitete, tauchte Heinrich in ihrem Leben auf. Er war ein wohlhabender Geschäftsmann, doppelt so alt wie sie, mit selbstbewussten Manieren und der Gewohnheit, sein Ziel zu erreichen. Ihre Bekanntschaft war zufällig auf einer Firmenfeier, zu der Lotte in einem neuen Kleid kam und sich etwas fehl am Platz fühlte unter den soliden Kollegen. Heinrich bemerkte sie sofort: Er setzte sich zu ihr, begann ein Gespräch, fragte nach der Arbeit, den Plänen, dem Leben.

Er sparte nicht mit Aufmerksamkeiten. Zuerst waren es Blumen keine Rosensträuße, sondern ordentliche Sträuße, die ins Büro gebracht wurden mit einem Zettel: Der Schönsten. Dann Einladungen in Restaurants, in die Lotte früher nur von außen schauen konnte, die Inneneinrichtung bewundernd. Er nahm sie zu Ausstellungen, ins Theater, schenkte Dinge, von denen sie früher nicht zu träumen gewagt hatte: seidene Schals, elegante Schmuckstücke, Schuhe mit dünnen Absätzen. Jedes Geschenk wurde von Worten begleitet, wie sehr sie ein besseres Leben verdiene, wie sie sich nicht einschränken solle, wie wichtig es sei, anzunehmen, was das Schicksal biete.

Lotte widerstand anfangs sie schämte sich, lehnte ab, versuchte zu erklären, dass sie solche Geschenke nicht brauchte. Aber Heinrich bestand sanft darauf, überzeugte sie, dass es nur ein Zeichen der Aufmerksamkeit sei, dass er aufrichtig von ihrem Verstand und ihrer Schönheit beeindruckt sei. Nach und nach begann sie, seine Werbung anzunehmen. Die glänzende neue Realität zog sie an: Abende in gemütlichen Restaurants, Fahrten mit dem Taxi der Business-Klasse, die Möglichkeit, in jeden Laden zu gehen und zu kaufen, was ihr gefiel, ohne auf den Preis zu achten. All das schien wie ein Zaubertraum, aus dem sie nicht erwachen wollte.

Und irgendwo zwischen diesen funkelnden Momenten begann sie, sich mit Heinrich zu treffen. Nicht, weil sie Leidenschaft für ihn empfand, sondern weil seine Welt sie mit ihrer Leichtigkeit und Sicherheit lockte. Mit ihm musste sie sich nicht um den morgigen Tag sorgen, raten, ob das Geld für die Miete oder einen neuen Anzug für ein wichtiges Treffen reichte. Er übernahm einfach alles, schuf um sie herum eine Atmosphäre der Sorglosigkeit.

Und ihr gefiel dieses Leben sehr. So sehr, dass Lotte den unglücklich in sie verliebten Jungen völlig vergaß. Noch mehr jetzt begann sie, ihn zu verachten, und erklärte, dass Markus im Leben nichts erreichen könne.

Eines Tages kehrte Lotte in ihre Heimatstadt Dresden zurück. Nicht, um Markus zu sehen, nicht, um sich zu erklären oder auch nur einfach Hallo zu sagen. Sie wollte etwas anderes ihm ihr neues Leben zeigen, demonstrieren, was sie wirklich verdiente. Irgendwo tief drinnen glomm der Gedanke: Lass ihn sehen, dass sie sich nicht geirrt hatte, dass ihre Wahl richtig war, dass sie aus der Ungewissheit ausgebrochen war, die ihre Beziehung umgab.

Sie plante ihren Besuch sorgfältig. Sie wählte ein Café in der Hauptstraße genau das, in das Markus manchmal nach der Arbeit zum Kaffee ging. Sie zog ein teures Kleid an, das Heinrich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte elegant, mit einem dünnen Gürtel, der ihre Taille betonte. An ihrer Hand blitzte ein Ring mit einem großen Stein noch ein Geschenk von ihm. In der Hand hielt sie eine Tasche aus der neuesten Kollektion, die sie am Vortag gekauft hatte, kaum gesehen in der Auslage.

Als Markus das Café betrat, bemerkte Lotte ihn sofort. Sie saß am Fenster, lachte übertrieben laut über etwas, das ihr Begleiter sagte, und drehte sich so, dass Markus sie genau sehen konnte. Ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen las sie Verwirrung, Schmerz, Unverständnis all das, was sie in sich selbst monatelang zu ignorieren versucht hatte. Aber statt sich zu schämen oder den Blick abzuwenden, hielt sie seinem Blick stand, ohne zu zucken.

In diesem Moment schien es ihr, als wäre es ein Sieg. Sie hatte sich und ihm bewiesen, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Dass ihr Leben nun keine endlosen Gespräche über die Zukunft war, sondern reale Möglichkeiten, Luxus und Sicherheit. Sie überzeugte sich, dass sie Zufriedenheit fühlte, dass sie endlich bekam, was sie verdiente.

Aber als Markus das Café verließ und sie am Tisch sitzen blieb, verebbte ihr Lachen allmählich. Sie schaute auf den Ring, die Tasche, ihren Begleiter, der weiter etwas erzählte, und spürte plötzlich eine seltsame Leere. All das teure Dinge, schöne Gesten, Aufmerksamkeit schien plötzlich fern und unecht. Und obwohl sie weiter lächelte und das Gespräch aufrechterhielt, flüsterte etwas in ihr leise: Hat es sich gelohnt?

In dem Traum schienen die Erinnerungen wie alte Filme, die sich in einem verstaubten Projektor drehten, mit flackerndem Licht und verzerrten Bildern.

Der Sieg erwies sich als bitter das verstand Lotte nicht sofort, aber allmählich, Tag für Tag, wurde die Erkenntnis klarer. Anfangs bewahrte Heinrich noch seine frühere Gestalt eines großzügigen, aufmerksamen Mannes: Er lud in Restaurants ein, schenkte Blumen, machte Komplimente. Aber mit der Zeit begann sein Interesse zu erlöschen, wie eine Kerze, der das Wachs ausgegangen war.

Zuerst zeigte es sich in Kleinigkeiten. Statt warmer Worte zurückhaltende Bemerkungen. Statt unerwarteter Geschenke kurze Nachrichten: Fahr in diesen Laden, such dir etwas aus. Und dann begannen scharfe Ausfälle. Er fing plötzlich an, an ihrem Aussehen herumzunörgeln: Solltest du nicht etwas mehr auf dich achten?, an ihrer Sprechweise: Warum lachst du so laut? Das ist vulgär, an Freunden, mit denen sie sich selten traf: Schon wieder diese kleinstädtischen Bekannten? Meinst du nicht, es ist Zeit, sich einen interessanteren Kreis zuzulegen?

Seine Anwesenheit in ihrem Leben wurde immer seltener. Er verschwand für mehrere Tage, manchmal Wochen, und ließ sie allein in der geräumigen Wohnung, die er selbst gemietet hatte. Lotte verbrachte die Abende in Einsamkeit, hörte, wie die Uhr tickte, oder wühlte ziellos in den Sachen im Schrank. Wenn sie versuchte, mit ihm zu sprechen und zu erklären, dass ihr ihre Gespräche fehlten, winkte er nur ab, ohne sie anzusehen:

Du hast bekommen, was du wolltest. Was brauchst du noch?

Lotte versuchte, sein Verhalten zu rechtfertigen. Er hat ein kompliziertes Geschäft, dachte sie, vermutlich viel Stress. Oder: Er ist einfach müde, er braucht Zeit. Sie überzeugte sich, dass es vorübergehende Schwierigkeiten seien, dass bald alles wieder in Ordnung käme, dass sie einfach zu anspruchsvoll sei. Aber tief drinnen verstand sie: Es lag nicht an der Müdigkeit oder der Arbeit. Sie war für ihn zu einem weiteren schönen Spielzeug geworden bunt, neu, Aufmerksamkeit erregend. Und als die Neuheit verschwunden war, erlosch das Interesse.

Sie ertrug es. Ertrug seine scharfen Worte, sein kaltes Schweigen, seine langen Abwesenheiten. Sie ertrug es, weil sie Angst hatte, sich einer einzigen, aber sehr wichtigen Sache zu stellen: Sie hatte sich geirrt. Wenn sie zugab, dass das glänzende Leben sich als leere Hülle erwiesen hatte, musste sie auch zugeben, dass sie den einzigen Menschen verraten hatte, der sie wirklich geliebt hatte. Dass Markus, mit seiner bescheidenen Arbeit und Träumen von seinem Geschäft, derjenige war, der sie einfach dafür schätzte, was sie war, und nicht für den äußeren Glanz und die Übereinstimmung mit irgendjemandes Vorstellungen von einer idealen Gefährtin.

Mit der Zeit hörten sogar die äußeren Attribute des Luxus auf, Freude zu bereiten. Teure Kleider, die sie früher begeistert in Geschäften betrachtet hatte, hingen nun leblos im Schrank. Schmuckstücke, die einst Ehrfurcht hervorgerufen hatten, lagen in der Schatulle, als ob sie fremd wären. Restaurants, die sie am Anfang so geliebt hatte mit ihrem gedämpften Licht, raffinierten Gerichten und der Feststimmung , riefen bei ihrem Anblick nur noch Irritation hervor. Der Duft teurer Parfüms, der ihr früher als Symbol des neuen Lebens erschienen war, löste nun leichte Übelkeit aus.

Sie ertappte sich immer öfter dabei, aus dem Fenster zu schauen, die Passanten zu beobachten und zu denken: Was, wenn… Aber sie brach diese Gedanken sofort ab, aus Angst, ihnen freien Lauf zu lassen. Denn darauf folgte eine Frage, auf die sie keine Antwort hatte: Was kommt als Nächstes?

In diesen einsamen Abenden, wenn draußen langsam die Dämmerung hereinbrach und in der Wohnung eine fast klingende Stille herrschte, dachte Lotte immer öfter darüber nach, dass ihre Träume von Stabilität irgendwie leer waren. Sie stellte sich ein Leben vor, in dem es Sicherheit für den morgigen Tag gab, in dem man sich keine Sorgen um Geld machen musste, in dem alles geplant und geordnet war. Aber jetzt, sitzend in der geräumigen, gut eingerichteten Wohnung, verstand sie plötzlich klar: Ohne einen Menschen, mit dem man diese Stabilität teilen möchte, hatte all das keinen Sinn.

Ihre Gedanken kehrten unwillkürlich zu Markus zurück. Sie erinnerte sich an seine Hände stark, etwas rau von der Arbeit, aber so warm, wenn er ihre Hände in seine nahm. Sie erinnerte sich an sein Lächeln nicht hell, zur Schau gestellt, sondern still, aufrichtig, das erschien, wenn er wirklich glücklich war. Sie erinnerte sich, wie er über die Zukunft sprach: ohne Pathos und laute Versprechen, teilte er einfach Pläne, glaubte, dass bei ihnen alles klappen würde. Und dieser Glaube war so echt, so greifbar, dass Lotte damals fühlte mit ihm konnte sie sich vor nichts fürchten…

In dem Traum tanzten diese Erinnerungen wie Schmetterlinge aus Nebel um sie herum, schwer zu fangen und doch immer präsent.

Am dritten Tag ihres Aufenthalts zu Hause beschloss Lotte, durch den Park zu spazieren, in dem sie einst zusammen gewandelt waren. Da war die Bank unter der ausladenden Platane sie hatten oft hier gesessen, über alles Mögliche geplaudert, über Kleinigkeiten gelacht. Lotte erinnerte sich, wie Markus, auf die fallenden Blätter blickend, plötzlich sagte: Weißt du, ich möchte, dass wir ein eigenes Haus haben. Mit großen Fenstern, damit morgens die Sonne direkt in den Raum scheint. Und dass dort immer viel Licht und Glück ist. Damals hatte sie nur gelächelt und gedacht, dass das nur Träume seien. Und jetzt klangen diese Worte anders wie etwas Verpasstes, Verlorenes.

Sie blieb stehen, atmete die kühle Luft ein, versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Und in diesem Moment hörte sie eine vertraute Stimme:

Lotte?

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Thomas ihr gemeinsamer Freund mit Markus. Er sah überrascht aus, lächelte aber sofort, als ob er sich über das Treffen freute.

Ich habe nicht erwartet, dich hier zu sehen, sagte er und hob leicht die Augenbrauen. Wie geht es dir?

Lotte zögerte einen Moment, suchte nach Worten. Sie wollte leicht und ungezwungen antworten, aber ihre Stimme zitterte leicht, obwohl sie es zu verbergen versuchte.

Ganz gut, versuchte sie zu lächeln, und das Lächeln kam nicht so gezwungen heraus, wie sie befürchtet hatte. Ich bin gekommen, um meine Mutter zu besuchen.

Thomas nickte, musterte sie aufmerksam, aber bohrte nicht weiter nach. Stattdessen zeigte er auf eine Bank in der Nähe:

Wollen wir uns setzen? Ich bin gerade spazieren gegangen und habe überlegt, wohin ich als Nächstes gehe.

Lotte stimmte zu, und sie gingen langsam zur Bank. Unterwegs erzählte Thomas, wie es bei ihm lief, was Neues in der Stadt in letzter Zeit passiert war. Seine Stimme klang ruhig, freundschaftlich, und das entspannte Lotte etwas. Sie hörte zu, warf manchmal kurze Bemerkungen ein, und dachte selbst daran, wie seltsam sich alles entwickelte: Sie war in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, wo jede Ecke an die Vergangenheit erinnerte, und schon traf sie jemanden, der Teil dieses Lebens gewesen war.

In dem Traum schienen die Bäume zu flüstern und alte Geschichten zu erzählen, die nur sie hören konnte.

Thomas nickte, schwieg einen Moment, als ob er Worte suchte, und fragte dann ruhig, ohne Druck:

Hast du Markus gesehen?

Lotte senkte unwillkürlich die Augen, ihr Blick glitt über die gefallenen Blätter unter ihren Füßen. Sie antwortete nicht sofort in ihrem Kopf blitzten Erinnerungen an das gestrige Treffen auf, an seinen kalten Blick, an die kurzen, verletzenden Worte. Schließlich sagte sie leise:

Ja. Gestern.

Und wie? fragte Thomas, sie aufmerksam ansehend.

Er… er will nichts mit mir zu tun haben, seufzte Lotte, und jedes Wort fiel ihr schwer. Ihre Stimme klang ruhig, aber darin lag eine Niedergeschlagenheit, als ob sie versuchte, einen Sturm von Emotionen in sich zu halten. Er hasst mich.

Thomas seufzte, setzte sich auf die Bank neben sie, stützte die Ellbogen auf die Knie und blickte in die Ferne, dorthin, wo die Allee des Parks in einem goldenen herbstlichen Dunst verschwand. Ein paar Sekunden schwieg er, als ob er abwog, was er sagen sollte, und dann sprach er leise:

Weißt du, er konnte lange nicht wieder zu sich finden. Du bist einfach verschwunden, Lotte. Kein Anruf, kein Brief. Für ihn war das wie ein Schlag in den Rücken.

Lotte krallte die Finger, spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Sie wusste das, verstand es, aber die Bestätigung von einer anderen Person zu hören, war schwerer, als sie erwartet hatte.

Ich weiß, flüsterte sie, ohne den Blick zu heben. Ich bin schuld.

Thomas wandte den Kopf leicht zu ihr, aber er drängte nicht, begann keine Belehrungen. Stattdessen fuhr er fort, immer noch ruhig:

Er hat versucht, dich zu vergessen. Er hat sich mit jemandem getroffen, aber es hat nichts funktioniert. Er sagt, er kann niemanden so lieben wie dich. Es ging ihm sehr schlecht, verstehst du? Und nach deinem demonstrativen Auftauchen… Ich dachte, er würde sich völlig zurückziehen!

Lotte nickte schweigend. Sie stellte sich vor, wie Markus versucht hatte, weiterzuleben, wie er sich gezwungen hatte, nicht an sie zu denken, wie er wahrscheinlich bei einem ähnlichen Klang oder einer zufälligen Erinnerung jedes Mal zusammenzuckte. Und dieser Gedanke machte es noch schmerzhafter nicht weil er gelitten hatte, sondern weil genau sie der Grund für diesen Schmerz war.

Ich wusste nicht, dass es so kommen würde, sagte sie leise, eher zu sich selbst als zu Thomas. Ich dachte, ich treffe die richtige Wahl. Ich wollte Stabilität.

Thomas widersprach nicht, versuchte nicht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er saß einfach da, gab ihr Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Im Park rauschte der Wind, Blätter wirbelten in einem langsamen Tanz, und irgendwo in der Ferne lachten Kinder, die am Brunnen spielten. Das Leben ging seinen Gang.

Lotte ballte die Fäuste so fest, dass ihre Nägel leicht in die Haut ihrer Handflächen drangen. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, aber sie stiegen trotzdem in ihre Augen, verschleierten den Blick. In ihr zog sich alles vor der bitteren Erkenntnis zusammen: Sie konnte nichts reparieren, konnte die Zeit nicht zurückdrehen, konnte nicht auslöschen, was sie angerichtet hatte.

Ich bitte ihn nicht um Verzeihung, sagte sie mit zitternder Stimme, mühsam nach Worten suchend. Ich wollte nur, dass er weiß es tut mir leid! Jeden Tag bereue ich, was ich getan habe. Diese Gedanken lassen mir keine Ruhe! Ich erinnere mich ständig daran, wie alles war… und wie ich alles zerstört habe.

Thomas sah sie aufmerksam an, ohne Verurteilung. Er beeilte sich nicht mit einer Antwort man sah, dass er jedes Wort abwog.

Vielleicht braucht er das gar nicht zu wissen, sagte er schließlich leise, aber fest. Lass ihn in Ruhe, komm nicht mehr her, du machst es nur schlimmer. Er hat lange gebraucht, um sich nach deinem Weggang zu erholen. Und wahrscheinlich hat er gelernt, irgendwie damit umzugehen. Aber dein Auftauchen… es hat alles wieder aufgewühlt! Gestern hat er mich angerufen und… er war furchtbar betrunken. Ich habe ihn so lange nicht mehr so gesehen, verstehst du? Zerstöre ihm nicht das Leben, Lotte.

Das Mädchen biss sich fest auf die Lippe, aber schwieg. Sie verstand, dass Thomas recht hatte! Ihr plötzliches Zurückkommen, der Versuch, Markus zu treffen all das hatte nur alte Wunden wieder aufgerissen, die er versucht hatte, all die Jahre zu heilen. Sie wollte ihre Schuld sühnen, aber vielleicht hatte sie ihm damit nur neuen Schmerz zugefügt…

In dem Traum schien der Park sich in eine endlose Ebene zu verwandeln, wo die Wege sich in sich selbst zurückbogen.

Am Abend saß Lotte am Fenster in der Wohnung ihrer Mutter. Hinter dem Glas entzündeten sich langsam die Lichter der Stadt gelbe, orangefarbene, weiße sie verschmolzen zu einem seltsamen Mosaik, funkelten und schimmerten, schufen eine Illusion von Festlichkeit. Aber sie hatte keinen Sinn für die Schönheit der Abendstraßen. In ihrem Kopf drehten sich Gedanken einer nach dem anderen, wie Bilder aus einem alten Film, den sie nicht anhalten konnte.

Sie stellte sich vor, wie alles hätte sein können, wenn sie damals geblieben wäre. Wie sie zusammen die erste Wohnung gemietet hätten, wie Markus sein Geschäft aufgebaut hätte, wie sie die Zukunft geplant hätten, über kleine Missgeschicke gelacht, sich über kleine Siege gefreut hätten. Sie dachte daran, wie viele glückliche Momente sie verpasst hatte, wie viele warme Worte sie nicht gesagt, wie viele Berührungen sie nicht geteilt hatte. Aber die Vergangenheit konnte man nicht ändern das verstand sie deutlich, wie nie zuvor.

Am nächsten Tag fuhr Lotte ab. Sie packte ihre Sachen langsam, ohne Hast, als ob sie den Moment des Abschieds hinauszögern wollte. Die Mutter stand in der Tür des Zimmers, beobachtete sie schweigend, und in ihren Augen lag eine stille Traurigkeit kein Vorwurf, sondern einfach Trauer darüber, dass die Tochter wieder ging.

Pass auf dich auf, sagte die Mutter, als Lotte schon im Flur stand und den Koffer in der Hand hielt.

Lotte nickte, küsste sie auf die Wange, verweilte einen Moment, atmete den heimischen Duft ein, und trat dann auf die Straße.

Am Bahnhof kaufte sie ein Ticket nach Berlin sie wollte nachdenken. Ein paar Tage im Zug, in Gesellschaft fremder Menschen… Vielleicht würde ihr das helfen zu verstehen, wie es weitergehen sollte.

Der Zug setzte sich sanft in Bewegung, schaukelte leicht auf den Schienen. Lotte wandte den Blick nicht vom Fenster ab. Hinter dem Glas glitten langsam die vertrauten Umrisse der Stadt vorbei: fünfstöckige Häuser mit Balkonen, die mit Blumen bepflanzt waren, ein Spielplatz, auf dem sie einst mit Freundinnen gespielt hatte, eine kleine Bäckerei mit einem bunten Schild. Menschen eilten ihren Geschäften nach jemand mit einer Tüte Lebensmittel, jemand mit einem aufgespannten Regenschirm trotz des klaren Wetters, jemand eilte zur Bushaltestelle. All das war so gewöhnlich, so vertraut, aber jetzt schien es unendlich fern.

Irgendwo dort, zwischen diesen Straßen und Häusern, war ein Mensch geblieben, den sie mehr als alles auf der Welt geliebt hatte. Ein Mensch, dessen Augen leuchteten, wenn er über die Zukunft sprach, dessen Hände schwere Arbeit verrichten und zart ihre Hand halten konnten. Ein Mensch, dem sie keine Zeit gefunden hatte, ihren Weggang zu erklären, dem sie keine Chance zum Abschied gegeben hatte. Und jetzt war er für sie verloren für immer das verstand sie deutlich, egal wie sehr sie sich einredete, dass noch nicht alles vorbei war…

In dem Traum schienen die vorbeiziehenden Landschaften wie bewegte Gemälde, die sich in einem endlosen Strom verbanden.

Ein halbes Jahr verging. Lotte lebte weiter in Berlin, ging zur Arbeit, traf sich am Wochenende mit Freunden zum Kaffee, antwortete auf Fragen nach ihrem Befinden und ihren Plänen. Äußerlich sah alles so aus wie früher: derselbe Zeitplan, dieselben Orte, dieselben Gespräche. Aber in ihr hatte sich etwas unwiderruflich verändert. Sie rannte nicht mehr vor der Vergangenheit davon, versuchte nicht, sie hinter neuen Bekanntschaften, teuren Einkäufen oder einem vollen Terminkalender zu verstecken. Jetzt blickte sie ihr direkt ins Gesicht, ohne Angst: Sie akzeptierte ihren Fehler, erkannte den Schmerz, den sie verursacht hatte, und ihre aufrichtige Reue.

Sie lernte, mit dem Gedanken aufzuwachen, dass das Leben weitergeht. Sie lernte, sich zu sagen: Ich habe getan, was ich getan habe. Es war falsch, aber jetzt kann man nichts mehr ändern. Und in dieser Akzeptanz lag eine seltsame, stille Erleichterung keine Freude, nein, aber zumindest die Möglichkeit, ruhiger zu atmen, nach vorne zu blicken ohne Panik.

Eines Abends, als Lotte das Abendessen zubereitete, piepte ihr Telefon leise und meldete eine neue Nachricht. Sie wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, nahm das Smartphone und sah eine unbekannte Nummer. Nur ein Satz auf dem Bildschirm: Ich hasse dich nicht. Aber ich kann dich auch nicht verzeihen.

Lotte erstarrte. Ihre Finger umklammerten automatisch das Telefon, und ihr Herz schien für eine Sekunde stillzustehen, um dann schneller zu schlagen. Sie ließ sich langsam auf den Boden sinken, presste das Smartphone an ihre Brust, als ob sie durch es das Schlagen eines anderen Herzens spüren wollte jenes, das dem Menschen gehörte, der diese Worte geschrieben hatte.

Sie wusste nicht, was das bedeutete. Sie verstand nicht, wie sie diese Zeilen deuten sollte ob als Schritt auf sie zu oder als endgültiges Leb wohl. Aber zum ersten Mal seit langer Zeit schien es ihr, als ob zwischen ihnen noch ein Faden geblieben war. Dünn, zerbrechlich, bereit, bei der kleinsten unvorsichtigen Bewegung zu reißen, aber dennoch eine Verbindung. Jemand dort, in einer anderen Stadt, dachte an sie. Jemand hatte sich entschieden zu schreiben, trotz Schmerz und Groll. Jemand hatte die Tür nicht ganz geschlossen.

Lotte lächelte durch die Tränen. Das Lächeln kam schüchtern, unsicher, aber echt. Vielleicht war es nicht das Ende. Vielleicht konnten sie eines Tages ruhig reden ohne Vorwürfe, ohne Versuche, sich oder den anderen zu rechtfertigen. Vielleicht fanden sie Worte, die ihnen beiden halfen, weiterzugehen zusammen oder getrennt, aber schon mit einem klaren Verständnis.

Und vorerst… vorerst reichte es ihr zu wissen, dass er noch an sie dachte. Dass irgendwo dort, hunderte Kilometer entfernt, ein Mensch lebte, der sich an sie nicht nur als Fehler der Vergangenheit erinnerte, sondern als Teil seiner Geschichte.

Und das vorerst war genug…

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Homy
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Dich hasse ich nicht!Dich hasse ich nicht!
Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eifersüchtig auf mein eigenes Kind sein würde.