Arme kleine Schaf
Hallo Mama, Papa!, rief Anna, als sie an einem Samstagmorgen wie ein Wirbelwind ins Haus stürmte. Stellt euch vor, ich heirate! Jonas hat mir einen Antrag gemacht und ich habe sofort Ja gesagt!
Ach du meine Güte, Annchen, du bist ja wirklich schon erwachsen, entgegnete Ingrid mit einem überraschten Blick zu ihrem Mann. Matthias saß mit ernster Miene da und schwieg, offensichtlich noch dabei, die Botschaft seiner Tochter zu verarbeiten.
Natürlich. Was hast du denn gedacht? Ich habe doch meine Ausbildung in München abgeschlossen und arbeite jetzt schon eine ganze Weile. Jonas arbeitet ebenso da dachten wir, es ist Zeit zu heiraten.
Jonas kannten die Eltern gut. Er war ein ruhiger, höflicher junger Mann aus Regensburg und lebte dort mit seiner Mutter allein. Die beiden Familien hatten sich schon mehrmals getroffen und Ingrid und Matthias waren mit dem zukünftigen Schwiegersohn einverstanden.
Die Hochzeitsorganisation übernahmen Ingrid und Matthias; immerhin lebten sie auf dem Land nahe Passau, betrieben einen eigenen Hof. Jonas hatte etwas angespart, doch Matthias bestand darauf: Junge, heb das Geld lieber auf. Ihr müsst ja noch eine Wohnung kaufen. Die Hochzeit stemmen deine Mutter und ich, vielleicht hilft deine Mutter ein bisschen mit.
Jonas Mutter, Hannelore, winkte jedoch gleich ab: Ach, ich hab kein Geld übrig. Ich habe Jonas allein großgezogen, immer nur vom Lohn gelebt. Vielleicht schaffe ich ein kleines Geschenk.
Annähernd gekränkt waren Ingrids Eltern darüber nicht, doch Ingrids Misstrauen gegenüber Hannelore war geweckt. Die Feier sollte in einem bescheidenen Café in Regensburg stattfinden kein großes Aufgebot, aber dennoch ein schöner Tag.
Kurz nach der Hochzeit entschieden sich Anna und Jonas, eine Wohnung zu kaufen. Die Eltern von Anna gaben ihnen das Geld für die Anzahlung. Von Hannelore kam wieder kein Zuschuss: Sie stecke selbst zu tief in Schulden.
Anna und Jonas zogen in ihre Wohnung. Dann kam ihre Tochter Lena zur Welt. Ingrid und Matthias brachten bei jedem Besuch Milch, Quark, Kartoffeln und Gemüse aus dem Dorf mit oder schickten kleine Päckchen mit Spielsachen.
Manchmal rief Ingrid bei Hannelore an: Hannelore, wollen wir uns nicht zusammenlegen und etwas Schönes für Lena kaufen? Ein Kind braucht viel.
Ach Ingrid, ich hab wirklich kein Geld… Ich lebe ja auch allein, und manchmal kam ihr sogar die Träne.
Zum Geburtstag von Anna kamen die Eltern mit frischem Fleisch, Kartoffeln und Möhren. Hannelore drückte verschämt fünfzig Euro in die Hand Ingrid und Matthias legten noch zweihundert drauf. Für Ingrids Familie war Geben selbstverständlich. Trotzdem nagte es an ihr, dass Hannelore nie half.
Sag mal, Matthias, flüsterte sie eines Abends, wieso sind wir immer so großzügig, aber Hannelore tut so gar nichts? Immer beklagt sie sich, wie schwer das Leben sei. Mensch, niemand hats einfach da muss man halt ran, anstatt sich zu bemitleiden! Wär das was für dich, eine Frau, die sich nur aushalten lässt? Sie stampfte verärgert durch die Küche. Ich schufte mindestens so viel wie du!
Matthias hörte gelassen zu er kannte nach den vielen Ehejahren seine Frau.
Dabei fiel Ingrid auf, dass Hannelore immer tipptopp frisiert, schick angezogen und mit frischem Nagellack auftrat. Sie fragte sich, woher sie dafür Geld nahm angeblich hatte sie doch keins.
Doch Matthias überraschte seine Frau: Weißt du Ingrid, ich finde es gut, wenn eine Frau sich um sich kümmert. Hannelore macht das richtig. Deshalb sieht sie auch jünger aus als sie ist. Ingrid war fassungslos.
Das brachte sie erst recht auf die Palme. Ja, sie kann sich das leisten lebt ja in einer Wohnung in Regensburg, kein Garten, kein Vieh, keine Arbeit. Ich rackere mich mit Stall und Hof und Haus ab! Mal sehen, wie du dich anstellst, wenn ich mich zur Ruhe setze und auf mich achte!
Doch Matthias blieb ruhig; er war keiner für große Streitereien.
Lena wurde drei, kam in den Kindergarten wurde aber immer wieder krank. Also wurde vereinbart, dass Hannelore solange auf Lena aufpasste.
Kein Problem, ich bin ja eh in Rente. Ich kümmer mich um sie, sagte Hannelore.
Ingrid war erleichtert: Endlich hilft die Schwiegermutter mal!
Mit der Zeit merkte Ingrid, wie Matthias immer öfter nach Regensburg fuhr. Pack mal Quark, Eier und Kartoffeln ein, ich fahr zu Anna. Ich muss außerdem Ersatzteile aus der Stadt holen und schaue gleich bei Lena vorbei. Ingrid freute sich, dass ihre Tochter versorgt wurde.
Anfangs behielt sie sich nichts dabei, doch plötzlich blieb Matthias bei Besuchen immer länger. Erst, als es ständig passierte, dämmerte es ihr sollte Matthias etwa…?
Heiliger Himmel, der Matthias hat ein Auge auf Hannelore geworfen Na, ich werdes herausfinden.
Beim nächsten Besuch packte Matthias das Auto, da sagte Ingrid sachlich: Ich fahr heute mit. Ich möchte Lena und Anna sehen. Hab auch noch was zu besorgen. Sie sah ihm geradewegs in die Augen. Matthias wirkte verlegen, aber nickte.
Die Autofahrt war fahrig Matthias’ Laune am Tiefpunkt. Was ist los, du bist so still? Kopfschmerzen, murmelte er.
An der Wohnung von Anna öffnete Hannelore die Tür der Bademantel war offen, sie roch nach Parfum. Kaum sah sie Ingrid, änderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig.
Oh, ihr seid zu zweit, kommt rein!, sagte sie schnell, während sie sich zurechtzog.
Anna brachte Lena ins Bett. Dann saßen sie bei Kaffee und Apfelkuchen. Ingrid bemerkte die Blicke, die Hannelore Matthias zuwarf und auch er blickte verstohlen zurück.
Ingrid schnaubte innerlich: Sie machen das einfach, als säße ich nicht daneben! Die beiden sind doch längst… Ich glaub’s nicht! Doch sie hielt sich zurück. Ich geh mal kurz raus, eine rauchen, meinte Matthias.
Als er draußen war, ging Ingrid direkt aufs Ganze: Hannelore, tu bitte nicht so unschuldig. Ich hab längst bemerkt, was hier läuft. Mein Mann kommt nicht wegen der Enkelin so oft. Du solltest dich schämen flirtest mit dem Ehemann der eigenen Schwippschwägerin. Wenn du einen Mann willst, dann heirate selbst. Finger weg von meinem Mann! Sonst sitz ich künftig bei Lena und nicht du.
Hannelore wurde feuerrot. Sie hatte Ingrid immer für eine naive Bäuerin gehalten, der das Hofleben alles abverlangte. Doch jetzt merkte sie, wie falsch sie lag.
Beim Gehen rief Ingrid über die Schulter: Mach aus mir keine lächerliche Frau vom Dorf.
Auf dem Heimweg sprach sie Tacheles mit Matthias: Du fährst nicht mehr alleine. Und diese arme kleine Schäfchen-Nummer zieht bei mir nicht mehr. Ich hab ihr ordentlich Bescheid gesagt.
Mensch, Ingrid, das ist doch nicht so, wie du meinst…, stammelte Matthias.
Dann meinetwegen nicht. Aber künftig bleibst du weg von solchen Besuchen. Ich kann mich schließlich selbst um meine Enkelin kümmern. Ingrid war fest entschlossen.
Am Abend rief Anna an, den Ton vorwurfsvoll: Mama, warum warst du so gemein zu Hannelore? Sie hilft uns mit Lena ich bin echt dankbar. Und du bist einfach nur eifersüchtig!
Anna, du hast noch nicht viel erlebt. Du würdest es auch nicht wollen, wenn dein Mann stundenlang bei deiner Freundin sitzt. Es gehört sich nicht, einen verheirateten Mann allein einzuladen. Und denk dran: Ich bin deine Mutter alles, was wir für euch tun, habe ich in die Wege geleitet, nicht dein Vater! Ingrid machte klar, wo sie steht.
Anna seufzte durchs Telefon: Tut mir leid, Mama, Hannelore hat mich total gegen dich aufgehetzt jetzt begreife ich das.
So wurde Matthias vorsichtiger. Fuhr er nach Regensburg, fragte er Ingrid, ob sie mitkommen wolle, manchmal schlug er es sogar selbst vor. Er half mehr im Garten, schlug Ausflüge vor.
Männer brauchen Aufgaben dann kommen sie nicht auf dumme Gedanken und lernen auch, ihre Frauen mehr zu schätzen, dachte Ingrid zufrieden. Und plötzlich blieb ihr wieder mehr Zeit für sich selbst: Sie gönnte sich einen neuen Haarschnitt und ging zum Kosmetiker.
Warum sollte sie sich weniger wert sein als Hannelore?
Danke fürs Lesen und für euren Zuspruch. Viel Glück und alles Gute euch allen!





