Die Entscheidung
Und dabei ist Jens eigentlich total verheiratet … seufzt Karla, sitzt auf einer Bank im Stadtpark, die Überweisung zum Abbruch fest in der Jackentasche umklammert.
Ihre Mitbewohnerinnen im Studentenwohnheim waren immer ein bisschen neidisch, wenn sie Karla arm in arm mit dem attraktiven, glatt rasierten dunkelhaarigen Jens sahen fanden, sie hätte wahres Glück mit so einem charmanten Begleiter. Dabei gab es eigentlich gar nichts zu beneiden.
Karla fröstelt, als sie an die erste und letzte Begegnung mit Jens Ehefrau denkt, die sie am Werkstor abgepasst hat, um ihr die Fronten klarzumachen.
Na hallo! Du musst wohl Karla sein? fängt die Frau an.
Wer sind Sie? fährt Karla erschrocken zusammen, bemüht sich aber, dem bohrenden Blick der großen, schlanken Frau mit aschblonden Haaren standzuhalten.
Ich bin Julia die Ehefrau von Jens König.
Was?
Wie du gehört hast.
Wieder so ein nettes, naives Mädchen, sagt Julia ruhig, wie viele von eurer Sorte mag es wohl geben? Ihr habt ein Talent dafür, euch fremdes Glück zu angeln.
Wissen Sie eigentlich, wie Sie mit mir reden?
Hör mal, meint die Blondine sanft und packt Karla leicht am Ellbogen, findest du nicht, du bist hier diejenige, die sich Fragen gefallen lassen sollte? Ich habe dich mit meinem Ehemann gesehen, während du vor mir noch extra die Unschuld vom Lande gibst. Weißt du, Anstand sieht anders aus, aber der scheint ja nichts für dich zu sein.
Sie taxiert Karla. Er hatte schon so viele wie dich ich könnte es nicht mal an zwei Händen und Füßen abzählen. Nenn mich altmodisch, aber: Mit einem verheirateten Mann anfangen, schämst du dich nicht?
Er ist eben ein Mann, ein Jäger, verstehst du? Für ihn bist du nichts als ein Abenteuer. Wenns vorbei ist, bist du Geschichte. Du solltest ihn lieber vergessen. Übrigens, wir haben zwei Töchter. Willst du unser Familienfoto sehen? Julia zieht lächelnd ein Bild aus der Tasche und reicht es der sprachlosen Karla. Hier, Beweis für unser Glück. Das war noch im Urlaub letztes Jahr in Warnemünde… Na, warum sagst du nichts?
Was wollen Sie eigentlich von mir? Kümmern Sie sich doch um Ihren Mann selbst.
Mach ich schon. Aber du bist jetzt dazwischengefunkt nach all den Mühen, die Jens hatte, die Stelle hier zu bekommen. Gutes Gehalt, alles läuft, und dann kommst du. Lass es lieber sein. Glaub mir, Jens wird sich nicht scheiden lassen, du verschwendest deine Zeit. Wie alt bist du? Dreißig?
Fünfundzwanzig! widerspricht Karla beleidigt.
Umso besser. Du wirst deinen Weg schon machen, heiraten, Kinder kriegen. Aber Jens, den lässt du in Ruhe.
Karla hört Julia keinen Augenblick länger zu, ihre Beine fühlen sich wie aus Watte, als sie fortgeht hinaus aus der rosaroten Welt, die sie bis gerade eben noch für die ihre hielt.
Verräter …, murmelt Karla, ein dicker Kloß im Hals, doch sie gibt sich nicht die Blöße, auf offener Straße zu weinen. Sie will keinen Tratsch am Arbeitsplatz.
Abends steht Jens wie immer mit Blumen vor der Tür, doch Karla jagt ihn trotz geschwollener Augen fort, all seinen Schwüren und Versprechungen zum Trotz, dass er sich von Julia trennen würde schließlich seien sie doch schon längst nur noch auf dem Papier miteinander.
Zwei Wochen braucht Karla, um wieder zu sich zu kommen. Jens lässt sie in Ruhe, schaut am Werktor weg, als hätte es nie etwas gegeben.
Das Unglück bleibt nicht allein … Die morgendliche Übelkeit und das Schwindelgefühl schiebt Karla erst auf die Aufregung, aber bald begreift sie: Ihre naive, leidenschaftliche Liebe zu Jens hat Folgen.
Sechs Wochen, sagt der Gynäkologe wie ein Urteil.
Karla will nicht als alleinerziehende Mutter enden. Sie bekommt Angst, fühlt sich von allen angestarrt, als wüssten jetzt alle Bescheid und würden sie verurteilen, weil sie sich so leichtgläubig auf jemanden eingelassen hat, den sie kaum kannte.
Jens hatte ihr verschwiegen, dass er verheiratet ist. Was hätte sie tun sollen, den Ausweis verlangen? Einen Ehering hatte er nicht getragen, aber viele Männer machen das nicht.
Hätte ihr nicht zu denken geben müssen, als er wollte, dass sie ihre Beziehung am Arbeitsplatz geheim hält?
Er hat sie belogen, aber dass Karla nichts wusste, macht es nicht leichter. Und inzwischen tuschelt das halbe Werk über Julias Auftritt bei ihr.
Ich bin schwanger. In der Mittagspause spricht Karla ihren Ex-Liebhaber verzweifelt an.
Ich gebe dir Geld. Mach, was du machen musst, murmelt er.
Am nächsten Tag ist Jens verschwunden, hat gekündigt, taucht nie wieder auf.
Karla weiß, sie darf nicht länger zögern trotz aller Bedenken der Ärztin nimmt sie die Überweisung für den Abbruch entgegen.
Nun sitzt sie hier im Stadtpark, umklammert den Zettel, als könnte sie mit den Fingern Entscheidendes verhindern.
Haben Sie es eilig?, fragt ein Mann im Anzug mit einem riesigen Strauß dunkelroter Chrysanthemen, der sich neben Karla auf die Bank plumpsen lässt.
Wie bitte?, fragt sie mit leeren Augen.
Ihre Uhr geht vor, lächelt er, deutet auf ihre vergoldete Armbanduhr.
Meine Uhr geht immer zehn Minuten vor … ich stelle sie oft zurück, aber sie läuft einfach immer davon. Karla dreht sich weg, klingt apathisch.
Wundervolles Wetter heute. Ein echter Altweibersommer. Meine Mutter liebt diese Zeit. Sagt immer, an so einem warmen Herbsttag hätte sie den richtigen Lebensweg gewählt und nie bereut.
Wissen Sie was …? plappert ihr neuer, zudringlicher Nachbar weiter. Meine Mama ist wirklich großartig. Er reckt stolz den Daumen hoch. Ich bin ihr so dankbar.
Und Ihr Vater? entfährt es Karla.
Über den spricht sie nie, und ich frage nicht nach … ich merke, es schmerzt sie noch heute.
Ich komme gerade von einem Bewerbungsgespräch. Wenige Bewerber, ich ohne Erfahrung habe den Job bekommen. Ich kann’s kaum glauben … Meine Mutter hat mir immer Mut gemacht.
Meine erste Gehaltsauszahlung will ich nutzen, um ihr eine Reise ans Meer zu schenken. Sie war nämlich noch nie da. Und Sie?
Nie. Karla bleibt an seinem bordeauxroten Schlips hängen.
Der Junge strahlt übers ganze Gesicht.
Das ist ein Geschenk von meiner Mutter, meint er stolz, als er Karla’s Blick bemerkt.
Wahrscheinlich nerve ich Sie mit meinem ungefragt Erzählen, aber ich musste das einfach loswerden. Sie sehen so traurig aus … Ich dachte, Sie brauchen jemanden, der Ihnen zuhört. Nerve ich Sie?
Karla schüttelt stumm den Kopf. Sie ist nicht genervt, im Gegenteil: Der Redefluss des Fremden lässt die kreisenden dunklen Gedanken in ihrem Kopf zur Ruhe kommen. Seine Liebe zu seiner Mutter verdient Respekt.
So eine treue Liebe, denkt sie mit neuem Blick für den Strahlemann, so viel Glück hat die Mutter … Hätte ich so einen Sohn!
Ich muss los. Meine Mama wartet auf mich. Sie machen langsam, ja?
Wie bitte?
Ich meine Ihre Uhr, sagt er lächelnd.
Ach so. Auch Karla lächelt leicht.
Wenig später ist der junge Mann verschwunden. Karla betrachtet die Überweisung, reißt sie entschlossen in tausend kleine Schnipsel.
Lange sitzt sie noch auf der Bank, atmet die Herbstluft des warmen Sonnentages.
Plötzlich fühlt sie sich leicht und geborgen, wie nach einem Gespräch mit einem alten Freund.
Sie ist nicht allein. Diese Frau hat ihren Sohn auch allein großgezogen und dabei Großartiges geleistet. Schade nur, dass Karla nicht nach seinem Namen gefragt hat … Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.
Die Entscheidung ist gefallen.
***
Dreiundzwanzig Jahre später…
Mama, ich komm zu spät! Stas steht am Spiegel. Die Mutter hilft ihm noch, den neuen, bordeauxroten Schlips für das erste, wichtige Vorstellungsgespräch zu binden.
Ach, Schwamm drüber …
Der gibt dir Selbstvertrauen. Glaub mir es läuft bestens. Sie nehmen dich garantiert … Siehst gleich ganz anders aus!, sagt Karla, tritt einen Schritt zurück und bewundert ihren Sohn.
Irgendwie bin ich nervös. Was, wenn …
Das ist DEIN Job. Keine Angst: ruhig antworten, lächeln nicht vergessen. Du bist unwiderstehlich.
Okay, Mama. Stas drückt ihr einen Kuss auf die Wange und eilt dann los.
Karla beobachtet ihren Sohn am Fenster auf dem Weg zur Haltestelle.
Plötzlich zittert sie, als hätte sie einen Stromschlag gespürt …
Irgendwo … hat sie das schon mal erlebt?
Der Junge auf der Parkbank, vor über zwanzig Jahren …
Jetzt, so im Anzug, erinnert Stas sie auf einmal genau an ihn …
Wie seltsam, gerade jetzt kommt die Erinnerung zurück.
Hat das Schicksal ihr damals die Möglichkeit gegeben, zu sehen, wofür sie sich entscheidet? Sie hat gar nicht gewusst, was sie damals aufs Spiel setzte (was für ein unschönes Wort), als sie diesen Weg wählte Aber jetzt ist es nicht mehr wichtig.
Alles ist wunderbar geworden.
Nachmittags steht Stas mit einem riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen zu Hause, passend zu seinem Schlips, und erzählt Karla, dass er die Stelle bekommen hat.
Er verspricht, dass sie an die See fahren werden. Schließlich war sie noch nie dort.
Jetzt ist er an der Reihe, sich um seine Mutter zu kümmern. Für sie würde er alles tun. So ein Sohn ist Karla geschenkt worden.
Wie viele Schwierigkeiten das Leben ihnen auch gebracht hat manchmal brauchte Karla nur an seiner Schulter zu riechen und fühlte sich sofort besser.
Sie haben zusammen alles geschafft, alles überstanden und nie aufgegeben.
Karla hat ihre Entscheidung nie bereut.
Es sollte genau so sein!




