Entscheidung „Und dabei ist Fiete so richtig verheiratet…“, seufzte Swetlana, während sie auf einer Bank im Stadtpark saß und in ihrer Jackentasche die Überweisung zur Klinik krampfhaft umklammerte. Die Mitbewohnerinnen im Studentenwohnheim beneideten sie immer, wenn sie den gutaussehenden, glatt rasierten, blauäugigen Dunkelhaarigen an ihrer Seite sahen – dachten, sie hätte Glück mit so einem galanten Mann. Doch es gab am Ende wirklich nichts zu beneiden. Swetlana fröstelte, als sie an ihr erstes und einziges Treffen mit Fietes Ehefrau zurückdachte, die vor dem Werkstor auf sie gewartet hatte, um ihr mal ordentlich die Meinung zu sagen. „Na, hallo! Sie sind doch Swetlana, oder?“, begann sie. „Wer sind Sie?“, fuhr Swetlana erschrocken zusammen und zog sich unter dem bohrenden Blick der großen, schlanken Frau mit dem aschblonden Haar zurück. „Ich bin Olga. Die Ehefrau von Fiete Miersen.“ „Was?!“ „Schon richtig gehört.“ „Wieder so ein Mäuschen“, meinte Olga nüchtern, „wie viele von Ihrer Sorte es wohl gibt – Jägerinnen auf fremdes Glück.“ „Wie können Sie so mit mir reden?“ „Na hören Sie, was erlauben Sie sich denn – ich bin die Ehefrau, hab Sie mit meinem Mann gesehen und statt sich zu entschuldigen und vor Scham im Erdboden zu versinken, tun Sie auch noch auf frech! Aber ordentliches Benehmen scheint wohl nicht Ihre Stärke zu sein.“ Mit abschätzendem Blick musterte Olga ihre Rivalin: „Solche wie Sie hatte er schon mehr als ich an Händen und Füßen abzählen kann. Haben Sie sich mit einem Verheirateten eingelassen – schämen Sie sich nicht? Für ihn sind Sie nur ein kurzer Flirt. Halten Sie sich von ihm fern.“ „Übrigens, wir haben zwei Töchter. Ich kann Ihnen gleich ein Familienfoto zeigen.“ Olga zog ein Foto aus ihrer Tasche und hielt es der fassungslosen Swetlana hin. „Sehen Sie – Beweis für unsere große Liebe. Im Urlaub an der Ostsee – vor zwei Monaten…“ „Was wollen Sie von mir? Klären Sie das mit Ihrem Mann allein!“ „Werde ich schon! Erst neulich hat er im Werk angefangen. Guter Verdienst, und dann kommen Sie daher… Lassen Sie’s gut sein. Lassen Sie sich nichts versprechen – Fiete wird sich nie scheiden lassen. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Wie alt sind Sie? Dreißig?“ „Fünfundzwanzig!“, entgegnete Swetlana verletzt. „Na also! Sie haben noch Zeit – finden Sie einen netten Mann und bekommen Sie Kinder. Fiete – lassen Sie besser in Ruhe.“ Swetlana ließ Olga nicht weiter reden. Auf wackeligen Beinen taumelte sie davon, weg aus ihrem eben noch glücklichen kleinen Kosmos, der nun von der plötzlichen Ankunft der Ehefrau ihres Geliebten erschüttert worden und alle rosigen Hoffnungen zerstört hatte. „Verräter…“, murmelte Swetlana mit zugeschnürter Kehle. Aber sie konnte sich nicht erlauben, ihre Gefühle öffentlich zu zeigen. Man redete schon genug in der Firma. Am Abend kam Fiete wie immer zu ihr – mit Blumen. Swetlana, mit verweinten Augen, warf ihn hinaus, trotz seiner Versprechen und Schwüre, dass es doch längst keine Liebe mehr zwischen ihm und seiner Frau gebe und dass er sich scheiden lassen wollte. Zwei Wochen brauchte Swetlana, um wieder zu sich zu kommen. Fiete meldete sich nicht mehr. Bei jeder Begegnung wich er ihr nun aus. Aber ein Unglück kommt selten allein: Die morgendliche Übelkeit und ihr Schwindel wurden immer schlimmer. Zuerst hatte Swetlana gedacht, das sei noch immer Aufregung. Doch die leidenschaftliche, naive Liebe zu Fiete hatte Spuren hinterlassen: „Sechs Wochen“, lautete nun der Befund. Swetlana wollte nicht alleinstehende Mutter werden. Sie hatte große Angst. Ihr schien, als ob alle um sie herum längst alles wüssten und auf sie herabblickten – sie hatte doch einfach vertraut und wurde getäuscht. Fiete hatte ihr verschwiegen, dass er verheiratet war. Was hätte sie tun können – nach dem Pass fragen? Einen Ring trug er nicht, aber das machen ja nicht alle Ehemänner. Und wieso war sie stutzig geworden, als er darum bat, die Beziehung am Arbeitsplatz geheim zu halten? Er hatte sie belogen – aber das half ihr nun auch nicht weiter. Die Kollegen tuschelten schon genug, nachdem Olga bei ihr aufgetaucht war. „Ich bin schwanger“, teilte Swetlana ihrem Ex-Geliebten in der Mittagspause mit, aus purer Verzweiflung. „Ich geb’ dir Geld – dann regel’s halt“, grummelte er. Am nächsten Tag hatte Fiete gekündigt. Für immer verschwunden. Swetlana wusste, dass sie nicht länger zögern durfte. Allen Warnungen der Ärztin zum Trotz holte sie sich den Überweisungsschein für den Termin in der Klinik. Jetzt saß sie auf der Bank, klammerte das Papier, als hätte sie Angst, es zu verlieren. „Haben Sie es eilig?“, riss sie eine freundliche Männerstimme aus den Gedanken – ein junger Mann im Anzug mit einem strahlenden, riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen ließ sich neben Swetlana nieder. „Was?“ – Sie sah ihn erschöpft und leer an. „Ihre Uhr geht vor“, sagte er, und nickte auf ihre goldene Armbanduhr. „Die geht immer zehn Minuten voraus… Ich stelle sie ständig zurück, aber es hilft nichts“, erwiderte Swetlana abwesend, und wandte sich von ihm ab. „Das Wetter ist heute herrlich. Richtiges Altweibersommerwetter. Meine Mutter sagt, an so einem goldenen Herbsttag hat sie die richtige Entscheidung fürs Leben getroffen – und niemals bereut.“ „Wissen Sie, meine Mama ist die Beste!“ – Er streckte den Daumen hoch. „Und Ihr Vater?“, platzte Swetlana heraus. „Über meinen Vater spricht sie nicht gern… Ich frag’ auch nicht viel – will sie nicht verletzen.“ „Ich komme gerade vom Vorstellungsgespräch“, sprudelte der junge Mann weiter, „Stellen Sie sich vor: Zehn Bewerber gab’s auf den Job – aber sie haben mich genommen! Obwohl ich kaum Erfahrung habe. Kaum zu glauben… Meine Mama hat mir Mut gegeben. Ich weiß schon, was ich von der ersten Gehaltsabrechnung kaufe: einen Urlaub am Meer für meine Mutter. Sie war noch nie am Meer. Und Sie?“ „Nein“, sagte Swetlana ernst und betrachtete die bordeauxrote Krawatte des Jungen. Er strahlte vor Glück. „Geschenk von Mama“, sagte er stolz, als er bemerkte, wohin ihr Blick fiel. „Ich quatsche Sie sicher zu“, lachte er verlegen, „aber ich wollte Sie einfach aufheitern – Sie schauen so traurig aus. Ich dachte, vielleicht brauchen Sie jemanden zum Reden… Habe ich Sie gestört?“ Swetlana schüttelte stumm den Kopf. Sie mochte ihn. Unvermittelt stoppte er den Strom düsterer Gedanken. Und seine Liebe zu seiner Mutter war bewundernswert. „Was für eine schöne Bindung!“, dachte sie, während sie ihm aufmerksam zuhörte, „Was für ein Glück, so einen Sohn zu haben…“ „So, jetzt geh ich mal. Meine Mama wartet bestimmt schon und macht sich Sorgen… Aber Sie, machen Sie nur langsam!“ „Wie bitte?“ „Das war an Ihre Uhr gerichtet.“ – Er grinste breit. „Ach so“, lächelte auch sie zaghaft. Nach einer Minute war der junge Mann verschwunden. Swetlana zog die Überweisung hervor, die sie eben noch so verkrampft gehalten hatte, und riss sie spontan in winzige Stücke. Sie blieb lange auf der Bank sitzen, sog die herbstliche Luft ein – das Herz leicht und warm, dank eines Fremden, der ihr auf rätselhafte Weise so nah erschien. Sie war nicht allein. Eine Frau hatte ganz allein so einen tollen Sohn großgezogen. Schade, dass Swetlana ihn nicht nach seinem Namen oder dem seiner Mutter gefragt hatte – aber jetzt war es auch egal… Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. *** Dreiundzwanzig Jahre später… „Mama, ich bin spät dran!“, rief Stanislaus, während er vor dem Spiegel stand und seine Mutter ihm mit viel Geduld die gestern gekaufte bordeauxrote Krawatte für das Jobinterview band. „Vielleicht ist das alles Quatsch.“ „Nein, das gibt dir Selbstvertrauen. Glaub’ mir, alles wird gut. Sie nehmen dich bestimmt… Das sieht doch gleich ganz anders aus!“ Swetlana beendete das Zurechtzupfen und trat zurück, um ihren Sohn zu bewundern. „Bin ganz schön aufgeregt. Was, wenn es schiefgeht…“ „Das ist Dein Platz, Stanislaus. Mach dir keine Sorgen. Antworte klar, lächel und vergiss nicht: Du bist großartig.“ „Danke, Mama.“ – Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und lief los. Swetlana sah ihrem kostbarsten Menschen nach, wie er voller Elan zur Bushaltestelle eilte. Auf einmal durchfuhr sie ein Schauer… Das hatte sie doch schon einmal erlebt… Der junge Mann im Park, vor über zwanzig Jahren… Stanislaus im Anzug – er erinnerte sie jetzt plötzlich an damals… Sie hatte diese Begegnung fast vergessen. Nun lebte jener Moment in ihrer Erinnerung wieder auf. Konnte es sein, dass das Schicksal ihr damals bereits einen Blick auf das Kind gewährte, das sie weggeben wollte? Dass sie geführt wurde, um die richtige Entscheidung zu treffen? Warum hatte sie sich damals nicht vorgestellt? Sie waren doch fast gleichaltrig gewesen… Aber jetzt war das alles nicht mehr wichtig… Alles ist so gut geworden… Am Nachmittag kam Stanislaus mit einem riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen nach Hause, passend zur Krawatte, und berichtete stolz, dass er den Job bekommen hatte. Und er versprach, seine Mutter endlich mit ans Meer zu nehmen – denn sie war ja nie dort gewesen. Nun war die Zeit gekommen, in der sich der Sohn um seine geliebte Mama sorgt. Für sie würde er Berge versetzen, Flüsse umleiten – so einer war Swetlanas Sohn. Was auch immer das Leben bereitgehalten hatte – sie schafften es gemeinsam. Swetlana hatte nie bereut, ihn bekommen zu haben – sie hatte für sich die richtige Entscheidung getroffen. Und so soll es sein!

Die Entscheidung

Und dabei ist Jens eigentlich total verheiratet … seufzt Karla, sitzt auf einer Bank im Stadtpark, die Überweisung zum Abbruch fest in der Jackentasche umklammert.

Ihre Mitbewohnerinnen im Studentenwohnheim waren immer ein bisschen neidisch, wenn sie Karla arm in arm mit dem attraktiven, glatt rasierten dunkelhaarigen Jens sahen fanden, sie hätte wahres Glück mit so einem charmanten Begleiter. Dabei gab es eigentlich gar nichts zu beneiden.

Karla fröstelt, als sie an die erste und letzte Begegnung mit Jens Ehefrau denkt, die sie am Werkstor abgepasst hat, um ihr die Fronten klarzumachen.

Na hallo! Du musst wohl Karla sein? fängt die Frau an.

Wer sind Sie? fährt Karla erschrocken zusammen, bemüht sich aber, dem bohrenden Blick der großen, schlanken Frau mit aschblonden Haaren standzuhalten.

Ich bin Julia die Ehefrau von Jens König.

Was?

Wie du gehört hast.

Wieder so ein nettes, naives Mädchen, sagt Julia ruhig, wie viele von eurer Sorte mag es wohl geben? Ihr habt ein Talent dafür, euch fremdes Glück zu angeln.

Wissen Sie eigentlich, wie Sie mit mir reden?

Hör mal, meint die Blondine sanft und packt Karla leicht am Ellbogen, findest du nicht, du bist hier diejenige, die sich Fragen gefallen lassen sollte? Ich habe dich mit meinem Ehemann gesehen, während du vor mir noch extra die Unschuld vom Lande gibst. Weißt du, Anstand sieht anders aus, aber der scheint ja nichts für dich zu sein.

Sie taxiert Karla. Er hatte schon so viele wie dich ich könnte es nicht mal an zwei Händen und Füßen abzählen. Nenn mich altmodisch, aber: Mit einem verheirateten Mann anfangen, schämst du dich nicht?

Er ist eben ein Mann, ein Jäger, verstehst du? Für ihn bist du nichts als ein Abenteuer. Wenns vorbei ist, bist du Geschichte. Du solltest ihn lieber vergessen. Übrigens, wir haben zwei Töchter. Willst du unser Familienfoto sehen? Julia zieht lächelnd ein Bild aus der Tasche und reicht es der sprachlosen Karla. Hier, Beweis für unser Glück. Das war noch im Urlaub letztes Jahr in Warnemünde… Na, warum sagst du nichts?

Was wollen Sie eigentlich von mir? Kümmern Sie sich doch um Ihren Mann selbst.

Mach ich schon. Aber du bist jetzt dazwischengefunkt nach all den Mühen, die Jens hatte, die Stelle hier zu bekommen. Gutes Gehalt, alles läuft, und dann kommst du. Lass es lieber sein. Glaub mir, Jens wird sich nicht scheiden lassen, du verschwendest deine Zeit. Wie alt bist du? Dreißig?

Fünfundzwanzig! widerspricht Karla beleidigt.

Umso besser. Du wirst deinen Weg schon machen, heiraten, Kinder kriegen. Aber Jens, den lässt du in Ruhe.

Karla hört Julia keinen Augenblick länger zu, ihre Beine fühlen sich wie aus Watte, als sie fortgeht hinaus aus der rosaroten Welt, die sie bis gerade eben noch für die ihre hielt.

Verräter …, murmelt Karla, ein dicker Kloß im Hals, doch sie gibt sich nicht die Blöße, auf offener Straße zu weinen. Sie will keinen Tratsch am Arbeitsplatz.

Abends steht Jens wie immer mit Blumen vor der Tür, doch Karla jagt ihn trotz geschwollener Augen fort, all seinen Schwüren und Versprechungen zum Trotz, dass er sich von Julia trennen würde schließlich seien sie doch schon längst nur noch auf dem Papier miteinander.

Zwei Wochen braucht Karla, um wieder zu sich zu kommen. Jens lässt sie in Ruhe, schaut am Werktor weg, als hätte es nie etwas gegeben.

Das Unglück bleibt nicht allein … Die morgendliche Übelkeit und das Schwindelgefühl schiebt Karla erst auf die Aufregung, aber bald begreift sie: Ihre naive, leidenschaftliche Liebe zu Jens hat Folgen.

Sechs Wochen, sagt der Gynäkologe wie ein Urteil.

Karla will nicht als alleinerziehende Mutter enden. Sie bekommt Angst, fühlt sich von allen angestarrt, als wüssten jetzt alle Bescheid und würden sie verurteilen, weil sie sich so leichtgläubig auf jemanden eingelassen hat, den sie kaum kannte.

Jens hatte ihr verschwiegen, dass er verheiratet ist. Was hätte sie tun sollen, den Ausweis verlangen? Einen Ehering hatte er nicht getragen, aber viele Männer machen das nicht.

Hätte ihr nicht zu denken geben müssen, als er wollte, dass sie ihre Beziehung am Arbeitsplatz geheim hält?

Er hat sie belogen, aber dass Karla nichts wusste, macht es nicht leichter. Und inzwischen tuschelt das halbe Werk über Julias Auftritt bei ihr.

Ich bin schwanger. In der Mittagspause spricht Karla ihren Ex-Liebhaber verzweifelt an.

Ich gebe dir Geld. Mach, was du machen musst, murmelt er.

Am nächsten Tag ist Jens verschwunden, hat gekündigt, taucht nie wieder auf.

Karla weiß, sie darf nicht länger zögern trotz aller Bedenken der Ärztin nimmt sie die Überweisung für den Abbruch entgegen.

Nun sitzt sie hier im Stadtpark, umklammert den Zettel, als könnte sie mit den Fingern Entscheidendes verhindern.

Haben Sie es eilig?, fragt ein Mann im Anzug mit einem riesigen Strauß dunkelroter Chrysanthemen, der sich neben Karla auf die Bank plumpsen lässt.

Wie bitte?, fragt sie mit leeren Augen.

Ihre Uhr geht vor, lächelt er, deutet auf ihre vergoldete Armbanduhr.

Meine Uhr geht immer zehn Minuten vor … ich stelle sie oft zurück, aber sie läuft einfach immer davon. Karla dreht sich weg, klingt apathisch.

Wundervolles Wetter heute. Ein echter Altweibersommer. Meine Mutter liebt diese Zeit. Sagt immer, an so einem warmen Herbsttag hätte sie den richtigen Lebensweg gewählt und nie bereut.

Wissen Sie was …? plappert ihr neuer, zudringlicher Nachbar weiter. Meine Mama ist wirklich großartig. Er reckt stolz den Daumen hoch. Ich bin ihr so dankbar.

Und Ihr Vater? entfährt es Karla.

Über den spricht sie nie, und ich frage nicht nach … ich merke, es schmerzt sie noch heute.

Ich komme gerade von einem Bewerbungsgespräch. Wenige Bewerber, ich ohne Erfahrung habe den Job bekommen. Ich kann’s kaum glauben … Meine Mutter hat mir immer Mut gemacht.

Meine erste Gehaltsauszahlung will ich nutzen, um ihr eine Reise ans Meer zu schenken. Sie war nämlich noch nie da. Und Sie?

Nie. Karla bleibt an seinem bordeauxroten Schlips hängen.

Der Junge strahlt übers ganze Gesicht.

Das ist ein Geschenk von meiner Mutter, meint er stolz, als er Karla’s Blick bemerkt.

Wahrscheinlich nerve ich Sie mit meinem ungefragt Erzählen, aber ich musste das einfach loswerden. Sie sehen so traurig aus … Ich dachte, Sie brauchen jemanden, der Ihnen zuhört. Nerve ich Sie?

Karla schüttelt stumm den Kopf. Sie ist nicht genervt, im Gegenteil: Der Redefluss des Fremden lässt die kreisenden dunklen Gedanken in ihrem Kopf zur Ruhe kommen. Seine Liebe zu seiner Mutter verdient Respekt.

So eine treue Liebe, denkt sie mit neuem Blick für den Strahlemann, so viel Glück hat die Mutter … Hätte ich so einen Sohn!

Ich muss los. Meine Mama wartet auf mich. Sie machen langsam, ja?

Wie bitte?

Ich meine Ihre Uhr, sagt er lächelnd.

Ach so. Auch Karla lächelt leicht.

Wenig später ist der junge Mann verschwunden. Karla betrachtet die Überweisung, reißt sie entschlossen in tausend kleine Schnipsel.

Lange sitzt sie noch auf der Bank, atmet die Herbstluft des warmen Sonnentages.

Plötzlich fühlt sie sich leicht und geborgen, wie nach einem Gespräch mit einem alten Freund.

Sie ist nicht allein. Diese Frau hat ihren Sohn auch allein großgezogen und dabei Großartiges geleistet. Schade nur, dass Karla nicht nach seinem Namen gefragt hat … Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr.

Die Entscheidung ist gefallen.

***

Dreiundzwanzig Jahre später…

Mama, ich komm zu spät! Stas steht am Spiegel. Die Mutter hilft ihm noch, den neuen, bordeauxroten Schlips für das erste, wichtige Vorstellungsgespräch zu binden.

Ach, Schwamm drüber …

Der gibt dir Selbstvertrauen. Glaub mir es läuft bestens. Sie nehmen dich garantiert … Siehst gleich ganz anders aus!, sagt Karla, tritt einen Schritt zurück und bewundert ihren Sohn.

Irgendwie bin ich nervös. Was, wenn …

Das ist DEIN Job. Keine Angst: ruhig antworten, lächeln nicht vergessen. Du bist unwiderstehlich.

Okay, Mama. Stas drückt ihr einen Kuss auf die Wange und eilt dann los.

Karla beobachtet ihren Sohn am Fenster auf dem Weg zur Haltestelle.

Plötzlich zittert sie, als hätte sie einen Stromschlag gespürt …

Irgendwo … hat sie das schon mal erlebt?

Der Junge auf der Parkbank, vor über zwanzig Jahren …

Jetzt, so im Anzug, erinnert Stas sie auf einmal genau an ihn …

Wie seltsam, gerade jetzt kommt die Erinnerung zurück.

Hat das Schicksal ihr damals die Möglichkeit gegeben, zu sehen, wofür sie sich entscheidet? Sie hat gar nicht gewusst, was sie damals aufs Spiel setzte (was für ein unschönes Wort), als sie diesen Weg wählte Aber jetzt ist es nicht mehr wichtig.

Alles ist wunderbar geworden.

Nachmittags steht Stas mit einem riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen zu Hause, passend zu seinem Schlips, und erzählt Karla, dass er die Stelle bekommen hat.

Er verspricht, dass sie an die See fahren werden. Schließlich war sie noch nie dort.

Jetzt ist er an der Reihe, sich um seine Mutter zu kümmern. Für sie würde er alles tun. So ein Sohn ist Karla geschenkt worden.

Wie viele Schwierigkeiten das Leben ihnen auch gebracht hat manchmal brauchte Karla nur an seiner Schulter zu riechen und fühlte sich sofort besser.

Sie haben zusammen alles geschafft, alles überstanden und nie aufgegeben.

Karla hat ihre Entscheidung nie bereut.

Es sollte genau so sein!

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Homy
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Entscheidung „Und dabei ist Fiete so richtig verheiratet…“, seufzte Swetlana, während sie auf einer Bank im Stadtpark saß und in ihrer Jackentasche die Überweisung zur Klinik krampfhaft umklammerte. Die Mitbewohnerinnen im Studentenwohnheim beneideten sie immer, wenn sie den gutaussehenden, glatt rasierten, blauäugigen Dunkelhaarigen an ihrer Seite sahen – dachten, sie hätte Glück mit so einem galanten Mann. Doch es gab am Ende wirklich nichts zu beneiden. Swetlana fröstelte, als sie an ihr erstes und einziges Treffen mit Fietes Ehefrau zurückdachte, die vor dem Werkstor auf sie gewartet hatte, um ihr mal ordentlich die Meinung zu sagen. „Na, hallo! Sie sind doch Swetlana, oder?“, begann sie. „Wer sind Sie?“, fuhr Swetlana erschrocken zusammen und zog sich unter dem bohrenden Blick der großen, schlanken Frau mit dem aschblonden Haar zurück. „Ich bin Olga. Die Ehefrau von Fiete Miersen.“ „Was?!“ „Schon richtig gehört.“ „Wieder so ein Mäuschen“, meinte Olga nüchtern, „wie viele von Ihrer Sorte es wohl gibt – Jägerinnen auf fremdes Glück.“ „Wie können Sie so mit mir reden?“ „Na hören Sie, was erlauben Sie sich denn – ich bin die Ehefrau, hab Sie mit meinem Mann gesehen und statt sich zu entschuldigen und vor Scham im Erdboden zu versinken, tun Sie auch noch auf frech! Aber ordentliches Benehmen scheint wohl nicht Ihre Stärke zu sein.“ Mit abschätzendem Blick musterte Olga ihre Rivalin: „Solche wie Sie hatte er schon mehr als ich an Händen und Füßen abzählen kann. Haben Sie sich mit einem Verheirateten eingelassen – schämen Sie sich nicht? Für ihn sind Sie nur ein kurzer Flirt. Halten Sie sich von ihm fern.“ „Übrigens, wir haben zwei Töchter. Ich kann Ihnen gleich ein Familienfoto zeigen.“ Olga zog ein Foto aus ihrer Tasche und hielt es der fassungslosen Swetlana hin. „Sehen Sie – Beweis für unsere große Liebe. Im Urlaub an der Ostsee – vor zwei Monaten…“ „Was wollen Sie von mir? Klären Sie das mit Ihrem Mann allein!“ „Werde ich schon! Erst neulich hat er im Werk angefangen. Guter Verdienst, und dann kommen Sie daher… Lassen Sie’s gut sein. Lassen Sie sich nichts versprechen – Fiete wird sich nie scheiden lassen. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Wie alt sind Sie? Dreißig?“ „Fünfundzwanzig!“, entgegnete Swetlana verletzt. „Na also! Sie haben noch Zeit – finden Sie einen netten Mann und bekommen Sie Kinder. Fiete – lassen Sie besser in Ruhe.“ Swetlana ließ Olga nicht weiter reden. Auf wackeligen Beinen taumelte sie davon, weg aus ihrem eben noch glücklichen kleinen Kosmos, der nun von der plötzlichen Ankunft der Ehefrau ihres Geliebten erschüttert worden und alle rosigen Hoffnungen zerstört hatte. „Verräter…“, murmelte Swetlana mit zugeschnürter Kehle. Aber sie konnte sich nicht erlauben, ihre Gefühle öffentlich zu zeigen. Man redete schon genug in der Firma. Am Abend kam Fiete wie immer zu ihr – mit Blumen. Swetlana, mit verweinten Augen, warf ihn hinaus, trotz seiner Versprechen und Schwüre, dass es doch längst keine Liebe mehr zwischen ihm und seiner Frau gebe und dass er sich scheiden lassen wollte. Zwei Wochen brauchte Swetlana, um wieder zu sich zu kommen. Fiete meldete sich nicht mehr. Bei jeder Begegnung wich er ihr nun aus. Aber ein Unglück kommt selten allein: Die morgendliche Übelkeit und ihr Schwindel wurden immer schlimmer. Zuerst hatte Swetlana gedacht, das sei noch immer Aufregung. Doch die leidenschaftliche, naive Liebe zu Fiete hatte Spuren hinterlassen: „Sechs Wochen“, lautete nun der Befund. Swetlana wollte nicht alleinstehende Mutter werden. Sie hatte große Angst. Ihr schien, als ob alle um sie herum längst alles wüssten und auf sie herabblickten – sie hatte doch einfach vertraut und wurde getäuscht. Fiete hatte ihr verschwiegen, dass er verheiratet war. Was hätte sie tun können – nach dem Pass fragen? Einen Ring trug er nicht, aber das machen ja nicht alle Ehemänner. Und wieso war sie stutzig geworden, als er darum bat, die Beziehung am Arbeitsplatz geheim zu halten? Er hatte sie belogen – aber das half ihr nun auch nicht weiter. Die Kollegen tuschelten schon genug, nachdem Olga bei ihr aufgetaucht war. „Ich bin schwanger“, teilte Swetlana ihrem Ex-Geliebten in der Mittagspause mit, aus purer Verzweiflung. „Ich geb’ dir Geld – dann regel’s halt“, grummelte er. Am nächsten Tag hatte Fiete gekündigt. Für immer verschwunden. Swetlana wusste, dass sie nicht länger zögern durfte. Allen Warnungen der Ärztin zum Trotz holte sie sich den Überweisungsschein für den Termin in der Klinik. Jetzt saß sie auf der Bank, klammerte das Papier, als hätte sie Angst, es zu verlieren. „Haben Sie es eilig?“, riss sie eine freundliche Männerstimme aus den Gedanken – ein junger Mann im Anzug mit einem strahlenden, riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen ließ sich neben Swetlana nieder. „Was?“ – Sie sah ihn erschöpft und leer an. „Ihre Uhr geht vor“, sagte er, und nickte auf ihre goldene Armbanduhr. „Die geht immer zehn Minuten voraus… Ich stelle sie ständig zurück, aber es hilft nichts“, erwiderte Swetlana abwesend, und wandte sich von ihm ab. „Das Wetter ist heute herrlich. Richtiges Altweibersommerwetter. Meine Mutter sagt, an so einem goldenen Herbsttag hat sie die richtige Entscheidung fürs Leben getroffen – und niemals bereut.“ „Wissen Sie, meine Mama ist die Beste!“ – Er streckte den Daumen hoch. „Und Ihr Vater?“, platzte Swetlana heraus. „Über meinen Vater spricht sie nicht gern… Ich frag’ auch nicht viel – will sie nicht verletzen.“ „Ich komme gerade vom Vorstellungsgespräch“, sprudelte der junge Mann weiter, „Stellen Sie sich vor: Zehn Bewerber gab’s auf den Job – aber sie haben mich genommen! Obwohl ich kaum Erfahrung habe. Kaum zu glauben… Meine Mama hat mir Mut gegeben. Ich weiß schon, was ich von der ersten Gehaltsabrechnung kaufe: einen Urlaub am Meer für meine Mutter. Sie war noch nie am Meer. Und Sie?“ „Nein“, sagte Swetlana ernst und betrachtete die bordeauxrote Krawatte des Jungen. Er strahlte vor Glück. „Geschenk von Mama“, sagte er stolz, als er bemerkte, wohin ihr Blick fiel. „Ich quatsche Sie sicher zu“, lachte er verlegen, „aber ich wollte Sie einfach aufheitern – Sie schauen so traurig aus. Ich dachte, vielleicht brauchen Sie jemanden zum Reden… Habe ich Sie gestört?“ Swetlana schüttelte stumm den Kopf. Sie mochte ihn. Unvermittelt stoppte er den Strom düsterer Gedanken. Und seine Liebe zu seiner Mutter war bewundernswert. „Was für eine schöne Bindung!“, dachte sie, während sie ihm aufmerksam zuhörte, „Was für ein Glück, so einen Sohn zu haben…“ „So, jetzt geh ich mal. Meine Mama wartet bestimmt schon und macht sich Sorgen… Aber Sie, machen Sie nur langsam!“ „Wie bitte?“ „Das war an Ihre Uhr gerichtet.“ – Er grinste breit. „Ach so“, lächelte auch sie zaghaft. Nach einer Minute war der junge Mann verschwunden. Swetlana zog die Überweisung hervor, die sie eben noch so verkrampft gehalten hatte, und riss sie spontan in winzige Stücke. Sie blieb lange auf der Bank sitzen, sog die herbstliche Luft ein – das Herz leicht und warm, dank eines Fremden, der ihr auf rätselhafte Weise so nah erschien. Sie war nicht allein. Eine Frau hatte ganz allein so einen tollen Sohn großgezogen. Schade, dass Swetlana ihn nicht nach seinem Namen oder dem seiner Mutter gefragt hatte – aber jetzt war es auch egal… Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. *** Dreiundzwanzig Jahre später… „Mama, ich bin spät dran!“, rief Stanislaus, während er vor dem Spiegel stand und seine Mutter ihm mit viel Geduld die gestern gekaufte bordeauxrote Krawatte für das Jobinterview band. „Vielleicht ist das alles Quatsch.“ „Nein, das gibt dir Selbstvertrauen. Glaub’ mir, alles wird gut. Sie nehmen dich bestimmt… Das sieht doch gleich ganz anders aus!“ Swetlana beendete das Zurechtzupfen und trat zurück, um ihren Sohn zu bewundern. „Bin ganz schön aufgeregt. Was, wenn es schiefgeht…“ „Das ist Dein Platz, Stanislaus. Mach dir keine Sorgen. Antworte klar, lächel und vergiss nicht: Du bist großartig.“ „Danke, Mama.“ – Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und lief los. Swetlana sah ihrem kostbarsten Menschen nach, wie er voller Elan zur Bushaltestelle eilte. Auf einmal durchfuhr sie ein Schauer… Das hatte sie doch schon einmal erlebt… Der junge Mann im Park, vor über zwanzig Jahren… Stanislaus im Anzug – er erinnerte sie jetzt plötzlich an damals… Sie hatte diese Begegnung fast vergessen. Nun lebte jener Moment in ihrer Erinnerung wieder auf. Konnte es sein, dass das Schicksal ihr damals bereits einen Blick auf das Kind gewährte, das sie weggeben wollte? Dass sie geführt wurde, um die richtige Entscheidung zu treffen? Warum hatte sie sich damals nicht vorgestellt? Sie waren doch fast gleichaltrig gewesen… Aber jetzt war das alles nicht mehr wichtig… Alles ist so gut geworden… Am Nachmittag kam Stanislaus mit einem riesigen Strauß bordeauxroter Chrysanthemen nach Hause, passend zur Krawatte, und berichtete stolz, dass er den Job bekommen hatte. Und er versprach, seine Mutter endlich mit ans Meer zu nehmen – denn sie war ja nie dort gewesen. Nun war die Zeit gekommen, in der sich der Sohn um seine geliebte Mama sorgt. Für sie würde er Berge versetzen, Flüsse umleiten – so einer war Swetlanas Sohn. Was auch immer das Leben bereitgehalten hatte – sie schafften es gemeinsam. Swetlana hatte nie bereut, ihn bekommen zu haben – sie hatte für sich die richtige Entscheidung getroffen. Und so soll es sein!
Die Geschichte eines deutschen Milliardärs und einer Putzfrau