Von der Schicht heim – aber nicht allein: Als Viktor zurückkam, trug er ein kleines Kind im Arm… Lenas Küche duftete nach frischem Fischkuchen, während draußen der Bus mit ihrem lang ersehnten Ehemann hielt. Drei Monate hatte sie auf Viktor gewartet – und jetzt kam er zurück, doch nicht allein: In seinen Armen hielt er einen kleinen Jungen. Die überraschende Heimkehr wirft Lenas Welt durcheinander, denn der Junge entpuppt sich als Viktors Sohn mit einer anderen Frau. Nach und nach muss sich Lena entscheiden, ob sie das Kind akzeptiert – und schließlich wächst aus Schmerz und Zweifel etwas Neues. Doch als Viktor plötzlich verschwindet, wird Lena auf eine harte Probe gestellt. Jahre später kehrt der Totgeglaubte unerwartet zurück und fordert sein altes Leben und seinen Sohn ein. Jetzt steht Lena vor einer letzten, alles entscheidenden Wahl…

Vom Einsatzdienst kam mein Mann nicht allein zurück: In seinen Armen hielt er einen kleinen Jungen…

Marthe zog das Blech mit frischem Matjesauflauf aus dem Backofen, und schon durchwehte der Raum ein würziger, salziger Duft. Alles, wie es ihr Mann, Jörg, mochte. Auf dem Herd blubberte der Steckrübeneintopf vor sich hin, auf dem Blech ruhte der Fischauflauf, und nur der Apfelsaft musste noch zu Kompott verkocht werden. Ein paar Minuten, das würde sie machen, sobald Jörg das Haus betrat.

Sie deckte den Auflauf mit einem schneeweißen Tuch zu, damit er warm blieb, und ging zum Fenster. Ihr Fachwerkhaus lag mitten in einer Siedlung, genau gegenüber der Bushaltestelle, an der Jörgs Bus bald ankommen würde.

Sie hatte Jörg seit drei Monaten nicht mehr gesehen. Er arbeitete im Dreimonatsrhythmus auf Montage in den Alpen. Drei Monate dort, drei Monate zuhause. Marthe vermisste ihn sehr so ein Haus brauchte schließlich eine Hand, die zupackt und sich kümmert.

Das Haus war ihr Eigentum gewesen, bevor sie ihren Jörg vor fünf Jahren heiratete. Er hatte damals noch eine Wohnung in Hannover. Nach einigem Überlegen und Abwägen beschlossen sie, das städtische Appartement zu verkaufen und das größere Haus in der Lüneburger Heide gemeinsam zu bewohnen. Mit dem Geld versuchte Jörg ein Geschäft aufzubauen, das allerdings grandios scheiterte seit drei Jahren war er deshalb im Schichtdienst unterwegs.

Das Geld reichte, aber diese drei Monate allein waren für die achtundzwanzigjährige Marthe eine große Belastung. So allein in den Tagen, da vergaß sie manchmal, dass sie überhaupt verheiratet war.

Kinder gab es keine. Jörg wollte sie noch nicht. “Wenn ich alle paar Monate weg bin, wie willst du das allein machen? Lassen wir uns noch ein bisschen Zeit. Wenn ich was Festes in der Nähe finde, dann reden wir weiter, ja?”, hatte er immer wieder gesagt.

Doch ein richtiger Job in der Nähe rückte nicht in Sicht. Und das Geld war immer gleich schon für Reparaturen und kleinere Katastrophen weg. Wie jetzt gerade das Dach leckte neuerdings, bei Regen sammelte sich ein feuchter Fleck über dem Gästezimmer. Marthe hatte einen Eimer daruntergestellt der füllte sich jedes Mal, wenn Wolken über das norddeutsche Land zogen. Jörg wusste bescheid; sie telefonierten fast täglich. Gleich nach seiner Ankunft wollte er das Dach in Ordnung bringen kein billiger Spaß.

Guter Mann, ihr Jörg. Tatkräftig und fürsorglich. Jeden Abend rief er an, fragte nach ihr. Marthe liebte ihn sehr, ahnte aber, dass sein Heimkommen heute anders sein würde. Flugzeug gelandet vor zwei Stunden, jetzt war er mit dem Regionalbus unterwegs.

Da, der Bus! Ihr Herz machte einen Sprung. Jörg stieg aus, die riesige Reisetasche über der Schulter.

Normalerweise winkte er sofort lachend zum Fenster hinauf, aber heute war alles anders. Jörg war nicht allein. In seiner anderen Armbeuge trug er ein Kind einen kleinen Jungen. Vielleicht zwei Jahre alt, schwer zu schätzen. Jörg sah ernst aus. Er winkte nicht.
Marthe stand wie angewurzelt hinter dem Vorhang. Wessen Kind war das? Vom Kollegen? Warum trug er es dann so selbstverständlich nach Hause? Wieso traute man so einen kleinen Jungen gerade Jörg an, der doch nie mit Kindern umgegangen war?

Jörg kam ins Haus, warf die Tasche achtlos beiseite und stellte den Jungen vorsichtig auf den Boden. Verängstigt klammerte sich das Kind an seine Beine, saugte am Daumen, große Augen, fassungslos wie Marthe selbst. Sie stand schweigend in der Diele.

“Na, Marthel, küsst du deinen Mann gar nicht nach der langen Zeit?” Jörg streckte die Arme aus, doch auch in seinen Augen lag kein Glanz. Sie umarmte ihn flüchtig, wie in Zeitlupe, und brachte mühsam die Worte heraus:
“Jörg… wessen Junge ist das? Was ist hier los?”

Jörg seufzte schwer, führte den Jungen an der Hand: “Komm, Tobi, ich zeig dir was. Schuhe aus, dann gehen wir ins Zimmer.” Er ließ den Jungen auf dem Bett Platz nehmen, gab ihm ein Modellflugzeug sein ganzer Stolz, sonst von Marthe immer mit spitzen Fingern abgestaubt. Das allein zeigte ihr, dass heute alles aus dem Ruder lief.

“Spiel mal, ja? Die Tante Marthe und ich müssen sprechen.” Er schloss leise die Tür.

“Kümmert sich meine Frau ein wenig ums Essen?” versuchte er sich an einem Lächeln.

Marthe goss Eintopf in einen Teller, schnitt vom Auflauf ab und setzte sich nervös gegenüber. Er aß schweigend, starrte in den Teller.

“Das ist mein Sohn”, sagte er dann plötzlich. “Tobi ist mein Sohn.”

Marthe japste leise nach Luft. Alles in ihr wollte, dass er loslachte, einen Scherz machte, aber Jörgs Lippen blieben ernst.

“Es ist passiert, Marthe.” Er griff ihre Hand. “Drei Monate für einen Mann ist das lang. Es gab da was mit der Köchin auf der Station. Zwei-, dreimal nur, plötzlich war sie schwanger.”

“Und mir sagst du immer, es sei zu früh für Kinder? Und dann hast du einen eigenen!”, keuchte Marthe vor Bitterkeit.

“Ich habe es nicht gewollt ehrlich! Sie hat mir vom Kind erst erzählt, als es schon da war. Und dass Tobi von mir ist, kann nicht zweifeln. Schau ihn dir an, er sieht aus wie ich!”

Nein, Marthe hatte das Kind gar nicht betrachtet. Jetzt war es ihr nur ein greifbarer Beweis, ein Splitter Treuebruch in ihrer Diele. Etwas ergab für sie keinen Sinn: “Warum bringst du das Kind hierher? Und wo ist seine Mutter?”

“Das ist die Sache: Sie lebt nicht mehr. Sie kam abends später raus, hat einen Umweg gemacht, und der Bär angeschossen, völlig wild, hat sie erwischt. Ich musste Tobi offiziell anerkennen. Es blieb mir gar nichts anderes übrig. Nun… musste er mit.”

“Und was jetzt?”, fragte Marthe, ganz klein und leise.

“Was du willst, Marthel. Willst du uns rauswerfen, gehen wir. Aber ich schwöre ich liebe nur dich. Es war ein bloßer Ausrutscher, nie wieder! Ich werde dir aufrichtig treu sein, für immer.”

Sie sah, wie ehrlich er sich quälte. Marthe war jahrelang in den Rhythmus seiner Ankünfte und fortwährenden Abwesenheiten eingewoben. Ohne Jörg konnte sie sich nichts denken. Sie würde ihm verzeihen aber was sollte sie nur mit dem Kind anfangen?

“Und was mit Tobi?”, wisperte sie.

“Marthel, wohin soll ich meinen Sohn geben? Wenn du uns nicht willst ich gehe mit ihm. Verzeihst du, bleibe ich. Nur, es wird nie mehr geben als diesen einen Ausrutscher, das schwör ich!”

Das war schwer wie sollte sie das Kind einer fremden Frau annehmen, auch wenn es ihres Mannes war? Jörg würde täglich um das lebende Zeichen der Untreue kreisen

Marthe stand stumm auf, trat in den Regen hinaus. Sie streunte ziellos durch die Straßen, starrte auf die Welt. Beim Fluss, als ihr der Gedanke an die Brücke kam, schüttelte sie ihn schnell ab. Irgendwie wusste sie, ihre Liebe war stärker als ihr Zorn. Sie würde sich dem Jungen stellen, sich daran gewöhnen müssen.

Erst spät in der Nacht kehrte sie heim. Jörg schlief längst im Ehebett, der fremde Junge lag auf einem provisorischen Sessel, ein Nachtlicht schimmerte auf seinem schmalen Gesicht. Schlaflos stand Marthe da, betrachtete ihn. Zart, blass, unruhig zuckte er im Schlaf. Was dieser Junge hinter sich hatte, war viel auch er hatte ganz frisch seine Mutter verloren. Marthe mühte sich, Mitgefühl zu empfinden, aber es kam nur Frösteln.

Tobi war zwei, sehr ruhig und ängstlich. Marthe zeigte keine offenen Vorwürfe, doch das Kind fühlte instinktiv, dass es nicht willkommen war. Es klammerte sich an Jörg, der keine große Zuneigung zeigte, sondern nur pflichtbewusst badete, fütterte, ihm ein neues Holzspielzeug hinstellte, damit der Kleine sich selbst beschäftigen konnte.

Marthe sprach mit niemandem. Sie geisterte durch die vertrauten Räume, wie ein Schatten. Jörg verhielt sich erst vorsichtig, dann da sie ihn nicht rauswarf wie immer. Er reparierte das Dach, pinselte die Zimmerdecke, und so kamen sie ins Gespräch. Zuerst waren die Sätze kurz, am Monatsende redeten sie wieder wie früher. Ihren Mann verzieh sie, doch das Kind konnte sie nicht sehen. Das sollte Jörg machen.

Zwei Monate vergingen, und Marthe spürte eine neue Sorge. Bald müsste Jörg wieder auf Montage. Was würde aus dem Jungen werden? “Marthe, ich kann ihn nicht mitnehmen. Den kann ich doch nicht in den Baucontainer stecken! Klar bleibt er hier, und ich habe schon einen Platz im Kindergarten organisiert. Du wirst ihn morgens bringen und abends abholen. Ich zwinge dich nicht, ihn zu lieben das sehe ich. Aber Tobi ist sehr selbstständig, er macht keinen Ärger.”

Tobi, mit seinen großen, blassen Augen, lauschte vor der Tür. Marthe fragte sich, ob ein Zweijähriger das alles begreifen konnte. Offenbar verstand Tobi mehr, als sie dachte nach Jörgs Abreise stand er wie abgekapselt im Haus. Anstandslos zog er sich für den Kindergarten um, ging neben Marthe, ohne zu sprechen. Sie brachte und holte ihn schweigend, abends stellte sie ihm einen Teller hin, wieder sprach niemand.

Eines Nachmittags schob Tobi den Teller weg, murmelte, er wolle nicht essen, und ging in sein kleines Zimmer. Marthe sah immer wieder an der Tür nach. Tobi spielte nicht, baute keine Holzeisenbahn. Er lag mit geschlossenen Augen da, still. Erst glaubte Marthe, er schlafe, doch dann bemerkte sie: Sein Gesicht war ungewöhnlich rot. Als sie zögernd seine Stirn berührte, spürte sie Hitze, wie von einem Ofen. Sie rüttelte an seinen Schultern, er wurde kaum wach, und als er endlich die Augen öffnete, blickte er wie durch Schleier.

“Tobi, bist du krank? Tut dir was weh?” kniete Marthe sich zu ihm. “Seit wann?”

“Seit zwei Tagen Kopf und Hals… Im Kindergarten musste ich gestern spucken.” Die Stimme war schwach, jedes Wort mühsam. Marthe riss das Fieberthermometer heraus, schnappte sich das Telefon über vierzig Grad zeigte das Fieber. Eilig eilte sie zum Fenster, wartete fieberhaft auf den Krankenwagen und biss sich dabei die Lippen blutig.

“Tobi, warum hast du niemandem was gesagt? Hast Angst vor mir gehabt, schüchternes Kind… Was hast du verbrochen, kleiner Kerl?” flüsterte sie.

“Wir nehmen ihn stationär auf, der Junge rasselt beim Atmen”, murmelte die Notärztin, nachdem sie Tobi abgehört hatte. Marthe wickelte den Jungen in eine Decke und stieg mit ihm ins Auto.

Im Krankenhaus erklärten sie: “Das ist der Sohn meines Mannes, ich… adoptiere ihn gerade. Bald bin ich seine Mutter.” Sie wollte lügen, doch merkte, wie wahr es wurde. Noch während sie den fiebernden kleinen Körper an sich drückte, taute in ihr das Eis allein durch die winzigen Hände an ihrem Hals.

Zwei Wochen blieben sie in der Klinik. Marthe wurde zur Schutzpatronin der Station, maß stündlich Fieber, tischte Alarm bei jedem Ausschlag an. Lohn waren strahlende Kinderaugen und das erste “Mama” später erst, als Jörg wiederkam. Da weinte Marthe ganze Nächte. Nun war Tobi offiziell ihr Sohn, ihren Namen trug er und lebte schon längst in ihrem Herzen.

Anderthalb Jahre später war Tobi kaum wiederzuerkennen: fröhlich, lebhaft, hing an Marthe wie eine Klette, kümmerte sich kaum noch um den Vater. Jörg war es recht, er seufzte befreit.

Dann aber Katastrophe. Jörg fuhr zum Einsatz, wenig später die Nachricht: Ein Bus voll Monteuren war in eine Schlucht gestürzt, hundertmal überschlagen, unter Schnee begraben die Hälfte der Toten blieb verschwunden, darunter Jörg…

Marthe zerbrach fast an der Trauer. Nur Tobi hielt sie in der Welt. Sie war froh, nicht allein zu sein.

Nach einem Jahr wurde Jörg offiziell für vermisst erklärt, ein Jahr später sollte er für tot gelten… Noch zwei Wochen bis dahin und dann…

Eines regendurchnässten Frühlingstags kehrte Marthe mit Tobi vom Spaziergang zurück. Die Tür war unverschlossen sie achtete kaum darauf, zu sehr beschäftigt, ob Tobi nasse Füße hatte. Sie zog ihm die Schuhe aus, prüfte die Socken und schickte ihn, sich umzuziehen.

“Ich setz Wasser für Tee auf, dann machen wir’s uns gemütlich”, lachte sie gerade als sie auf der Türschwelle erstarrte.

Am Küchentisch saß, ganz selbstverständlich, Jörg aß vom Butterkuchen, den sie am Morgen gebacken hatte.

“Keine Angst, Marthel, ich lebe”, sagte er mit einem Augenzwinkern, stand auf, als sie wankte. “Ich war nicht in dem Bus, ehrlich!”

“Und wo warst du dann zwei Jahre lang?”, fragte Marthe mit schmerzerfülltem Flüstern.

“Ich lebte bei einer anderen Frau. Eigentlich wollte ich zur Schichtarbeit, war schon fast im Bus, da rief mich eine alte Bekannte, sie wolle runter an den Bodensee, Immobilien kaufen, suchte Begleitung. Wohlhabend war sie, weißt du. Älter als ich, aber das spielt ja keine Rolle. Dann, am See, hörte ich von dem Unglück dachte: Das ist mein Schicksal. Für dich sterbe ich, lebe aber neu mit ihr.”

“Du… bist… ein Scheusal…” Marthe brachte die Worte kaum heraus. “Was glaubst du, habe ich in der Zeit durchgemacht? Warum bist du jetzt wieder da?!”

“Marthel wir haben jetzt Geschäft zusammen, alles läuft gut. Wir wollen heiraten. Ich brauche die Scheidung… und Tobi nehme ich auch mit.”

“Was? Tobi? Wozu?”

“Sie kann keine Kinder bekommen, will aber unbedingt eins. Tobi soll ihr Sohn werden… Wir werden heiraten, ihn mitnehmen, alles ist geregelt du hast ja keine eigenen.”

“Nie! Nie im Leben gebe ich dir meinen Sohn!”; schrie Marthe plötzlich. Ihre Finger krallten sich um eine Kuchengabel. Jörg wich zurück.

“Du bekommst die Scheidung aber vergiss Tobi. Finger weg, sonst zerreiße ich dich! Tobi ist mein, er bleibt, ganz egal, was du willst. Das ist kein Spielzeug für dich!”

“Leg die Gabel hinten hin”, flehte Jörg und atmete durch, als sie sie fallen ließ. “Du bist außer dir, Marthel. Das ist nur… Eifersucht. Der Junge ist nicht deiner.”

“Nicht meiner? Wir fragen ihn gleich selbst!” Marthe ging zur Küchentür, doch Tobi stürzte schon zu ihr, klammerte sich an sie und weinte.

“Mama, ich will bei dir bleiben. Gib mich ihm nicht!”

Aber, Jörg, hörst dus?” Marthe hob den Jungen auf den Schoß. “Mein Sohn, ich gebe ihn nie her. Du bekommst deine Scheidung, aber Tobi bleibt. Versuch ja nie, ihn mir wegzunehmen!”

“Von mir aus!” Jörg wollte aufbrechen, stopfte aber den restlichen Butterkuchen in den Mund. “Wie du willst du bist die Dumme! Spiel jetzt mit deinem fremden Jungen weiter. Mit Kind nimmt dich eh keiner nochmal!”

“Mir egal. Noch so ein Kerl wie du, und ich dreh ganz durch! Uns beiden gehts gut, Trottel!”, rief Marthe ihm nach.

Ihre Worte hallten im Haus nach wie der seltsame Klang eines Traums, den man selbst beim Erwachen nicht ganz begreift.

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Homy
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Von der Schicht heim – aber nicht allein: Als Viktor zurückkam, trug er ein kleines Kind im Arm… Lenas Küche duftete nach frischem Fischkuchen, während draußen der Bus mit ihrem lang ersehnten Ehemann hielt. Drei Monate hatte sie auf Viktor gewartet – und jetzt kam er zurück, doch nicht allein: In seinen Armen hielt er einen kleinen Jungen. Die überraschende Heimkehr wirft Lenas Welt durcheinander, denn der Junge entpuppt sich als Viktors Sohn mit einer anderen Frau. Nach und nach muss sich Lena entscheiden, ob sie das Kind akzeptiert – und schließlich wächst aus Schmerz und Zweifel etwas Neues. Doch als Viktor plötzlich verschwindet, wird Lena auf eine harte Probe gestellt. Jahre später kehrt der Totgeglaubte unerwartet zurück und fordert sein altes Leben und seinen Sohn ein. Jetzt steht Lena vor einer letzten, alles entscheidenden Wahl…
Ist dieser Bus schon abgefahren? – fragte der eilende Mann an der Haltestelle — „Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, ob der Bus schon weg ist?“ – ein außer Atem geratener Mann lief zur Bushaltestelle. Kein Jüngling, sondern ein richtiger Kerl, bestimmt schon über fünfzig, mit Jacke und Jogginghose, auf der Schulter eine abgenutzte Sporttasche. Ein gewöhnliches Gesicht mit Schnurrbart – so einen mochte Larissa Andreeva noch nie –, drehte sich weg und schwieg. „Frau, ist es denn so schwer zu sagen? Ob der letzte Bus schon weg ist oder nicht? Sie warten doch auch darauf?“ – Der Mann hatte wieder Luft geschnappt und warf dazu seine schwere Tasche auf die Bank neben Larissa Andreeva. „Ich warte gar nicht“, entgegnete sie gereizt, dachte aber, es ist schon spät und wer weiß schon, wer er ist – antwortete dann freundlicher: „Vor etwa fünf Minuten ist irgendein Bus gefahren, habe nicht darauf geachtet.“ „Na wunderbar!“ – Der Mann plumpste auf die Bank, sodass Larissa Angst bekam, sie würde unter seinem Gewicht gleich auseinanderbrechen, und sprang auf. „Haben Sie ihn etwa auch verpasst?“ – ließ der Mann nicht locker! Schon fast unangenehm! Larissa zog ihren Mantel zurecht und beschloss, nach Hause zu gehen – es wurde spät. Vor einer Stunde hatte sie plötzlich das Bedürfnis verspürt, aus dem Haus zu gehen. Sie bekam kaum Luft, war einsam – das war ihr in ihrem Leben noch nie passiert. Ihr ganzes Leben hatte Larissa Andreeva allein gewohnt – und war dabei sehr glücklich gewesen. Ihre Freundinnen heirateten, bekamen Kinder, sie aber wollte das alles nie. Ihre Mutter hatte auf dem Dorf ein Kind nach dem anderen geboren; drei davon kamen ins Kinderheim, Larissa – die Älteste – war damals in die Stadt geflohen. Dort absolvierte sie die Berufsschule, wurde Buchhalterin und arbeitete ihr ganzes Leben im Café „Goldenes Zeitalter“ im Stadtzentrum. Fröhliche Musik, leckeres Essen! Anfangs war sie nur Buchhalterin, dann sogar Chef-Buchhalterin bis zur Rente. Hochzeiten, Jubiläen – langweilig war ihr nie. Gute Bezahlung, gutes Essen, sie kaufte sich eine Wohnung, fuhr in den Urlaub – auf ein anderes Leben hatte Larissa Andreeva nie gehofft. Vor einem Jahr verkündete der neue Cafébesitzer, dass Larissa Andreeva keine Ahnung von modernen Arbeitsmethoden habe und ihm vieles an ihr nicht gefalle. Er schickte sie in Rente – dabei hatte Larissa selbst nie geplant, das zu tun. Anfangs suchte sie noch eine neue Stelle. Dann merkte sie, das Angebotene gefiel ihr nicht, das, was ihr gefiel, war nur für Junge. Sie ließ es bleiben – sie hatte ihre Ersparnisse, klein, aber ausreichend. So war sie endgültig in Rente – in die größte Freiheit ihres Lebens. Anfangs war das super, keine Pläne, kein Wecker, sie machte Stadttouren und nahm sogar an Nordic-Walking-Kursen im Park teil. Plötzlich wurde ihr alles zu viel, und in dieser Nacht war sie einfach hinausgegangen, hatte sich auf eine Bank an der Bushaltestelle gesetzt. Autos fuhren vorbei, Lampen leuchteten, Menschen gingen und redeten – sie aber saß dort und fühlte sich, als gäbe es sie gar nicht, nur diese laute Stadt. Die lebt ihr Leben, aber ihres? Ist völlig bedeutungslos! Sie ist für niemanden wichtig, für absolut niemanden – auf der ganzen weiten Welt! Und dann – plötzlich dieser Mann! — „Haben Sie denn auch kein Zuhause, gnädige Frau? Ich hab’ schon mal hier auf der Bank übernachtet, morgens den ersten Bus genommen. Wohne draußen vor der Stadt, hatte Spätschicht – war zu spät, naja, da waren die Nächte wärmer, heute ist’s kühl! Aber halb so wild, ich hab Wurstbrote dabei, keine Angst, gnädige Frau. Schauen Sie, das Brot ist frisch, die Wurst fein, ich hole den Thermoskanne – dann trinken wir noch heißen, süßen Tee, dann wird uns wieder warm.“ Ganz unvermittelt wurde der Mann freundlicher und legte Larissa Andreeva ein Sandwich in die Hand. Sie wollte zuerst ablehnen, spürte aber plötzlich großen Hunger. Sie hatte kein Abendessen gehabt und auch zum Mittag nur wenig gegessen. Ein Bissen – und wie das schmeckt! Sie hatte schon ewig keine Wurst mehr gekauft – wegen der Diät. Aber jetzt: frisches Brot, Wurst, mmm! Der Mann lachte herzlich: „Na, schmeckt’s? Hier, vorsicht, der Tee ist heiß. Wie heißen Sie überhaupt?“ „Larissa Andreeva“, antwortete sie mit vollem Mund. Der Mann nickte erfreut: „Larissa heiße Sie! Ich bin der Onkel Dmitrius – naja, Dmitrij Iwanowitsch. Früher in der Fabrik gearbeitet, rausgeflogen, jetzt als Sicherheitsmann, Schichtdienst. Eigentlich ganz okay. Meine Mutter ist leider krank, schon alt – für ihre Medikamente arbeite ich noch, vielleicht hält sie noch durch. Familie hatte ich mal; ist auseinandergegangen. Der Sohn ist erwachsen, Frau zu einem anderen – tja, so ist das Leben!“ Seufzte, lächelte, aber plötzlich wurden seine Augen traurig. „Larissa, weit bis nach Hause? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen? Mir bringt das nachts nix, rauszubringen, dann komm ich nicht mehr rein und doppelte Gebühr ist zu teuer. Für Sie müsste es reichen“, sagte Onkel Dmitrij und sah sie an. Larissa dachte plötzlich an ihren Schulfreund Kolja zurück – in der Schule hatte sie oft Hunger, und der brachte ihr Brote mit, sah sie genauso freundlich und ein bisschen spöttisch an wie der Mann jetzt. Da fühlte sie sich plötzlich wieder jung, als hätte es das andere Leben mit „Goldenes Zeitalter“ gar nicht gegeben, als wäre sie nicht einfach in den Ruhestand abgeschoben worden. Larissa aß das Sandwich, trank den süßen, heißen Tee und sagte plötzlich, ohne es selbst zu erwarten: – „Kommen Sie mit zu mir, Onkel Dmitrij, müssen ja nicht auf der Bank schlafen! Mein Haus ist direkt hier, Sie brauchen nicht weg. Aber: Benehmen Sie sich – ich habe eine schwere Hand, denken Sie nicht, dass ich keine junge Frau mehr bin!“ Der Mann sah sie erstaunt an, dann das Haus hinter ihr, dann wieder Larissa Andreeva. „Warum sitzen Sie dann hier draußen? Auf wen haben Sie gewartet?“ „Ich habe auf niemanden gewartet, gibt keinen mehr zu warten, gehen Sie jetzt mit?“ Larissa drehte sich um und ging nach Hause. Dmitrij Iwanowitsch nahm seine Tasche: „Na klar – komisch fühlt sich’s an! Aber… also ich, also keine Sorge, ich schlaf auf dem Boden im Eck und bin morgens wieder weg. Danke, ist echt kalt…“ Dmitrij Iwanowitsch folgte Larissa, staunend und kopfschüttelnd. Am Morgen wachte Larissa vom Klopfen auf. Kam aus dem Zimmer – Dmitrij war schon wach, hatte auf dem Küchensofa geschlafen und bastelte jetzt am Spülkasten: – „Dein Spülkasten tropft, Larissa, ich hab’s repariert, hab ich mir das Frühstück verdient?“ sagte er grinsend, sie staunte. Fremder Mann, im T-Shirt, graue, feuchte Haare – wohl gerade gebadet. Aber in ihr Freude und Wärme, warum auch immer. – „Na dann, Frühstück, Onkel Dmitrij! Hast es verdient. Magst du Omelett mit Tomaten?“, lächelte Larissa. – „Übrigens, meine Waschmaschine spinnt auch, und…“ So blieb Dmitrij Iwanowitsch bis zu seiner nächsten Schicht bei Larissa Andreeva. Rief seine Mutter an – auch sie war zufrieden und er blieb da. Jetzt leben sie zusammen. Dmitrij arbeitet alle drei Tage, Larissa wartet daheim und kocht für ihn Gerichte wie im Restaurant. Mitya küsst ihre Hände: „Larissotschka, ich hab gewusst – du hast auf mich gewartet. Ich hab mich nicht umsonst verspätet – unser Schicksal! Entschuldige, du warst so allein, ich durfte dich nicht einfach so lassen. Hätte nie gedacht, dass ich so lieben kann – was für ein Glück!“ Sie fahren oft zu seiner Mutter, sie ist über 80, aber immer noch fit und energisch. Larissa fühlt sich bei ihr wie ein Mädchen. Und seine Mutter Marija Polikarpowna ist überglücklich: Endlich ist auch für ihren Mitya das Glück gekommen, endlich hat er jemanden zum Leben! – Haben Sie auf den letzten Bus gewartet – oder auf jemanden, der mit Ihnen ein neues Zuhause findet?