Wir sind uns begegnet, aber nicht wirklich verstanden
Wirst du nicht zu spät kommen? Wann fährst du los, Klaus?! Klaus… Eva rüttelte ihren Mann an der Schulter. Doch er stellte sich schlafend und wedelte abwehrend mit der Hand, als wolle er sagen, er stehe schon rechtzeitig auf und komme schon nicht zu spät. Eva sah auf ihr Handy es war erst sieben Uhr morgens.
Und warum bin ich überhaupt an einem Samstag so früh wach? Ich habe doch gestern schon seine Tasche gepackt, dachte Eva, und überlegte, sich wieder unter die warme Bettdecke zu kuscheln. Doch dann
Plötzlich überkam sie wieder dieses merkwürdige Unbehagen, das sie in letzter Zeit immer häufiger heimsuchte. Eigentlich sollte sie sich keine Sorgen machen: Ihr Mann lag neben ihr, die Wohnung lag zentral, geschmackvoll renoviert, Designermöbel, hochwertige Elektrogeräte. Klaus fuhr ein schickes Auto, Eva ebenso. Erst neulich hatten sie sich ein Haus am Stadtrand in einem exklusiven Wohngebiet gekauft. Sie hatten wirklich alles, was man sich wünschen kann.
Viele können von solch einem Leben nur träumen. Versuche doch mal, zur Miete zu wohnen, jeden Morgen mit der S-Bahn zur Arbeit zu fahren, abends mit den Hausaufgaben der Kinder beschäftigt zu sein, für alle zu kochen, die Kreditraten abzustottern, Geld für die Schule zu bezahlen Kaum schläfst du ein, da klingelt schon wieder der Wecker und alles fängt von vorne an. Ich könnte mit deinen Sorgen leben! Was soll dieses seltsame Gefühl? Was ist nur los?!
Genau dieses Gefühl war es! Eva hatte mittlerweile gelernt, es zu erkennen. Eine grundlose Unruhe, ein Stechen in der Brust, eine Vorahnung von Unheil, und das dumpfe Gefühl, als entgleite ihr etwas Wichtiges. Es kam aus dem Nichts und verschwand genauso plötzlich. Dann hatte sie eine Weile Ruhe, bevor es wiederkam.
Auch an diesem Morgen überfiel das unangenehme Gefühl Evas Herz ohne jede Vorwarnung. Sie stand auf, warf einen letzten Blick auf ihren schlafenden Mann und ging in die Küche. Klaus fuhr mal wieder auf Dienstreise. Wie sehr hatten sie ihn in letzter Zeit damit geplagt! Vor anderthalb Jahren war dort ein neuer Chef gekommen, der das Gehalt deutlich erhöht hatte, und Klaus arbeitete inzwischen bei einer großen, vielversprechenden Firma. Er war einer der besten Leute, Abteilungsleiter sogar. Aber dieser Job nahm ihm zuviel Zeit! Und jetzt schickten sie ihn sogar am Wochenende auf Reisen.
Eva bereitete das Frühstück zu und ging zurück ins Schlafzimmer, um ihren Mann zu wecken.
Klaus, komm, jetzt steh endlich auf! Beweg dich, sonst kommst du zu spät zur Dienstreise. Du hast gesagt, ihr fahrt am Nachmittag, oder?
Ja, nach murmelte Klaus schlaftrunken und erhob sich schließlich.
Los, das Frühstück steht auf dem Tisch.
Mhm, brummte er und folgte ihr in die Küche.
Beim Frühstück vertiefte sich Klaus sofort in sein Handy. Eva hatte schon länger bemerkt, dass sie und ihr Mann kaum noch miteinander sprachen und sich immer weiter voneinander entfernten. Nein, sie stritten sich nicht. Es war eigentlich alles in Ordnung ab und zu brachte er ihr Blumen mit, manchmal ließ er sich von ihr zu einem Restaurantbesuch überreden, auf Spaziergänge, zu Freunden oder ins Kino. Aber es war nicht mehr wie früher.
Klaus, nimm mich doch mal mit auf Dienstreise! fragte Eva plötzlich.
Mhm, antwortete Klaus, ohne von seinem Telefon aufzusehen.
Ach komm, ist doch keine große Sache! Ihr seid doch im Hotel, oder? Tagsüber bist du mit den Kollegen unterwegs, abends wären wir für uns.
Was?! Wie meinst du das? Nein, wie kommst du da drauf? Klaus erschrak, als er bemerkte, was Eva wollte.
Warum denn nicht, Klaus? Was ist denn so schwer daran? Du fährst doch mit dem Auto?
Ja, schon, aber was willst du dort? Es ist Wochenende, ruh dich doch hier aus. Ich komme Montag oder Dienstag zurück.
Aber ich war doch noch nie in dieser Stadt. Ich könnte bummeln gehen, einkaufen, vielleicht ins Museum…
Ach, bitte! Das ist ein verschlafenes Nest, da gibt es nichts Sehenswertes! Haben wir hier nicht genug Läden? An jeder Ecke!
Klaus, mir ist hier langweilig! Du würdest mich gar nicht stören seufzte Eva.
Eva, nein! Wenn du verreisen willst, nimm dir Urlaub und fahr doch! fuhr Klaus sie genervt an.
Allein? Ich will doch Zeit mit dir verbringen! Wir sind verheiratet, schon vergessen?!
Eva, nicht schon wieder! Ich habe dir schon hundertmal erklärt, dass es auf der Arbeit gerade extrem stressig ist! Mein Chef ist ein Tyrann! Was soll ich denn machen, wenn ich am Wochenende weg muss?!
Komisch, dass immer nur du fahren musst! Letzte Woche habe ich Markus von deiner Firma mit Frau und Kindern im Einkaufszentrum gesehen. Aber du, du hast natürlich gearbeitet! Eva wollte keinen Streit, schon gar nicht vor der Abfahrt, aber es platzte aus ihr heraus.
Und jetzt willst du mir wieder alles vorhalten?! Danke fürs Frühstück! Klaus stand auf und verschwand im Bad.
Eva räumte auf, während Klaus fernsah. Dann packte sie ihm noch Brote und Tee für unterwegs ein.
Eva, wo ist meine Tasche? Kam seine Stimme aus dem Flur.
Steht auf der Kommode, antwortete Eva ruhig.
Also, ich bin dann weg. Nimms mir nicht übel, aber dort gibt es wirklich nichts zu tun.
Schon gut, ist nicht schlimm. Bis dann.
Klaus verschwand, und Eva blieb zurück. Es war Samstag. Sie könnte eine der Freundinnen anrufen, abends ins Restaurant gehen, quatschen.
Doch wen sollte sie anrufen? Julia hatte einen Mann und zwei Kinder die kam sicher nicht. Marie war aufs Land gezogen und lebte jetzt dort aus der Stadt kam die auch nicht mehr. Katharina war nach Berlin gegangen, um die Welt zu erobern schon lange kein Lebenszeichen mehr. Jede hatte ihre eigenen Sorgen, Verpflichtungen, Kinder
Eva war fast achtunddreißig, und mit Klaus hatte sie keine Kinder. Wegen eines Fehlers in jungen Jahren einer schlechten Abtreibung. Damals hatten sie gerade erst zusammen in einer kleinen Mietwohnung gewohnt. Beide frisch ins Berufsleben gestartet, das Geld war knapp.
Manchmal dachte Eva über das Leben nach und erkannte: Ganz gleich, wie viel wir besitzen, wahres Glück findet sich dort, wo wir uns verstanden, gehört und geborgen fühlen. Denn am Ende zählen nicht Status, Wohnung oder Auto, sondern die Liebe und das Verständnis füreinander.




