Seit drei Monaten lebte sie nun ohne ihren Mann. Nachdem sie auf der Silvesterfeier im Flur eines Münchner Restaurants ihren Matthias dabei ertappte, wie er die junge Personalreferentin umarmte, wollte sie nicht länger mit ihm unter einem Dach leben.
Katrin putzte gerade das Fenster und blickte in den Innenhof. Auf dem Spielplatz spielte ihre fünfjährige Tochter Anna mit anderen Kindern und lachte.
Die Kinder tobten, aber Katrin war traurig.
Seit drei Monaten lebte sie ohne ihren Mann.
Nachdem sie auf dem Jahresabschluss im Restaurant ihren Matthias mit der jungen Kollegin gesehen hatte, konnte sie ihm nicht mehr vertrauen.
Immer wieder hatte Katrin Gerüchte über seine Untreue gehört, doch sie wollte nie daran glauben.
Aber als sie ihn mit eigenen Augen so nah mit einer anderen Frau sah, war nicht nur der Abend ruiniert, sondern ihr ganzes Leben.
So fühlte sie sich, als sie damals alleine durch die nächtlichen Straßen Münchens nach Hause lief.
Zehn Jahre waren sie verheiratet. Geheiratet hatten Katrin und Matthias gleich nach der Uni. Die Eltern waren zufrieden Erst die Ausbildung, dann die Familie, hatten sie immer gesagt.
Alles schien auf guten Wegen zu laufen. Beide fanden einen guten Job, die Eltern halfen beim Wohnungskauf, und Anna kam auf die Welt.
Vielleicht, weil sie schon zwei Jahre vor der Hochzeit zusammen im Studentenwohnheim lebten oder weil die Gefühle nachließen aber in den letzten Jahren war Matthias merklich kalt geworden.
Katrin spürte das und schob es auf seine Arbeit, auf seine Karriere. Auch sie wurde immer trauriger. Ihr Mann interessierte sich kaum noch für ihre Arbeit, ihre Sorgen, jedes Gespräch drehte sich um seine Erschöpfung und die immer gleichen Klagen.
Nach dem Streit an jenem Abend verließ Matthias die Wohnung, wollte ihr keine Vorwürfe mehr anhören und keine Tränen sehen.
Das konnte er nicht ertragen. Für Katrin aber änderte sich alles. Die Frau, die immer sicher in ihrer Beziehung war, erkannte, dass ihre Vorstellung von ewiger Liebe und Treue nur eine Illusion war.
Nachdem ihr Mann ging (und, wie sie durch Bekannte erfuhr, zur jungen Geliebten zog), fühlte sich Katrin wie ein hilfloses Kind, das die neue, graue Welt erst begreifen musste.
Sie lernte, nicht zu hassen, zu verstehen, sich anzupassen. Nur vergeben konnte sie Matthias nicht und er dachte auch nicht daran, um Verzeihung zu bitten.
Am meisten störte Katrin, dass nach so vielen gemeinsamen Jahren scheinbar nichts übrig blieb…
Sie konnte nicht begreifen: Wie konnte das sein? Ihre Eltern versuchten sie zu trösten, sogar die Schwiegermutter bat um Entschuldigung für ihren Sohn. Aber es half wenig.
“Vielleicht bin ich einfach ein Mensch, der bis zum Ende vertraut”, dachte Katrin.
Aber die Zeit verging, und Matthias dachte nicht an eine Rückkehr.
Anfangs sehnte sich Katrin nach seinen Reueworten, glaubte, sie würde darauf warten.
Doch keiner stand an ihrer Tür. Erst viel später verstand sie, dass selbst wenn er um Verzeihung bäte, sie ihn nicht mehr lieben, nicht mehr mit ihm leben könnte. Alles hatte sich unwiderruflich verändert…
Jetzt schien die Sonne durch das frisch geputzte Fenster, ein warmer Wind strich durch das Zimmer, und Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Katrin seufzte und trat vors Spiegel.
Im Spiegel sah sie eine erschöpfte, schlecht gekämmte Frau im alten Morgenmantel sich selbst Und sie schrak auf.
Plötzlich wollte sie alles ändern: ihr Aussehen, die Wohnung, neue Vorhänge, alles sollte anders sein, nicht mehr so grau und alltäglich. Sie legte das Tuch auf den Küchentisch und ging zum Telefon.
“Mama, ich will die Wohnung renovieren. Nein, für eine große Renovierung fehlen Geld und Kraft. Aber Tapeten, eine neue Lampe, Vorhangstangen, den Boden streichen und in der Küche neuen Bodenbelag. Gib mir die Nummer von der Handwerkertruppe, die bei deiner Nachbarin im Herbst gearbeitet hat.”
Eine Woche später kam der Bauleiter, ein Mann um die vierzig. Er schaute sich die Wohnung an und meinte:
“Viel Arbeit ist das nicht, aber wir sind aktuell ausgebucht, alles schon bis in den Sommer vergeben. Wollen Sie trotzdem warten?”
Katrin war enttäuscht. Der Bauleiter sagte dann:
“Ich habe einen guten Mann, der arbeitet tagsüber woanders, kann aber abends und am Wochenende weitermachen. Würde das passen?”
Katrin stimmte zu und sie besprachen die Preise.
Nun war Katrin ganz mit der Neugestaltung ihrer Wohnung beschäftigt.
Am nächsten Wochenende kaufte sie im Baumarkt alles Nötige ein. Der Handwerker, Paul, startete in der Küche.
Er rückte behutsam die Möbel, nach einem Tag war der Boden neu.
Katrin freute sich und lobte Paul, zusammen mit Anna spülte sie das ganze Geschirr.
Paul kam fortan abends vorbei. In wenigen Tagen erneuerte er die Elektrik und hängte die neue Lampe auf.
Katrin servierte ihm Tee und sie besprachen den nächsten Schritt: Tapeten in den Zimmern, dafür mussten alle Möbel verstellt werden.
Die Wohnung wurde nicht nur sauberer, sondern heller, freundlicher, viel offener, dachte Katrin.
Paul brachte selbstgebackene Kuchen seiner Oma und Bonbons zum Tee mit. Anna war begeistert und applaudierte, wenn Paul ihr neue Süßigkeiten mitbrachte.
Katrin wollte sich erkenntlich zeigen und lud den Handwerker zum Mittagessen ein.
Beim Essen redeten und lachten sie und wurden schnell gute Freunde. Eines Abends wagte Paul, nach Katrins Familienstand zu fragen. Er mochte die Frau sehr.
Und Katrin antwortete schlicht:
“Mein Mann hat mich verlassen. Wegen einer anderen.”
Paul schwieg kurz, dann fragte erstaunt:
“Geht man etwa von solch einer Frau einfach weg?”
Katrin wunderte sich selbst über ihre Gelassenheit. Früher hätte sie geweint. Jetzt sah sie in Pauls liebevolles Gesicht und verstand.
Die Renovierung schritt voran. Zum Bodenstreichen brachte Katrin Anna zur Oma, weil es zu stark nach Farbe roch und man den Boden nicht betreten durfte.
Auch Katrin wollte zu ihren Eltern, Paul malte zu Ende.
Damit war seine Arbeit darin erledigt. Sie verließen gemeinsam das Haus, um nach dem Streichen spazieren zu gehen.
Im Park nahm Paul Katrin sanft unter den Arm, und sie zog die Hand nicht weg. Es wurde dunkel, doch sie wollten sich nicht verabschieden.
Wie junge Verliebte setzten sie sich auf eine Bank und küssten sich. Sie konnten sich kaum voneinander lösen. Da musste Katrin plötzlich lachen.
“Warum lachst du?”, fragte Paul.
“Mädels parfümieren sich fürs erste Date mit französischem Parfüm Wir riechen heute nach Farbe, und das kilometerweit!”
Beide lachten.
Eine Woche später kehrte Katrin in ihre Wohnung zurück. Sie und Anna staunten über den glänzenden neuen Boden und das frische Ambiente.
Die Stimmung war wunderbar. Katrin hatte bereits das Abendessen vorbereitet und rief Anna zum Tisch, als es an der Tür klingelte. Paul stand davor mit einem Blumenstrauß und Torte.
“Der erste Gast!”, rief Katrin einladend. “Dank dir ist die Wohnung beinahe wie neu.”
“Ich habe noch meine Arbeitskleidung vergessen,” sagte Paul.
“Bist du nur deswegen gekommen?” schmunzelte Katrin.
“Nein, das nicht. Ich wollte mich für einen neuen Auftrag bewerben. Aber diesmal gratis.”
“Echt kostenlos?” lachte Katrin.
“Nicht ganz…,” Paul sah Anna an und flüsterte: “Ich sage später, welche Belohnung ich mir wünsche…”
Anna nahm Pauls Hand und führte ihn ins Zimmer, um ihre Spielsachen zu zeigen. Katrin ließ sich erleichtert auf den Stuhl sinken, legte den Kopf in die Hände. So glücklich war sie lange nicht gewesen.
Weil endlich ein Mann an ihrer Seite war, der sie liebte. Und weil sie vielleicht selbst wieder verliebt war.
Da klingelte es erneut.
“Wer kommt jetzt?” dachte Katrin. “Wahrscheinlich die Nachbarin, will das neue Wohnzimmer sehen.”
An der Tür stand ihr Mann.
“Du?” Katrin war überrascht.
“Bin ich etwa zu spät? Ich versuche schon seit einer Woche reinzukommen. Ich wollte einige Sachen holen.”
“Du solltest schon längst alles geholt haben, damit du uns nicht weiter störst,” sagte Katrin ruhig.
Aus dem Zimmer kamen Paul und Anna, Händchen haltend.
“Wer ist das?” Matthias starrte Paul an. “Ach so… Du hast die Zeit nach der Trennung offenbar gut genutzt. Habe gehört, du bist todunglücklich… Aber das ging ja schnell mit Ersatz!”
“Begrüß lieber deine Tochter.”
Matthias küsste Anna. Sie fragte arglos:
“Hast du mir auch Geschenke mitgebracht?”
Matthias war verlegen, sagte aber:
“Zum Geburtstag bekommst du was Schönes. Was wünschst du dir?”
“Ist mein Geburtstag bald?”, fragte Anna.
“Nein, erst in einem halben Jahr. Geh jetzt ins Zimmer, ich hole gleich Papas Koffer raus,” erwiderte Katrin.
Sie holte den Koffer und stellte ihn vor Matthias. Während sie weg war, schauten sich die beiden Männer misstrauisch an.
Als Matthias ging, wurde Katrin nachdenklich und ihr war das Herz schwer. Paul trat zu ihr, nahm sie in den Arm und fragte:
“Liebt du ihn noch?”
“Nein. Und sein Besuch war unangenehm.”
“Ist es dir unangenehm, dass ich jetzt hier bin?” fragte Paul erneut.
“Nein, du bist mein Gast. Mein Recht.”
“Ich möchte nicht nur ein Gast sein, Katrin. Oder nur der Handwerker. Ich will bei dir sein… Verstehst du? Heirate mich.”
“So schnell? Das geht doch nicht, Paul. Man soll nichts erzwingen. Meine Eltern würden es auch nicht verstehen.”
“Dann versprich mir, darüber nachzudenken. Ich dränge dich nicht. Aber ich habe lange nach einer wie dir gesucht und endlich gefunden…”
Paul stand auf und ging, ohne sich zu verabschieden, leise schloss er die Tür.
“Ich werde nachdenken, natürlich,” wiederholte Katrin in Gedanken, während sie Anna auf den Arm nahm.
Sie brachte ihre Tochter ins Bett. Am Rand von Annas Bettchen dachte sie nicht mehr an den Besuch ihres Mannes.
Vor ihrem inneren Auge stand Pauls Gesicht, und sie antwortete ihm:
“Natürlich denke ich darüber nach, aber bitte, eile dich nicht, mein Lieber”
Das Leben hat manchmal ganz eigene Wege, und oft beginnt Glück erst dort, wo wir Verlust und Schmerz überwinden. Manchmal helfen Veränderungen, um Platz für Neues zu schaffen und um Liebe zuzulassen, die lange auf uns gewartet hat.





