Als Semjon seine Uljana am Morgen Julia nannte: Frühstück, Ehekrise und ein Neuanfang in einem alten Elternhaus – wie eine Frau nach Untreue, Sekretärinnen-Drama und Dorfleben mit Schwein und Hund ihr Glück zwischen Trennung, Freundschaft und neuen Nachbarn im deutschen Alltag wiederfindet

Weißt du, letztens ist mir was passiert, das so ganz typisch für diesen ganzen Beziehungskram ist. Stell dir vor: Es war ein gewöhnlicher Morgen in Hannover. Ich wache auf, und Bernd, mein Mann, kommt näher, legt den Arm um mich und flüstert mir, noch halb im Schlaf, ins Ohr: Guten Morgen, Julia. Julia! Ich war wie vom Blitz getroffen ich heiße doch Franziska! Bernd schlummert wieder ein, total entspannt, während ich wie versteinert daliege. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter. Wann ist das passiert? Lief doch alles normal oder etwa nicht?

Bernd wacht schließlich auf, reibt sich die Augen und meint: Franzi, du bist ja richtig kalt, ich bin jetzt wach! Alles in Ordnung bei dir? Draußen ist 25 Grad, und du frierst unter der Bettdecke. Ich mache uns mal einen Tee.

Er geht fröhlich pfeifend in die Küche. Ich komme langsam zu mir, tapse ins Bad irgendwie fühlen sich meine Beine schwer an, und in meinem Kopf herrscht nur Durcheinander. Vielleicht hilft wirklich ein Tee.

Beim Frühstück wünscht Bernd sich Apfelpfannkuchen. Ich starre ihn an. Du hast mich eben Julia genannt. Er schaut mich irritiert an: Was? Das hast du doch geträumt, Franzi. Julia, Franzi kann morgens doch passieren. Deshalb bist du jetzt so mies drauf? Ach, diese Frauen! Erst was ausdenken, dann sauer sein. Na toll, jetzt fahre ich hungrig zur Arbeit.

Ich laufe noch wie fremdgesteuert durch die Wohnung, gieße die Pflanzen, backe ihm trotzdem Pfannkuchen und fahre, kaum angezogen, zu seiner Praxis. Wahrscheinlich habe ich mich wirklich verhört. Franzi, Julia. Schläfrig, passiert.

Dort in der Praxis, schon beim Reinkommen spüre ich dieses flaue Gefühl im Magen. Am Empfang sitzt eine neue Sekretärin jung, hübsch, mit einer Löwenmähne aus roten Locken und einer sehr auffälligen Oberweite.

Herr Dr. Wagner ist beschäftigt und empfängt heute niemanden wollen Sie sich für nächste Woche anmelden? sagt sie mit einem frechen Augenzwinkern.
Ich kann mich nicht beherrschen und kontere: Melden Sie sich lieber selber an, das brauchen Sie bestimmt dringender. Die Sekretärin guckt mich riesenentsetzt an: Wie bitte? Wer sind Sie denn überhaupt?
Franziska Wagner, Ehefrau von Dr. Bernd Wagner. Jetzt gehen Sie mal zur Seite.

Und aus dem Lautsprecher tönt Bernds Stimme: Julia, bringst du mir bitte einen Kaffee rüber? Julia? Ich muss ein bisschen schmunzeln.
Dann machen Sie halt. Ich bringe ihm den Kaffee.

Ich stürme ins Büro. Bernd sieht mich, wird kreidebleich. Franzi? Was ist denn jetzt los?
Ich stelle ihm den Kaffee hin, lege einen Teller mit Pfannkuchen dazu: Die Scheidungspapiere bekommst du per Post. Guten Appetit.
Er wird laut: Franzi, was soll das? Seit heute Morgen bist du wie eine Furie.

Die sitzt bei dir draußen und trägt ihre Locken zur Schau. Für einen Zahnarzt ganz schön billig mit so einer Sekretärin, findest du nicht?

Er seufzt genervt: Jetzt reicht’s, Franzi. Ich ziehe mich ne Woche in die Villa am Steinhuder Meer zurück, bis du dich abgeregt hast. Ruf mich an, wenn du wieder klar bist.
Zu spät. Ich ziehe noch heute aus. Sag ehrlich: Wieso?

Bernd schluckt den Kaffee, sieht weg: Ich habe Julia vor einem Monat eingestellt. Die frühere, Barbara, hat gekündigt. Ich dachte, Julia bleibt eh nicht lange.
Und mir hast du nichts gesagt? Früher hast du immer alles erzählt.
Es war einfach nicht relevant. Julia ist super in ihrem Job.
Na klar, im Job…
Im Job!

Er gerät ins Schwitzen. Es war ein Versehen! Ich wollte das nie.
Wer nicht will, tuts auch nicht. Ich packe jetzt meine Sachen.

Wohin? Bleib doch in der Wohnung!

Wozu? Ich habe doch mein Elternhaus in der Lüneburger Heide. Das alte Ding?
Es ist mein Zuhause. Und basta.

Als ich das Haus betrete, fühle ich mich mies. Nur noch Erinnerungen und der Geruch von alten Teppichen Meine Freundin Ursula ist auch da: Franzi, du hältst es hier doch keine Woche aus. Geh wieder zurück in die Stadtwohnung! Sonst verkauf das Haus, nimm ein paar Euro Kredit, schau dich um

Nee, Ursula, lass mal. Ich will das nicht. Könntest du hier wohnen?
Ich weiß nicht. Ich bin nicht in deiner Lage.
Ich öffne alle Fenster, lasse Luft rein: Ich finde, hier kann man gut leben. Der Ort ist ruhig, bis nach Hamburg sinds nur 20 Minuten mit dem Auto. Die Städter bauen hier Häuser wie wild. Ich war ewig nicht hier.

Aber du hast doch einiges zu renovieren! Und eine Bleibe brauchst du sofort. Komm vorübergehend zu mir Suse ist doch gerade bei Oma auf Ferien.
Die Jugendzimmer sind tabu.

Du bist echt streng.
Fällt dir der Geruch auf? Nach Gras und Kindheit und Landhaus.
Du schaffst das nicht alleine, Franzi.
Ich krieg das schon hin. Ich kann Arbeiter fürs Umgraben buchen. Ich hab Sparkonten. Fünf Jahre, seit Bernd die Praxis besitzt, habe ich von seinem Einkommen gelebt. Meine Lehrergehalt war laut ihm Taschengeld für Extras.

Bernd war immer okay, oder?
Dachte ich auch. Jetzt nicht mehr.
Kann ich mir vorstellen.

Ich hatte Lust, dieser Julia die Zähne rauszuschlagen dann macht Bernd ihr neue. Aber dabei würde ich mir wahrscheinlich selbst mehr wehtun!

Ach, Quatsch. Mit 40 geht das Leben erst los!
Wie erkläre ich das bloß meiner Tochter Johanna? Die schmeißt das Studium hin und kommt zurück, um mir zu helfen.
Verstehe ich total. Ihr seid zwanzig Jahre zusammen. Kein bisschen schade?
Schade ist das Po im Honig lass gut sein.
Du bist knallhart, Franzi.
Ist nur Stress, glaub ich. Pack lieber mit an gleich holen wir Wasser aus dem Ort, wischen, putzen…
Hotel wäre besser, und dann weg mit dem alten Kasten!
Das ist das Haus meiner Eltern ich will’s nicht hergeben.

Sebastian baut ein Luxushaus am Stadtrand, hättest du den bloß behalten! Da gibts alles, sogar Indoor-Pool und Fußbodenheizung.
Hier kriege ich auch alles hin. Lass uns losziehen zum Wasser hast du Lust?

Wir laufen zum ehemaligen Wasserhäuschen Auf einmal steht da ein modernes Haus mit hohem Zaun.
War ja klar, nach so vielen Jahren! Die Nachbarn drängen sich ran.

Schau, Franzi, deren Grundstück grenzt direkt an deines mit Absperrpfosten, nicht richtig zu. Die warten sicher, ob jemand im Elternhaus wohnt.
Vielleicht bauen sie noch einen Zaun.
Ah, ein Auto fährt vor. Die Eigentümer sind da.

Du hast Fantasie, Ursula.
Das Leben ist verrückter als jedes Märchen. Guck mal, der Typ dort gar nicht so übel, oder?
Jetzt gehts los, Ursula! Ich habe gerade Ehe-Aus und keinen Bock auf Männer.
Warum stehst du dann da wie angewurzelt?

Der Mann schaut mürrisch zu uns, Hände tief in den Taschen. Ursula ist still. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagt er enfin: Kann ich helfen?
Ich antworte patzig: Wasser wäre nett oder Brennholz.
Wem gehört das Haus hier?
Mir. Hier war früher die Wasserleitung ich brauche Wasser.
Nehmen Sie doch aus meinem Brunnen. Andere Zapfstellen gibt es seit Ewigkeiten nicht mehr.
Na dann. Ich mag eigentlich Brunnen nicht.
Haben Sie Trinkwasser? flüstert Ursula.
Natürlich, ich bin doch nicht blöd. Fahr lieber wieder nach Hause!

Am nächsten Morgen werde ich von lautem Quieken geweckt wie früher. Aber niemand backt Brötchen, niemand öffnet die Türen. Ich heule ein bisschen typisch Stress. Aber nochmal: Wo kommt das Quieken her? Und Schritte vor dem Fenster.
Hallo? Ich ruf die Polizei!
Nicht nötig, ich bin der Nachbar. Ich hole nur meinen Gustav.
Ich stehe im Pyjama auf dem Balkon. Was für ein Gustav?
Gustav! ruft der Typ, ignoriert meine Wut. Aus dem Gras taucht ein kleines, schwarzes Schweinchen auf.
Komm, Gustav, ab nach Hause, du Süßer.
Das Ferkel schleicht scheu an mir vorbei.
Ist der von besonderer Rasse?
Ehrlich gesagt keine Ahnung, ich bin kein Schweineexperte.
Und warum haben Sie ein Schwein?
Der ist zugelaufen, wohnt jetzt im Schuppen. Ganz ehrlich: Ich habe im ganzen Dorf gefragt, aber keiner vermisst Schweine. Und inzwischen hab ich den ins Herz geschlossen. Vielleicht ist Gustav vor dem Schlachten geflohen, und ich sollte ihn nicht zurückbringen.

Was sind Sie für ein Naturbursche?
Hier ist so herrlich ruhig, Hannover ist gleich um die Ecke Sie sind aber keine echte Dorfbewohnerin.
Wie kommen Sie darauf?
Ich habe Sie drei Jahre nie gesehen. Ihr Garten ist zugewuchert. Und Sie sind hübsch.

So, Kollege lassen Sie das. Ich habe die Scheidung am Hals, bin gestresst, und bin zu allem fähig. Ich bin hier aufgewachsen, und damals hatten hier alle Schweine. Und meine Hände sind kräftig genug, um Bäume zu fällen.
Gustav, komm wir hauen jetzt ab. Und bitte, keine Ausfälle Ihrerseits. Den Zaun mache ich bald, aber bis dahin ist Ihr Gras für Gustav ein Fest.
Tiere und Kinder tue ich nichts. Tschüss.

Am nächsten Morgen weckt mich ein Jaulen. Hunde, Ferkel, Nachbarn wann bekomme ich mal meine Ruhe und kann in Gedanken sortieren? Ich habe gestern gar nichts geschafft, bin durch die Gegend getapert, war im Edeka einkaufen. Garten bleibt halt Garten.

Direkt vorm Fenster hören ich wieder das Heulen, ein Welpe sitzt da.
Ich gehe zum Nachbarn rüber, klopfe, und nach langem Warten öffnet er in Pyjama seinen und meinen Pyjama könnte man fast verwechseln, daneben hockt Gustav.
Ist der Hund Ihrer?
Warum sollte er? Ich habe keinen Zaun, Schweine kommen rüber, klar, vielleicht Hunde auch. Wollen Sie den Welpen behalten? Ein Hund ist im Landhaus nützlich. Ich wollte eh ins Tierheim fahren diese Woche.
Ich hatte noch nie einen Hund. Sie kommen mit Schweinen klar, ich traue Ihnen das zu.
Sehen Sie das als nachbarschaftliches Geschenk. Wollen Sie ihm einen Namen geben?
Dann nenne ich ihn Teddy.
Nicht Teddy, bitte. Ich heiße eigentlich Theo.
Na gut, dann Max. Max und Gustav klingt super.
Max und Gustav schönes Team! Wie heißen Sie eigentlich?
Franziska.
Schöner Name.

Ich will schon gehen, aber bleibe stehen. Gefühl, Erinnerungen, einsame Nächte und jetzt ein Schwein und ein Hund.
Theo meint: Bleiben Sie doch. Ich bringe Ihnen bei, wie man mit Hunden umgeht. Ihre Tochter ist erwachsen, meine auch. Lassen Sie uns das Leben genießen. Ich helfe Ihnen beim Renovieren. Sollen wir du sagen?

Theo, sind Sie verrückt? Vielleicht sind Sie ein Serienkiller. Bitte halten Sie Abstand, ich bin frisch verlassen und misstrauisch.

Plötzlich taucht Bernd auf. Was ist hier los? Pyjamaparty?
Ich seufze: Bernd, das ist Theo. Theo, das ist Bernd, mein, äh, bald ehemaliger Mann. Was willst du hier?
Was soll ich denn suchen? Dein Gartentor steht offen. Ich wollte fragen, ob dus dir überlegt hast mit der Scheidung. Und wie lange geht das mit euch schon?
Theo kontert aus dem Nichts: Schon seit Monaten, Bernd. Die Scheidung ist bald durch, und wir heiraten am selben Tag.
Ich halte mich raus, Bernd verlässt das Grundstück und sagt noch: Johanna war bei mir, hat die Villa besucht. Ruf sie mal zurück!
Ich frage Theo: Warum hast du das gesagt?
Komm schon, dein Haus ist alt, keine Heizung, kein Wasser, du landest eh immer bei mir, und alle gestrandeten Tiere auch. Komm zu mir. Alleine ist blöd, gemeinsam ist besser. Keine Kinder mehr unsere reichen. Und das Haus baue ich neu für dich. Lass uns doch einfach duzen.

Ein Jahr später haben Theo und ich geheiratet und einen dicken Kater aus dem Tierheim geholt.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Als Semjon seine Uljana am Morgen Julia nannte: Frühstück, Ehekrise und ein Neuanfang in einem alten Elternhaus – wie eine Frau nach Untreue, Sekretärinnen-Drama und Dorfleben mit Schwein und Hund ihr Glück zwischen Trennung, Freundschaft und neuen Nachbarn im deutschen Alltag wiederfindet
Viktor fuhr mit dem Auto durch ein abgelegenes bayerisches Dorf, als er plötzlich ein Mädchen entdeckte, das einsam am Straßenrand stand. Es war schon spät und außer ihnen war niemand mehr unterwegs. Er hielt an. – Kann ich Sie mitnehmen?