Die Tür bleibt verschlossen
Mama, mach die Tür auf! Mama, bitte! Philip hämmert mit den Fäusten so heftig gegen die Metalltür, dass es scheint, sie könnte jeden Moment aus den Angeln springen. Ich weiß, dass du zu Hause bist! Das Auto steht nicht in der Einfahrt, also bist du nicht weggefahren!
Gertrud Bauer sitzt mit dem Rücken zur Tür, eine Tasse kalten Tee in den Händen. Ihre Finger zittern so sehr, dass das Porzellan auf der Untertasse klirrt.
Mama, was ist los? Philips Stimme wird immer verzweifelter. Die Nachbarn sagen, dass du seit einer Woche niemanden mehr reinlässt! Nicht mal Hannah hast du reingelassen!
Beim Namen der Schwiegertochter verzieht Gertrud leicht das Gesicht. Hannah. Philips geliebte Hannah, für die er alles tun würde. Sogar das, was letzten Donnerstag passiert ist.
Mama, ich rufe einen Schlüsseldienst! droht Philip. Wir brechen das Schloss auf!
Wage es ja nicht! ruft Gertrud endlich, ohne sich umzudrehen. Fasse mich nicht an!
Mama, warum denn? Was ist denn passiert? Sprich mit mir!
Gertrud schließt die Augen und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Wie soll sie ihrem Sohn erklären, was sie gehört hat? Wie soll sie ihm gestehen, was sie zufällig im Wartebereich der Poliklinik erfahren hat?
Mama, bitte Philips Stimme wird leiser und bittender. Ich mache mir Sorgen um dich. Und Hannah auch.
Hannah macht sich Sorgen. Natürlich. Wahrscheinlich hat sie Angst um ihre Pläne.
Geh, Philip. Geh und komm nicht wieder.
Mama, bist du krank? Hast du Fieber? Soll ich einen Arzt holen?
Ich brauche keinen Arzt. Ich brauche, dass du mich in Ruhe lässt.
Gertrud steht auf und geht zum Fenster. Im Hof sieht sie Philip telefonieren. Sicher erzählt er Hannah, dass seine Mutter wieder mal spinnt.
Ihr Sohn blickt hoch und sieht sie. Er winkt, dass er hochkommt. Sie zieht sich zurück und setzt sich wieder in den Sessel.
Nach einer Minute klopft es erneut.
Mama, ich bins mit Hannah. Bitte, mach auf.
Gertrud beißt die Zähne zusammen. Er hat sie also mitgebracht. Seine Frau, die so eifrig ihre Zukunft plant.
Gertrud nun klingt Hannahs Stimme leise durch die Tür , ich bins, Hannah. Bitte, mach auf. Philip macht sich große Sorgen.
Was für eine Schauspielerin. Sie ändert ihre Stimme, wenn es nötig ist.
Ich habe dir etwas zu essen mitgebracht fährt sie fort. Milch, Brot, Lebkuchen mit Walnüssen, so wie du es magst.
Lebkuchen. Gertrud schmunzelt bitter. Erst vor einem Monat hat Hannah erfahren, dass ihre Schwiegermutter Walnusskuchen liebt und seitdem bringt sie ihn immer vorbei. Was für eine gute Schwiegertochter.
Gertrud, sag doch wenigstens etwas Hannahs Stimme scheint besorgt. Wir machen uns Sorgen.
Ihr macht euch Sorgen murmelt Gertrud, aber so leise, dass es keiner hört.
Mama, ich gehe erst, wenn du aufmachst! ruft Philip entschlossen. Ich bleibe die ganze Nacht hier, wenn es sein muss!
Sie weiß, dass er keinen Scherz macht. Er war schon immer stur, schon als Kind. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt er nicht so schnell auf.
Gut sagt sie schließlich. Aber nur du. Allein.
Was? Philip versteht nicht.
Hannah soll nach Hause gehen. Ich spreche nur mit dir.
Sie hört ihr Geflüster auf dem Flur.
Mama, warum denn? Auch Hannah macht sich Sorgen.
Weil ich es so sage. Entweder du kommst allein oder keiner von euch.
Leises Gespräch, dann Hannahs Stimme:
Gut, Gertrud. Ich gehe. Philip, ruf mich an, wenn du weißt, was los ist.
Gertrud wartet, bis die Schritte auf der Treppe verhallt sind, dann geht sie langsam zur Tür und dreht den Schlüssel.
Philip stürmt ins Haus wie ein Wirbelwind, umarmt sie und sieht sie besorgt an.
Mama, du hast abgenommen! Du bist blass! Was ist passiert? Bist du krank?
Ich war nicht krank sie löst sich aus seiner Umarmung und geht in die Küche. Willst du Tee?
Ja er setzt sich an den Tisch und blickt sie ernst an. Sag mir endlich, was los ist. Warum schließt du dich seit einer Woche ein?
Gertrud stellt den Wasserkessel auf den Herd und dreht sich zu ihm.
Warum soll ich die Tür öffnen? Was habe ich davon?
Mama, was redest du denn? Du kannst doch nicht ewig zu Hause sitzen. Du musst doch auch mal einkaufen, zum Arzt
Die Nachbarin Gisela macht das für mich. Ich gebe ihr eine Liste und das Geld. Und zum Arzt gehe ich nicht.
Warum nicht?
Sie gießt heißes Wasser in die Tassen, fügt Zucker hinzu.
Weil ich beim letzten Mal Dinge gehört habe, die ich lieber nicht gewusst hätte.
Philips Stirn legt sich in Falten.
Was hast du gehört?
Deine Frau. Sie hat mit einer Freundin telefoniert. Sie wusste nicht, dass ich da war.
Was hat sie denn gesagt?
Gertrud setzt sich ihm gegenüber und sieht ihm tief in die Augen. Seine Augen, genauso ehrlich wie die von seinem Vater. Ist dieser Mann wirklich zu so etwas fähig?
Sie sprach davon, wie sie meine Wohnung verkaufen wollen. Wie sie mich ins Pflegeheim geben. Wie sie das Geld ausgeben.
Philip wird blass.
Mama, das hast du falsch verstanden. Hannah würde doch nie
Ich habe es ganz genau verstanden sie unterbricht ihn. Jedes Wort. Sie sagte: Philip ist schon einverstanden. Meint, dass Mama nicht alleine zurechtkommt, es ist gefährlich in diesem Alter. Wir bringen sie in ein gutes Heim und verkaufen die Wohnung. Das reicht für die Anzahlung.
Mama, ich habe da nie
Unterbrich mich nicht! hebt sie die Stimme. Und sie sagte noch: Gut, dass die Schwiegermutter so harmlos ist. Sie ahnt nichts. Denkt, wir lieben sie. Aber eigentlich steht sie uns nur im Weg.
Philip sitzt mit gesenktem Kopf da, ballt die Fäuste.
Mama, ich schwöre dir, ich habe da nie mitgemacht. Hannah kann ja viel träumen.
Träumen? sie lacht bitter. Warum hat sie dann so ins Detail gegangen? Wegen dem Heim?
So verbringt Gertrud Bauer den Abend mit schwerem, aber ruhigem Herzen allein im sicheren Wissen, dass, egal wie ihr Sohn sich entscheidet, sie ihre Würde und ihr Zuhause bis zum letzten Moment bewahren wird.




