Die Tür bleibt verschlossen – Mama, mach die Tür auf! Mama, bitte! – Die Fäuste ihres Sohnes trommelten so heftig auf das Metall, als würde sie gleich aus den Angeln fliegen. – Ich weiß, dass du zu Hause bist! Das Auto steht nicht in der Einfahrt, also bist du nicht weggefahren! Viorica Maria saß mit dem Rücken zur Tür, eine kalte Tasse Tee in den zitternden Händen. Das Porzellan klapperte so stark auf der Untertasse, dass sie Angst hatte, es könnte brechen. – Mama, was ist los? – Dragoș’ Stimme klang immer verzweifelter. – Die Nachbarn sagen, du lässt seit einer Woche niemanden mehr ins Haus! Nicht mal Andreea hast du reingelassen! Beim Namen der Schwiegertochter verzog Viorica Maria das Gesicht. Andreea. Diese perfekte Andreea, für die ihr Sohn alles tun würde. Sogar das, was letzten Donnerstag passiert ist. – Mama, ich rufe den Schlosser! – drohte Dragoș. – Wir brechen die Tür auf! – Wage es nicht! – rief Viorica Maria endlich ohne sich umzudrehen. – Wäag es nicht, mich anzufassen! – Mama, warum? Was ist passiert? Sprich mit mir! Viorica Maria schloss die Augen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Wie sollte sie ihrem Sohn erklären, was sie gehört hatte? Wie sollte sie ihm sagen, was sie rein zufällig in der Warteecke der Praxis mitgehört hatte? – Mama, bitte … – Dragoș’ Stimme wurde leise, flehentlich. – Ich mache mir Sorgen um dich. Und Andreea auch. Andreea macht sich Sorgen. Sicher. Wahrscheinlich hat sie nur Angst um ihre Pläne. – Geh, Dragoș. Geh weg und komm nicht wieder. – Mama, bist du krank? Hast du Fieber? Soll ich einen Arzt holen? – Ich brauche keinen Arzt. Ich brauche nur meine Ruhe. Viorica Maria stand auf und trat ans Fenster. Draußen telefonierte Dragoș. Sicher informierte er Andreea, dass seine Mutter schon wieder Theater machte. Er sah zu ihr hoch und gab ein Zeichen, er würde gleich raufkommen. Sie zog sich zurück und setzte sich wieder in den Sessel. Nach einer Minute klopfte es wieder. – Mama, ich bin mit Andreea da. Bitte mach auf. Viorica Maria biss die Zähne zusammen. Also hatte er sie doch mitgebracht. Die Frau, die so sorgfältig ihre Zukunft plante. – Viorica Maria – erklang die sanfte Stimme der Schwiegertochter –, ich bin’s, Andreea. Bitte mach auf. Dragoș ist ganz außer sich vor Sorge. Was für eine Schauspielerin. Immer die richtige Tonlage. – Ich habe dir Essen mitgebracht – fuhr sie fort. – Milch, Brot, Lebkuchen mit Walnüssen, wie du es magst. Lebkuchen. Viorica Maria grinste bitter. Vor einem Monat hatte Andreea herausgefunden, dass ihre Schwiegermutter Walnusstorte liebte, seitdem brachte sie ständig Gebäck. Was für eine perfekte Schwiegertochter. – Viorica Maria, sag uns wenigstens etwas – Andreeas Stimme klang besorgt. – Wir machen uns solche Sorgen. – Ihr macht euch Sorgen – wiederholte Viorica Maria so leise, dass sie es nicht hörten. – Mama, ich gehe nicht weg, bis du aufmachst! – rief Dragoș. – Ich bleibe die ganze Nacht, wenn es sein muss! Sie wusste, dass das kein Scherz war. Dickköpfig war er schon als Kind. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, blieb er dabei. – Gut – sagte sie schließlich. – Aber nur du. Allein. – Was? – Dragoș verstand nicht. – Andreea soll nach Hause gehen. Ich spreche nur mit dir. Sie hörte ihr Geflüster auf dem Flur. – Mama, warum denn? Andreea macht sich auch Sorgen … – Weil ich es so möchte. Entweder du kommst allein – oder gar nicht. Leises Gemurmel, dann Andreeas Stimme: – Na gut, Viorica Maria. Ich gehe. Dragoș, ruf mich an, wenn du weißt, was los ist. Sie wartete, bis die Schritte auf der Treppe verklangen, dann näherte sie sich langsam der Tür und drehte den Schlüssel. Dragoș stürmte wie ein Orkan ins Haus, umarmte sie und sah sie besorgt an. – Mama, du bist ganz abgemagert! Du bist blass! Was ist passiert? Bist du krank? – Ich war nicht krank – sie löste sich aus seiner Umarmung und ging in die Küche. – Möchtest du Tee? – Ja – er setzte sich an den Tisch und sah sie fest an. – Sag mir, was los ist. Warum hast du dich eine Woche lang eingesperrt? Viorica Maria stellte den Wasserkessel auf den Herd und drehte sich zu ihm um. – Warum sollte ich die Tür öffnen? Was hätte ich davon? – Mama, was soll das? Du kannst nicht ewig im Haus bleiben. Man muss einkaufen, zum Arzt … – Nachbarin Gisela geht für mich. Ich gebe ihr die Liste und Geld. Und zum Arzt geh ich nicht. – Warum nicht? Sie goss heißes Wasser in die Tassen, gab Zucker dazu. – Weil ich das letzte Mal dort Dinge gehört habe, die ich besser nie erfahren hätte. Dragoș runzelte die Stirn. – Was hast du gehört? – Deine Frau. Sie telefonierte mit einer Freundin. Sie wusste nicht, dass ich dort war. – Was hat sie gesagt? Sie setzte sich ihm gegenüber und schaute ihm lange in die Augen. Die Augen, wie die seines Vaters – gutmütig, ehrlich. War dieser Mann zu so etwas fähig? – Sie redete darüber, wie sie meine Wohnung verkaufen wollen. Wie sie mich ins Heim bringen. Wie sie das Geld benutzen wollen. Dragoș wurde bleich. – Mama, du hast das falsch verstanden. Andreea würde das nie … – Ich habe es genau verstanden – sie unterbrach ihn. – Wort für Wort. Und sie sagte: „Dragoș ist schon einverstanden. Er meint, Mama kann nicht mehr allein leben, das wäre zu gefährlich in ihrem Alter. Wir bringen sie in ein gutes Heim, verkaufen das Apartment. Das Geld reicht für die Anzahlung.“ – Mama, ich hab niemals … – Unterbrich mich nicht! – Sie wurde laut. – Und außerdem meinte sie: „Gut, dass die Schwiegermutter so gutmütig ist, sie ahnt nichts. Sie denkt, wir lieben sie. Aber in Wirklichkeit steht sie uns nur im Weg.“ Dragoș ließ den Kopf hängen, ballte die Fäuste. – Mama, ich schwör dir, ich war nie damit einverstanden. Andreea kann das vergessen. – Vergessen? – Sie lachte bitter. – Und warum hat sie dann so detailliert geplant? Über das Heim …? So verbrachte Viorica Maria den Abend alleine, mit schwerem, aber ruhigem Herzen, und wusste: Egal, wie ihr Sohn sich entscheidet, sie wird Würde und Zuhause bis zum letzten Augenblick verteidigen.

Die Tür bleibt verschlossen
Mama, mach die Tür auf! Mama, bitte! Philip hämmert mit den Fäusten so heftig gegen die Metalltür, dass es scheint, sie könnte jeden Moment aus den Angeln springen. Ich weiß, dass du zu Hause bist! Das Auto steht nicht in der Einfahrt, also bist du nicht weggefahren!
Gertrud Bauer sitzt mit dem Rücken zur Tür, eine Tasse kalten Tee in den Händen. Ihre Finger zittern so sehr, dass das Porzellan auf der Untertasse klirrt.
Mama, was ist los? Philips Stimme wird immer verzweifelter. Die Nachbarn sagen, dass du seit einer Woche niemanden mehr reinlässt! Nicht mal Hannah hast du reingelassen!
Beim Namen der Schwiegertochter verzieht Gertrud leicht das Gesicht. Hannah. Philips geliebte Hannah, für die er alles tun würde. Sogar das, was letzten Donnerstag passiert ist.
Mama, ich rufe einen Schlüsseldienst! droht Philip. Wir brechen das Schloss auf!
Wage es ja nicht! ruft Gertrud endlich, ohne sich umzudrehen. Fasse mich nicht an!
Mama, warum denn? Was ist denn passiert? Sprich mit mir!
Gertrud schließt die Augen und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Wie soll sie ihrem Sohn erklären, was sie gehört hat? Wie soll sie ihm gestehen, was sie zufällig im Wartebereich der Poliklinik erfahren hat?
Mama, bitte Philips Stimme wird leiser und bittender. Ich mache mir Sorgen um dich. Und Hannah auch.
Hannah macht sich Sorgen. Natürlich. Wahrscheinlich hat sie Angst um ihre Pläne.
Geh, Philip. Geh und komm nicht wieder.
Mama, bist du krank? Hast du Fieber? Soll ich einen Arzt holen?
Ich brauche keinen Arzt. Ich brauche, dass du mich in Ruhe lässt.
Gertrud steht auf und geht zum Fenster. Im Hof sieht sie Philip telefonieren. Sicher erzählt er Hannah, dass seine Mutter wieder mal spinnt.
Ihr Sohn blickt hoch und sieht sie. Er winkt, dass er hochkommt. Sie zieht sich zurück und setzt sich wieder in den Sessel.
Nach einer Minute klopft es erneut.
Mama, ich bins mit Hannah. Bitte, mach auf.
Gertrud beißt die Zähne zusammen. Er hat sie also mitgebracht. Seine Frau, die so eifrig ihre Zukunft plant.
Gertrud nun klingt Hannahs Stimme leise durch die Tür , ich bins, Hannah. Bitte, mach auf. Philip macht sich große Sorgen.
Was für eine Schauspielerin. Sie ändert ihre Stimme, wenn es nötig ist.
Ich habe dir etwas zu essen mitgebracht fährt sie fort. Milch, Brot, Lebkuchen mit Walnüssen, so wie du es magst.
Lebkuchen. Gertrud schmunzelt bitter. Erst vor einem Monat hat Hannah erfahren, dass ihre Schwiegermutter Walnusskuchen liebt und seitdem bringt sie ihn immer vorbei. Was für eine gute Schwiegertochter.
Gertrud, sag doch wenigstens etwas Hannahs Stimme scheint besorgt. Wir machen uns Sorgen.
Ihr macht euch Sorgen murmelt Gertrud, aber so leise, dass es keiner hört.
Mama, ich gehe erst, wenn du aufmachst! ruft Philip entschlossen. Ich bleibe die ganze Nacht hier, wenn es sein muss!
Sie weiß, dass er keinen Scherz macht. Er war schon immer stur, schon als Kind. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt er nicht so schnell auf.
Gut sagt sie schließlich. Aber nur du. Allein.
Was? Philip versteht nicht.
Hannah soll nach Hause gehen. Ich spreche nur mit dir.
Sie hört ihr Geflüster auf dem Flur.
Mama, warum denn? Auch Hannah macht sich Sorgen.
Weil ich es so sage. Entweder du kommst allein oder keiner von euch.
Leises Gespräch, dann Hannahs Stimme:
Gut, Gertrud. Ich gehe. Philip, ruf mich an, wenn du weißt, was los ist.
Gertrud wartet, bis die Schritte auf der Treppe verhallt sind, dann geht sie langsam zur Tür und dreht den Schlüssel.
Philip stürmt ins Haus wie ein Wirbelwind, umarmt sie und sieht sie besorgt an.
Mama, du hast abgenommen! Du bist blass! Was ist passiert? Bist du krank?
Ich war nicht krank sie löst sich aus seiner Umarmung und geht in die Küche. Willst du Tee?
Ja er setzt sich an den Tisch und blickt sie ernst an. Sag mir endlich, was los ist. Warum schließt du dich seit einer Woche ein?
Gertrud stellt den Wasserkessel auf den Herd und dreht sich zu ihm.
Warum soll ich die Tür öffnen? Was habe ich davon?
Mama, was redest du denn? Du kannst doch nicht ewig zu Hause sitzen. Du musst doch auch mal einkaufen, zum Arzt
Die Nachbarin Gisela macht das für mich. Ich gebe ihr eine Liste und das Geld. Und zum Arzt gehe ich nicht.
Warum nicht?
Sie gießt heißes Wasser in die Tassen, fügt Zucker hinzu.
Weil ich beim letzten Mal Dinge gehört habe, die ich lieber nicht gewusst hätte.
Philips Stirn legt sich in Falten.
Was hast du gehört?
Deine Frau. Sie hat mit einer Freundin telefoniert. Sie wusste nicht, dass ich da war.
Was hat sie denn gesagt?
Gertrud setzt sich ihm gegenüber und sieht ihm tief in die Augen. Seine Augen, genauso ehrlich wie die von seinem Vater. Ist dieser Mann wirklich zu so etwas fähig?
Sie sprach davon, wie sie meine Wohnung verkaufen wollen. Wie sie mich ins Pflegeheim geben. Wie sie das Geld ausgeben.
Philip wird blass.
Mama, das hast du falsch verstanden. Hannah würde doch nie
Ich habe es ganz genau verstanden sie unterbricht ihn. Jedes Wort. Sie sagte: Philip ist schon einverstanden. Meint, dass Mama nicht alleine zurechtkommt, es ist gefährlich in diesem Alter. Wir bringen sie in ein gutes Heim und verkaufen die Wohnung. Das reicht für die Anzahlung.
Mama, ich habe da nie
Unterbrich mich nicht! hebt sie die Stimme. Und sie sagte noch: Gut, dass die Schwiegermutter so harmlos ist. Sie ahnt nichts. Denkt, wir lieben sie. Aber eigentlich steht sie uns nur im Weg.
Philip sitzt mit gesenktem Kopf da, ballt die Fäuste.
Mama, ich schwöre dir, ich habe da nie mitgemacht. Hannah kann ja viel träumen.
Träumen? sie lacht bitter. Warum hat sie dann so ins Detail gegangen? Wegen dem Heim?
So verbringt Gertrud Bauer den Abend mit schwerem, aber ruhigem Herzen allein im sicheren Wissen, dass, egal wie ihr Sohn sich entscheidet, sie ihre Würde und ihr Zuhause bis zum letzten Moment bewahren wird.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Die Tür bleibt verschlossen – Mama, mach die Tür auf! Mama, bitte! – Die Fäuste ihres Sohnes trommelten so heftig auf das Metall, als würde sie gleich aus den Angeln fliegen. – Ich weiß, dass du zu Hause bist! Das Auto steht nicht in der Einfahrt, also bist du nicht weggefahren! Viorica Maria saß mit dem Rücken zur Tür, eine kalte Tasse Tee in den zitternden Händen. Das Porzellan klapperte so stark auf der Untertasse, dass sie Angst hatte, es könnte brechen. – Mama, was ist los? – Dragoș’ Stimme klang immer verzweifelter. – Die Nachbarn sagen, du lässt seit einer Woche niemanden mehr ins Haus! Nicht mal Andreea hast du reingelassen! Beim Namen der Schwiegertochter verzog Viorica Maria das Gesicht. Andreea. Diese perfekte Andreea, für die ihr Sohn alles tun würde. Sogar das, was letzten Donnerstag passiert ist. – Mama, ich rufe den Schlosser! – drohte Dragoș. – Wir brechen die Tür auf! – Wage es nicht! – rief Viorica Maria endlich ohne sich umzudrehen. – Wäag es nicht, mich anzufassen! – Mama, warum? Was ist passiert? Sprich mit mir! Viorica Maria schloss die Augen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Wie sollte sie ihrem Sohn erklären, was sie gehört hatte? Wie sollte sie ihm sagen, was sie rein zufällig in der Warteecke der Praxis mitgehört hatte? – Mama, bitte … – Dragoș’ Stimme wurde leise, flehentlich. – Ich mache mir Sorgen um dich. Und Andreea auch. Andreea macht sich Sorgen. Sicher. Wahrscheinlich hat sie nur Angst um ihre Pläne. – Geh, Dragoș. Geh weg und komm nicht wieder. – Mama, bist du krank? Hast du Fieber? Soll ich einen Arzt holen? – Ich brauche keinen Arzt. Ich brauche nur meine Ruhe. Viorica Maria stand auf und trat ans Fenster. Draußen telefonierte Dragoș. Sicher informierte er Andreea, dass seine Mutter schon wieder Theater machte. Er sah zu ihr hoch und gab ein Zeichen, er würde gleich raufkommen. Sie zog sich zurück und setzte sich wieder in den Sessel. Nach einer Minute klopfte es wieder. – Mama, ich bin mit Andreea da. Bitte mach auf. Viorica Maria biss die Zähne zusammen. Also hatte er sie doch mitgebracht. Die Frau, die so sorgfältig ihre Zukunft plante. – Viorica Maria – erklang die sanfte Stimme der Schwiegertochter –, ich bin’s, Andreea. Bitte mach auf. Dragoș ist ganz außer sich vor Sorge. Was für eine Schauspielerin. Immer die richtige Tonlage. – Ich habe dir Essen mitgebracht – fuhr sie fort. – Milch, Brot, Lebkuchen mit Walnüssen, wie du es magst. Lebkuchen. Viorica Maria grinste bitter. Vor einem Monat hatte Andreea herausgefunden, dass ihre Schwiegermutter Walnusstorte liebte, seitdem brachte sie ständig Gebäck. Was für eine perfekte Schwiegertochter. – Viorica Maria, sag uns wenigstens etwas – Andreeas Stimme klang besorgt. – Wir machen uns solche Sorgen. – Ihr macht euch Sorgen – wiederholte Viorica Maria so leise, dass sie es nicht hörten. – Mama, ich gehe nicht weg, bis du aufmachst! – rief Dragoș. – Ich bleibe die ganze Nacht, wenn es sein muss! Sie wusste, dass das kein Scherz war. Dickköpfig war er schon als Kind. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, blieb er dabei. – Gut – sagte sie schließlich. – Aber nur du. Allein. – Was? – Dragoș verstand nicht. – Andreea soll nach Hause gehen. Ich spreche nur mit dir. Sie hörte ihr Geflüster auf dem Flur. – Mama, warum denn? Andreea macht sich auch Sorgen … – Weil ich es so möchte. Entweder du kommst allein – oder gar nicht. Leises Gemurmel, dann Andreeas Stimme: – Na gut, Viorica Maria. Ich gehe. Dragoș, ruf mich an, wenn du weißt, was los ist. Sie wartete, bis die Schritte auf der Treppe verklangen, dann näherte sie sich langsam der Tür und drehte den Schlüssel. Dragoș stürmte wie ein Orkan ins Haus, umarmte sie und sah sie besorgt an. – Mama, du bist ganz abgemagert! Du bist blass! Was ist passiert? Bist du krank? – Ich war nicht krank – sie löste sich aus seiner Umarmung und ging in die Küche. – Möchtest du Tee? – Ja – er setzte sich an den Tisch und sah sie fest an. – Sag mir, was los ist. Warum hast du dich eine Woche lang eingesperrt? Viorica Maria stellte den Wasserkessel auf den Herd und drehte sich zu ihm um. – Warum sollte ich die Tür öffnen? Was hätte ich davon? – Mama, was soll das? Du kannst nicht ewig im Haus bleiben. Man muss einkaufen, zum Arzt … – Nachbarin Gisela geht für mich. Ich gebe ihr die Liste und Geld. Und zum Arzt geh ich nicht. – Warum nicht? Sie goss heißes Wasser in die Tassen, gab Zucker dazu. – Weil ich das letzte Mal dort Dinge gehört habe, die ich besser nie erfahren hätte. Dragoș runzelte die Stirn. – Was hast du gehört? – Deine Frau. Sie telefonierte mit einer Freundin. Sie wusste nicht, dass ich dort war. – Was hat sie gesagt? Sie setzte sich ihm gegenüber und schaute ihm lange in die Augen. Die Augen, wie die seines Vaters – gutmütig, ehrlich. War dieser Mann zu so etwas fähig? – Sie redete darüber, wie sie meine Wohnung verkaufen wollen. Wie sie mich ins Heim bringen. Wie sie das Geld benutzen wollen. Dragoș wurde bleich. – Mama, du hast das falsch verstanden. Andreea würde das nie … – Ich habe es genau verstanden – sie unterbrach ihn. – Wort für Wort. Und sie sagte: „Dragoș ist schon einverstanden. Er meint, Mama kann nicht mehr allein leben, das wäre zu gefährlich in ihrem Alter. Wir bringen sie in ein gutes Heim, verkaufen das Apartment. Das Geld reicht für die Anzahlung.“ – Mama, ich hab niemals … – Unterbrich mich nicht! – Sie wurde laut. – Und außerdem meinte sie: „Gut, dass die Schwiegermutter so gutmütig ist, sie ahnt nichts. Sie denkt, wir lieben sie. Aber in Wirklichkeit steht sie uns nur im Weg.“ Dragoș ließ den Kopf hängen, ballte die Fäuste. – Mama, ich schwör dir, ich war nie damit einverstanden. Andreea kann das vergessen. – Vergessen? – Sie lachte bitter. – Und warum hat sie dann so detailliert geplant? Über das Heim …? So verbrachte Viorica Maria den Abend alleine, mit schwerem, aber ruhigem Herzen, und wusste: Egal, wie ihr Sohn sich entscheidet, sie wird Würde und Zuhause bis zum letzten Augenblick verteidigen.
Mein Ex-Mann, der mich vor 12 Jahren für eine andere verlassen hat, steht plötzlich vor meiner Tür – und die Worte, die er sagt, lassen mich erstarren