Der neue Landarzt – Wie Dr. Tanja nach der bitteren Wahrheit über ihren Ehemann und ihre beste Freundin in ein kleines Dorf zog, dort Hoffnung und Hilfe schenkte, eine neue Liebe fand und eine Familie wurde.

DER NEUE ARZT

Über die Untreue ihres Mannes erfuhr Johanna zufällig. So ist es doch meistens: Ehefrauen sind die letzten, die vom Betrug ihres Partners erfahren. Erst später verstand Johanna, warum ihre Kollegen sie immer so seltsam ansahen und hinter ihrem Rücken tuschelten. Niemand im Krankenhaus war überrascht, dass Johannas beste Freundin, Theresa, eine Affäre mit Matthias hatte. Nur Johanna hatte nichts geahnt.

Sie kam an diesem Abend überraschend nach Hause. Johanna arbeitete schon mehrere Jahre als Ärztin in einer Klinik in Frankfurt. Eigentlich sollte sie an diesem Tag Nachtdienst haben, doch ganz am Ende der Schicht sprach ihre junge Kollegin Miriam sie an:

Johanna, könntest du vielleicht den Dienst mit mir tauschen? Ich übernehme den heutigen, und du springst am Samstag für mich ein. Natürlich nur, wenn du nichts anderes vorhast. Meine Schwester heiratet am Samstag.

Johanna stimmte ein. Miriam war stets freundlich und hilfsbereit, und eine Hochzeit war ein guter Grund.

Beschwingt und voller Vorfreude fuhr Johanna spät am Abend nach Hause sie wollte ihren Mann überraschen. Doch diesmal war es sie, die überrascht wurde.

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, hörte sie Stimmen aus dem Schlafzimmer. Matthias sprach, doch die zweite Stimme Die kannte sie auch aber sie hätte sie niemals zu dieser Stunde, in dieser Situation, erwartet. Es war Theresas Stimme. Was Johanna hörte, ließ keinen Zweifel am Verhältnis zwischen den beiden.

So leise wie sie gekommen war, verließ Johanna die Wohnung. Die Nacht verbrachte sie schlaflos im Krankenhaus. Wie sollte sie nun den Kollegen in die Augen sehen? Alle hatten es gewusst, nur sie war geblendet von ihrer Liebe zu Matthias und hatte ihm bedingungslos vertraut. Ihr Mann war ihr Lebensinhalt gewesen. Für ihn hatte sie vieles aufgegeben sogar ihren langgehegten Kinderwunsch. Jedes Mal, wenn sie das Thema ansprach, meinte Matthias, er sei noch nicht bereit, sie sollten erstmal das Leben genießen. Jetzt wusste Johanna er wollte gar keine Familie mit ihr.

In dieser schmerzhaften Nacht traf Johanna eine Entscheidung. Am Morgen schrieb sie ihren Urlaubsantrag mit anschließender Kündigung, fuhr nach Hause, packte ihre Sachen und begab sich zum Hauptbahnhof. Von ihrer Großmutter hatte sie ein kleines Häuschen im Schwarzwald geerbt. Dorthin fuhr Johanna, überzeugt, dass Matthias sie in diesem abgelegenen Dorf nie suchen würde.

Am Bahnhof kaufte sie eine neue SIM-Karte und warf die alte weg. So kappte Johanna mutig alle Verbindungen zu ihrem vorherigen Leben und ging entschlossen ins Neue.

Schon am nächsten Tag stieg sie am vertrauten Bahnhof aus. Das letzte Mal war sie vor fast zehn Jahren hier gewesen, zur Beerdigung ihrer Großmutter. Alles war wie damals ruhig, wenig Menschen. Genau das brauche ich jetzt, dachte Johanna.

Von Mitfahrgelegenheiten bis zur Dorfmitte, dann zu Fuß weitere zwanzig Minuten bis zum Haus der Oma. Das Grundstück war über die Jahre so zugewachsen, dass Johanna sich mühsam zur Haustür durchschlagen musste.

Es dauerte mehrere Wochen, bis sie Haus und Garten wieder in Schuss gebracht hatte. Allein hätte sie das nie geschafft, doch die Nachbarn halfen ihr tatkräftig. Sie erinnerten sich an Johannas Großmutter Anna-Maria Schuster, die über vierzig Jahre Lehrerin an der Dorfschule gewesen war. Viele Generationen von Kindern hatten bei ihr Lesen und Schreiben gelernt und so wollten die Nachbarn nun auch Johanna unterstützen, zum Andenken an die beliebte Lehrerin.

Johanna hatte mit so viel Freundlichkeit nicht gerechnet. Sie war allen von Herzen dankbar, die mit anpackten, ihr halfen, das Haus zu renovieren und sich einzuleben.

Die Nachricht, dass Johanna Ärztin war, verbreitete sich im Dorf rasch. Eines Tages kam die Nachbarin Klara ganz aufgeregt zu ihr gelaufen.

Johanna, es tut mir leid, aber ich kann dir heute nicht beim Garten helfen. Meine Kleine ist krank, sie hat wohl etwas Falsches gegessen und klagt seit heute Morgen über Bauchschmerzen.

Komm, ich schaue sie mir mal an, sagte Johanna und griff nach ihrem Arztkoffer.

Die kleine Frieda hatte eine Lebensmittelvergiftung. Johanna legte eine Infusion und erklärte Klara, wie sie weiter für das Mädchen sorgen sollte.

Vielen Dank, Johanna, rief Klara erleichtert, du bist wirklich ein Segen. Die nächste Klinik ist sechzig Kilometer entfernt, und unseren Dorfarzt gibt es seit einem Jahr nicht mehr. Ein neuer kommt einfach nicht.

Von da an kamen immer mehr Menschen aus dem Dorf zu Johanna. Sie konnte keine Bitten ablehnen so herzlich war sie aufgenommen und unterstützt worden.

Als die Nachricht über den neuen Arzt das Kreisamt erreichte, wurde Johanna in die Bezirksklinik eingeladen.

Nein, ich möchte nicht ins Bezirkszentrum, sagte Johanna bestimmt, aber wenn Sie mir den Dorfmedizinpunkt anvertrauen, übernehme ich ihn gern.

Das Amt war erstaunt eine Ärztin aus Frankfurt, mit solcher Erfahrung, wollte im Dorf praktizieren? Doch Johanna blieb bei ihrer Entscheidung. So öffnete nach einiger Zeit die Dorfarztpraxis wieder, und Johanna begann Sprechstunden zu geben.

Eines Abends klopfte es an ihrer Haustür. Johanna war nicht überrascht über einen späten Besucher; Menschen werden ja nicht nur tagsüber krank. Vor der Tür stand ein unbekannter Mann, und an seinem Auftreten erkannte sie gleich, dass es sich um einen Notfall handelte.

Frau Dr. Schuster, begann der Mann, ich komme aus Gutenthal, etwa fünfzehn Kilometer von hier. Meine Tochter ist schwer krank. Erst dachte ich, sie ist nur erkältet, aber seit drei Tagen bleibt das Fieber hoch. Bitte, kommen Sie mit zu uns, helfen Sie meiner Tochter.

Johanna packte ihre Sachen und befragte den Mann zu den Symptomen.

Im Haus fand sie ein kleines, blasses Mädchen auf dem Bett. Die Kleine atmete schwer, ihre Lippen waren rissig, das Haar zerzaust und die Augenlider zuckten im Rhythmus der Atmung.

Nach der Untersuchung sagte Johanna: Die Lage ist kritisch. Wir müssen sofort ins Krankenhaus.

Der Mann schüttelte den Kopf.

Ich lebe allein mit meiner Tochter. Ihre Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben. Sie ist mein Ein und Alles. Ich dürfte sie nicht verlieren.

Aber im Krankenhaus bekommt sie schneller die nötige Hilfe. Ich habe die notwendigen Medikamente hier leider nicht.

Sagen Sie, welches Medikament gebraucht wird, ich besorge es sofort! Im Nachbarort gibt es eine Apotheke mit Nachtdienst, ich bringe alles her. Nur ich kann das Kind nicht allein lassen.

Johanna bemerkte, wie verzweifelt er war. Jetzt sah sie den Mann etwa in ihrem Alter, groß, schlank, mit wunderschönem kastanienbraunen Haar. Seine Augen waren dunkelgrün, die langen Wimpern hätten jede Frau neidisch gemacht.

Ich bleibe bei der Kleinen, sagte Johanna, Wie heißt sie?

Sie heißt Amelie, antwortete der Mann sanft, und ich bin Andreas. Danke, Frau Doktor.

Johanna schrieb das Rezept aus und Andreas fuhr zur Apotheke.

Amelies Fieber sank nicht, sie war unruhig, weinte und rief nach Papa. Johanna nahm sie auf den Arm und ging singend mit ihr durchs Zimmer, bis das Mädchen entspannt einschlief.

Nach ein paar Stunden kam Andreas mit dem Medikament zurück. Johanna gab Amelie die Spritze und sagte erschöpft: Nun heißt es abwarten.

Die ganze Nacht saßen sie gemeinsam am Bett. Am Morgen begann das Fieber langsam zu sinken, und Schweiß trat auf Amelies Stirn.

Das ist ein gutes Zeichen, sagte Johanna. Sie war fix und fertig, doch die Freude, die Krankheit überwunden zu haben, hielt sie wach.

Danke, danke!, wiederholte Andreas immer wieder.

Ein Jahr später arbeitete Johanna immer noch in der Dorfpraxis, behandelte ihre Mitbürger und Menschen aus den umliegenden Dörfern. Doch jetzt wohnte sie nicht mehr alleine im alten Haus ihrer Großmutter, sondern in einem hellen, großen Haus bei Andreas. Sie hatten ein halbes Jahr nach jener schrecklichen Nacht geheiratet, als Amelies Leben am seidenen Faden hing. Die Krankheit der Kleinen erforderte noch Wochen der Fürsorge, aber Amelie wurde wieder gesund. Sie wuchs Johanna sehr ans Herz und Johanna liebte das Kind von ganzem Herzen. Dennoch dachte sie, wenn sie Amelie abends in den Arm nahm, manchmal wehmütig daran, dass sie einst die Chance verpasst hatte, Mutter zu werden.

Am Abend kam Johanna müde, aber glücklich in ihr Zuhause zurück, wo zwei geliebte Menschen auf sie warteten.

An diesem Abend stand Andreas zur Begrüßung auf der Veranda, nahm sie liebevoll in die Arme und fragte lächelnd:

Und haben sie dir den Urlaub genehmigt? Ich habe schon eine kleine Reise geplant, wir fahren zu dritt los.

Johanna lächelte geheimnisvoll und antwortete: Den Urlaub habe ich bekommen, aber wir fahren nicht zu dritt, sondern zu viert.

Andreas schaute sie verwundert an, dann fasste er sie stürmisch und drehte sie lachend im Hof umher.

Das Leben hat seine unerwarteten Wendungen, und manchmal findet man neues Glück gerade da, wo man alles verloren glaubt. Manchmal führen die schwersten Prüfungen zu dem Menschen, an dessen Seite man wirklich zuhause ist.

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Homy
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