Der Mann meiner Träume hat tatsächlich seine Frau für mich verlassen, aber ich hätte nie gedacht, was danach alles kam.
Schon im Studium, damals in einer kleinen Stadt bei Heidelberg, hab ich mir heimlich nach ihm verzehrt. Dieser blinde Schwarm hat mir den Atem geraubt, ich war regelrecht verrückt nach ihm. Als er mich endlich wahrnahm, hab ich den Rest meines Verstands verloren. Jahre nach der Uni hat uns das Leben im selben Anwaltsbüro wieder zusammengebracht. Gleicher Job, ähnliche Interessen für mich war das ein Zeichen, fast wie im Märchen, und mein Herz wollte daran glauben.
Für mich war er der perfekte Mann. Dass er verheiratet war, hat mich in jungen Jahren überhaupt nicht gestört ich hatte keine Ahnung, wie tief Verletzungen und der Schmerz einer gescheiterten Ehe wirklich gehen können. Als Thomas seine Frau für mich verließ, hab ich kein schlechtes Gewissen gehabt. Wer hätte ahnen können, wie sehr mich diese Entscheidung später quält? Glück baut man nicht auf dem Unglück anderer meine Oma hat das immer gesagt, und sie hatte recht.
Als er mich wählte, schwebte ich auf Wolke sieben und war bereit, ihm alles zu verzeihen. Aber im Alltag war Thomas weit entfernt von meinem Märchenprinzen. Seine Sachen lagen überall rum, die Spülmaschine blieb ständig ungemacht und ich hatte plötzlich alles allein am Hals. Damals hab ich das verdrängt Liebe macht manchmal richtig blind, weißt du?
Vergangenheit? Die konnte er schnell abstreifen, als hätte er nie eine Frau gehabt. Kinder gabs keine, und wie er mir mal sagte, war die Heirat nur ihrer Eltern zuliebe. Mit dir ist alles anders, du bist mein Schicksal, hat er mir ins Ohr geflüstert, und ich bin geschmolzen. Mein Glück war intensiv, aber wie eine Sternschnuppe viel zu schnell vorbei.
Der Wendepunkt kam, als ich schwanger wurde. Am Anfang war Thomas total begeistert zum ersten Mal Vater! Wir haben mit der Familie gefeiert, Freunde eingeladen, mit Sekt angestoßen und Gesundheit fürs Baby gewünscht. Dieser Abend ist für mich wie ein heller Stern in dunkler Erinnerung geblieben. Bis dahin bereue ich nichts, aber ab diesem Moment verging meine Verliebtheit wie eine Kerze im Durchzug.
Je größer mein Bauch wurde, desto seltener war Thomas zuhause anzutreffen. Nach Beginn meines Mutterschutzes sah ich ihn eigentlich nur noch spät abends. Ständig Überstunden, Firmenfeiern zunächst hab ich geschluckt, doch irgendwann gings nicht mehr. Der Alltag war unerträglich: Hochschwanger und völlig unbeweglich, und überall seine Hemden und Socken als stumme Vorwürfe meiner Naivität. Ich begann zu grübeln: War das alles zu schnell mit dem Kind? Klar, Liebe kühlt irgendwann ab, aber so abrupt?
Er kam noch mit Blumen, Süßigkeiten, aber das war nicht das, was ich brauchte. Ich wollte Nähe, Unterstützung, nicht bloß kleine Geschenke. Dann hat mich durch Zufall der Kaffee-Klatsch mit Kolleginnen aufgeweckt: Im Büro gabs eine neue Mitarbeiterin, jung, dynamisch und kaum war ich im Mutterschutz, war Thomas Arbeitsalltag plötzlich mit Wichtiger Termin und Besprechung gefüllt. Ob sie es war, wusste ich natürlich nicht, aber im Herzen war mir klar, dass da was lief. Einmal hab ich einen Zettel mit fremden Initialen in seiner Jackentasche gefunden. Ich habs schweigend wieder zurückgesteckt, aus Angst, allein zu sein im siebten Monat.
Dann kam der Vorwurf, ich sei immer gereizt. Jeder Streit endete mit einem genervten Seufzer, als wäre ich eine Last. Das Schlimmste hat er mir dann doch an den Kopf geworfen: Ich bin nicht bereit für Kinder. Ich hab eine andere. Wie er das gesagt hat, weiß ich nicht mehr. Es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.
Irgendwoher kam meine Kraft zurück. Ich hab die Scheidung eingereicht, auch wenn jeder Satz wie ein Stich war. Thomas hat nicht damit gerechnet, dass ich das wirklich durchziehe am nächsten Tag waren seine Sachen auf der Straße. Zum Glück war die Wohnung gemietet, da mussten wir nichts teilen.
Und das Kind? Willst dus ganz allein großziehen?, hat er noch geschnappt.
Das schaff ich schon. Ich arbeite von zuhause aus. Und meine Eltern helfen mir, hab ich erwidert und die Tür zugemacht. Meine Mutter hat von Anfang an gesagt, dass er ein Frauenheld ist ich hätte auf sie hören sollen.
Die Verantwortung fürs Kind hat mir eine Kraft gegeben, die ich vorher nicht kannte. Allein wäre ich nie gegangen, aber für mein Kind hab ichs geschafft. Was Thomas getan hat, war so mies, dass ich ihn aus meinem Leben gelöscht hab. Erst da hab ich wirklich gesehen, wie er ist.
Die ersten Monate nach der Scheidung, inklusive Geburt, waren hart. Ich bin zu meinen Eltern ins Nachbardorf zurück sie haben mich mit offenen Armen empfangen, waren überglücklich wegen des Enkels. Klar hab ich Thomas vermisst, aber ich hab mich selbst davon abgehalten, daran zu denken. Im Innersten wusste ich, dass ich das Richtige getan hab und meinem Kind alles geben werde, was ich kann.
Kaum war ich wieder fit, hab ich angefangen, Rechtsübersetzungen von zuhause aus zu machen. Es gab Monate ohne Einkommen, doch meine Eltern haben mir den Rücken gestärkt, bis ich neue Kunden hatte. Mein Sohn ist schnell groß geworden, die Jahre sind geflogen. Mir ist erst später aufgefallen, dass er seinen eigenen Raum braucht. Meine Eltern wollten, dass wir bleiben, aber ich hab vom eigenen Büro und seiner eigenen Ecke fürs Lernen geträumt. Inzwischen konnte ich eine Wohnung mieten.
Das Leben hat sich eingerenkt. Aus der Kita wurde die Grundschule, aus der ersten Klasse die fünfte. Zum ersten Mal seit Jahren hab ich mich frei gefühlt. Und dann tauchte Thomas plötzlich wieder auf. Bei uns in der Kleinstadt kennt jeder jeden, auch im juristischen Bereich. Er wusste schnell, wo mein Büro ist. Ach, hätte ich nur woanders angefangen! Er meinte, er hätte aufgepasst, bereue die Vergangenheit und sei jung und dumm gewesen. Er bettelte, seinen Sohn wenigstens einmal sehen zu dürfen.
Laut Gesetz hat er das Recht, und wenn er das will, wird er es bekommen. Doch allein der Gedanke lässt mir das Blut gefrieren. Es sind jetzt ein paar Wochen her. Ich hab gesagt, ich denke nach, aber mein Kopf ist ein Durcheinander ich vertraue ihm nicht und will nicht, dass er meinem Sohn zu nahe kommt. Ist das meine Strafe dafür, dass ich ihn damals von seiner ersten Frau weggelockt hab? Ich spiele echt mit dem Gedanken, in eine andere Stadt zu ziehen, damit wir endlich Ruhe vor der Vergangenheit haben, die nicht loslassen will.





