Irina steigt am Berliner Hauptbahnhof aus dem Zug und blickt sich suchend um – doch nirgends ist ihr Mann Oleg zu sehen, niemand erwartet sie… „Hätte er sich ruhig die Mühe machen können, mich abzuholen!“, denkt sie verärgert, während sie vergeblich versucht, Oleg telefonisch zu erreichen. Schweren Herzens fährt sie mit dem Taxi nach Hause, öffnet mit ihrem Schlüssel die Tür – und bleibt wie angewurzelt stehen: Die Schuhe ihres Mannes fehlen. Als Irina im Wohnzimmer einen Zettel auf dem Tisch findet und ihn liest, klappt ihr vor Schreck fast die Beine weg…

Helga stieg damals aus dem Zug am Münchner Hauptbahnhof und blickte sich suchend um. Ihr Mann, Klaus, war nirgends zu sehen. Niemand war gekommen, sie abzuholen Er hätte sich ruhig die Mühe machen können, dachte sie und schüttelte leicht den Kopf. Er hätte hier schon am Bahnhof auf mich warten können!

Helga griff in ihre Handtasche, zog ihr Handy heraus und rief Klaus an. Doch aus irgendeinem Grund ging er nicht ans Telefon Sie seufzte, nahm ihren Koffer und machte sich allein auf den Weg nach Hause.

In der Straßenbahn spürte sie eine leichte Unruhe. Vor dem Wohnhaus fiel ihr auf, dass der Wagen von Klaus nicht auf seinem Stammparkplatz vor dem Haus stand. Es war noch früh, eigentlich sollte er längst zu Hause sein.

Vielleicht ist er doch losgefahren, um mich abzuholen, und wir haben uns verpasst?, dachte Helga einen Moment lang.

Sie schloss mit ihrem Schlüssel die Tür auf und erstarrte im Flur: Auf dem Schuhregal fehlte jede Spur von Herrenschuhen! Verwundert trat sie ins Wohnzimmer und auf dem kleinen Beistelltisch lag eine Nachricht. Helga griff nach dem Zettel und beim Lesen knickten ihr beinahe die Knie weg.

Ich gehe. Habe meine Sachen mitgenommen. Die Scheidung kannst du selbst einreichen. Unsere Tochter weiß nichts. Klaus.

Helga überflog den kurzen Text drei Mal. Erst langsam begriff sie, was da stand. Während sie auf Dienstreise gewesen war, hatte Klaus offenbar ganz in Ruhe gepackt und war einfach gegangen, ohne Worte, ohne Abschied, ohne Erklärung.

Es sah ihm nicht unähnlich

Resigniert ließ sie sich in den Sessel fallen. Tränen füllten ihre Augen. Im stillen Morgenlicht ihrer Wohnung hörte sie das vertraute Tropfen am Küchenwaschbecken der Wasserhahn war immer noch undicht.

Nicht einmal das hast du repariert, seufzte sie leise. Und in der Badewanne? Brennt da etwa das Licht? Helga stand auf und ging ins Bad. Nein, nur die kleine Lampe über dem Spiegel glühte. Das Regal, das sie erst letzten Monat für unter den Spiegel gekauft hatte und Klaus installieren sollte, stand immer noch originalverpackt auf der Waschmaschine.

Wieder im Flur beugte Helga sich zum unteren Türschloss. Wie eh und je war es defekt, ging nicht zu schließen.

Ihre Tränen trockneten von selbst. Es wunderte sie überhaupt nicht, dass Klaus in ihrer Abwesenheit nichts repariert hatte, selbst wenn er es zugesagt hatte Ob nun der Schloss seit einem halben Jahr nicht funktionierte, das Licht im Bad seit Monaten nicht brannte oder der Wasserhahn tropfte warum sich noch bemühen, wenn man ohnehin Abschied plant? Jahrelang war sie ja schon ohne all die Reparaturen ausgekommen und sie würde es auch künftig schaffen.

Das war wohl seine Logik beim Packen: Lebt sich doch auch so, ging es Helga durch den Kopf. Na schön

Sie schüttelte sich, als wolle sie einen schlechten Traum abschütteln, und griff wieder zum Handy.

Martin, bist du noch wach?, fragte sie beschwingt ihren alten Freund, der ihr im Haushalt schon oft aus der Patsche geholfen hatte den Briefkastenschlüssel repariert, den Schalter in der Küche ersetzt, das Spülkastenventil gerichtet. Wenn Klaus keine Zeit oder Lust hatte, sprang Martin immer ein. Guten Morgen, ich hätte da was für dich zu tun

Helga, meine Liebe, in meinem Alter schläft man morgens nicht mehr lang, lachte Martin herzlich. Was liegt denn an?

Den Wasserhahn müsste man endlich richten, das Licht im Bad und das Regal steht auch noch an. Das Wichtigste aber: Ich brauch heute dringend zwei neue Türschlösser, bitte! Mach das Schloss zuerst und sieh dann, was du noch schaffst, der Rest kann warten.

Aha, wunderte sich Martin. Verzeih, dass ich frage Aber was ist eigentlich mit deinem Mann? Bisher hatte der Hausherr zumindest den Anspruch darauf erhoben, ab und an selbst anzupacken und der Wunsch nach neuen Schlössern weckte Martins Neugier.

Der? Ach, der ist Geschichte!, flachste Helga.

Mensch, Helga, wären meine Jahre nicht schon gezählt, würde ich glatt noch um dich werben. Aber weißt du was? Ich kenn da einen Nachbarn von mir, noch jung, fleißig, kann alles im Haushalt. Dem ist kürzlich die Frau abgehauen zu so einem Fitnessguru. Eure Kinder sind doch alle aus dem Haus. Wäre das nichts für euch zwei?

Herrje, Martin! Was hab ich dir denn getan? Helga lachte laut auf. Ich will jetzt erstmal meine Ruhe genießen hab gerade erst einen losgeworden, da schiebst du mir schon den nächsten unter?

Mensch, allein ist es doch trist, versuchte Martin zu überzeugen.

Zum Durchschnaufen bin ich nicht mal gekommen, langweilig wirds mir auch ohne Mann nicht. Und jetzt los, ich warte schon!, unterbrach Helga herzlich, beendete das Gespräch und wartete.

Während Martin fleißig werkelte, packte Helga doch die Neugier: Sie rief eine Bekannte an, die mit Klaus in derselben Firma arbeitete. Bald wusste sie, was sie wissen wollte: Klaus hatte längst eine Liaison mit einer alleinstehenden Dame Anfang vierzig, keine Jüngste zwar, aber für einen Zweiundfünfzigjährigen wie Klaus durchaus passend. Die Frau war kinderlos, nie verheiratet, aber immerhin Eigentümerin einer schönen Eigentumswohnung.

Mehr musste Helga nicht wissen.

Worüber soll man da traurig sein?, erinnerte sie sich an einen Spruch ihrer längst verstorbenen Großmutter und sah sich in der Wohnung nach Klaus Überbleibseln um. Was sie fand, packte sie in einen weißen Beutel. Sogar das eingerahmte Foto von Klaus auf einem Ausflugsschiff legte sie dazu und fühlte dabei keinerlei Wehmut.

Dann griff sie zum Handy und rief ihre langjährige Freundin Sabine an: Sabine, hast du Lust, heute Abend schön essen zu gehen? Ein bisschen feiern und nett plaudern?

Gibt es einen besonderen Anlass?, fragte Sabine neugierig.

Und ob!, antwortete Helga mit geheimnisvollem Lächeln.

Das klingt spannend, lachte Sabine. Sag einfach wann und wo!

Martin war am späten Nachmittag fertig. Alles war zu ihrer Zufriedenheit erledigt. Dankbar überreichte Helga ihm einen Umschlag mit Euro-Scheinen.

Morgen mach ich noch die Badezimmerlampe! Und falls wieder was ist ruf mich einfach an, ich komme sofort, verabschiedete sich Martin herzlich.

Danke, Martin! Beim Rausgehen: Nimm bitte den weißen Beutel mit und wirf ihn in den Müllcontainer draußen. Sie drückte ihm das Päckchen in die Hand.

Helga überlegte kurz, erwischte sich dabei, dass sie ihre Tochter anrufen wollte ließ es aber sein. Das erzähle ich ihr in Ruhe am Samstag, wenn ich sie besuche extra habe ich Geschenke für die Kleine besorgt und auch für meinen Schwiegersohn. Heute soll ein Festtag werden!, beschloss sie.

Bis zum Treffen mit Sabine blieb noch etwas Zeit. Helga holte ihren Lieblingssekt hervor, goss sich ein Glas ein, bewunderte die goldenen Reflexe im Licht, sog den aromatischen Duft in sich ein und hob mit einem leisen Lächeln das Glas:

Auf ein neues, freies Leben voller wunderbarer Überraschungen und schöner Augenblicke!

So ging jener Tag für Helga zu Ende ganz anders als erwartet, und doch vielleicht genau so, wie es sein sollte.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Irina steigt am Berliner Hauptbahnhof aus dem Zug und blickt sich suchend um – doch nirgends ist ihr Mann Oleg zu sehen, niemand erwartet sie… „Hätte er sich ruhig die Mühe machen können, mich abzuholen!“, denkt sie verärgert, während sie vergeblich versucht, Oleg telefonisch zu erreichen. Schweren Herzens fährt sie mit dem Taxi nach Hause, öffnet mit ihrem Schlüssel die Tür – und bleibt wie angewurzelt stehen: Die Schuhe ihres Mannes fehlen. Als Irina im Wohnzimmer einen Zettel auf dem Tisch findet und ihn liest, klappt ihr vor Schreck fast die Beine weg…
Die Schwiegermutter vergisst den Anruf zu beenden, und Svetlana belauscht ihr Gespräch mit ihrem Sohn