Die Schwiegermutter vergisst den Anruf zu beenden, und Svetlana belauscht ihr Gespräch mit ihrem Sohn

Die Schwiegermutter hat vergessen, eine Einladung abzubrechen, und Anneliese hat ihr Gespräch mit dem Sohn mithören können.

Anneliese wischt den Staub von den Fotos auf dem Kommoden, als sie Andreas Schritte im Flur hört. Der März ist feucht, und selbst die Heizung schafft es nicht, die Nässe aus der kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin zu vertreiben.

Auf der Fensterbank verdorren Veilchen, das einzige Zeichen dafür, dass im warmen Mai, als sie geheiratet haben, noch Leben war.

Andreas erscheint in der Küche in abgetragenen Jeans und einem weiten TShirt. Seine Haare stehen in alle Richtungen, und ein Kissenabdruck ziert seine Wange.

Schon wach? sagt er und greift nach dem Wasserkocher. Ich hatte gedacht, wir können am Samstag noch länger schlafen.

Anneliese hängt das Geschirrtuch an den Haken neben der Spüle. Deine Mutter hat schon zweimal angerufen. Sie will wissen, wann wir ihr auf dem Land helfen.

Andreas hustet. Vor dem Fenster fliegt ein Schwarm Spatzen vorbei, und aus dem Innenhof bellt ein Hund.

Und was hast du ihr gesagt?

Dass wir darüber nachdenken, antwortet Anneliese und nimmt einen Würfel Käse aus dem Kühlschrank, legt ihn auf die Teller. Aber warum sollen wir jedes Wochenende dort hin? Olgas Sohn Karl ist doch kein Schnuller.

Karl arbeitet in zwei Schichten, sagt Andreas, setzt sich an den Tisch und bestreut den Käse mit Zucker. Er hat nie Zeit.

Ach ja, nie, murmelt Anneliese und rutscht neben ihn. Und ich? Bin ich etwa die sorglose Hausfrau? Ich arbeite doch auch.

Andreas schweigt, trinkt Tee und starrt gelangweilt aus dem Fenster. Dort, hinter dem Glas, schwingt ein Nachbar im vierten Stock sein Fahrrad, justiert die Kette.

Erinnerst du dich, wie wir uns bei deiner Familie vorgestellt haben? fragt Anneliese und beißt in ein Stück Brot. Ich dachte damals, sie wären so gastfreundlich

Der September ist ungewöhnlich warm. Anneliese arbeitet als Verkäuferin in einem Stoffladen, Andreas ist Schlosser in einer Fabrik. Seit einem halben Jahr kennen sie sich, und jetzt soll es ernst werden die Eltern kennenlernen.

Meine Mutter freut sich sehr auf dich, sagt Andreas und richtet das Hemdkragen. Sie hat die ganze Woche gekocht.

Olga Schwarz wohnt in einem fünfstöckigen Altbau. Beim Betreten des Flurs verzieht Anneliese das Gesicht: ein Geruch nach Bleichmittel und Katzenstreu liegt in der Luft, an den Wänden prangen unappetitliche Graffiti.

Kommt rein, ihr Lieben!

Olga begrüßt sie im Treppenhaus in einem bunten Kleid mit kleinen Blumenmustern, ihr Haar zu einer ordentlichen Schleife geflochten.

Die Wohnung strahlt eine behagliche SeniorenAtmosphäre aus: Vasen mit frischen Blumen und Bonbons stehen auf den Regalen, Teppiche hängen an den Wänden, und ein alter Fernseher trägt ein SpitzenvorhangTuch.

Ach, du hübsche junge Frau!, ruft Olgas Stimme, als sie Anneliese sieht. Ich habe gerade Kohlrouladen gemacht. Hilfst du mir bitte, den Tisch zu decken?

Sie reicht ihr einen Stapel Teller, und bevor Anneliese sich umdrehen kann, steht sie bereits in der Küche.

Im Wohnzimmer sitzt Karl auf dem Sofa, ein schlanker junger Mann um die 25, mit leichtem Bartschatten und einem gelangweilten Blick.

Hallo, murmelt er.

Den ganzen Abend über bittet Olga Anneliese immer wieder, die Soße zu reichen, das Brot zu schneiden, das Geschirr abzuräumen. Karl sitzt kaum bewegt da, nickt gelegentlich zur Mutter und brummt unverständliche Antworten.

Karl ist ein guter Helfer, prahlt Olga, als ihr Sohn auf den Balkon geht, um zu rauchen. Nur bei der Arbeit wird er müde. Ich lasse ihn nicht zu oft etwas tun, damit er Kräfte sammelt.

Ein Monat später findet die kleine Hochzeit statt. Nur wenige Gäste, aber alles ist fröhlich und herzlich. Bei den Geschenken überreicht Olga feierlich zwei Päckchen.

Anneliese bekommt eine blaue Bluse vom Flohmarkt, übersät mit Pailletten eindeutig billig und schnell gekauft. Andreas erhält einen Ledergürtel in einer hübschen Schachtel.

Entschuldigt die Bescheidenheit, piepst die Schwiegermutter. Die Rente ist klein, kaum reicht sie zum Leben.

Karl zuckt mit den Schultern und wendet sich zum Fenster. Anneliese beißt sich auf die Zunge, weil sie unbedingt wissen will, woher ihr arbeitsloser Sohn teure Turnschuhe hat.

Ein halbes Jahr vergeht. Anneliese kocht, putzt, wäscht. Andreas arbeitet gelegentlich in zwei Schichten, kommt erschöpft nach Hause, und sie will ihn nicht unnötig belasten.

Olga kommt alle zwei Tage, immer gegen acht Uhr morgens, gerade wenn Anneliese zur Arbeit gehen will.

Mein Teppich ist total voll. Bring ihn nach draußen und schüttle ihn gut, sonst tut mir der Rücken weh.

Oder:

Geh zu Edeka, ich brauche Milch und Brot. Wenn du zu weit gehst, schwellen meine Beine.

Anneliese erfüllt schweigend alle Bitten, nimmt die Tasche und fährt zum Supermarkt. Der Teppich, den sie trägt, stammt offensichtlich von Olgas Großmutter.

Im Nebenzimmer wohnt Karl, ein gesunder Kerl, der den ganzen Tag zu Hause sitzt und Computerspiele spielt, aber seine Mutter stört ihn nie.

Man darf Karl nicht stören, erklärt Olga. Er ist nach der Arbeit müde, auch wenn er zwischendurch ruht.

Ein Donnerstag: Anneliese kommt mit schweren Tüten von Edeka zurück, als sie Olga auf der Treppe stehen sieht.

Gerade rechtzeitig! Die Kartoffeln sind jetzt im Angebot. Hol dir einen Sack, mein Rad ist krank.

Anneliese atmet tief ein, atmet langsam aus und schaut ihr fest in die Augen.

Nein!

Was bedeutet Nein? stottert Olga verwirrt.

Genau das.

Olga schüttelt den Kopf, wirft die Jacke von Anneliese auf den Boden.

Du bist undankbar! Faul! Wie kannst du es wagen!

Sie läuft zurück in ihre Wohnung, wirft die Jacke zu Boden.

Anneliese steht im Flur, betrachtet die zerknitterte Jacke und fragt sich, wofür sie eigentlich dankbar sein soll für die billige Bluse? Für die endlosen Aufträge? Für die Behandlung wie eine kostenlose Haushaltshilfe?

Drei Tage vergehen in Stille. Niemand ruft an, niemand klopft an die Tür. Anneliese genießt die unerwartete Ruhe, kann gemütlich frühstücken, abends ein Buch lesen. Auch Andreas merkt die Veränderung.

Mama ist lange nicht mehr gekommen, sagt er beim Abendessen, während er die Spaghetti auf die Gabel wickelt.

Und ich vermisse sie nicht, gibt Anneliese ehrlich zu.

Am vierten Tag, während Anneliese Frikadellen brät, klingelt Andreas Handy wie ein Feueralarm.

Ich habe es satt, sagt er, während er Zwiebeln in der Pfanne wendet.

Mutter, ich bin alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen, sagt er weiter.

Ich habe dein ganzes Leben beschützt, und jetzt soll ich das nicht mehr tun?

Wie kann ich dich beschuldigen? protestiert Anneliese. Ich habe nur über Karl gesprochen.

Und berühre Karl nicht!, schreit die Schwiegermutter. Wenn er zu Hause sitzt, muss das so sein!

Genau das nervt mich!, explodiert Andreas. Du behältst ihn wie eine zerbrechliche Vase!

Stille legt sich über das Telefon, das nur das Zischen des Öls in der Pfanne hörbar macht.

Gut, mein Sohn, wird Olgas Stimme eisig. Wenn du meinen Geburtstag nicht verderben willst, beenden wir das hier.

Andreas legt auf und blickt aus dem Fenster.

Manchmal habe ich das Gefühl, meine Mutter lebt in ihrer eigenen Welt. Dort ist Karl ein ewiges Kind, das vor allem geschützt werden muss, und alle anderen sind Statisten in ihrem Stück.

Anneliese legt die Tasse auf das Fensterbrett und lächelt nur. Draußen leuchten die Laternen, das Ende des März riecht nach Frühlingsluft. Tauben sitzen an den Stromleitungen, aus der Ferne läuten Kirchenglocken, ihr Klang wirkt feierlich.

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Homy
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Die Schwiegermutter vergisst den Anruf zu beenden, und Svetlana belauscht ihr Gespräch mit ihrem Sohn
Sie erwachte zum Klang der Geheimnisse.