Verrat der eigenen Kinder
Schon damals blickte Dorle voller Bewunderung zu ihrer Schwester und ihrem Bruder auf. Was waren sie doch schön! Groß, mit dunklen Haaren und strahlend blauen Augen. Wieder einmal wurden sie ausgezeichnetsie hatten erneut bei einem Wettbewerb gewonnen. Dorle stand schnell auf, um als Erste bei ihnen zu sein. Sie hinkte etwas mit dem rechten Bein, aber das hielt sie nicht auf. Sie wollte ihnen die beiden Häschen schenken, die sie eigens gehäkelt hatte. Eines im Röckchen, das andere mit karierten Hosen. Sie wollte Freude schenken.
Dorle war plump, übergewichtig, dünnes Haar steckte hastig fest, ein schlichtes Lächeln lag auf ihren Lippen. Irmgard und Johann taten so, als sähen sie ihre Schwester nicht. Dorle kämpfte sich zur Bühne.
Lassen Sie mich bitte durch! Das sind mein Bruder und meine Schwester! Lassen Sie mich! rief Dorle fröhlich.
Irmchen, da ruft so ein dickes Mädchen, dass sie deine Schwester sei. Stimmt das etwa? flüsterte ihre blonde Freundin Hannelore.
Ein kurzer Blick von Irmgard, dann wandte sie sich ab, und dachte:
Fette Kuh, jetzt wirds peinlich. Bestimmt hat Mama ihr gesagt, sie soll kommen. Was für eine Schande!
Laut sagte sie:
Nein, ich habe nur einen Bruder. Johann.”
“Hab ich mir gleich gedacht. Die will wohl ein Stück vom Ruhm abhaben. Und drückt euch diese Spielzeuge auf,” kicherte Hannelore.
“Wohl unser lokaler Fan. Nimm ihr das Zeug ab, Hanne. Und komm nach, ich geh mit Johann schon mal voraus!” rief Irmgard und zog Johann mit sich fort.
Hannelore nahm Dorle die Häschen ab, versprach sie weiterzugeben.
Danke! Ich warte dann zu Hause auf euch und backe Streuselkuchen! rief Dorle glücklich und hinkte zurück.
“Hier, bitteschön, habs abgeliefert. Die wartet auf euch und will Kuchen backen. Sie sieht selbst aus wie einer Sag, Irmgard, bist du dir sicher, ihr seid keine Verwandten? Warum hängt sie so an euch? fragte Hannelore weiter.
Nein! Ich kenne sie nicht! Viele schwärmen uns an, weil sie berühmt sein wollen. Komm, gehen wir! sprach Irmgard kühl und warf die Häschen gleich in den Müll. Mit Hannelore und Johann eilte sie zur Siegerehrung.
In Wahrheit hatte sie ihre Freundin angelogen. Dorle war wirklich ihre Schwester eine Halbschwester. Die Mutter der Zwillinge, Elisabeth, nahm Dorle zu sich, nachdem eine entfernte Verwandte verstorben war. Von einem Familienausflug kehrte nur Dorle zurück: klein, mit einer Verletzung.
Elisabeth war nur eine sehr entfernte Verwandte siebter Grad. Nicht einmal der gleiche Familienname. Die Blutsverwandten lehnten es ab, das Kind aufzunehmen. Aber Elisabeth brachte sie mit nach Hause, obgleich ihr Mann und die Kinder laut protestierten, als sie erfuhren, dass eine Schwester einziehen sollte. Irmgard und Johann waren verwöhnte Kinder, niemals wurde ihnen ein Wunsch verwehrt.
Mama, nimm die nicht rein! Die ist dick, hinkt, und ein Dummchen. Schon peinlich, neben der zu laufen!
Ach, Kinder. Tut sie euch weh? Sie ist doch ganz allein. Hunde und Katzen nimmt man auf, und das hier ist ein Mensch noch dazu ein Kind. Wir haben doch genug Platz! redete Elisabeth ihnen zu.
Widerwillig stimmten sie zu. Elisabeth führte einen kleinen Laden und verdiente das meiste Geld. Ihr Mann, Friedrich, war nur ihr Stellvertreter, kümmerte sich wenig und war ständig auf Abwegen. Ob sie davon wusste, schwieg sie. Hauptsache, ihre Kinder waren schön, und Friedrich sah vorzeigbar aus die Kinder kamen nach ihm.
Dorle wuchs heran: klein, pummelig, hellblond. Die Augen schimmerten fast glasig blau, fast durchsichtig, anders, aber dennoch verwandt mit ihren Geschwistern.
Ihre Augen erinnern an verdünnte Milch. Zu viel Wasser! Dicke Kartoffel! spottete Irmgard.
Dorle war wie eine süße Semmel, freundlich, mit Grübchen an den Wangen und einem riesigen Herz. Aber sie spielte immer alleine. Die anderen beiden schlossen sie aus, und natürlich schoben sie ihr die Schuld zu, wann immer etwas passierte. Ging einmal eine teure Vase in die Brüche, hatte Johann sie zerschlagen doch gesagt wurde, Dorle wars. Plünderte Irmgard Mamas neue Bluse und schlitzte sie versehentlich auf, musste auch Dorle als Sündenbock herhalten.
Dorle widersprach nie. Sie senkte den Kopf und entschuldigte sich. Sie wusste, wers getan hatte, aber wollte Irmgard und Johann nie Schwierigkeiten bereiten. Sie fand sie einfach zu schön.
Auch Elisabeth schimpfte nie mit Dorle, aber der Vater ließ sich aus.
Warum hast du dieses hässliche Entlein ins Haus geholt! Vor Gästen ist das peinlich! Die hinkt, frisst wie ein Elefant. Unsere beiden Kinder sind bildhübsch braucht es neben denen wirklich dieses Elend als Kontrast? Andere waren klüger und haben nein gesagt. Aber du schleppst sie an. Wer will die später? Dieses Vogelscheuchengesicht? schrie Friedrich.
Dorle hörte es an der verschlossenen Tür. Später stand sie vorm Spiegel. Mochte ihr Spiegelbild nicht. Sie wäre so gerne schön wie Johann und Irmgard. Aber das Schicksal meinte es anders.
In eine andere Schule wurde sie geschickt die Zwillinge bestanden darauf. Sonst, so drohten sie, würden sie die Schule schwänzen und ihre guten Noten nicht mehr bringen. Elisabeth willigte ein, als sie sah, dass die Brücke, die sie mühsam zwischen den Kindern zu bauen versuchte, fast zerbrochen war. Sie konnte nicht verhindern, was geschah.
Die Jahre gingen. Johann und Irmgard zogen fort zum Studieren. Dorle bat die Mutter, zu Hause bleiben zu dürfen.
Aber Kind! Du kannst studieren, was du willst. Ich bezahle alles! Designerin, Dolmetscherin, was du möchest, Dörchen? Elisabeth drückte sie an sich.
Dorle schmiegte sich wie ein Kätzchen an, umarmte sie. Jedes Mal beruhigte das Elisabeth. Ihre eigenen Kinder gaben höchstens einen flüchtigen Kuss, wenn überhaupt. Mit Dorle aber war da eine Wärme, die mit den anderen fehlte.
Sie holte die Mutter immer ab, egal, wie spät es wurdeoft wartete Dorle selbst im Winter im Hof oder saß auf dem Flur auf dem Hocker. Der Mann und die anderen Kinder scherten sich nicht drum, grüßten meist nicht einmal. Einmal wagte Elisabeth eine Bemerkung, doch Irmgard schrie:
Wir haben doch zu tun! Die blöde Dorle wartet wie ein Hündchen, weil sie sonst nix zu tun hat. Die träumt ja auch nicht mal!
Dorle hob den Glasblick zur Mutter und hauchte:
Mama, darf ich Tiere heilen? Hunde, Katzen, Hamster, Ferkel. Ich möchte Tierärztin werden. Und das kann ich hier lernen.
Diese Wahl lag auf der Hand. Dorle brachte immer verletzte Tiere mit, pflegte sie, fand ihnen ein neues Zuhause. Ein großer wuscheliger Hund blieb; Irmgard protestierte, wollte einen Rassehund, aber Elisabeth hielt zu Dorle.
So lebten sie weiter. Bald konnte Elisabeth wegen Krankheit nicht mehr arbeiten. Als Friedrich merkte, dass das Geld langsam ausblieb, lief er gleich zu einer Bekannten von Elisabeth, der Besitzerin eines Friseursalons.
Die Kinder kamen selten, meist wenn sie Geld brauchten und davon gab es noch genug. Nur Dorle blieb treu bei ihrer Mutter, bereitete ihr täglich kleine Leckerbissen, massierte sie, kochte Kräutertee. Abends saßen sie oft unter dem alten Apfelbaum, tranken Tee. In solchen Momenten gab es niemanden auf der Welt, der glücklicher war als Dorle.
Irmgard und Johann heirateten. Mutter half beiden beim Wohnungskauf. Aber plötzlich kam der Schock: Johann tauchte nachts auf, fast am Weinen. Er hatte Schulden, musste eine enorme Summe zurückzahlen.
Wie denn das? Woher nehmen wir nur so viel, mein Junge? Hast du beim Vater gefragt? Nichts da? Naja, wie auch. Sogar wenn ich alles gebe, reicht es nicht zur Hälfte. Was machen wir nur? klagte Elisabeth.
Johann aber wusste Rat: Das Haus verkaufen, dann reichte es.
Aber was wird dann aus Dorle und mir? Wohin sollen wir? erschrak die Mutter.
Die Dicke kann sehen, wie sie zurechtkommt. Die kann arbeiten und für sich selbst sorgen. Genug, wir haben sie ein Leben lang mit durchgezogen. Du ziehst zu uns Leni freut sich!, grinste Johann.
Leni war seine Frau, und Elisabeth zweifelte, ob sie wirklich begeistert war. Doch sie widersprach nicht sie musste ja ihren Sohn retten! Sie stellte nur eine Bedingung: Dorle kommt mit. Johann stimmte zähneknirschend zu. Kurze Zeit später kam Dorle zu ihrer Mutter und sagte:
Mama Du gehst allein zu Johann. Ich ich ziehe zu einem Freund, wir sind zusammen. Er lädt mich schon lange ein, ich gehe zu ihm. Mach dir keine Sorgen!
Wie, Kind? Wer ist das? Ich will ihn doch kennenlernen! Warum hast du nichts gesagt? war Elisabeth überrascht, aber glücklich.
Kommt noch. Du wirst ihn kennenlernen. Mach dir keine Sorgen, Mama! Dorle umarmte sie fest.
Sogar Johann war erleichtert er musste Irmgard nicht bitten, sich einen Plan auszudenken, wie sie Dorle loswerden konnten. Sie wollten sie auf keinen Fall aufnehmen.
Doch Dorle log. Es gab niemanden. Aber sie spürte, dass sie unerwünscht war sie wollte der Mutter keine Probleme machen, ihr Herz schon schwach, und aus reiner Liebe tat sie so.
Sie mietete ein Zimmer bei Herrn Probst, einem alleinstehenden alten Bauern. Er hatte Hühner, Ziegen, Schweinchen und suchte Gesellschaft. Als er hörte, dass Dorle Tierärztin war, freute er sich so sehr, dass er ihr die Miete schenken wollte. Dorle bestand aber darauf, zu zahlen.
Sie fand ihren Platz. Die Leute achteten sie, die Tiere liebten sie. Sie hatte immer ein gutes Wort und nach der Behandlung ein Leckerli übrig, von ihrem eigenen Lohn gekauft.
Na, Bello, mein Spätzchen. Hier, hast was Feines von Dorle! Keine Angst, kleiner Freund. Ich habe euch Tropfen dagelassen. Rufen Sie ruhig an, Tag und Nacht, falls was ist!” sagte sie liebevoll zu jedem, der kam.
Mädchen, nie wurde ich in der Klinik so herzlich empfangen wie mein Kater von dir. Ein Goldkind bist du!” schwärmte Frau Anna, Besitzerin eines prächtigen Katers.
Dorle blühte auf nur das Herz blieb schwer: Wie ging es Mutter? Sie rief oft an, doch immer öfter nahm Johann ab, gab knappe, unfreundliche Antworten. Mutter schlafe.
Ich weiß nicht mehr… Ich hab sie ein halbes Jahr nicht gesehen, seufzte sie bei Tee mit Herrn Probst.
Warum fährst du dann nicht? Ich nehm dich mit, mein alter Käfer läuft noch. Und ich hab sogar noch Führerschein! schlug Herr Probst vor.
Dorle war froh. Sie hatte die Adresse. Sie klopften lange. Eine große blonde Frau, in Morgenmantel, öffnete gähnend.
Wer seid ihr? Ich kaufe nichts! Hauen Sie ab!
Sie sind wohl Leni, Johanns Frau? fragte Dorle höflich.
Ja, und? Wer sind Sie?
Ich bin Dorle, seine Schwester!” Dorle versuchte einzutreten, doch Leni wehrte ab.
Was willst du? Ich muss zu meiner Kosmetikerin, hab keine Zeit!
Ich bin nur kurz da, das ist Herr Probst, ein Freund. Ich will zu Mama. Ich störe nicht, verspreche ich.
Die ist nicht hier. Johann hat sie ins Heim gebracht. Sie lag nur noch im Bett, braucht Pflege. Ich hab dafür keine Zeit. Keine Ahnung, wo das ist. Ach, warte, ich ruf an… Johann, deine Schwester ist da, mit irgendeinem alten Knacker. Sie wollen Adresse. … Okay. Hier, steht auf dem Zettel. Und komm nicht wieder! sagte Leni, mit einem Hauch von teurem Parfüm.
Dorle nahm den Zettel, eilte mit Herrn Probst hinaus.
Wie konnte das nur sein? Warum hat mir niemand was gesagt? Hätte ich das gewusst, ich hätte… Ach, nur weil ich kein eigenes Haus habe? Ich hätte schon was gefunden… stammelte Dorle leise.
Du, Kind, uns hätte sie nehmen können! Mehr als genug Platz! So ein Unfug… Die hätten Bescheid geben müssen!, schimpfte Herr Probst.
Sie kamen an. Die Frau im Bett war das wirklich ihre Mutter, so klein und zerbrechlich? Früher war sie groß und rund, voller Energie, immer unter Menschen, voller Tatendrang. Jetzt lag sie schwach, mit hohlen Augen.
“Mama! Ich bin’s, Dorle! Verzeih, dass ich nicht gekommen bin. Mama… Ich habe versagt! Aber ich nehme dich mit, wir gehen nach Hause! Zu Herrn Probst, da gibt’s Hühner und frische Eier, du wirst sehen! Und Ziegenmilch Du wirst schnell wieder gesund. Mama, bitte! Ich liebe dich!”
Sie nahmen Elisabeth mit sich. Dorle war offiziell Tochter Herrn Probst ließ nicht locker, als ehemaliger Soldat könnte er die Obrigkeit verständigen. Da Johann gewollt hatte, dass die Mutter für immer im Heim blieb
Nach zehn Tagen stand Elisabeth wieder auf, trat ans Fenster. Draußen stolzierte das Schwein Frieda, der Hahn krähte, es duftete nach Heu und nach Streuselkuchen. Dorle backte. Humpelnd, aber lächelnd, trat sie ein, umarmte ihre Mutter unbeholfen und entschuldigte sich.
Elisabeth hielt sie einfach nur fest. Und in Dorle erkannte sie wieder das kleine, lustige Kind, nicht mit ihr blutsverwandt, aber warmherzig und fürsorglich. Am Ende blieb nur sie ihr treu ihre schöne und erfolgreiche Kinder waren fort, Dorle aber blieb.
Es wird alles gut, Dörchen. Alles wird gut!, flüsterte Elisabeth.
Na, Mädels, wie wär’s mit einer gepflegten Teestunde? kam Herr Probst herein.
Und lachend, Hand in Hand, gingen sie zu dritt ins Wohnzimmer. In ein neues Leben.





