Verschiedene Menschen Allchen wuchs nicht als einfaches Mädchen auf. Sowohl Simon als auch Marina wussten, dass sie selbst schuld waren: Sie verwöhnten ihre Tochter zu sehr. Aber wie hätte man sie auch nicht verwöhnen können? So hübsch, so zart, und sie hatten so lange um sie gekämpft. Marina konnte kaum schwanger werden. Sie konsultierten jede erdenkliche Klinik, reisten sogar nach Berlin. Doch alle Ärzte waren ratlos und konnten nichts feststellen. Und wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es kein Kind? Ein erfahrener Arzt riet schließlich zu Naturmedizin. Also suchten sie eine Kräuterfrau, die Marina eine übel riechende Tinktur gab, die sie tropfenweise täglich einnehmen sollte. Widerwillig hielt sie sich daran – und wurde tatsächlich schwanger. Simon war so glücklich, dass die Nachbarschaft davon erfuhr. Die Schwangerschaft war extrem beschwerlich. Simon glaubte mehrfach, Marina würde das Baby verlieren. Sie litt unter starker Übelkeit, konnte weder essen noch Gerüche ertragen, ihre Beine und Hände schwollen an, sie schlief schlecht und verließ kaum das Haus. Als die Wehen begannen, war Simon erleichtert – doch die Probleme fingen erst richtig an. Nach quälenden zehn Stunden entschieden die Ärzte auf Kaiserschnitt. Das Mädchen war schwach und Marina schwebte zwei Tage lang zwischen Leben und Tod. Nach fast einem Monat im Kinderkrankenhaus durften sie endlich nach Hause. Simon hatte Marina und die kleine Tochter schmerzlich vermisst und war nun überglücklich. Jetzt würde ihr Glück beginnen! Nun waren sie eine richtige Familie. Alles war, wie Simon es sich erträumt hatte. Als Allchen fünf Jahre alt war, kam Simon eines Tages nach Hause, setzte sich zu Marina und sagte: –Wir müssen ein Haus bauen. In der Einzimmerwohnung ist kein Platz. Allchen bekommt ihre eigene Ecke. Marina war immer unterstützend, aber diesmal unsicher: Woher das Geld nehmen? Simon antwortete pragmatisch: Wenn wir es nach und nach machen, klappt es schon. Mit Geduld gelingt alles. Doch der Traum zerplatzte. Nach einem halben Jahr wurde Allchen schwer krank. Zuerst eine Erkältung, dann Komplikationen, dann immer wieder Krankenhaus – die Familie stürzte in Schulden. Aber nach langen drei Jahren wurde das Mädchen wieder gesund. Da dachte Simon nicht mehr ans Haus, sondern daran, die Schulden loszuwerden. Marina wusste, dass Simon immer noch an den Hausbau dachte, auch wenn er nichts sagte. Allchen war inzwischen selbstständig, und Marina nahm Arbeit im Werk auf, weil das Geld reichte, wenn sie beide viel arbeiteten. Erst als Allchen 14 war, konnten sie alles zurückzahlen. Doch wie das Leben – mit jedem Jahr wurden die Wünsche der Tochter größer: neues Kleid, ein Mantel wie das von Annika. Bald war Schulabschluss. Marina und Simon sparten fleißig. Sie hofften, sobald Allchen zum Studium ging, könnten sie endlich anfangen. Aber auch das kam anders. Allchen ging tatsächlich aufs Studium und zog um. Simon und Marina waren stolz. Simon konnte in zwei Jahren die Wände des Hauses hochziehen – Fenster und Türen nur aus Brettern, aber es war schon ein Haus. Zwei weitere Jahre vergingen… An einem freien Tag kamen Simon und Marina völlig erschöpft von der Baustelle nach Hause – aber glücklich, denn zwei Fenster waren endlich eingebaut. Plötzlich klingelte es. Marina öffnete – und schrie auf. Vor der Tür stand Allchen – mit großem Babybauch. Hinter ihr ein langer, junger Mann, der unruhig von Fuß zu Fuß trat. –Allchen, was ist das? Marina zeigte auf den Bauch. –Mama, was glaubst du denn? Da sind unser Baby und Ruslan. Übrigens, das ist Ruslan. Er wird jetzt bei uns leben und wir heiraten. Ruslan nickte zustimmend und kaute weiter Kaugummi. Simon kam dazu; alle gingen in die Küche, setzten sich an den gedeckten Tisch. –Allchen, warum hast du nie was gesagt? –Wozu, damit ich eure Moralpredigten höre? –Und das Studium? –Wozu? Mir geht’s auch ohne gut. Ruslan hat das Studium im ersten Jahr geschmissen, und lebt auch. Simon schaute den jungen Mann an, der weiter zustimmend kaute. –Und wo arbeitet unser Ruslan ohne Abschluss? –Papa, hör auf. Noch nirgends. Er sucht erst mal den richtigen Bereich. Wieder ein bedeutendes Kopfnicken von Ruslan. Simon wurde ungeduldig: –Wovon wollt ihr leben, wenn ihr beide nicht arbeitet und ein Kind bekommt? Allchen staunte: –Na, ich habe doch Eltern. Simon ging in die Küche – um der Tochter keine Vorwürfe zu machen. Bald kam auch Marina. Sie sahen still aus dem Fenster und gingen dann schlafen. Am nächsten Morgen sprach Simon mit Marina: –Ich finde, wir ziehen ins Haus. Wir machen eine Kammer fertig, und der Rest kommt nach und nach. Die Wohnung schenken wir den jungen als Hochzeitsgeschenk. Marina stimmte zu. Als sie es den Kindern verkündeten, waren Allchen und Ruslan begeistert. Simon und Marina nahmen nur die nötigsten Möbel mit ins Haus. Als das Umzugsauto da war, sagte Simon: –So, Tochter. Die Wohnung gehört dir. Sei eine gute Hausherrin. Sie umarmten sich und fuhren ab. Im Haus war noch kaum etwas fertig. Doch Marina klagte nicht: Arbeit, Essen kochen, Wäsche waschen am Waschzuber, Wasser schleppen von der Straße. Abends half sie Simon beim Hausbau. Stein schleppen, Zement mischen. So oft sie konnte, half sie. Allchen tauchte immer wieder auf – meist um Geld zu bitten. Die Eltern halfen, obwohl die Baustelle alles verschlang. Einmal hielt Simon es nicht mehr aus und fragte, als sie zu Besuch waren: –Arbeitet Ruslan immer noch nicht? –Papa, es gibt keine passende Arbeit. Er schuftet nicht auf dem Bau für Kleingeld. –Aber warum? Denkt Ruslan nicht daran, die Familie zu versorgen? Jetzt wollte Simon direkt von Ruslan hören. Wenn Simon laut wurde, wusste man – besser nichts sagen. Ruslan hörte auf zu kauen, schaute zu Allchen und dann zu Simons Familie: –Ich hatte nie vor, Beton zu mischen und Steine zu schleppen. –Aber was hast du gedacht? Dass das Leben einfach ist, wenn du heiratest und ein Kind bekommst? Du musst deine Familie ernähren, wir sind nicht ewig da. Beim Abschied sagte Simon zu Allchen: –Wenn dein Taugenichts nichts zu tun hat, soll er beim Haus helfen; es wird ja eh euch mal gehören. –Warum soll er euch helfen? Ihr habt das angefangen, und jetzt quält ihr alle damit! Simon sagte nichts, Marina drückte der Tochter unbemerkt Geld in die Hand. Eine Woche später fand Ruslan einen Job in irgendeinem Büro – schlechter bezahlt als am Bau, aber das war ihm wohl recht. Die Eltern waren erleichtert: besser so als gar nicht. Simon und Marina wurden oft beim Arbeiten im Hof von Anton beobachtet – einem Nachbarsjungen, etwa zehn oder elf Jahre alt. Er hätte gern geholfen, aber war zu schüchtern. Er wohnte mit seiner Oma in einem alten Häuschen verborgen hinter Apfelbäumen. Abends tranken Simon und Marina gern Tee im Hof. Körper und Seele erholten sich, das Haus wurde langsam zum Zuhause. Eines Abends rief Simon den Jungen heran, Marina kochte eine Tasse Tee und stellte Kekse bereit. Der Junge, Anton, war verlegen, nahm aber dankbar den Tee. –Wir sind jetzt also Nachbarn? –Ja, sind wir. Im Gespräch erfuhren sie, dass Anton keine Eltern hatte; sie waren früh verstorben, und die Oma war alt und oft krank. Anton half ihr, wo er konnte. Beim Abschied fragte Anton: –Darf ich euch manchmal helfen? Ich langweile mich im Sommer ohne Schule. Simon sah Marina an. –Natürlich, wir freuen uns über jede Hilfe. Das stört die Oma doch nicht? –Nein, sie ist nett. Am nächsten Tag wartete Anton schon. Er lernte schnell und Simon schickte Marina bald ins Haus: –Mit so einem pfiffigen Helfer – das geht viel schneller als mit einer Frau, die nicht mal Steine von Ziegeln unterscheiden kann! Marina ging und entdeckte die Oma auf der Bank. Prowitz, wie sie genannt wurde, war wirklich lieb: klug, verständig, herzlich. Marina fragte, ob es recht wäre, wenn Anton mithilft. Die Oma war erstaunt: –Wie könnte man dagegen sein, dass jemand hilft? Es tut Anton gut, was Gescheites zu tun. Ihr Simon ist handwerklich begabt, da lernt Anton was. –Stimmt, antwortete Marina. Sie lud die Oma auf einen Abendtee ein – Nachbarn müssen zusammenhalten. Abends tranken sie gemeinsam Tee – Männer sprachen übers Wasser, Frauen über ihre Themen. Am nächsten Tag wurde Allchen Mutter. Simon und Marina kauften im Krankenhaus Leckereien und Babyausstattung, sogar Ruslan war mit Blumen da. Zurück zuhause feierten sie traditionell mit Nachbarn. Allchen und ihre Familie bekamen Zuwachs: Die Schwester von Ruslan mit Kind wurde von ihrem Mann rausgeworfen und zog ein – das Chaos wuchs. Aber Allchen beschwerte sich nicht. Eltern entschieden: nicht einmischen. Anton wurde Teil der Familie, half immer, trug die Einkäufe, ließ Marina kaum noch etwas schleppen. Simon und Marina gingen in Rente. Anton war Halbwaise und sollte ein gutes Studium bekommen; sie wollten ihn unterstützen. Doch Anton überraschte sie: Er fand sofort einen Nebenjob und betonte, sein Stipendium und Gehalt reiche aus. Er brachte jedes Wochenende Geschenke und umarmte seine Ersatzeltern. Dann wurde Marina krank. Sie magerte ab und war ständig erschöpft. Simon überredete sie zu einer Untersuchung, und der Arzt teilte ihm mit: Krebs, weit fortgeschritten, weniger als sechs Monate zu leben. Simon informierte Allchen: –Mama ist krank. –Schade, aber was soll ich machen? –Sie hat Krebs, sie wird wohl kaum noch leben… –Okay, Papa, morgen besuche ich sie. Allchen kam ein einziges Mal ins Krankenhaus. Als Marina entlassen wurde, meinte der Arzt, bald würde sie Pflege brauchen – Simon war bereit. Er rief Allchen, als es so weit war: –Könntest du kommen, Mama braucht Hilfe beim Baden. –Oh Mann, soll ich jetzt jeden Tag hin- und herfahren? Ich gebe mir Mühe, kann aber nichts versprechen. Simon wartete vergeblich. Niemand half. Mit Mühe schaffte er es allein – Marina weinte: –Warum diese Strafe? Ich quäle dich und mich. Ich möchte nur schneller gehen. Simon versuchte sie zu trösten. Ein Monat später starb Marina. Anton weinte offen – er war 22 und hatte gerade sein Studium abgeschlossen. Simon hatte bis zuletzt nichts gesagt, aber Anton kam oft und merkte es irgendwann. Anton zog in die Stadt, mietete eine Wohnung, fand einen guten Job. Simon wusste, sein Chef schätzte ihn. Simon und Anton und natürlich Marina hatten viel Zeit und Kraft ins Haus investiert; es war richtig schön. Anton besuchte ihn oft, brachte Tee und Gesellschaft. Simon wollte Anton gern zu sich holen – aber Anton bestand darauf: Ich schaffe das allein. Allchen besuchte selten, meistens um Geld oder etwas anderes zu holen. Immer dachte sie daran, wie schön es sein würde, hier zu wohnen – aber bislang war das nicht möglich, weil ihr Mann mit Simons Vater nicht klarkam, und so lebten sie auf engstem Raum. Simon wurde älter, und der Tod seiner Frau setzte ihm sehr zu – das Herz bereitete ihm zunehmend Probleme. Medikamente nahm er nach dem Rat der Nachbarin. Anton schimpfte: –Du musst dich untersuchen lassen! Simon winkte ab: –Ist halt das Alter. Eines Abends bekam er starke Schmerzen in der Brust. Er nahm Medikamente, aber es wurde nicht besser. Er rief Allchen: –Tochter, mein Herz macht nicht mehr mit… –Papa, nimm Valium oder ruf einen Krankenwagen. Ich habe heute keine Zeit quer durch die Stadt zu fahren. Allchen legte auf. Simon war schlecht, also rief er Anton. Anton kam sofort – mit seiner Freundin Alina, einer Sanitäterin. Sie schickte Simon ins Krankenhaus, Anton und Alina kamen täglich vorbei. Simon meinte: –Deine Freundin ist eine wunderbare Frau, du solltest sie heiraten. Anton wollte erst sparen, für eine eigene Wohnung. Nach der Entlassung holten Anton und Alina Simon wieder ab – Allchen hatte keine Zeit, riet ihm, ein Taxi zu nehmen. Alina kochte gleich für zwei Tage vor. Am nächsten Tag kam Allchen, inspizierte das Haus. Schließlich hielt Simon es nicht mehr aus: –Tochter, sogar im Krankenhaus bist du nicht erschienen… –Papa, da kümmern sich genug Ärzte um dich. –Natürlich. Du bist meine Tochter… –Schluss jetzt mit dem Gejammer! –Schrei mich nicht an! Als Mama krank war, bist du nicht gekommen, jetzt auch nicht – bist du überhaupt unsere Tochter? Das brachte Allchen zur Weißglut: –Dieses Gejammer! Wann stirbst du endlich? Du wohnst allein in so einem Haus und wir hocken aufeinander – wie unverschämt! Du bist doch schon ein Krüppel, und lässt deine Tochter nicht leben. –Jetzt verstehe ich: du willst das Haus, nicht den Papa. Du hättest ja helfen können, dein Mann lag wochenlang auf dem Sofa, und wir schufteten. Allchen stürmte hinaus und knallte die Tür. Simon wusste, er muss entscheiden – er bat Antons Hilfe, einen Notar zu organisieren. Anton sagte, der Notar hätte Zeit um drei. Der Notar wunderte sich, aber erledigte seine Arbeit – und Simon schrieb anschließend einen Brief: Anton, falls du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da. Ich umarme Marina. Anton, Alina ist eine tolle Frau, ich liebe dich wie einen Sohn. Der Haus ist dein Hochzeitsgeschenk – du hast ihn verdient. Marina und ich haben so entschieden. Es wurde immer schwieriger zu atmen, zweimal hatte Simon das Gefühl, Marina im Zimmer zu sehen. Als Anton und Alina am nächsten Tag kamen, fanden sie Simon leblos auf dem Sofa mit dem Foto in den Händen. Antons Tränen flossen – er war zu Simon wie zu einem Vater gewesen. Später, als Allchen mit ihrem Mann kam, fand Anton den Brief. Er zeigte ihn auch Alina, die Allchen darauf aufmerksam machte. Allchen las, wurde rot und schrie: –Der alte Trottel! In seinem Alter ist er verrückt geworden! Er hätte früher sterben sollen, als er noch klar denken konnte! Das werden wir noch sehen! Allchen raste aus dem Haus und ihr Hass gegen alle war deutlich spürbar…

Unterschiedliche Menschen

Liebes Tagebuch,

Heute denke ich viel an früher zurück an den Anfang unserer kleinen Familie. Meine Tochter Josefa war nie ein einfaches Kind. Und ich muss gestehen: Karl und ich haben sie wohl zu sehr verwöhnt. Aber wie hätte man anders handeln können? Sie war so hübsch, so zart und wir hatten so lange um sie gekämpft. Nach Jahren der Hoffnungslosigkeit, Arztbesuchen in Berlin und München, hat uns letztlich ein Tipp zur Kräuterfrau in einem kleinen Dorf bei Gera geführt. Die Tinktur roch abscheulich, aber ich nahm sie jeden Tag. Und dann das Wunder: ich wurde schwanger. Unser Glück war kaum zu fassen; Karl rief laut über den ganzen Hof, die Nachbarn hörten es sicher.

Aber die Schwangerschaft war schwer. Oft dachte ich, ich würde unser Baby nicht austragen. Übelkeit, geschwollene Hände und Füße, Gerüche, alles war zu ertragen. Ich lag meist auf dem Sofa, das Haus verließ ich kaum. Als die Wehen einsetzten, atmete Karl einmal durch doch dann erst begann der Kampf. Über zwölf Stunden, ein Notkaiserschnitt Josefa war winzig und schwach, ich selbst pendelte zwei Tage zwischen Leben und Tod. Doch am Ende blieben wir beide: ich und meine Tochter. Nach einem Monat in der Kinderklinik durften wir heimkehren. Karl herzte uns, voller Sehnsucht und Stolz. Es schien, als stünde unser Glück nun fest.

Karl träumte immer von einem eigenen Haus. Als Josefa fünf wurde, setzte er sich zu mir:
Marie, wir müssen bauen. Unsere Einzimmerwohnung für ein Kind geht das, aber später?
Ich wusste, er hat recht. Aber ich hatte Angst, wie sollten wir das finanzieren?
Wir machens Stück für Stück, langsam, kein Stress. Dann klappt das, sagte Karl zuversichtlich. Ich vertraute ihm so sehr ein Haus, ein sicheres Zuhause, diese Idee war unser Traum.

Doch alles kam anders. Ein halbes Jahr später wurde Josefa schwer krank. Erst eine Grippe, dann Komplikationen, Krankenhausaufenthalte, die sich zogen. Drei Jahre ging das wir kämpften, rutschten in tiefe Schulden. Aber Josefa wurde gesund. Karl stellte seine Träume nach dem Haus zurück. Fortan drehte sich alles ums Überleben, ums Zurückzahlen. Ich spürte, dass Karl trotzdem weiter plante er schwieg nur.

Josefa wurde selbstständig, ich fand eine Stelle in der Maschinenfabrik, verdiente gut. Wenn wir beide schufteten, so Karl, würden wir irgendwann den Hausbau schaffen.

Mit 14 war Josefa fast erwachsen. Schulabschluss stand bevor, Wünsche nach Kleidern und Mänteln wurden teurer. Wir sparten für ihr Abschlussfest, überlegten: Bald würde sie zum Studium fortziehen, dann könnten wir weitermachen. Doch Josefa bestand die Aufnahmeprüfung, ging nach Leipzig. Karl war stolz wie nie. Zwei Jahre später hatte er die Mauern vom Haus hochgezogen. Türen und Fenster fehlten noch, Bretter als Provisorium aber endlich war es ein Haus!

An einem Sonntag, wir waren von der Baustelle zurück, müde aber glücklich da klingelte es. Ich öffnete und da stand Josefa mit rundem Bauch. Hinter ihr ein langer, zerstreuter Junge.
Mama, nun sei nicht kindisch. Das ist der Bauch. Da drinnen wächst unser Kind. Und das ist Magnus. Wir heiraten, er wohnt ab jetzt hier.
Magnus kaute Kaugummi, nickte schweigend.

Karl kam hinzu. Wir saßen am Tisch.
Josefa, warum hast du uns nichts gesagt?
Wozu? Damit ihr Moralpredigten haltet?
Wie läufts mit dem Studium?
Läuft nicht. Magnus ist auch rausgeworfen worden, und lebt trotzdem ganz gut.
Karl sah Magnus an, der nickte, kaute weiter.
Magnus, wo arbeitest du?
Papa, bitte, nicht jetzt. Noch nirgends. Er sucht noch die richtige Branche.
Er nickte wieder. Karl platzte:
Wie wollt ihr leben? Ihr arbeitet nicht, bekommt ein Kind wie soll das gehen?
Josefa schaute mich einfach an:
Dafür hat man Eltern!

Karl ging kopfschüttelnd auf den Balkon ich folgte ihm. Wir schwiegen und fühlten uns hilflos. Nachts rollte ich die Matratze für uns auf dem Wohnzimmerboden aus.

Am Morgen besprach Karl mit mir: Wir ziehen ins Haus, renovieren ein Zimmer und überlassen Josefa und Magnus die Wohnung als Hochzeitsgeschenk. Ich überlegte nicht lange wir gaben alles Notwendige ab und zogen los.

Das Haus war leer, der Alltag hart: Wasser holte ich vom Dorfbrunnen, wusch Wäsche im Zuber, arbeitete den Tag durch und half Karl abends beim Haus. Josefa kam von Zeit zu Zeit, bat um Geld. Wir halfen, so gut wir konnten.

Magnus bemühte sich nicht, arbeitete weder auf dem Bau noch sonstwo. Ich fragte Josefa:
Er muss für die Familie sorgen!
Das ist eure Baustelle, warum soll Magnus helfen?

Nach einer Woche arbeitete Magnus endlich als Laufbursche in einem Büro. Die Bezahlung war schlechter als beim Bau, aber immerhin etwas.

Im Garten beobachtete mich oft ein Junge namens Anton. Er wohnte bei seiner Großmutter, unscheinbar hinter Apfelbäumen. Karl und ich luden ihn eines Abends ein, er blieb zum Tee, erzählte von seinen verstorbenen Eltern. Wir schlugen vor, er dürfe gern bei der Arbeit helfen. Großmutter Petronella war klug und herzlich: Lassen Sie ihn, das tut ihm gut. Er lernt was fürs Leben.

Anton wurde Karls rechter Hand. Ich bandelte mit Petronella an. Sie kam zu unserem abendlichen Tee, wir lachten und redeten viel.

Kurz darauf wurde ich Großmutter Josefa brachte ein Mädchen zur Welt. Ich fuhr ins Krankenhaus, brachte Windeln, Strampler, Kuchen. Magnus zeigte sich überraschend. Zuhause stand plötzlich eine Wiege. Magnus war etwas aktiver, wenigstens trank er weniger. Anfangs ging ich oft zu Josefa, half im Haushalt. Dann hörte ich, wie Magnus sagte:
Wozu soll sie uns ständig besuchen? Wir sind eine eigene Familie.

Es tat weh, ich erzählte Karl davon. Er schlug vor, nicht mehr zu fahren. Wir warteten, bis Josefa uns brauchte.

Anton wurde uns immer vertrauter. Karl kaufte ihm zum neuen Schuljahr ein Jackett und einen Ranzen. Petronella war so gerührt, sie weinte. Karl umarmte Anton: Du bist mein Sohn, Anton.

Jahre vergingen. Petronella wurde sehr krank. Anton war erst 14, als sie starb. Ich nahm ihn in unser Haus, sorgte für die Beisetzung, Karl kämpfte bei der Behörde: Anton sollte nicht ins Heim. Endlich wurde Karl offizieller Vormund.

Josefa hatte derweil neue Sorgen Magnus Schwester zog samt Kind ein, ihr Mann hatte sie rausgeworfen. Die kleine Wohnung wurde zum Chaos. Josefa beschwerte sich nicht, Karl und ich hielten uns raus. Anton war wie ein Sohn packte im Haushalt und Garten an.

Wir gingen in Rente, beschlossen, Anton solle unbedingt ein gutes Studium machen. Er überraschte uns: nahm eine Nebenstelle, lebte von Stipendium und seinem Lohn, kam jedes Wochenende mit Kuchen und Grüßen vorbei.

Mit 60 wurde ich krank, begann abzubauen. Krebs, erklärte der Arzt. Halbjahr blieb mir, sagte er zu Karl. Er brach zusammen, rief Josefa:
Mama ist sehr krank.
Es tut mir leid, aber helfen kann ich nicht.
Nach der Entlassung brauchte ich Pflege. Karl tat alles als es ums Waschen ging, bat er Josefa zu helfen.
Papa, jeden Tag hin und her obs klappt, kann ich nicht versprechen.
Sie kam nicht Karl musste allein zurechtkommen. Ich weinte nachts:
Warum dieses Leid? Warum quäle ich dich noch?
Ach Marie. Ohne dich hätte ich keinen Sinn mehr.

Nach einem Monat war ich gegangen. Anton weinte hemmungslos. Karl hatte ihm nie von meiner Krankheit erzählt doch Anton ahnte es, er war ja fast jede Woche da.

Anton zog später nach Jena, mietete eine Wohnung, fand eine Stelle. Karl hoffte auf seine Zukunft. Im Haus war Karl allein die Blumen, die wir gemeinsam pflegten, blühten weiter.

Anton kam oft, trank Tee, brachte Obst. Karl wollte ihn als Mitbewohner, doch Anton blieb unabhängig. Josefa hingegen schaute selten vorbei, immer mit einer Bitte nach Geld, nie wirklich aus Nähe.

Karl alterte, der Tod von Marie hatte ihn gezeichnet. Das Herz wurde schwächer. Er kaufte Tabletten, wie die Nachbarin empfahl Anton schimpfte:
Du musst in die Klinik!
Karl lachte:
Was solls, ist halt das Alter.
Eines Abends stach es heftig; er griff zur Medizin, doch nichts half. Er rief Josefa:
Tochter, mein Herz macht nicht mehr mit.
Nimm Medikamente oder ruf den Notarzt! Ich kann jetzt nicht kommen.

Die Verzweiflung ließ ihn Anton anwählen.
Anton, entschuldige bitte. Mir gehts schlecht.
Ich komme sofort.

Anton erschien mit Alena, seiner Freundin sie arbeitet als Notfallsanitäterin. Sie untersuchte Karl, riet zum Krankenhaus. Beide begleiteten ihn täglich.

Als Karl nach Hause durfte, kamen Anton und Alena, halfen, kochten und kauften ein.
Ich mache Ihnen Vorrat ruhen Sie sich aus, ich bin morgen auf Schicht.
Karl war dankbar.

Am nächsten Tag tauchte Josefa auf, schaute kritisch ins Haus.
Karl konnte nicht anders; er sprach es aus:
Du warst nicht bei mir im Krankenhaus
Papa, da kümmern sich doch Ärzte! Würde es dir besser gehen, wäre ich gekommen?
Natürlich. Du bist meine Tochter! Nur du bist mein naher Mensch.
Papa, hör auf zu jammern.

Karl wurde still. Die Wut in Josefa wuchs:
Wann stirbst du endlich? Sitz alleine in diesem riesigen Haus, während wir im engen Loch hausen. Was bringt das noch?

Du willst das Haus aber beim Bau hast du nicht geholfen, Magnus saß auf dem Sofa, wir schleppten Steine. Damals war der Gedanke fremd.

Josefa stürzte raus, knallte die Tür. Karl war kaum überrascht. Er spürte das schon länger: Es war Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Er sprach gedanklich mit Marie sie war ihm oft im Traum erschienen.

Am Morgen rief Anton an. Karl fühlte sich erholt, freute sich auf das Frühstück.
Anton, sagte Karl, könntest du einen Notar finden, der ins Haus kommt?
Klar, aber warum?
Ich muss noch etwas regeln.
Geht klar ich melde mich.

Um drei kam der Notar. Karl erklärte: Das Haus soll Anton bekommen als Hochzeitsgeschenk, wenn er Alena heiratet.

Dann setzte er sich ans Schreiben:
Lieber Anton, wenn du das liest, bin ich wahrscheinlich schon bei Marie. Vergiss den Kummer ich wünsche dir, mit Alena viel Glück. Du bist für mich wie ein Sohn. Das Haus bekommst du von uns als Geschenk zur Hochzeit. Du verdienst es. Du warst immer für uns da, hast mit angepackt. Lehne es nicht ab Marie wollte das auch.

Karl fühlte, die Zeit ist gekommen. Er nahm das Foto, legte den Brief dazu, ruhte sich aus.

Anton und Alena kamen am nächsten Tag. Im Hof war es ruhig, das Tor offen. Im Wohnzimmer lag Karl, das Foto seiner Marie fest umschlungen. Anton fiel die Tüte mit Obst aus der Hand…
Papa Er sank auf die Knie, weinte. Alena ließ ihn gewähren sie wusste um die Verbundenheit.

Später, als Karl fortgebracht war, erschien Josefa mit Magnus. Anton fand den Brief las ihn. Alena deutete auf Josefa:
Dein Vater hat ein Schreiben hinterlassen.
Josefa las, wurde rot und schrie:
Alter Dummkopf! Alles vererbt dem Idioten! Das werde ich nicht hinnehmen!

Sie stürmte aus dem Haus, voller Hass.

Tagebuch, ich frage mich oft was macht eine Familie aus? Das Herz, die Liebe oder am Ende doch nur Geld?

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Verschiedene Menschen Allchen wuchs nicht als einfaches Mädchen auf. Sowohl Simon als auch Marina wussten, dass sie selbst schuld waren: Sie verwöhnten ihre Tochter zu sehr. Aber wie hätte man sie auch nicht verwöhnen können? So hübsch, so zart, und sie hatten so lange um sie gekämpft. Marina konnte kaum schwanger werden. Sie konsultierten jede erdenkliche Klinik, reisten sogar nach Berlin. Doch alle Ärzte waren ratlos und konnten nichts feststellen. Und wenn alles in Ordnung ist, warum gibt es kein Kind? Ein erfahrener Arzt riet schließlich zu Naturmedizin. Also suchten sie eine Kräuterfrau, die Marina eine übel riechende Tinktur gab, die sie tropfenweise täglich einnehmen sollte. Widerwillig hielt sie sich daran – und wurde tatsächlich schwanger. Simon war so glücklich, dass die Nachbarschaft davon erfuhr. Die Schwangerschaft war extrem beschwerlich. Simon glaubte mehrfach, Marina würde das Baby verlieren. Sie litt unter starker Übelkeit, konnte weder essen noch Gerüche ertragen, ihre Beine und Hände schwollen an, sie schlief schlecht und verließ kaum das Haus. Als die Wehen begannen, war Simon erleichtert – doch die Probleme fingen erst richtig an. Nach quälenden zehn Stunden entschieden die Ärzte auf Kaiserschnitt. Das Mädchen war schwach und Marina schwebte zwei Tage lang zwischen Leben und Tod. Nach fast einem Monat im Kinderkrankenhaus durften sie endlich nach Hause. Simon hatte Marina und die kleine Tochter schmerzlich vermisst und war nun überglücklich. Jetzt würde ihr Glück beginnen! Nun waren sie eine richtige Familie. Alles war, wie Simon es sich erträumt hatte. Als Allchen fünf Jahre alt war, kam Simon eines Tages nach Hause, setzte sich zu Marina und sagte: –Wir müssen ein Haus bauen. In der Einzimmerwohnung ist kein Platz. Allchen bekommt ihre eigene Ecke. Marina war immer unterstützend, aber diesmal unsicher: Woher das Geld nehmen? Simon antwortete pragmatisch: Wenn wir es nach und nach machen, klappt es schon. Mit Geduld gelingt alles. Doch der Traum zerplatzte. Nach einem halben Jahr wurde Allchen schwer krank. Zuerst eine Erkältung, dann Komplikationen, dann immer wieder Krankenhaus – die Familie stürzte in Schulden. Aber nach langen drei Jahren wurde das Mädchen wieder gesund. Da dachte Simon nicht mehr ans Haus, sondern daran, die Schulden loszuwerden. Marina wusste, dass Simon immer noch an den Hausbau dachte, auch wenn er nichts sagte. Allchen war inzwischen selbstständig, und Marina nahm Arbeit im Werk auf, weil das Geld reichte, wenn sie beide viel arbeiteten. Erst als Allchen 14 war, konnten sie alles zurückzahlen. Doch wie das Leben – mit jedem Jahr wurden die Wünsche der Tochter größer: neues Kleid, ein Mantel wie das von Annika. Bald war Schulabschluss. Marina und Simon sparten fleißig. Sie hofften, sobald Allchen zum Studium ging, könnten sie endlich anfangen. Aber auch das kam anders. Allchen ging tatsächlich aufs Studium und zog um. Simon und Marina waren stolz. Simon konnte in zwei Jahren die Wände des Hauses hochziehen – Fenster und Türen nur aus Brettern, aber es war schon ein Haus. Zwei weitere Jahre vergingen… An einem freien Tag kamen Simon und Marina völlig erschöpft von der Baustelle nach Hause – aber glücklich, denn zwei Fenster waren endlich eingebaut. Plötzlich klingelte es. Marina öffnete – und schrie auf. Vor der Tür stand Allchen – mit großem Babybauch. Hinter ihr ein langer, junger Mann, der unruhig von Fuß zu Fuß trat. –Allchen, was ist das? Marina zeigte auf den Bauch. –Mama, was glaubst du denn? Da sind unser Baby und Ruslan. Übrigens, das ist Ruslan. Er wird jetzt bei uns leben und wir heiraten. Ruslan nickte zustimmend und kaute weiter Kaugummi. Simon kam dazu; alle gingen in die Küche, setzten sich an den gedeckten Tisch. –Allchen, warum hast du nie was gesagt? –Wozu, damit ich eure Moralpredigten höre? –Und das Studium? –Wozu? Mir geht’s auch ohne gut. Ruslan hat das Studium im ersten Jahr geschmissen, und lebt auch. Simon schaute den jungen Mann an, der weiter zustimmend kaute. –Und wo arbeitet unser Ruslan ohne Abschluss? –Papa, hör auf. Noch nirgends. Er sucht erst mal den richtigen Bereich. Wieder ein bedeutendes Kopfnicken von Ruslan. Simon wurde ungeduldig: –Wovon wollt ihr leben, wenn ihr beide nicht arbeitet und ein Kind bekommt? Allchen staunte: –Na, ich habe doch Eltern. Simon ging in die Küche – um der Tochter keine Vorwürfe zu machen. Bald kam auch Marina. Sie sahen still aus dem Fenster und gingen dann schlafen. Am nächsten Morgen sprach Simon mit Marina: –Ich finde, wir ziehen ins Haus. Wir machen eine Kammer fertig, und der Rest kommt nach und nach. Die Wohnung schenken wir den jungen als Hochzeitsgeschenk. Marina stimmte zu. Als sie es den Kindern verkündeten, waren Allchen und Ruslan begeistert. Simon und Marina nahmen nur die nötigsten Möbel mit ins Haus. Als das Umzugsauto da war, sagte Simon: –So, Tochter. Die Wohnung gehört dir. Sei eine gute Hausherrin. Sie umarmten sich und fuhren ab. Im Haus war noch kaum etwas fertig. Doch Marina klagte nicht: Arbeit, Essen kochen, Wäsche waschen am Waschzuber, Wasser schleppen von der Straße. Abends half sie Simon beim Hausbau. Stein schleppen, Zement mischen. So oft sie konnte, half sie. Allchen tauchte immer wieder auf – meist um Geld zu bitten. Die Eltern halfen, obwohl die Baustelle alles verschlang. Einmal hielt Simon es nicht mehr aus und fragte, als sie zu Besuch waren: –Arbeitet Ruslan immer noch nicht? –Papa, es gibt keine passende Arbeit. Er schuftet nicht auf dem Bau für Kleingeld. –Aber warum? Denkt Ruslan nicht daran, die Familie zu versorgen? Jetzt wollte Simon direkt von Ruslan hören. Wenn Simon laut wurde, wusste man – besser nichts sagen. Ruslan hörte auf zu kauen, schaute zu Allchen und dann zu Simons Familie: –Ich hatte nie vor, Beton zu mischen und Steine zu schleppen. –Aber was hast du gedacht? Dass das Leben einfach ist, wenn du heiratest und ein Kind bekommst? Du musst deine Familie ernähren, wir sind nicht ewig da. Beim Abschied sagte Simon zu Allchen: –Wenn dein Taugenichts nichts zu tun hat, soll er beim Haus helfen; es wird ja eh euch mal gehören. –Warum soll er euch helfen? Ihr habt das angefangen, und jetzt quält ihr alle damit! Simon sagte nichts, Marina drückte der Tochter unbemerkt Geld in die Hand. Eine Woche später fand Ruslan einen Job in irgendeinem Büro – schlechter bezahlt als am Bau, aber das war ihm wohl recht. Die Eltern waren erleichtert: besser so als gar nicht. Simon und Marina wurden oft beim Arbeiten im Hof von Anton beobachtet – einem Nachbarsjungen, etwa zehn oder elf Jahre alt. Er hätte gern geholfen, aber war zu schüchtern. Er wohnte mit seiner Oma in einem alten Häuschen verborgen hinter Apfelbäumen. Abends tranken Simon und Marina gern Tee im Hof. Körper und Seele erholten sich, das Haus wurde langsam zum Zuhause. Eines Abends rief Simon den Jungen heran, Marina kochte eine Tasse Tee und stellte Kekse bereit. Der Junge, Anton, war verlegen, nahm aber dankbar den Tee. –Wir sind jetzt also Nachbarn? –Ja, sind wir. Im Gespräch erfuhren sie, dass Anton keine Eltern hatte; sie waren früh verstorben, und die Oma war alt und oft krank. Anton half ihr, wo er konnte. Beim Abschied fragte Anton: –Darf ich euch manchmal helfen? Ich langweile mich im Sommer ohne Schule. Simon sah Marina an. –Natürlich, wir freuen uns über jede Hilfe. Das stört die Oma doch nicht? –Nein, sie ist nett. Am nächsten Tag wartete Anton schon. Er lernte schnell und Simon schickte Marina bald ins Haus: –Mit so einem pfiffigen Helfer – das geht viel schneller als mit einer Frau, die nicht mal Steine von Ziegeln unterscheiden kann! Marina ging und entdeckte die Oma auf der Bank. Prowitz, wie sie genannt wurde, war wirklich lieb: klug, verständig, herzlich. Marina fragte, ob es recht wäre, wenn Anton mithilft. Die Oma war erstaunt: –Wie könnte man dagegen sein, dass jemand hilft? Es tut Anton gut, was Gescheites zu tun. Ihr Simon ist handwerklich begabt, da lernt Anton was. –Stimmt, antwortete Marina. Sie lud die Oma auf einen Abendtee ein – Nachbarn müssen zusammenhalten. Abends tranken sie gemeinsam Tee – Männer sprachen übers Wasser, Frauen über ihre Themen. Am nächsten Tag wurde Allchen Mutter. Simon und Marina kauften im Krankenhaus Leckereien und Babyausstattung, sogar Ruslan war mit Blumen da. Zurück zuhause feierten sie traditionell mit Nachbarn. Allchen und ihre Familie bekamen Zuwachs: Die Schwester von Ruslan mit Kind wurde von ihrem Mann rausgeworfen und zog ein – das Chaos wuchs. Aber Allchen beschwerte sich nicht. Eltern entschieden: nicht einmischen. Anton wurde Teil der Familie, half immer, trug die Einkäufe, ließ Marina kaum noch etwas schleppen. Simon und Marina gingen in Rente. Anton war Halbwaise und sollte ein gutes Studium bekommen; sie wollten ihn unterstützen. Doch Anton überraschte sie: Er fand sofort einen Nebenjob und betonte, sein Stipendium und Gehalt reiche aus. Er brachte jedes Wochenende Geschenke und umarmte seine Ersatzeltern. Dann wurde Marina krank. Sie magerte ab und war ständig erschöpft. Simon überredete sie zu einer Untersuchung, und der Arzt teilte ihm mit: Krebs, weit fortgeschritten, weniger als sechs Monate zu leben. Simon informierte Allchen: –Mama ist krank. –Schade, aber was soll ich machen? –Sie hat Krebs, sie wird wohl kaum noch leben… –Okay, Papa, morgen besuche ich sie. Allchen kam ein einziges Mal ins Krankenhaus. Als Marina entlassen wurde, meinte der Arzt, bald würde sie Pflege brauchen – Simon war bereit. Er rief Allchen, als es so weit war: –Könntest du kommen, Mama braucht Hilfe beim Baden. –Oh Mann, soll ich jetzt jeden Tag hin- und herfahren? Ich gebe mir Mühe, kann aber nichts versprechen. Simon wartete vergeblich. Niemand half. Mit Mühe schaffte er es allein – Marina weinte: –Warum diese Strafe? Ich quäle dich und mich. Ich möchte nur schneller gehen. Simon versuchte sie zu trösten. Ein Monat später starb Marina. Anton weinte offen – er war 22 und hatte gerade sein Studium abgeschlossen. Simon hatte bis zuletzt nichts gesagt, aber Anton kam oft und merkte es irgendwann. Anton zog in die Stadt, mietete eine Wohnung, fand einen guten Job. Simon wusste, sein Chef schätzte ihn. Simon und Anton und natürlich Marina hatten viel Zeit und Kraft ins Haus investiert; es war richtig schön. Anton besuchte ihn oft, brachte Tee und Gesellschaft. Simon wollte Anton gern zu sich holen – aber Anton bestand darauf: Ich schaffe das allein. Allchen besuchte selten, meistens um Geld oder etwas anderes zu holen. Immer dachte sie daran, wie schön es sein würde, hier zu wohnen – aber bislang war das nicht möglich, weil ihr Mann mit Simons Vater nicht klarkam, und so lebten sie auf engstem Raum. Simon wurde älter, und der Tod seiner Frau setzte ihm sehr zu – das Herz bereitete ihm zunehmend Probleme. Medikamente nahm er nach dem Rat der Nachbarin. Anton schimpfte: –Du musst dich untersuchen lassen! Simon winkte ab: –Ist halt das Alter. Eines Abends bekam er starke Schmerzen in der Brust. Er nahm Medikamente, aber es wurde nicht besser. Er rief Allchen: –Tochter, mein Herz macht nicht mehr mit… –Papa, nimm Valium oder ruf einen Krankenwagen. Ich habe heute keine Zeit quer durch die Stadt zu fahren. Allchen legte auf. Simon war schlecht, also rief er Anton. Anton kam sofort – mit seiner Freundin Alina, einer Sanitäterin. Sie schickte Simon ins Krankenhaus, Anton und Alina kamen täglich vorbei. Simon meinte: –Deine Freundin ist eine wunderbare Frau, du solltest sie heiraten. Anton wollte erst sparen, für eine eigene Wohnung. Nach der Entlassung holten Anton und Alina Simon wieder ab – Allchen hatte keine Zeit, riet ihm, ein Taxi zu nehmen. Alina kochte gleich für zwei Tage vor. Am nächsten Tag kam Allchen, inspizierte das Haus. Schließlich hielt Simon es nicht mehr aus: –Tochter, sogar im Krankenhaus bist du nicht erschienen… –Papa, da kümmern sich genug Ärzte um dich. –Natürlich. Du bist meine Tochter… –Schluss jetzt mit dem Gejammer! –Schrei mich nicht an! Als Mama krank war, bist du nicht gekommen, jetzt auch nicht – bist du überhaupt unsere Tochter? Das brachte Allchen zur Weißglut: –Dieses Gejammer! Wann stirbst du endlich? Du wohnst allein in so einem Haus und wir hocken aufeinander – wie unverschämt! Du bist doch schon ein Krüppel, und lässt deine Tochter nicht leben. –Jetzt verstehe ich: du willst das Haus, nicht den Papa. Du hättest ja helfen können, dein Mann lag wochenlang auf dem Sofa, und wir schufteten. Allchen stürmte hinaus und knallte die Tür. Simon wusste, er muss entscheiden – er bat Antons Hilfe, einen Notar zu organisieren. Anton sagte, der Notar hätte Zeit um drei. Der Notar wunderte sich, aber erledigte seine Arbeit – und Simon schrieb anschließend einen Brief: Anton, falls du diesen Brief liest, bin ich nicht mehr da. Ich umarme Marina. Anton, Alina ist eine tolle Frau, ich liebe dich wie einen Sohn. Der Haus ist dein Hochzeitsgeschenk – du hast ihn verdient. Marina und ich haben so entschieden. Es wurde immer schwieriger zu atmen, zweimal hatte Simon das Gefühl, Marina im Zimmer zu sehen. Als Anton und Alina am nächsten Tag kamen, fanden sie Simon leblos auf dem Sofa mit dem Foto in den Händen. Antons Tränen flossen – er war zu Simon wie zu einem Vater gewesen. Später, als Allchen mit ihrem Mann kam, fand Anton den Brief. Er zeigte ihn auch Alina, die Allchen darauf aufmerksam machte. Allchen las, wurde rot und schrie: –Der alte Trottel! In seinem Alter ist er verrückt geworden! Er hätte früher sterben sollen, als er noch klar denken konnte! Das werden wir noch sehen! Allchen raste aus dem Haus und ihr Hass gegen alle war deutlich spürbar…
Rotschopf, Rotschopf, voller Sommersprossen