Möchtest du meinen Mann? Bitte, nimm ihn doch! sagte die Ehefrau mit einem entwaffnenden Lächeln zu der fremden Frau, die plötzlich an ihrer Haustür stand.
Warte mal kurz, Frauke! Es klingelt an der Tür. Ich rufe dich gleich zurück, sobald ich weiß, was los ist, sagte Annegret etwas widerwillig und beendete das Telefonat mit ihrer Sandkastenfreundin. Frauke hatte gerade köstlich über die Geburtstagsparty ihrer Schwiegermutter berichtet, und Annegret hatte so gelacht, als säße sie in der ersten Reihe eines Comedy-Abends.
Gemütlich schlurfte Annegret zur Tür, warf einen Blick durch den Spion und war verblüfft. Sie rechnete fest mit Nachbarschaftsbesuch, schließlich war ihr Mehrfamilienhaus durch einen digitalen Türcode gesichert. Doch dort stand eine junge Frau, ganz eindeutig kein bekanntes Gesicht, mit einem Look irgendwo zwischen verklemmt und verzweifelt schick.
Öffnen? Besser nicht! Unbekannte ließ Annegret normalerweise nicht über ihre Türschwelle treten, dazu gab es zu viele Betrüger. Ihr Motto: Mit Fremden keine Experimente! Wer auf solche Tricks reinfiel, war selbst schuld Annegret aber sicher nicht.
Sie griff gerade wieder nach dem Telefon, um Frauke zurückzurufen, da klingelte es erneut. Die Frau draußen ließ nicht locker man sah ihr förmlich die Hartnäckigkeit an. Die war entweder auf Kaffeefahrt-Mission oder hatte sich einfach kollektiv verlaufen.
Annegret war allein zu Hause. Ihr Mann, Tobias, bastelte heute im Garten eines alten Studienfreundes. Durch den Spion betrachtete sie nun genauer die Besucherin. Irgendwas an ihr war schräg aber wirklich gefährlich wirkte sie nicht.
Was solls, was ist das Schlimmste, was passieren kann? Ich mache die Tür auf, kläre das, und dann ist Wochenende. Wahrscheinlich hat die Dame einfach das Haus verwechselt oder will mir einen Thermomix andrehen.
Kurzer Entschluss Annegret riss die Tür auf. Die Frau auf dem Flur fuhr die Schultern nach oben, strich nervös ihre Haare zurecht und setzte zu einer Ansprache an.
Guten Tag! Sind Sie Annegret? fragte sie und zupfte dabei an ihrem Halstuch herum. Aber klar, dass Sies sind. Warum frage ich überhaupt?
Annegret musste innerlich schmunzeln. Betrüger werden auch immer besser. Jetzt kennen die schon meinen Namen!
Wer sind Sie überhaupt und was wollen Sie? Sie stehen seit fünf Minuten vor meiner Tür. Ich habe Sie nicht eingeladen. Also, Butter bei die Fische! sagte Annegret in bestem Kommandoton.
Ist Tobias zu Hause? grüßte die Fremde, was Annegret aufhorchen ließ.
Aha, Tobias kennt sie also auch. Die meint es ernst, dachte Annegret, die jetzt richtig hellhörig wurde.
Für Tobias sind Sie also hier?, fragte sie etwas zu direkt.
Nein, eigentlich nicht. Ich wollte nur mit Ihnen sprechen. Aber wenn Tobias da wäre, würde das alles nur deutlich komplizierter machen, bekannte die Fremde offenherzig.
Klingt ja putzig, dachte Annegret.
Er ist nicht da. Was wollen Sie?
Wollen wir nicht kurz reingehen? Im Flur ist das etwas… unpassend, schlug die Fremde vor und klang dabei so, als wollte sie einen Geheimvertrag unterzeichnen.
Ganz sicher nicht! Fremde Leute kommen mir nicht in die Wohnung. Also: Sagen Sie, was Sie auf dem Herzen haben, oder suchen Sie lieber den nächsten Hausflur, konterte Annegret.
Möchten Sie wirklich, dass die Details meiner Beziehung zu Tobias hier zwischen den Blumentöpfen besprochen werden? entgegnete die Dame lauernd.
Wie bitte? Welche Beziehung?, rief Annegret, lauter, als sie wollte.
In dem Moment öffnete sich die Nachbartür. Frau Schmidt vom oberen Stockwerk war neugierig geworden.
Alles in Ordnung, Annegret? Warum schreien Sie so?
Keine Sorge, Frau Schmidt! Nur ein kleines Missverständnis. Haben Sie schon den Wetterbericht gesehen?, lenkte Annegret schnell ab.
Regen ist angesagt, kommentierte Frau Schmidt argwöhnisch, blieb aber genau so untätig im Flur stehen wie ein Wachhund.
Na los, kommen Sie von mir aus rein, brummte Annegret, winkte widerwillig und schob die Frau ins Wohnzimmer.
Die Fremde scannte neugierig das Interieur, blieb besonders bei Annegret dekorativem Schneekugelregal hängen.
Sie haben fünf Minuten. Sagen Sie, was Sache ist. Und schauen Sie sich hier bitte nicht um, das ist mein Wohnzimmer, kein Tag der offenen Tür, stellte Annegret klar.
Ich bin Bianca, begann die Frau mit fast theatralischem Ernst, zog Mantel und Schal aus und richtete ihre Bluse. Tobias und ich sind total verliebt.
Annegret grinste. Das ist aber arg wenig fantasievoll, finden Sie nicht? Schon mal darüber nachgedacht, sich ein besseres Drehbuch auszuleihen?
Was ist daran seltsam? Es passiert halt. Sie sind nicht die Erste, deren Mann geht, behauptete Bianca dreist und wollte sich weiter ins Zimmer mogeln.
Und Sie sind sich sicher, dass mein Mann Sie liebt und nicht mich? fragte Annegret mit Zeigefinger und Schmunzeln.
Hundertprozentig! Sonst wäre ich doch gar nicht hier, schnappte Bianca zurück.
Tja, Pech gehabt, liebe Bianca. Mein Mann liebt niemanden. Der kann das schlicht nicht. Da sind Sie an der falschen Adresse, konterte Annegret ruhig.
Bianca setzte zu einer Erwiderung an, doch in diesem Moment ging die Haustür auf und Tobias stand da, sichtlich irritiert über die fremde Besucherin.
Bianca? Was machst du hier an einem Samstag? Ist irgendwas mit der Arbeit?, fragte er und sah dabei aus wie nach einer Zeitreise.
Nein, Tobias, sie ist doch gar nicht hier wegen dir!, grinste Annegret ironisch.
Was? Wieso sollte sie denn…? Ist irgendwas passiert im Büro?, suchte Tobias weiter stammelnd nach einer Erklärung.
Ach Schatz, Bianca möchte dich einfach ganz haben! Komplett! Und ich bin mehr als bereit, dich sogar ohne Garantie abzugeben, witzelte Annegret und schwenkte imaginär die weiße Fahne.
Bianca packte schnell ihre Sachen und schob sich wortlos hinaus.
Na, war das jetzt alles? Wolltest du nicht was Dringendes besprechen?, rief Annegret hinterher.
Doch Bianca rauschte davon wie ein Sendebote ohne Ziel.
Kann mir mal jemand sagen, was hier gerade abging? fragte Tobias völlig perplex.
Das musst DU mir erklären! Warum kommt eine fremde Frau, fordert meinen Mann ein und behauptet, du würdest dich trennen?, sagte Annegret, verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue.
Jetzt echt? Ich hab keine Ahnung, was in Biancas Kopf abgeht. Seit einiger Zeit spinnt sie im Büro ein bisschen. Aber ich hab ihr doch niemals einen Grund gegeben! Ehrlich, ich hab für so einen Quatsch keine Nerven mehr. Du weißt doch, was ich dir versprochen habe, hielt Tobias beschwichtigend dagegen.
Annegret zuckte mit den Schultern. Weißt ja, wie ich bin. Für so ein Drama hab ich einfach null Verständnis. Aber mal ehrlich Frauen sind heute wirklich zu allem bereit, um ihr Leben aufzuräumen, sagte sie schmunzelnd.
Tobias zog die Schuhe aus und verschwand in die Küche. Annegret blieb kurz an der Tür stehen, schüttelte ungläubig den Kopf und konnte sich, bei aller Absurdität, das Grinsen nicht verkneifen. Der Plan von Bianca war wirklich so hanebüchen wie ein Tatort aus den Achtzigern.
Eins war klar: Trotz aller Attacken von außen ihre Ehe war solider als deutscher Beton. Und das, so dachte Annegret augenzwinkernd, ist heutzutage fast schon ein Sechser im Lotto.





